Argentinien/Chile Leseprobe

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 Habe ich denn nicht einen wunderbaren Körper? BUENOS AIRES 

Am ersten Tag in Buenos Aires stand ich unschlüssig an der Plaza de Lavalle und überlegte, in welche Richtung ich gehen sollte. Zwei kubanische Königspalmen wuchsen stolz in den Himmel, und es versprach, ein warmer Tag zu werden. Ein Indiopärchen wartete neben mir an einer Ampel, obwohl überhaupt kein Auto zu sehen war. Sie waren klein und gedrungen, trugen Tücher und Ponchos und wirkten mit ihren Indiohüten wie ein leibhaftiges Postkartenmotiv. Genau in diesem Augenblick regnete eine ganze Ladung Vogelkot auf mich herab, und im Nu war ich über und über mit grünblauem Schleim bedeckt. Als die beiden Indios mein Malheur bemerkten, machten sie Anstalten, mir mit Papiertaschentüchern auszuhelfen. „Aqua, Aqua“ rief die junge Frau und versuchte, mich zu einer abgelegenen  Ecke des Parks zu ziehen, wo sich offenbar ein Brunnen befand. Erst als ich unter dem  weitgeschwungenen Baum an der dunklen Ecke des Parks keinen Brunnen, sondern einen großen, ungeschlachten Kerl bemerkte, wurde mir klar, dass ich dabei war, Opfer eines Ueberfalls zu werden. Gottlob war ich zwei Köpfe größer als der männliche Indio, und als der mich weiter in die dunkle Parkecke drängen wollte, nahm ich Verteidigungsstellung ein. Sofort veränderte sich die Situation. Die dritte Person unter dem Baum verschwand, und wie auf Kommando drehten nun auch die beiden Indios ab und rannten davon. Vielleicht hatten sie Zeugen in der Nähe bemerkt,  vielleicht hatten sie mitbekommen, dass sich all meine Wertsachen in einer fest am Körper befindlichen Bauchtasche befanden – jedenfalls flitzten sie wie Raketen über den Platz, um  in einer Seitengasse zu verschwinden. Ich zog meinen Pullover aus und erkannte, dass ich keineswegs von Vögeln beschmutzt worden war. So viel Kot hätte ein ganzer Vogelschwarm nicht aus heiterem Himmel auf mich herabregnen lassen können. Es war Senf, süßlich riechender Senf, den die beiden in einem günstigen Augenblick auf mich abgefeuert hatten. Willkommen in Buenos Aires.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das war die einzige Attacke, die ich in Buenos Aires erdulden musste, und gemessen an den Gefährdungen, die den Touristen in Bogota, Sao Paulo oder Caracas erwarten, war Buenos Aires eine friedliche Stadt. Aber es war eine Stadt in Lateinamerika und damit immer für eine Ueberraschung gut.

Die erste Ueberraschung war die Weitläufigkeit der Stadt. Schon während des Anfluges auf den Internationalen Flughafen von Ezeiza hatte ich über die Ausmaße des endloses Häusermeeres gestaunt, das sich vom Ufer des Rio de la Plata bis ins Landesinnere erstreckte. Vierzehn Millionen Menschen, mehr als jeder dritte Argentinier, lebten in dieser Riesenmetropole. Trotzdem herrschte bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt keinerlei Enge, ich sah weite Straßen, ambitionierte Fassaden, breite Bürgersteige, doch erstaunlich wenig Menschen auf den Straßen. Als ich ins Hotel Colon eincheckte, war ich seit dreißig Stunden unterwegs. Wohltat, dein Name ist eine warme Dusche.

Seit meinen Kindheitstagen war Buenos Aires für mich ein anderes Wort für die Vision eines gesteigerten, verfremdeten Lebens – mit Tangotänzern, Viehbaronen und Gauchos, mit melancholischen Friedhöfen, prächtigen Avenidas und dunklen Bodegas. Soweit ich wusste, war Buenos Aires das Tor zu einem absurd großen Land, in dem ich mir alles etwas größer vorstellte, als ich es von zuhause her kannte. Natürlich waren hier die Rinder dicker, die Berge höher, die Farmen größer, die Straßen breiter, und eines Tages würde ich mir das alles einmal ansehen. Nun  war es soweit, doch was ich beim ersten Blick aus meinem Hotelzimmer sah, kam mir reichlich alltäglich vor: beliebige Straßenschluchten, Häusersilhouetten wie in jeder Wald- und Wiesenstadt, schütteres Frühjahrslaub in den Bäumen, Spaziergänger, die tief unter mir über die Trottoirs schlenderten. War das wirklich die vielgerühmte Welthauptstadt der Melancholie? Und dass die Fensterputzer, die auf der anderen Straßenseite gut angeseilt im zehnten Stock das Fensterglas schrubbten, genauso aussahen wie bei uns, hätte ich nicht gedacht.

Auch in den Straßencafés von Microcentro und Retiro sah es auf den ersten Blick nicht anders aus als in Barcelona oder Madrid. Es war ein frischer Frühlingstag, und der Wind, der sachte durch die Straßen zog, enthielt schon eine Ahnung der warmen Jahreszeit. Die Porteños, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, saßen auf kleinen Kaffeehausstühlen vor ihrem Cortado, schwatzten oder waren in ihre Zeitungen vertieft. Die Frauen in den mittleren Jahren waren sorgfältig frisiert, die jungen Mädchen waren ebenso verführerisch wie in Europa, und die jungen Männer in den Cafés trugen tadellos sitzende Hosen, blitzblanke Schuhe und jene modisch geschnittenen Hemden, die ihre gute Figur betonten. Auf den ersten Blick alles wie in den besseren Vierteln unserer Großstädte – aber nur auf den ersten Blick, denn als ich mich an einen freien Tisch setzte, einen Cortado bestellte und die Stimmung auf mich wirken ließ, bemerkte ich eine merkwürdige Aura der Selbstwahrnehmung, die wie eine Membrane über den Kaffeehausbesuchern lag. Die wohlgeformten Gesichter links und rechts von mir kamen mir vor wie Physiognomien, die gerne gesehen werden wollen. Die Menschen ließen ihre Blicke kreisen, gerade so, als existiere ein imaginärer Spiegel der Eitelkeit, in dem sich die Gäste unablässig selbst betrachteten. Ein gängiger Witz über die Porteños fiel mir ein, der etwa folgendermaßen ging: Ein Mann fragt einen anderen Mann nach Streichhölzern. Dieser sucht in seinen Taschen herum, findet aber nichts und sagt schließlich: „Streichhölzer habe ich nicht, aber sind Sie doch mal ehrlich: Habe ich nicht einen wunderbaren Körper?“

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