Dubai, die Stadt der Zukunft?

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Eine Reise nach Dubai, so heißt es, sei eine Reise in das 22. Jahrhundert. Das mag übertrieben klingen, aber die Bilder des Burj Khalifa, der künstlich aufgeschütteten Inseln g6 (14)und des Burj al Arab sind in der ganzen Welt gegenwärtig. Soll das Arabien sein? Nein, sagen die Dubai-Fans: Das ist die Zukunft. Wir wollten wissen, ob das stimmt und machten uns im europäischen Winter, nach Dubai auf.

Organisatorisch ist eine Reise nach Dubai kein Problem. Jeder, der nur einmal „Dubai Urlaub“ in die Suchmaschine eingibt, wird mit einer endlosen Liste von Reiseangeboten konfrontiert, deren moderates Preisniveau verblüfft. Dubai mag die Stadt der Zukunft sein, doch die Preise haben noch etwas von gestern. Eine Woche mit Flug, Übernachtung und Frühstück mitten in der Stadt gibt es in einem Mittelklasse Hotel schon für gut 600 bis 700 Euro pro Person. Wer noch einmal ein paar Hunderter drauflegt, kann sogar im weltberühmten Hotel „Atlantis“ übernachten. Wer wollte da meckern?

a1 (3)Wir flogen von Düsseldorf nach Dubai mit Emirate Airlines, der Hauslinie des Emirates Dubai. Wie immer war der Service bei Emirates einsame Spitze. Gutes Essen, Beinfreiheit auch in der Economy-Calls, ein  gediegenes Unterhaltungsprogramm – warum ist das nicht bei allen Airlines so?  Etwa sechs Stunden dauerte der Flug über Südosteuropa, dem Vorderen Orient und den Persischen Golf, bis schließlich die Küste der Vereinigten Arabischen Emirate in Sicht kam. „Vereinigte Arabische Emirate“ – abgekürzt „VAR“ – wer weiß schon, was ist oder noch besser: wo sie liegen? Es handelt sich um sieben kleine Emirate an der Nordostküste der arabischen Halbinsel, von denen das größte und reichste das Emirat Abu Dhabi ist. Das mit Abstand berühmteste der sieben Emirate aber ist Dubai. Insgesamt fünf Millionen Menschen leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 1,8 Millionen davon in Dubai.

k (4)Schon beim Lande-anflug am frühen Morgen erscheinen die Wolkenkratzer der Wüstenstadt wie eine steingewordenen Fata Morgana im Morgen-dunst, vor allem der 828 Meter hohe  Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Erde, das wie ein gigantischer Pfeil in den Himmel ragte. Das erste, was uns an dem Internationalen Flughafen von Dubai auffiel, war, dass etwa 80 % der landenden Passagiere gar nicht nach Dubai wollten sondern nur umstiegen, und mit Emirate Airlines in alle Teile der Welt weiterzufliegen (so werden wir es bei unserem Flug nach Neuseeland auch halten). Nur durchschnittlich 20 % der landenden Passagiere sind Dubai-Touristen, das hört sich wenig an, machte aber im Jahr 2013 immerhin elf Millionen Menschen aus.

Vom optimal durchorganisierten Flughafen von Dubai aus wäre es kein Problem mit der
Metro jeden Punkt der Stadt zu erreichen.  Wir aber wurden wie alle anderen im Rahmen unserer Reisebuchung abgeholt und zu unserem Hotel verfrachtet. Wir hatten das Hotel
„City Max“ mit Frühstück und Flug für  650 Euro pro Person gebucht. Die Zimmer waren a4 (3)nicht sonderlich groß, aber funktional eingerichtet, es gab einen Kühlschrank, eine Kaffeemaschine, und was das schärfste war, von unserem Fenster aus hatten wir über die Dächer der Stadt hinweg einen Ausblick auf das vermeintlich beste Hotel der Welt, das Hotel Burj al Arab am Persischen Golf. Drei Viertel der Gäste im City Hotel waren Europäer und Amerikaner, etwa ein Fünftel Ostasiaten. Der Service wurde von Thais, Pakistanis, Indern und Philippinos erledigt. Das Frühstücksbuffet war reichlich, was aber die anwesenden Russen nicht daran hinderte, sich die Teller so voll zu packen, dass sie auf ihrem Weg vom Buffet zu ihrem Tisch die Hälfte verloren.

