Die Halong-Bucht – Schönheit als Gottesbeweis

  1 (26)Am Anfang war der Drache. Von den Höhen der Berge erspähte er den Vormarsch feindlicher Armeen aus dem Norden, vor denen die Bewohner des Roten Deltas in panischem Schrecken flohen. Als „Ha Long“, als herabsteigender Drache, kam er den Vietnamesen zu Hilfe, vernichtete die Angreifer und versank anschließend im Meer. Berge und Schlünde taten sich auf, als der Leib des urweltlichen Riesen für immer in der Tiefe verschwand, ein Sturm kam auf, und die Wasser des südchinesischen Meeres überfluteten das Drachengrab. Und es entstand die perfekteste Seenlandschaft der Erde, ein Naturpark wunderlicher geologischer Formen über spiegelblankem, nebligen Wasser: die Ha Long-Bucht.

So erklären die Vietnamesen ihren Kindern die Entstehung der bizarren Meereslandschaft gut 160 Kilometer östlich der Hauptstadt Hanoi. Auch wenn die Geologen die Entstehung der Ha Long Bucht etwas anders darstellen, so passt dieser Mythos doch viel besser zu dem, was er beschreibt: der Entstehung einer der großartigsten Seenlandschaften der Erde. Außerdem verbindet die Geschichte vom herabsteigenden Drachen Vietnams touristisches Juwel mit Patriotismus und Geschichte – und das nicht ohne Grund. Denn gleich dreimal stand das Schicksal Vietnams in der unmittelbaren Nachbarschaft der Ha Long Bucht auf des Messers Schneide, und dreimal nahm alles einen guten Ausgang. Im Jahre 938 lockten die leichten Sampans der Vietnamesen die chinesische Flotte von der offenen See in die Mündung des Bach-Dang-Flusses, in dem die schweren Schiffe kenterten und sanken. Im Jahre 981, kurze Zeit nach der Gründung des ersten vietnamesischen Reiches von Hoa Lu, siegten eben hier die Soldaten König Le Hoans über die Invasionsarmee der chinesischen Song-Dynastie, und 1288 ging die Invasionsflotte des mongolischen Großkhans Kubilai im Bach Dang Fluss ruhmlos zugrunde.

Auch wenn die Vietnamesen den mythischen Drachen im übertragenen Sinn aus Ausdruck ihrer Kriegslist und Intelligenz verstehen – kein Fabeltier half ihnen ein weiteres Mal, als die Franzosen im Jahre 1884 den gesamten Norden Vietnams in ihr indochinesisches Kolonialreich integrierten. Wieder spielte dabei die Ha Long-Bucht eine besondere Rolle – allerdings nicht die pittoresken Felsen über der offenen See, sondern die Kohleberge in der Nachbarschaft des Fischerdorfes Hong Gai. Zum Nutzen der französischen Kolonialherrschaft erschlossen Zehntausende Sträflinge und Kulis von 1888 an die ertragreichsten Kohlegruben des französischen Kolonialreiches, verluden das schwarze Gold im Hafen von Haiphong um es zum Nutzen der französischen Volkswirtschaft in die ganze Welt zu exportieren.  Über der Ha Long Buch, dem Symbol vietnamesischer Eigenständigkeit, wehte die Fahne Frankreichs, über die Schönheiten der Meereslandschaft legten sich Abgase, Dreck und Kohleschwaden.

Die französische Kolonialherrschaft ist lange beendet, doch den Kohleabbau in der Ha Long Bucht gibt es noch heute. Ganz gleich, ob man als Tourist mit der Fähre von Haiphong oder mit dem Bus  aus Hanoi anreist – anstelle des Feueratems mythischer Drachen erwartet die Besucher der Anblick unansehnlicher Kohleschiffe vor dem großen Felsen von Hong Gai. Im Touristenort Bay Chai bedeckte schmutziger Kies den Strand, und große Müll- und Ölinseln schwammen auf dem Wasser. Auf den ersten Blick wusste man gar nicht, was deprimierender war: der trübe Himmel über Bay Chay oder die Penetranz der Schlepper, die jedem Fremden Mädchen zum „special price“ anboten.

Am nächsten Morgen war es nicht ganz einfach, das richtige Boot für die Fahrt zur Ha Long Bucht zu chartern. Manche Ausflugsboote waren rappelvoll mit kreischenden Asiaten, womit ich nichts gegen Asiaten gesagt haben möchte, außer, dass die andächtige Ruhe im Angesicht der Naturerhabenheit nicht unbedingt ihre Sache ist. Außerdem unterschieden sich die Routen, die die Boote nahmen – manche fuhren nur einmal durch die Bucht, andere erlaubten ihrer Besatzung das Anlegen und Aussteigen auf den interessantesten Inseln. Als all das schließlich nicht ohne Feilschen geregelt war, bestiegen wir zusammen mit zwei Briten das Boot und legten ab. Unser Fährmann, der den Kutter mit einem Holzruder und einem Rasenmähermotor von Backbord aus steuerte, trug eine ausgefranste Hose wie ein Pirat, ein zerfetztes Shirt und einen Strohhut, war aber guter Dinge, als er uns während der Fahrt das eine oder andere Detail in holprigem Englisch erklärte. Zuerst  passierten wir Dutzende von Sampans und Fischkuttern, die wie ein Kordon vor der Anlagestelle der Boote lagen.  Auf den kleinen Boten waren die kargen Utensilien zu erkennen, die der nordvietnamesische Seebewohner zum Leben benötigte: Fische und Krebse in Eimern, Pfannen voller Reis, Plastiktöpfe mit Wäsche, Fischreusen, winzige Stühle und Kästen und einen mattenüberdachten hüfthohen Schlafraum, in den sich die Familien samt Haustieren bei Regen zurückzog.

