Füllige Riesen auf freundlichen Inseln

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Easy Life in Tongatapu

Als Kapitän James Cook im Jahre 1773 auf Tonga landete und das Neuland wegen des enthusiastischen Empfangs die „freundlichen Inseln“ nannte, ahnte er nicht, daß es die Einheimischen in Wahrheit auf ihn und seine Mannschaft abgesehen hatten. Die komplette Besatzung der Endeavour sollte nach den ursprünglichen Verpflegungsplänen der Tonganesen in den Kochtopf wandern, und nur der unverstellten Freundlichkeit des Kapitäns war es zu danken, daß sich die sensiblen und offenbar nicht besonders hungrigen Eingeborenen eines anderen besannen.

Wer gut 200 Jahre später auf den freundlichen Inseln landet, braucht Dergleichen nicht mehr zu berfürchten. Tonga, das älteste der polynesischen Königreiche, empfangt den Besucher als ein friedliches Refugium im südlichen Pazifik, dessen knapp 700 qkm Landfläche immerhin über 170 Inseln verteilt sind. Von den heute gut 100.000 Tonganesen leben mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf der Hauptinsel Tongatapu, auf der sich auch die winzige Hauptinsel Nuku’alofa, die Königsresidenz und der internationale Flughafen befinden.

Tongas 170 Inseln sind fast alle flach, über und über mit Palmen bewachsen, von wenigen asphaltierten und sehr vielen Lehmstraßen durchzogen. Nichts ist zu spüren von der Hektik Oahuas oder der Grandiosität Bora Boras, und dieser erste Eindruck wird auch bei einem längeren Aufenthalt keineswegs korrigiert. Langsam und gemächlich bewegen sich die Tonganesen durch das Gelände, gemütlich umkreist der Bus die Hauptinsel in weniger als zwei Stunden, behaglich reiben sich die vielen kleinen. schwarzen Schweine ihre Wänste an den Bäumen. Kleine Kinder, an denen nichts, aber auch gar nichts auf ihre künftige Fülle hinweist, treiben wie bei uns in alteuropäischen Zeiten mit einem Stock die Reifen über die Wiesen. Und die Jugendlichen, zu muskulöser Breite herangewachsen, trainieren den Volkssport Rugby.2-Tonga (9)

An die außergewöhnlich großen und massig gewachsenen Männer und Frauen muss sich der filigrane Westtourist dann aber erst gewöhnen. Vom König bis zum Knecht hat die Natur hier ein Volk von Riesen hervorgebracht, wofür die Einheimischen verschiedene Erklärungen anbieten. Sicher, so der Glaube des Volkes, haben einst in den Zeiten der polynesischen Entdeckungsreisen nur die Wohlgenährtesten, diejenigen mit den größten Fettreserven, die pazifischen Odysseen überstanden. Vielleicht war auch der Kannibalismus der Frühzeit nahrhafter als man dachte, auf jeden Fall trägt die traditionsgemäß fett- und kalorienhaltige Ernährung der Inselbewohner das lhre zur Gewichtigkeit der Tonganesen bei. Günstig wirkt sich diese Schwere übrigens bei den jährlichen Hurrikanen aus: wo der Sturm drei China-Köche aus Kanton locker über den Haufen weht, bleibt em Tonganese aus Kolovai fest auf seinen beiden Beinen stehen. Und jeder, der seine unjüngst verstorbene Majestät, König Taufa. ‚ahua Topou IV, entweder als Kolossalstatue in der Nähe des Flughafens oder in vivo mit dem Jeep hatte über die Lande fahren sehen, musste zugeben, dass hier eine weltweit einzigartige Relation des Umfangs von Staatsoberhaupt und Staatsgebiet vorlag.

Sehr ländlich geht es m Tongas Hauptstadt Nuku’alofa zu, einem malerischen Dorf mit dem Königspalast und dem Busbahnhof als Stadtzentren. Einmal wöchentlich werden auf dem Hafenmarkt die Erzeugnisse der tonganesischen Wirtschaft getauscht: zwischen den Knollen der Taro-Frucht, Tapa-Decken; Fruchtbarkeits­und Liebeswässerchen sowie Kokosnusserzeugnissen aller Art, Bananen und Mandarinen sitzen respektemflößende Marktfrauen in ihren schwarzen Baströcken und verwalten mit sicherer Hand die Früchte, die Kasse und die Kinderschar.

Wesentlich seltener als die Marktfrauen treffen sich die Parlamentarier von Tonga, ine konstitutionell wohl einmalige Gruppe von insgesamt 23 Mandatsträgern, von denen die sieben Minister des Königs, sieben Adelige und die beiden Gouverneure der Nachbarinseln nur sich selbst und die sieben Abgeordneten den Rest der 100.000 Einwohner Tongas vertreten.