Wie muss man sich Dubai als städtisches Gebilde  vorstellen? Vereinfacht gesagt, wie einen
langen Betonschlauch mit einer Hochhauhausansammlung in seiner Mitte. Dieses schlauchähnliche Stadtgebilde liegt zwischen Meer und Wüste und wird von einer Schnellstraße und einer Metro durchschnitten. Im Süden der Stadt befindet sich Süd-Dubai mit der „Dubai Marina“, ein Hochaus- und Yachthafenkomplex mit luxuriösenb1 (11)-001
Appartmentwohnungen und der dichtesten Hochhauskonzentration der Stadt. Es folgt weiter nördlich der Jumeirah Bezirk mit der Kunstwelt von „The Palm“, dem Superhotel Burj al Arab und dem Jumeirah Beach –  und schließlich Bastakia und Deira, die reizvollen Altstadtviertel Dubais mit dem Creek, der langgezogenen Hafenbucht der Stadt. Im Innern der Stadt, jenseits der beängstigenden Sheikh al Zayed Schnellstraße, befinden sich im sogenannten  Finance Center die sehenswertesten Wolkenkratzer der Stadt, unter ihnen auch der schon erwähnte Burj Khalifa.

Wo man mit der Besichtigung Dubais beginnt, ist eigentlich egal. Man braucht auch keinen Guide, sondern nur eine Metrokarte und einen Metrofahrplan. Womit wir schon bei der ersten Sehenswürdigkeit Dubais wären. Die Dubai Metro ist vollautomatisiert, sauber und komfortabel und fährt ohne Schaffner und Kontrolleure im Drei- oder Vierminutentakt. Über weite Streckenpassagen handelt es sich gar nicht um eine Metro, sondern um eine Hochbahn, sodass man, mit etwas Glück sich an die Frontscheibe des  ersten Wagens e3 (20)postieren und während der Fahrt unglaubliche Ausblicke auf die Skyline Dubais genießen kann. Der Bau der Dubai Metro kostete die stolze Summe von fünf Milliarden USD, mittlerweile besteht sie aus zwei Linien, der roten und der grünen, und führt vom Flughafen in den Süden des Emirates bis fast an der Grenze nach Abu Dhabi.

Mein Top-Tipp für den ersten Tag in Dubai: einfach in die Metro einsteigen und einmal die rote Linie von vorne bis hinten abfahren.  Hinter der Station „Islamic Norris Bank“ kann man von den Fenstern der Hochbahn eine der faszinierendsten Wolkenkratzerlandschaften der Erde durchqueren, ein menschengemachtes Gebirge von Riesengebäuden, so dass man sich fühlt, als hätte es einen in einen Science Fiction Film verschlagen. b1 (1) Je nach Mentalität  atemberaubend oder furchteinflößend erscheint die parallel zur Metro verlaufende Sheikh Zayed Road, eine teilweise zwölfspurige autobahn-ähnlichen Schnellstraße, auf der die Fahrzeuge in einem unbegreiflichen Affenzahn durch die Stadt nach Norden und Süden rasen. Ob die Sheikh Zayed Road  wirklich noch vor der Straße des 9. Juli in Buenos Aires und der Hauptstraße von Brasilia die breiteste Straße der Welt ist, weiß ich nicht, die gefährlichste wäre sie auf jeden Fall, wenn es jemand wagen würde, sie zu Fuß zu überqueren. Gottseidank macht das aber in Dubai niemand sondern trottet lieber einen oder zwei Kilometer zur nächsten Stahlbrücke, über die man auf die andere Seite gelangt.

b1 (8)Nach der oben beschriebenen Metroreise mit der roten Linie einmal durch die Stadt hin und zurück fuhren wir am zweiten Tag nach Neu-Dubai zur Dubai Marina in den Süden der Stadt. Von der Dubai Marina aus ist es möglich, Hafenrundfahrten zu buchen, die die Küste entlang nördlich bis zum Dubai-Creek führen. Leider waren an diesem Tag alle  Bootstouren wegen des zu starken Seegangs untersagt. So schlenderten wir zu Fuß durch die Dubai Marina mit ihrer Galerie weißer Luxusyachten vor der Kulisse himmelhoher Wolkenkratzer.   b1 (32)Künstliche Grachten und Seen durchzogen Dubai-Süd  bis zum Strand, der allerdings noch seiner Erschließung harrte, denn er war wenig ansehnlich und  ungepflegt. Als ich den
Strand von Dubai Süd entlang ging, die Wolkenkratzerfronten zur Linken und das Meer zur Rechten, dachte ich an eine Szene aus dem Film „Inception“, in der Leonardo Di Caprio eine endlose Reihe von Wolkenkratzerruinen entlangläuft, die langsam ins Meer
stürzen.  Immerhin ergab sich vom Strand Süd-Dubais aus ein guter Ausblick auf „The Palm“, das einzige der bisher fertiggestellten künstlichen Inselprojekte mit dem Hotel „Atlantis“ in der Palmenkrone.

