{"id":891,"date":"2013-12-20T16:57:01","date_gmt":"2013-12-20T16:57:01","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=891"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"vom-nebeneinander-des-unvereinbaren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/vom-nebeneinander-des-unvereinbaren\/","title":{"rendered":"Vom Nebeneinander des Unvereinbaren"},"content":{"rendered":"<p><b>Hongkong-Impressionen<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-221.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-894\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-221.jpg\" alt=\"Hongkong bei Nacht\" width=\"800\" height=\"519\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich hatte schon immer den Verdacht, dass in China au\u00dfer dem Landesumfang und der Bev\u00f6lkerung alles ein wenig kleiner ist als anderswo. Am <a title=\"Zwischen Guilin und Yangshuo\" href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/backpackers-welt\/zwischen-guilin-und-yangshuo\/\">Lijang<\/a>-Flu\u00df sah ich die kleinste F\u00e4hre, in <a title=\"Kunming, die Stadt des ewigen Fr\u00fchlings\" href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/backpackers-welt\/kunming\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Kunming <\/span><\/a>gibt es die kleinste Moschee, auf Lantau kann der Reisende das kleinste Fort besichtigen, von allen gro\u00dfen Str\u00f6men zw\u00e4ngst sich der Yangste durch die engsten Schluchten. Der Chinese ist auch nicht so gro\u00df wie der Europ\u00e4er, kleiner sind auch die Fahrradreifen, die Ventile, die Essensrationen, und wo in Europas zwei Erdn\u00fcsse in ihrer holzigen H\u00fclle stecken, sind es in China drei kleine.<\/p>\n<p>Von dieser Regel macht Hongkong nat\u00fcrlich eine Ausnahme, weil Hongkong ohnehin die zur Stadt gewordene Ausnahme ist. Hier leben zwar auch im Stadtteil Mong Kok auf kleinstem Raum (einem Quadratkilometer) die meisten Menschen (\u00fcber 165.000), doch die drangvolle Enge und die ungew\u00f6hnliche Topographie treibt alles in die H\u00f6he und damit der Gr\u00f6\u00dfe entgegen. Wahrlich klein ist der alte Flughafen Hongkongs, jene vom Victoria Peak aus zu sehende Asphaltrollbahn, die zwischen Kowloon und Victoria ins Meer strebt, aber riesengro\u00df sind die internationalen Maschinen, die hier landen. Noch gr\u00f6\u00dfer musste die fliegerische Kompetenz der Piloten gewesen sein, um hier eine reibungslose Landung hinzulegen und am allergr\u00f6\u00dften war das Gruseln der Passagiere, wenn der Jumbo in Schr\u00e4glage \u00fcber Kowloon-Tong und Ma Tua Kok die Rollfelder von Kai Tak anflog. W\u00e4hrend eines solchen Anfluges auf Hongkong erschienen die Wolkenkratzer von Kowloon fast wie ein \u00fcberdimensionales Nagelbrett, w\u00e4ren da nicht die zahlreichen H\u00fcgel und Berge der New Teritories und der eigentlichen Insel Victoria \u2013 dazu jede Menge waschk\u00fcchenartiger Nebel und unberechenbare Winde, so dass jede Landung auf Hongkong mit zum Spannendsten geh\u00f6rte, was man vor der Inbetriebnahme des neuen Flughafens als Linienpassagier erleben konnte.