Das beeindruckendste Gebäude Nuku‘ alofas ist die katholische Basilika des heiligen Antonius. Sie hat mit  ihrer Schwesterkirche in Padua gemein sondern gleicht eher einer nach oben spitz zulaufenden fliegenden Untertasse. Übrigens herrscht hier zu allen Tageszeiten heftiger Andrang,was nicht am non-stopp-­geöffneten Beichtstuhl sondern daran liegt, dass sichg im Untergeschoss der Kathedrale em sehr erfolgreiches japanisches Restaurant etablierte. Gleich in der Nachbarschaft, am der Titilupe Disco Palace, versammelt sich des Abends der tonganesische Nachwuchs, um zu den Klängen westlicher Popmusik die Tanzschritte der Ahnen aufs Parkett zu legen, ein schönes Bild, wie sich hier die Paare finden, die den zukünftigen Bestand des tonganesischen Volkes sichern werden, würden da nicht die zappeligen Leichtgewichte aus Übersee den Anblick trüben.

Klein und übersichtlich wie die Hauptstadt ist auch  Tongas herausragende, man könnte auch sagen: einzige  archäologische Attraktion: das berühmte Trilithon von Haarnonga, das ganz im Osten Tongatapus zwischen einer Grundschule und der Bushaltestelle besucht werden kann. Es handelt sich um ein aus drei etwa fünf Meter langen wuchtigen Korallenblöcken gebildetes Megalithtor, das die Könige  von Tonga im 13. Jahrhundert erbauen ließen. Immerhin kann man auf Anhieb feststellen, dass der  Durchgang durch Megalithtor breit genug ist, um drei Japaner, zwei Europäer oder einen Tonganesen je alterantiv auf einmal durchzulassen. König Taufa’ahua Topou IV höchstselbst hatte sich einst auf den obersten Megalithen hieven lassen und damit nicht nur ein beträchliches Zutrauen in die Stabilität der vorväterlichen Baukunst bewiesen sondern auch noch durch beachtliche Veröffentlichungen im inseleigenen Amtsblatt seine Untertanen darüber belehren können, dass die Licht- und Schattenentwicklung zwischen den verschiedenen Kerben des obersten Megaliths mit dem Beginn der Erntezeiten in einem harmonischen Zusammenhang gesehen werden müssen.

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Bewies seine Majestät also über die bloße Stattlichkeit hinaus schon zu Beginn seiner Regierungszeit beachtliche Forscherqualitäten, konnte er bald auch als sensibler Ökologe gewürdigt werden, hatte er doch aus Rücksicht auf die bedrohte Art der sehr seltenen „flying foxes“ auf sein königliches Jagdprivileg auf eben diese Spezies wenigstens vorläufig verzichtet, Solcherart gesichert hängen die fledermausartigen Wesen im Norden Tongarnpus den ganzen Tag wie zusammengefaltete Brotlaibe in den Bäumen und ertragen es mit inseleigenen Phlegma, dass sie, statt in Höhlen, wie es sich für Fledermäuse eigentlich gehört, ihr Leben lang an der frischen Luft von Kolovai zuzubringen haben. Wehe dem Touristen, der sich etwa aus fotomotivischen Erwägungen heraus dazu verleiten ließe, die Flughunde durch einen gezielten Bananenwurf ein wenig aufzumischen: ihn träfe der spontane Zorn der ansässigen Bevölkerung und die volle Härte der tonganesischen Gesetze im meist leeren Inselgefängnis.

Fremd wie der Anblick der Flughunde in den Laubbäumen von Kolovai wirken auch die Gräber der Tonganesen: eingezäumte Arreale mit weißen Grabhügeln, die wie Zementhaufen aussehen und auf ihren bröckeligen Kämmen mit frischen Blumen geschmückt werden. In ihrer unmittelbaren Umgebung befinden sich sarggroße Bodenflächen, deren Ränder durch im Erdreich verankerte Bier- und Weinflaschen abgesteckt sind. Der Dorfälteste gibt Auskunft: hier sind nicht die großen einheimischen Schlucker begraben, sondern es handelt sich um magische Bezirke, innerhalb derer unzuträgliche Geister gebannt und daran gehindert werden sollen, aus dem Erdreich heraus den Inselfrieden zu stören.

Die bösen Geister, die ich mit mir nach Tonga brachte, haben sich nach einer guten Woche verflüchtigt. Sanft weht der Wind durch die Palmenwälder, die Flughunde dösen in den Bäumen von Kolovai, der neue König fährt mit dem Jeep über Land, über dem Trilithon geht jeden Tag die Sonne auf, und vor den südlichen Küsten Tongatapus blasen die Wale ihre Fontänen hoch in die Luft. Der Rückflug kann warten.

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