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Sehenswürdigkeiten unterscheiden sich nicht nur nach in Form, Größe oder Alter sondern auch darin, wieweit sie überhaupt der Anschaulichkeit zugänglich sind. Manche Welt-attraktionen sind unter normalen Umständen überhaupt nicht erkennbar – wie etwa die Nasca-Zeichnungen in der peruanischen Wüste, die man nur von einem Flugzeug aus Dubai Karte 0-003 (2)überblicken kann. Ebenso verhält es sich mit der Jumeirah „The Palm“, denn nie-mand, erkennt vom Ufer aus in dem Gewirr der Halb-inseln, Wohnanlagen und Dächer die Struktur einer überdimensionalen Palme. Man sieht nur eine Ansammlung flacher, hintereinander gestaffelter Küstenlinien. Erst vom Helikopter oder aus dem Flugzeug offenbart sich, dass das Gesamtprojekt die Form einer Palme besitzt – mit einem überdimensionalen Palmenstrang in der Mitte und abzweigenden schlauchförmigen Halbinseln, den Palmenblättern. Sofort nach seiner Fertigstellung wurde Jumeirah „The Palm“ inklusive des Hotels „Atlantis“ in den Reiseführern als das „Achte Weltwunder“ gefeiert.

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Schaute man sich dieses „achte Weltwunder“ jedoch aus der Nähe an, ergab sich ein prosaischeres Bild. Da der Metroanschluss noch nicht fertig ist, fuhren wir mit dem Taxi  durch ein Gewirr halbfertiger Gebäude den Palmenstrang entlang, der als eine durchgehende, gerade Straße konzipiert war. Die Palmenwedel gingen als breit geschwungen Straßen von dieser Durchgangsstraße ab. Soweit ich erkennen konnte, waren sie sehr unterschiedlich bebaut. Es gab flache Villen, Stadthäuser, Bungalows und regelrechte Paläste, daneben aber auch reichlich halbfertige Betonklötze und Bauruinen. c6 (7)Wie man hört, ist die geplante Auslastung der Wohnanlagen noch lange nicht erreicht, die Gewässer zwischen den „Zweigen“ sind teilweise brackig, und manche der „Palmenzweige“ beginnen sich bereits abzusenken. Kein Wunder, dass das Trump Hotel für Jumeirah „The Palm“ gecancelt und das Unterwasserhotel nach Kapstadt verlegt wurde. Am Ende des Palmenstrangs war die Straße, die zum Hotel „Atlantis“ führte, hoffnungslos verstopft. Es war ein fast würdeloser Anblick, wie sich Kreti und Pleti vor der Hotelkulisse in Positur warfen, um ihre Wenigkeit mit dieser Weltenormität auf einem Bild zu vereinen. In das Hotel selbst durften Kreti und Pleti natürlich nicht hinein, stattdessen gab es eine Hotelmall, durch die sich die Massen im Entengang c7 (6)hindurchzwängen mussten. Der mit Abstand lohnendste Ertrag unseres etwas enttäuschenden Ausfluges auf „The Palm“ war die Rückfahrt mit der Monorail, einer Hochbahn, die die Palmenspitze mit dem Festland verbindet. Hier erblickte ich zum ersten Mal das Gesamtpanorama der Stadt auf Blick: den Wolkenkratzerwald von Süd-Dubai, den Burj al Arab neben dem kolossalen  Jumeirah Hotel und die gigantische Silhouette des Burj Khalifa im Hintergrund. Das war ein Ausblick der Weltklasse und möglicherweise tatsächlich ein Vorschein der Stadt des  22. Jahrhunderts.