<\/p>\n<p>Tr\u00fcbe und verhangen ist der Himmel in Hongkong jeden Tag, so dass die Wolkenkratzer ihrem Namen alle Ehre machen, doch was ihre Zahl und Massierung betrifft, so ist noch kein Ende in Sicht: jedes Jahr wachsen neue und noch h\u00f6here Geb\u00e4ude aus einem immer knapperen und somit auch immer kostbareren Boden in den Himmel. \u00c4sthetisch anspruchsvolle Konstruktionen wie das Hotel Mandarin, das Bond-Center, dessen zwei verglaste und futuristisch gestaltete B\u00fcrokomplexe einander gegen\u00fcberstehen wie arbeitsbereite Roboter oder der Aluminium-Palast der Hongkong and Shanghai Bank entspringen dem teuersten Baugrund der Welt, &#8211; aber auch h\u00e4ssliche Missgeburten aus Zement in den Peripherien, aberwitzige Betonkonstruktionen, die aussehen wie \u00fcberdimensionale, quer gestellte Hollerith-Karten, versehen mit tausenden von Augen, die einmal zu Fenstern werden sollen. Und im Western-District von Victoria-Island m\u00f6chte man unwillk\u00fcrlich in Deckung gehen, kommt man an den bauf\u00e4lligen Bleistift-Hochh\u00e4usern vor\u00fcber, einige stets zur Ausbesserung mit kilometerlangen Bambusger\u00fcsten und Plastikh\u00fcllen umgeben, als wolle der Verpackungsk\u00fcnstler Christo im Umfeld der Ladder Street sein ultimatives Hauptwerk schaffen.<\/p>\n<p>Hongkong ist zur urbanen Erscheinung herangereifte universale Knappheit &#8211; der Knappheit an Platz, an Zeit, an Geld, aus der gleichwohl in jener mythischen\u00a0 Metamorphose, die der moderne Kapitalismus mit der \u00e4ltesten M\u00e4rchen gemeinsam hat, jener tr\u00fcgerischer \u00dcberfluss erzeugt wird, nach dem sich das Mutterland verzehrt. Knapp ist der Platz in der U-Bahn, knapp bemessen sind die \u00dcberholm\u00f6glichkeiten des Fu\u00dfg\u00e4ngers auf der Nahten oder der Chatham Road, knapp sind die Hotelbetten, die Taxis, ja sogar das Fast Food ist knapp, weil es zu dem Wenigen geh\u00f6rt, was in Hongkong noch relativ preiswert ist. Knapp ist der Lebensraum, so dass in den Vorst\u00e4dten die M\u00fcllcontainer in den N\u00e4chten zu Schlafst\u00e4tten werden \u2013 \u00e4hnlich ger\u00e4umig wie die Wohnk\u00e4fige in den Trabantensiedlungen von Tsuen Wan.<\/p>\n<p>Rund um den Tai Mo Shan, den h\u00f6chsten Berg der Kronkolonie, wird die Erde umgegraben, Buchten werden zugesch\u00fcttet, Waldreste verschwinden, um immer neuen Raum f\u00fcr menschliche Behausungen zu schaffen. Eine Fahrt durch die Gebiete der New Territories stimuliert Imaginationen vom Endzustand einer \u00fcberv\u00f6lkerten Welt, von einer am Ende der Geschichte \u00fcbrig gebliebenen sarggro\u00dfen Lebenswelt menschlicher Ameisen.\u00a0\u00a0 Daf\u00fcr existiert in Victoria und Kowloon das gr\u00f6\u00dfte Markenartikel-Angebot pro Quadratkilometer, der Ausblick vom Victoria-Peak auf das n\u00e4chtliche Hongkong geh\u00f6rt zum Beeindruckendsten, was es an n\u00e4chtlichen Skylines \u00fcberhaupt zu sehen gibt. Die Ger\u00fcche und Ger\u00e4usche der Nachtm\u00e4rkte von Yau Mai Tai oder im Western District suggerieren eine sinnliche Pr\u00e4senz chinesischen Lebens, wie sie auch in Wuzhou oder Chongking nicht intensiver zu haben ist.<\/p>\n<p>Hongkong erleben hei\u00dft: sich auf der Kanton-Road das Geschick von hauptberuflichen Mantikern aus der Hand lesen zu lassen oder den Laptop mit den neuesten Daten in der U-Bahn speisen, Tee trinken im Umkreis der Argyle Street, umt\u00f6nt vom Gepiepse hunderter kleiner Singv\u00f6gel, die in Deckenk\u00e4figen aus Holz gefangen gehalten werden, Hongkong erleben hei\u00dft, mit dem Doppeldeckerbus durch winzige Seitenstra\u00dfen fahren und der Versuchung widerstehen, den Anwohnern die zum Trocknen aufgeh\u00e4ngte W\u00e4sche vom ersten Stock zu stibitzen.