Kaum hatten wir den letzten Felsvorsprung von Hong Gai passiert, lag die Bucht von Ha 1 (24)Long zum ersten Mal unverstellt vor uns. Über den gesamten Horizont erstreckte sich ein Konturengeriffel von Zuckerhüten, Giebeln, Buckeln, Türmen, Pilzen und Kuppeln in scheinbar unendlicher Staffelung hintereinander gereiht – dunkel und schroff konturiert die vorderen, immer bläulich-heller die hinteren, bis sich die letzte Reihe im Dunst von Himmel und Meer verlor. Je mehr man sich dieser geologischen Phalanx aus Wasser und Stein nährte, desto fantastischer wurden die Panoramen. Aus der steinernen Skyline lösten sich einzelne Felsformationen und enthüllten ihre unverwechselbare Individualität vor dem Hintergrund eines strahlenden Frühlingstages, jeder Felsen für sich ein Produkt von Regen, Wind, Meer und Zeit.  Finger, Fäuste, Arme, Tierköpfen oder Pilze ragten in einer derartigen Vielfalt aus dem Wasser, als wolle sich die Natur  als ein Künstler erweisen, dessen Einfallsreichtum unerschöpflich ist.  Etwa dreitausend dieser bizarr geformten Inseln auf etwa anderthalbtausend Quadratkilometern soll es in der Ha Long Bucht geben – die genaue Zahl kannte niemand, meinte unser Piraten-Bootsmann.

Die erste größere Insel mit einer eigenen Geschichte war Hang Dau Go, die „Insel der hölzernen Pfähle“. In ihren Grotten soll General Tran Hung Dao die spitzen Bambuspfähle verborgen gehalten haben, die der Flotte Kubilai Khans 1288 zum Verhängnis wurden. Heute bildete die Insel Hang Dau Go in ihrer imposanten Verlassenheit  das prachtvolle Tor zum Inselgarten von Ha Long.

Nicht ganz  so verlassen, aber noch immer vom Tourismus weitgehend verschont war die zirka 350 Quadratkilometer große Insel Cat Ba. Nachdem im Zuge des vietnamesisch-chinesischen Krieges von 1979 die meisten der auf der Insel ansässigen Chinesen geflohen waren, hatte man  einen großen Teil von Cat Ba zum Nationalpark erklärt. Mit ihren weißsandigen Badebuchten, die sich unterhalb sanft geschwungener Hügelketten erstreckten, mit ihren Grotten, Süßwasserseen und Wasserfällen wäre Cat Ba der ideale Standort für Hotelressorts gewesen. Populationen endemischer Geckos, Languren und Schnecken hatten das bis jetzt verhindert und dafür gesorgt, dass die gesamte Insel 1994 von der UN zum Biosphärenreservat erklärt worden war.

1 (27)-001Östlich von Cat Ba erreichten wir den schönsten Bezirk der Ha Long Bucht. Wie Erscheinungen aus einer untergegangenen Welt ragten Hunderte Meter hohe Felsen aus der offenen See – „Schildkröten“, „Kämpfende Hähne“ , „schlafende Jungfrauen“ ratterte unser Bootsführer-Pirat herunter und wies mit weiter Gebärde auf diesen oder jenen Felsen, in dessen Konturen man mit einigem guten Willen tatsächlich die genannten Formen erkennen konnte. Wie die perfekte visuelle Ergänzung dieser Bilder kreuzten Dschunken mit ihrer schmetterlingsartigen Takelage im glitzernden Wasser der spiegelblanken Bucht –  allerdings transportierten die meisten von Ihnen Anthrazit und Kohle, die im Norden der Ha Long-Bucht abgebaut wurden.

Zahlreiche Fischerboote waren im Umkreis der Inseln Bo Nau und Sung Sot vertäut, und kaum steuerte ein Touristenboot auf eine der Anlegestellen zu, nahmen die Sampans Fahrt auf. Seerosen, Fische, Nudeln und Getränke wurden feilgeboten, und wenn man an Land ging, hetzten die Fischerfrauen den Besuchern ihre Kleinkinder auf den Hals.  „Stylo, Stylo“ krähten die Jungen und Mädchen, während wir die Grotten von Bo Nau erstiegen. Im Nachherein kann ich mich überhaupt nicht mehr an das Innere der Höhlen erinnern, ich weiß nur noch, wie reizvoll es war, sich nach dem Betreten der Höhlen umzudrehen und die Schönheit der Ha Long-Bucht durch einen stalagmitengesäumten Ausschnitt verfremdet zu betrachten.

Ein struppig bewachsener Pfad führte uns zu den  Grotten von Sung Sot, einem System von Höhleneingängen, die wie Balkone über die See hinaushingen. Wie in einem komponierten Naturidyll umrahmten Zweige und Blätter die Aussicht auf das smaragdgrüne Meer, in schwindliger Höhe blickte ich in die  Abgründe unter meinen Füßen, sah die Dschunken, die tief unten im Meer ihre Kreise zogen und  dachte: Gäbe es einen Gottesbeweis aufgrund der Schönheit der Welt, angesichts der Ha Long-Bucht, könnte man versucht sein, ihn hier zu finden.

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