Nördlich von „The Palm“ erreichten wir die Umm Suqueim, eine Uferstraße direkt am Persischen Golf, von der aus man das Burj al Arab in all seiner Pracht unverhüllt betrachten konnte. Es war ein  tatsächlich ein Anblick, der in der Welt seinesgleichen suchte:

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Wie ein gigantisches Segel erhob sich das „einzige Sieben-Sterne Hotel der Welt“ (was immer das heißen mochte) unmittelbar am Ufer des Meeres, ein 321 Meter hohes Gebäude mit etwa 200 Suiten, von den die kleinsten bei 170 qm beginnen und die größten fast achthundert Quadratmeter erreichen. Mit seinem stilisierten Riesensegel imitierte es das d3 (4)Segel einer Dhau, jenes vorderasiatischen Bootstypes, mit dem Araber und Inder seit Jahrtausendenden  ihren Personen- und Warenverkehr organisieren.Für einen guten Hunderter kann man das Hotel besichtigen – vorausgesetzt, man erscheint mit sauberen Schuhen, einem Sakko und einer Krawatte. Mir schauderte bei dem Gedanken, zusammen mit einer Gruppe gaffender Westlinge wie eine Gruppe Uru-kays durch das Reich der Elben geführt und die Herablassung der Kellner ertragen zu müssen, wenn sie uns kaltes Lamm für dickes Geld vor die Nase stellen würden. Da aß ich doch lieber ein Kuss-Kuss in der Altstadt.

Als wir die Umm Suqueim nach Süden spazierten, wurde es stürmisch.  Ich notierte: Dubai kann im Winter saukalt sein! Ein kalter Wind wehte über den Strand, die Wellen krachten gegen die Ufer, einer arabischen Touristin flog der Schador davon. Ein einsamer Mann vollzog in todesmutiger Selbstkasteiung auf den Strandfelsen seine Übungen: Schattenboxen, Liegestützten, Schwimmen – richtig macht  er es. Er richtet sich ein in der Gemeinschaft mit seinem Körper, denn der ist der einzige, der bis zum Ende bei ihm bleiben wird.

d2 (9)Madinath, der Souk gleich unterhalb des Burj al Arab, bot sich dar als ein Mischung aus Jemen,  Ostafrika und Europa. Jemenistische Fassaden vor der Kulisse des großen Hotels, Kanäle, Zinnen und mehrstöckige iranische Windtürme, smaragdfarbenes Wasser, Dhaus, wie von Sinbad dem Seefahrer vergessen, warmes Gestein, makelloser Himmel, so blau wie das Paradies, kleine Patios mit zauberhaften Cafés, als befänden wir uns in der Provence. Die Mixtur der Stile und der Anmutungen touchierte haarscharf die Grenze von Stil und Kitsch.

Der Jumeirah Beach Park war ein lang gezogener Weißsandstrand mit Liegen und Sonnenschirmen für kleines Geld. Schilder in Arabisch, Englisch und Russisch informierten über Windrichtung, Strömungen und Temperaturen.    Im vorderen Teil des Parks saßen die muslimischen d7 (1)Familien bei ihrem Picknick, die Mütter in schweren schwarzen Burkas wurden in den Schatten der Bäume verfrachtet, die Män-ner grillten das Fleisch, die Kinder rannten durch die Gegend und kreisch-ten vor Vergnügen. Am Strand räkelten sich die europäischen Frauen im Tanga auf ihren Liegen, die pakistanischen Männer, die en Müll auflasen, bekamen Stielaugen.d5 (9)

Die Jumeirah Mosque, Dubais sehenswerteste Moschee, war eine der vielen islamischen Gotteshäuser  in den Vereinigten Arabischen Emiraten,  die sich glichen wie ein Ei dem anderen – immer lehmbraun, mit einem fatimidischen Minarett und kleinen Arkaden ausgestattet. In ihrem Innern befanden sich Minrab und Mirhab, die Kanzel für den Mullah und die Gebetsnische in Richtung Mekka.