<\/p>\n<p>Diese und \u00e4hnliche Bilder illustrieren nicht nur einfach die viel bem\u00fchte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die zum Wesen der Urbanit\u00e4t \u00fcberhaupt geh\u00f6rt und von der im Stillen ja immer die Hoffnung besteht, dass sich das Ungleichzeitige als defizienter Modus des unaufhaltsamen Fortschritts alsbald verfl\u00fcchtige &#8211;\u00a0 es ist das Nebeneinander des Unvereinbaren, von Hovercraft und Dschunke, von R\u00e4ucherst\u00e4bchen und mobilem Taschentelefon, der betrunkenen Chinesen auf den Wiesen des Kowloon Parks und der adrett gestylten Hongkong- Yuppies, die jeden Morgen mit ihrem unglaublich blank gewichsten Schuhwerk die Glaspal\u00e4ste der gro\u00dfen Geldh\u00e4user st\u00fcrmen, der Familien, die auf den angefaulten K\u00e4hnen im Taifun\u00ad-Hafen leben und ihren Nachwuchs mit Stricken an den M\u00e4sten sichern, damit sie nicht ins Hafenwasser fallen und der Schickeria, die ihren Nachmittagstee im Regents nimmt &#8211;\u00a0 im Angesicht der durch die dunkle Scheibent\u00f6nung ins Unwirkliche verschobenen amphitheatralischen Szenerie der Victoria Skyline. Sie alle haben nichts gemeinsam au\u00dfer dem Impuls, der das Western dieser Stadt ausmacht: &#8222;mutual profits&#8220;, gemeinsamer Nutzen, wie auf den Schildern der \u00e4ltesten Handelsh\u00e4user von Hongkong zu lesen stand, man k\u00f6nnte es auch klarer formulieren: die Gier \u2013 nach \u00dcberleben, Leben, Besserleben.<\/p>\n<p>Wer sich dieses Prinzip in sinnlich fassbarer, gleichwohl \u00e4sthetisch veredelter Anschaulichkeit vor Augen f\u00fchren will, kann vor der Auffahrt des Conrad-Hotels Kirk Newmanns Skulpturengruppe &#8222;Menschen von Hongkong&#8220; betrachten. Hier k\u00e4mpfen nicht wie auf den Friesen des Pergamon-Altars G\u00f6tter und Giganten um eine geordnete Welt, sondern eine Ansammlung von sechzehn \u00fcberlebensgro\u00df dargestellten Hongkong-Chinesen repr\u00e4sentiert die durch keine sichtbare Gemeinsamkeit verbundenen Kampfalltag in der Arena Hongkong.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-211.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-897\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-211.jpg\" alt=\"1 (21)\" width=\"800\" height=\"518\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ganz zur rechten des Skulpturenfundamentes springt eine Gestalt mit flatternden Rocksch\u00f6\u00dfen und Aktentasche gleichsam aus dem Bild heraus, den ausgestreckten Arm auf ein imagin\u00e4res Business gerichtet, mit dem R\u00fccken zu ihm steht als Reminiszenz an das versinkende alte Hongkong von Yau Mai Tai ein alter Mann mit seinem Singvogelk\u00e4fig. Zwei Kleinkinder mit Naschhaftem und Spielzeug, den Szeptern des Konsums, werden von einer Gro\u00dfmutter in eben der gekr\u00fcmmten Haltung gemustert, mit der die B\u00e4uerinnen im l\u00e4ndlichen China die Reissetzlinge pflanzen. Frauen stehen herum, mit Taschen und Einkaufst\u00fcten behangen, eine hat den Schirm wie einen Kn\u00fcppel in der Faust, ein Tai Shi-Aktiver sucht den Einklang von Ying und Yang, sein steinerner Nachbar forscht nach dem Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage \u00fcber das mobile Telefon. Schlie\u00dflich hat der K\u00fcnstler die sechzehnte Gestalt einige Meter abseits der Hauptgruppe platziert, sie hat den Oberk\u00f6rper etwas zur\u00fcckgebeugt und hebt die Hand zur Warnung als k\u00f6nnte das System der unverbunden-hektischen Betriebsamkeit jeden Augenblick wie eine Seifenblase zerplatzen.