Autorentagebuch DAS DORF ZAKEPIE

(Stand Oktober 2020) Das Dorf Zakepie, den Heimatort meiner Frau, besuchte ich das erste Mal auf meiner Osteuropareise im Jahre 2004. Ich habe dann über das Dorf und seine Geschichte (vor allem über das Massaker vom April 1940) etwas recherchiert und darüber einen Artikel in der Geschichtszeitschrift DAMALS veröffentlicht, die sich im Wesentlichen mit der Lebensgeschichte von Maria Kaminska, der Mutter meiner Frau, beschäftigte.  Nach meiner Heirat war ich relativ regelmäßig mit meiner Frau auf dem Hof meiner Schwägerin in Zakepie zu Gast. Meine Schwiegermutter  war damals bereits Ende Achtzig, aber noch extrem rüstig. Wenn sie Glück hatte, würde sie noch einhundert Jahre alt werden, dachten manche. Vage entstand die Idee einer Geschichte des Dorfes zwischen 1920 bis 2020.

Irgendwann,  am Beginn der Zehner Jahre während einer meiner zahlreichen Aufenthalte in Zakepie, während dem ich wie immer vom Treiben der  Familie kein Wort verstand, zog ich mich auf mein Zimmer zurück und begann, das erste Kapitel des vorliegenden Buches zu schreiben. „Das Dorf Zakepie.“ Es ging mir locker aus der Hand. Danach war erst einmal wieder ein paar Jahre Ruhe. Die Idee, weiterzuschreiben und eine gewisse Furcht vor der Größe der Aufgabe hielten sich lange Zeit die Waage. Außerdem wurde ich ab 2012 durch die Bearbeitung meiner Reisetagebücher und meine „Weltreise-Reihe“ abgelenkt.

Im Sommer 2018, nachdem ich zehn Reisebücher in Folge geschrieben und veröffentlicht hatte, hatte ich von Reiseliteratur erst einmal die Nase voll und begann vorsichtig mit der Konzeption des zweiten Kapitels über das Dorf Zakepie in den dreißiger Jahren. Zu meiner Überraschung ging mir auch dieses Kapitel locker von der Hand.  Plötzlich packte mich der Stoff, und ich schrieb wie in einem Rausch den Rest des Jahres 2018 vier oder fünf weitere Kapitel. Anfang 2019 war das erste Buch („Das wiedererstandene Polen und sein Untergang“) fast fertig.  Allerdings erkenne ich im nachherein, dass das erste Buch sicher das einfachste  gewesen sein wird, weil ich durch die historischen Vorgaben recht genaue Anhaltspunkte besaß.

Seit einem Jahr arbeite ich am zweiten Buch über „Das kommunistische Polen“. Dieser Teil umfasst zeitlich etwa ein halbes Jahrhundert, genau gesagt, die Spanne zwischen 1945 bis 1990.  Eine neue Generation musste eingeführt werden, und ich musste viel mehr erfinden, als im ersten Teil.  Dabei tauchten folgende Probleme auf: 

  • Die neuen Figuren benötigten eigene  Geschichten, die sinnvoll mit der Haupthandlung synchronisiert werden mussten, inklusive einer eigenen Vita, die bis in die ersten Kapitel zurückführt.  
  • Ich bemerkte an mir die Tendenz, von Kapitel zu Kapitel zu sehr ins Detail zugehen. Ich identifizierte das Einhalten der gleichen oder wenigstens einer ähnlichen Erzähl- und Abstraktionsebene als ein immer neu zu bewältigendes Problem im Verlauf des Schreibens. 
  • Der Reparaturbetrieb begann, d. h. Fehler wurden rückwirkend korrigiert, Verbesserungen in frühere Kapitel zurückverlegt. Ich machte die Erfahrung, dass einen Roman zu schreiben, mit dem Fortgang der Arbeit einem Hausbau gleicht, bei der man immer wieder auch am Keller und in der Parterre Verbesserungen vornehmen muss, selbst wenn man sich bereits im zweiten Stockwerk befindet.
  • Das Problem, die Figuren angemessen „enden“ zu lassen, trat hinzu. Ich konnte sie nicht einfach reihenweise sterben lassen. Bums und tot. Der Tod der Figuren muss mit der Handlung sinnvoll korrespondieren. Wenn sie verschwinden, wohin? Hört ihr Schicksal  einfach auf?
  • Unbehagen bereite mir auch die Vielzahl der Figuren. Das ist wahrscheinlich ein Problem, mit dem alle Epochenromane im Unterschied zu psychologischen Romanen zu kämpfen haben, Inzwischen dürften es weit über hundert Personen sein. Ich habe mir deswegen eine Namensdatei angelegt, um den Überblick nicht zu verlieren.  Ein Detail aus den Erinnerungne von Garcia Marquez fiel mir ein, wo er erzählt, er habe in einem Roman gegen Ende eine Figur wieder aufgegriffen, die er dreihundert Seiten vorher habe sterben lassen. So geht es also nicht nur den Großen, sondern auch Bonsai-Romanciers wie mir. 