Um den Burj Khalifa zu besuchen und insbesondere auf die Aussichtsterrasse auf dem  124. Stock zu gelangen, sollte man sich tunlichst ein Ticket im Voraus bestellen. Das ist per Internet kein Problem: Man fixiert ganz genau seinen Besuchstermin, zahlt etwa 35 USD per Kreditkarte und kann am entsprechenden Tag seine Tickets im Foyer des Burj Khalifa an einem gesonderten Schalter abholen, während sich nebenan lange g3Warteschlangen vor den Tageskassen stauen.  Es dauerte aber auch nach dem Ticketerhalt noch geschlagene 40 Minuten, bis wir in als eine 15 Personen-Gruppe in den höchsten g4 (6)Aufzug der Welt eintreten durften. Dieser Aufzug schaffte in der Sekunde zehn Meter und brachte uns in  nur wenige Minuten  bis auf den 124. Stock in eine Höhe von etwa 440 Metern. (Die Aussichtsplattform des Burj Khalifa ist damit die dritthöchste Aussichsplattform der Welt –nach dem Shanghai World Center mit 447 Metern und dem Toronto-Fernsehturm mit 446 Metern Höhe). Ein Blick aus solchen Höhen ist immer surreal, und es dauerte einige Sekunden, ehe man seine Sehgewohnheiten an diese große Höhe anpasste.  Zuerst sah ich im Westen nichts als eine topfebene Wüste, die die Stadt zur Landseite hin begrenzte. Dann der herbe
Kontrast in der unmittelbaren Umgebung des Wolkenkratzerbezirks: der Finance District , dessen Hochhäuser  aus dieser Perspektive wie eine Ansammlung riesenhafte Bleistifte g5 (12)wirkten. Von oben aus war klar zuerkenne, wie rabiat die Sheikh Zayed Road die Stadt in zwei Teile teilte. Wie die Ionen in den CERN Beschleunigern, so kamen mir die winzigen g5 (19)Punkte vor, die tief unter uns auf den zwölf Fahrbahnen der Sheikh Zayed Road nach Süden und Norden schossen. Der Himmel war vollkommen klar, sodass sogar die Umrisse von „The World“ im Meer zu erkennen waren, eines der vielen phantastischen Dubai-Projekte, dessen Ziel es ist,  die Umrisse aller Kontinente in Gestalt künstlicher Inseln nachzubilden und mit Luxuswohnungen zu bebauen. Vollständig im nachmittäglichen Gegenlicht lag der Burj al Arab und dahinter, kaum noch erkennbar, das Hotel Atlantis an der Spitze von „The Palm“.

Nach 20 Minuten war der Rund-gang beendet und schneller als gedacht, waren wir wieder unten. Am Fuße des 828 Meter hohen Gebäudes spazierten wir um einen künstlichen See mit dem Dubai Fountain in der Mitte, flankiert von edel gestylten Restaurants, offenen Café, einer iranischen Brücke und einer perfekt herausgeputzten  Uferpromenade.g8b (4)

Da das Essen selbst in guten Restaurants an herausgehobenen Orten in Dubai kaum mehr kostet als bei uns, gönnten wir uns ein gutes Abendessen bei  „Bakers and Spice“ etwas oberhalb des künstlichen Sees gelegen, und sahen um 18.00 Uhr die berühmten Burj Khalifa Wasserspiele –  zuerst eine Animation zu fetziger orientalischer Musik, dann mit g5 (15)dem unvermeidlichen „Time to say goodby“-Schmalz unterlegt. Trotzdem war es imposant anzu-sehen, wie die  Fontänen über Sechzig  Meter hoch in den Himmel schossen und sich dahinter die unglaubliche Silhouette des Burj Khalifa erhob. Mehr noch:  es war ein grandioses Bild, das die Frage implizierte: wie war diese Perfektion in einem Kulturraum möglich, der mitsamt seinen Hunderten von Millionen Bewohnern In Nordafrika und Vorderasien weniger Patente als der Kleinstaat Israel generierte? Konnte es tatsächlich sein, dass dem arabischen Raum nach dem Vorbild Dubais der Sprung in die Moderne gelingen könnte?  Allerdings musste man bedenken, dass nichts von dem, was wir in den letzten Tagen gesehen hatten, weder das Burj al Arab mit seinem Segel, noch der Burj Khalifa und noch nicht einmal diese Wasserspiele originäre Leistungen Dubais waren. Alles war importiert, die Ideen, die Konzepte und sogar die Fachleute, die diese Ideen in die Tat umsetzten, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden südasiatischer Tagelöhner, die Dubais Ökonomie am Laufen hielten.

Das Herz dieser Ökonomie befindet sich im Finance Center und im City Center. Abgesehen g1 (4)von Chicago und Midtown Manhattan habe ich nirgendwo auf der Welt eine solche Ansammlung bizarrer Wolkenkratzer auf engstem Raum gesehen. Uniformität war verpönt, Unikate waren angesagt:  Keile, Segel, elektrische Spindeln, konisch sich nach oben verjüngende Gebilde waren nur einige der architektonischen Variationen im Umkreis der Emirate Towers und des City Gates. Kaum eine Fassade war flach, stattdessen waren sie mit Säulen, Erkern und  Einschüben durchgliedert,  an ihren Basen waren sie begrünt und mit Parks und Springbrunnen versehen.Zwei hölzerne Brücken verbanden den „Boulevard of the Emirates“ mit dem Garden Village, dem Standort moderner Gallerien, in denen jede nur denkbare Kunstrichtung  zur Auswahl stand – überdimensionale Gebetsschnüre ebenso wie  traditionelle, figurale und g1 (7)abstrakte Malerei, Skulpturen, Antiquitäten und  kostbare Schmiedearbeiten. Was immer diese Exponate auch kosten mochten, ihre Präsentation war überaus geschmackvoll und ein weiteres Beispiel dafür, dass die Verpackung oft wertvoller ist als der Inhalt.

Während ich diesen Text schreibe, lese ich, dass „The Torch“, das vierthöchste Wohnhaus der Welt im Süden Dubais gebrannt hat (siehe das Bild des „gekrönten“ Hochhauses unten). Eine Katastrophe hatte durch rechtzeitige Evakuierung verhindert  werden können. Das erinnerte mich an einen jb1 (24)ungen Feuerwehrmann aus Bayreuth, den wir in Dubai kennenlernten und der uns erzählte, dass er gerade an einem internationalen Feuerwehr- Fünfkampfwettbewerb teilnahm. Die Disziplinen dieser Feuerwehrolympiade waren beachtlich: die Feuerwehrleute mussten  schwere Schläuche in voller Montur  heranschleppen, durch Feuerstellen Slalom laufen und mit einem 70kg schweren Gepäck im Eiltempo die Treppen hochrennen.Gerade Dubai mit seinen Wolkenkratzern benötigte eigentlich jede Menge solcher Brandschutzatlethen. doch wie es sich bei der Feuerwehrolympiade herausstellte, konnten die einheimischen Kollegen diesen Plackereien nichts abgewinnen. Sie tranken lieber einen Tee und sahen zu, wie die Gäste aus Übersee sich mit Schläuchen und Wasser abmühten. Schade, dass er privat im Frankenland gebunden war, sonst  hätte es für ihn in Dubai eine glänzende berufliche Zukunft als Ausbilder der (ausländischen) Brandschutzbrigaden gegeben.