Im Zuge dieser Überlegungen wurde mir die literarische Aufgabe klarer: eine Geschichte des Dorfes zu schreiben,  mit glaubhaften Charakteren auszustatten und diese in eine möglichst nahe, aber nicht  kolportageartige Beziehung  zur polnischen Zeitgeschichte zu bringen

Dieses Konzept führte zur Ausarbeitung einer neuen Hauptfigur, nämlich von Eugenius Kaminski, dem Bruder der Hauptfigur Maria Kaminski. Er war ursprünglich nur als Teil der personellen Staffage vorgesehen. Nun ließ ich ihn eine Karriere in der Partei machen, was zweierlei bedingte: erstens die Nachzeichnung des innerfamiliären Konfliktes, der aus Eugenius Parteinahme für den Kommunismus erwuchs und zweitens eine gewisse Innenbesichtigung des kommunistischen Amtsapparates. Das ganze 10. Kapitel, das ich mindestens drei oder viermal umgeschrieben habe, war die Frucht dieser Idee. Mit diesem Kapitel erhielt die ganze Romanstruktur ein neues Fundament. Bei der Neubearbeitung dieser Figur merkte ich, dass ich den Überblick im Detail behalten muss, was bei dem inzwischen mächtig angewachsenen Romankonvolut nicht einfach ist. Ich erstellte mir detaillierte (z. T. Seitenweise) Kapitelzusammenfassung und Themenmodule, die es mir erlauben, in jedes Romandetail zurückzuspringen.

Im Frühjahr 2020 war das  Manuskript auf über 600 Seiten angewachsen. Passagenweise war ich zufrieden, passagenweise aber erkannte ich auch „Wildwuchs“, der mir über den Kopf zu wachsen drohte.  Außerdem hatte sich neben „Eugenius“ ein weiterer Erzählstrang emanzipiert, „die Geschichte der Gontaschs“, die ursprünglich auch nur als Negativfolie für die Kaminskis und der Woleks vorgesehen war, die nun aber immer mehr an Eigenleben gewann. Ich erkannte außerdem, dass manche Stränge  den andere vorausliefen, d. h. ich musste auf chronologische Stimmigkeit achten und begann, mir eine Zeitschiene anzufertigen, anhand derer ich genau sehen konnte, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in allen Nebenhandlungen los war. Einmal habe ich an dem Wiedererscheinen einer Figur gearbeitet, ehe ich erkannte, dass dass vom Alter gar nicht funktionierne konnte. Immer wieder stellte ich fest, dass Passagen zu „löchrig“, d. h mit zu  wenig Wirklichkeit angefüllt waren. Des weiteren muss ich dringend an Folgendem arbeiten muss:

  • Vorbereitung der Adam Geschichte . Er soll später im 3. Buch als Priester ein entscheidende Rolle spielen, in diesem Zusammenhang muss die Familie von Pawel Brosz nachträglich stärker beleuchtet werden
  • Genaueres zu Letta-Eurgenius Liebe, die in der jetzigen Form viel zu abstrakt daherkommt.   
  • Der verschwundene (ermordete ) Boris Gontasch und die Mitwisserschaft von Gracyna
  • Das weitere Schicksal von Marek Plewka, der irgendwann aus Russland zurückkehren muss
  • UND EINE WENIGSTENS SKIZZENHAFTE PLANUNG BIS ZUM ENDE DES ZWEITEN BUCHES
  • Noch gar nicht erwähnt aber fundamental: eine sprachlektorische Assistenz, was die polnsichen Eignenamen betrifft. Im Augenblick gehen Warszawa und Warschau und vieles andere noch kunterbunt durcheinander, und ich verwende auch noch keien Sonderzeichen. Hier brauche ich am Ende des Romans auf jeden Fall professionelle Hilfe.

Ken Follett hat einmal geschrieben, für die Abfassung eiens Romans brauche es dreierlei: (1) Fantasie, (2) eine gute Schreibe und (3) Ausdauer, Ausdauer, Ausdauer. Manchmal haperte es mir an allen drei Punkten. Ich erreichte einen Punkt, an dem ich eine Pause brauchte. So legte ich den Roman ein halbes Jahr zur Seite und arbeitete weiter am elften, zwölften und dreizehnten Band meiner Weltreise-Reihe. 

Ob das so eine kluge Entscheidung war, weiß ich nicht, denn plötzlich wollte mir der Wiedereinstieg in den Roman nicht mehr gelingen. Ich begann am ganzen Projekt zu zweifeln, vor allem an der Eugenius Figur. Er war nun ein kommunistischer Kader, was sollte mit ihm geschehen? Ursprünglich hatte ich vorgehabt, eine ganze zweite Handlungslinie zu entwerfen. Dann aber hätte sich aber der Fokus zu weit vom Dorf Zakepie weg bewegt. Deswegen versuche ich nun, Eugenius über einen Zeittraum von 15 Jahren gelegentlich einzumontieren. Er besucht die Familie aus Anlass von Geburten, Heiraten etc. –  das bot Gelegenheit, zeitgeschichtlichen Kolorit  einzuspielen. Über die Letta-Rolle war ich mir noch nicht im Klaren, irgendwie musste ich einen Weg finden, sie wieder aus der Geschichte zu entfernen oder ihr ein tragendes Motiv zuordnen, das ich im Moment noch nicht sehe. Zur Zeit liegt sie tot im Brunnen und wartet darauf, im Rahmen einer Mordermittlung identifiziert zu werden. Auch Boris Gontaschs Leiche ist ohne Kopf gefunden worden und harrt der Integration der Geschichte. Ganz zu schweigen vom verschleppten Marek Plewka, der 1946 in den Tiefen Sibiriens verschwand und von dem sich der Leser auf jeden Fall fragen wird, was aus ihm geworden ist.

Im Herbst 2020 gelang mit endlich wieder der Einstieg in das 15. Kapitel. Gomulka stürzt und der Bigoskommunismus von Gierk beginnt. Geholfen beim Wiedereinstieg hat mir eine neue Arbeitstechnik. Ich spreche nun Textpassagen, die mir einfallen auf Siri, meist in aller Herrgottsfrühe, wenn mir am meisten einfällt, später übertrage und korrigiere ich diese Passagen zu Datei-Modulen. So ergeben sich fünf oder sechs Textpassagen, bei deren Fortgang ich merke, wie sich das neue Kapitel entwickeln wird. Erst in diesem Prozess wird der „rote Faden des Kapitels“ deutlich, der sich manchmal ganz erheblich von meinen ursprünglichen Ideen unterscheidet. Dann gruppiere ich die Dateien so lange auf einer mind-map um, bis sie stimmig werden. Dabei erwiesen sich manchmal ganze Datei Module als überflüssig und verschwinden im Orkus.  

 Inzwischen bin ich allerdings nicht mehr davon überzeugt, das Buch bis 2020 fortzuführen. Ich überlege, es mit der Wende von 1989 und der Auswanderung von Lilia nach Deutschland enden zu lassen. Es liegen also noch 20 Jahre vor mit, die es in sich haben: Solidarnoscz, Popileuszko und Tschernobyl lassen grüßen, ebenso Krakau, Penderecki und die Danziger Oper. 

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