In Bastakia, dem restaurierten Altstadtkern von Alt-Dubai befand  sich das Dubai Museum. Vor dem Gebäude hatten die Verantwortlichen eine alte, hölzerne Dhau platziert, gleich dahinter betrat man das Dubai Fort mit einem kleinen Innenhof, der schon jetzt, in der IMH (8)Nebensaison, hoffnungslos überfüllt war. Was hier in der Hauptsaison los sein würde, wollte ich mir gar nicht erst ausmalen. Noch enger war es in den unterirdischen Gängen des Forts, in denen den Besuchern bei Dämmerlicht Szenen aus der Geschichte Dubais präsentiert wurden. Da brütete ein Juwelenhändler über seinen Schätzen, eine verschleierte  Frau trug eine Wasserkanne auf dem Kopf, drei Beduinen tranken ihren Tee, und ein Perlenfischer griff beherzt in den Meeressand. Selbstverständlich durfte auch eine Videoanimation über die segensreiche Maktoun-Dynastie nicht fehlen. Orientalische Potentaten sind in der Regel die reine Pest für a1 (1)ihreLänder, aber die Maktoun-Dynastie wird man tatsächlich nicht in diese Kategorie einreihen dürfen. 1833, als die Briten gerade dabei waren sich am Persischen Golf festzusetzen, kamen die  Maktouns aus Abu Dhabi und ergriffen die Macht im verschlafenen Emirat von Dubai. Schon um 1900 regierten die Maktoun die aufstrebende kleine Stadt „Burj Dubai“ am Dubai Creek mit einer ertragreichen Perlenindustrie, die ihre IMH (18)Zenit erreichte, als  die iranischen Perlenhändler auf der andern Seite der Küste wegen  rigider Steuererhöhungen im Iran ihre Kontore nach Dubai verlegten. Merke: Schon damals lockten die Emire von Dubai die  Neuankömmlinge bereits mit Freihandelsprivilegien aller Art.  Diese erste Blütezeit Dubais ging allerdings Ende der Neunzehn-hundertzwanziger Jahre abrupt zu Ende, als in Japan die synthetische Perlenherstellung erfunden wurde. Die 75.000 Menschen umfassende Perlenindustrie an der Golfküste ging vollständig zugrunde,  es kam zu Hungersnöten, die durch Lebensmittellieferungen der britischen Kolonialmacht etwas abgemildert werden konnten. IMG_0507Dubais wirkliche Blüte begann erst, als 1966 unter britischer Federführung  Öl entdeckt und ab 1969 exportiert  wurde. Da der Ölreichtum Dubais im Unterschied zu dem Abu Dhabis aber absehbar bescheiden war, wurde unter der Federführung von Scheich Rashid al Maktoun eine Art „Masterplan“ entwickelt, nach dem mit Hilfe der Ölgelder die Wirtschaftsstruktur soweit diversifiziert werden sollte, sodass Dubai langfristig vom Öl unabhängig werden konnte. Es entstanden  Meerwasserentsalzungsanlagen, Elektrizitätswerke, Straßen, Autobahnen, Flughäfen,   Containerhäfen, Schulen, Krankhäuser und als Grundlage des auszubauenden Tourismusgeschäftes eine Kette atemberaubender Hotels. Obwohl das Öl noch 40 Jahre lang fließen wird, bezieht  Dubai IMG_0477schon heute seine Haupteinnahmen nicht mehr aus dem Ölgeschäft, sondern aus  Re-Export und Handel, Industrie,  Telekommunikation und Tourismus. Gegenwärtig erwirtschaftet der Dubai-Tourismus mehr als Fünftel des Dubai-BIP, wobei man sich den idealen Dubai Urlauber so vorstellt, dass er drei Tage shoppen geht , drei Tage in der Wüste herumfährt und drei  Tage am Strand verbringt. Im Rahmen dieser komplexen Wirtschaftsstruktur erfüllen  Experten aus den entwickelten Ländern praktisch 100% der anspruchsvollen Tätigkeiten, die Südasiaten bewerkstelligen die Drecksarbeiten. Für die gering Qualifizierten Arbeitnehmer besteht unterhalb einer gewissen Verdienstschwelle kein Recht auf Familiennachzug,  und
g8b (2)bei Arbeitsplatzverlust droht ihnen die Ausweisung innerhalb von 30 Tagen. Die wenigen Hunderttausend zählenden autochthonen Locals sind dagegen nur peripher in das Wirtschaftsleben integriert sind: Sie fahren Taxi, kellnern, arbeiten als Fremdenführer oder fungieren, wenn es hoch kommt, als Co-Direktoren gemischtnationaler Firmen. Verwaltung und Militär sind jedoch fast vollständig in der Hand der Einheimischen. Doch ganz gleich, welche Funktion die Einheimischen  auch ausfüllen – sie alle genießen eine Sozial-und Gesundheitsfürsorge, von der selbst Bürger der meisten westlichen Staaten nur träumen können. Natürlich bei Ärzten, die aus dem Ausland kommen.

International wie die Arbeiterschaft ist auch das Warenangebot, das in den drei großen Malls angeboten wird. Die Dubai Mall unterhalb des Burj Khalifa soll die größte und f0c (4)prächtigste Mall der Welt sein: Ledersessel laden zum Verweilen ein, sein privates Geschäft darf man auf Marmortoiletten verrichten, sämtliche große Markennamen sind vertreten. Auch an touristischen Attraktionen mangelt es der Dubai Mall nicht – ihr Highlight ist das riesige Dubai Aquarium. Die „Mall oft the Emirates“ ist fast so groß wie die Dubai Mall und liegt im Stadtteil Al Barsha. Sie zieht die Besucher durch eine Attraktion der f3 (3)besonderen Art an: ein Skizentrum mit künstlichem Schnee, in dem es möglich ist, auf der arabischen Halbinsel Schneeballschlachten auszutragen. Ganze Familien wurden in kompletter Winterausstattung in eine Kunstwelt aus Eis  und Schnee entlassen – alles  sichtbar für die Besucher der Mall, die sich am Glas die Nase plattdrücken, um das weiße Wunder zu sehen Gerade neu eröffnet ganz im Süden wurde die Ibn Battuta Mail, benannt nach dem marokkanischen Weltreisenden, der im 14. Jahrhundert vom Niger bis zu Yangtse mit Ausnahme Europas die gesamte damalige Welt bereiste.

Einen ganzen Tag verbrachten wir in den Altstadtviertel von Bastakia und Deira. Bastakia IMG_0428und Deira liegen am Dubai Creek, jenem schlauchförmigen  Meeresarm, dem Dubai seine Entstehung verdankt. Häusergewirr, Hafenarbeiter, Lastenträger, Teestände und  Minarette beschworen eine Atmosphäre wie in Kairo oder Karachi. An beiden Ufern des Creeks lagen Dhaus schwer beladen vor Anker, auf dem Wasser fuhren unzählige Abras, IMG_0442jene kleine Wassertaxen, die den Personenverkehr zwischen beiden Ufern bewältigen.  Und im Süden des Creeks erhoben sich zwei Hochhäusern mit überdimensionalen Portraits der beiden letzten Maktoun Scheichs – Sheikh Mohammed bin Rashid al Maktoun und Sheikh Makrtoun bin Rashid al Maktoum.  Als wir am Ufer auf ein Abra warteten, um den Creek zu überqueren, ertönte mikrofonverstärkt der Ruf des Muezzins, wie immer in der islamischen Welt ein Gemisch aus Brunst und Gestöhn, Geschrei und Verzückung.

h1aSo vergingen unsere Tage ein Dubai wie im Fluge. So viel Neues, so viele Eindrücke, dass man versucht ist, am Ende ein Fazit zu ziehen. Zuerst und vor allem:  Dubai gehört  zu den kosmopolitischsten Städten der Welt und funktioniert! Allerdings besitzt Dubai anders als  Afrika, Asien, Europa oder Südamerika kein eignes Gesicht. Was Dubai  der Welt stattdessen zeigt, ist eine Vision planetarischer Identität, in der die Einzelkulturen ihre Konturen verlieren. Das ist erstaunlich, vor allem, weil sich diese „planetarische Hyperinstallation“ (Sloterdijk) auf dem Hintergrund des Islam herausbildete, der mit der Anpassung an andere kulturelle Welten gemeinhin mehr Schwierigkeiten hat als andere Religionen. Weiter: Dubais Lebensgrundlage ist der Multikulturalismus, was ebenso erstaunt, weil dieses Konzept in den Gesellschaften des Westens  grandios gescheitert ist. An Dubai kann man aber lernen, wie Multikulturalismus unter ganz bestimmten Voraussetzungen tatsächlich funktioniert. Allerdings sind es Voraussetzungen, die nichts mit der „Willkommenskultur“ westlicher Provinienz zu tun haben:

  • Unbedingte Privilegierung der Einheimischen auf der Grundlage sehr großen Reichtums. Undenkbar, dass Ausländer sofort nach ihrer Einreise das gleiche Mindestversorgungsniveau für sich beanspruchen könnten wie Staatsbürger Dubais.
  • Rigide Kontrolle der Arbeitsmigration sowohl bei den Qualifizierten, denen genau umrissene Verträge angeboten werden, ganz besonders aber bei den gering Qualifizierten, deren Aufenthaltserlaubnis sofort erlischt, wenn sie ihren Job verlieren. Kein Denken daran, dass sich arbeitslose Ausländer auf Kosten des Staates unbefristet in Dubai aufhalten dürften.
  • Eine im muslimischen Raum geradezu extreme ethnische und religiöse Toleranz bei gleichzeitiger unbedingter letztendlicher Geltung des Islam.
  • Ein autoritär-patriarchalisches Regierungssystem, das mit harter Hand dafür sorgt, dass die in westlichen Gesellschaften notorische Massenkriminalität gegen Null tendiert.

Mein Fazit: Ob man das nun gerne hört oder nicht: Dubai hält Europa den Spiegel vor und zeigt, was möglich ist, wenn eine politische Elite durchdachte und langfristige Ziele verfolgt und nur die Menschen  aufgenommen werden, die wirklich etwas zum Gemeinwesen beitragen.

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Copyright: Ludwig Witzani (außer Fortos No. 13,16, 21 = GEO REISECOMMUNITY)


 

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