<\/p>\n<p>Hongkongs repr\u00e4sentiert das Nebeneinander des Unvereinbaren als urbanes Gestaltungsprinzip, asiatische Traditionen und enthemmter Kapitalismus, Kreativit\u00e4t und Lebensgier erzeugen die Ausdrucksformen einer Massenkultur, die sich in ganz Asien auf dem Vormarsch zu befinden scheint und in der der erschrockene Europ\u00e4er die pazifische Weltkultur des neuen Jahrtausends zu erkennen glaubt: die Agglomeration der Zuf\u00e4lligkeit. Von diesem Grundmuster sind alle Merkw\u00fcrdigkeiten dieser an Absonderlichkeiten so reichen Stadt zu verstehen. So ist der Ocean-Park in der N\u00e4he von Aberdeen ein Gleichnis der Stadt Hongkong im Kleinen. Hier gibt es alle Sensationen, die das asiatische Gem\u00fct erfreuen: eine Orca-\u00adShow, Looping-Riesenr\u00e4der, dreidimensionales Mowie-Spektakel, Fast-Food und die Illusion authentischen Erlebens. Doch der Zugang zu all diesen Attraktionen ist nur \u00fcber ein Einheitsticket zu einem wahrlich gepfefferten Preis m\u00f6glich, so dass bei diesen Konditionen fast Alle auch tats\u00e4chlich Alles benutzen wollen: Warteschlangen wie im Sozialismus sind die Folge, und was als nachmitt\u00e4gliches Familienmoratorium von den Plagen einer \u00fcberf\u00fcllten Stadt geplant war, \u00e4hnelt nun dem Raum- und Freizeiterleben in einer durchschnittlichen Hongkonger U-Bahn w\u00e4hrend der Hauptverkehrszeit.<\/p>\n<p>Die Orte der Ruhe befinden sich in Hongkong anderswo und oft an \u00fcberraschender Stelle. Winzige Wasserf\u00e4lle, ein h\u00f6lzerner Pavillon im kantonesischen Stil, kleine herausgeputzte Chinesenkinder auf einem gepflegten Rasen,B\u00fcroangestellte in Markenanz\u00fcgen das Jackett l\u00e4ssig \u00fcber die Schulter geworfen, flanieren den See des Hongkong-Parks entlang, eine winzige Oase inmitten all der Bank- und Hotelriesen in Victoria-Central . Im Umkreis des altert\u00fcmlichen Legislative Council-Buildings treffen sich Sonntags und nach Feierabend die Heimwehkranken: deutsche und franz\u00f6sische Trainees, englische Familien im Kolonialdienst und philippinische Kinderm\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Auf dem Victoria-Peak, am Ende der Tram-Bahn, die allj\u00e4hrlich Millionen Menschen besteigen, um eine der beeindruckensten Panoramen der Erde zu erleben, ganz in der N\u00e4he der kleinen Aussichtsplattform, vermittelt eine st\u00e4ndige Fotoausstellung fr\u00fche Ansichten aus einer Zeit, in der noch alles ganz anders war. Vergilbte Fotos hinter Glas zeigen eine leere Bucht, in der man kaum Kowloon und Victoria zu erkennen vermag \u2013 man sieht sp\u00e4rlich bewachsene Felsen, bescheidene Hafenanlagen, Stapelh\u00e4user und einst\u00f6ckige Holzh\u00e4user mit den typischen Kolonialarkaden. Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wird die Umgebung der Stadt durch Wanderpfade erschlossen, und ein solcher Weg f\u00fchrt ab 1880 auch auf den h\u00f6chsten Punkt der Kronkolonie, auf einen 554m hohen Peak, der wie damals alles Beachtenswerte im britischen Weltteich &#8211; sei es ein Wasserfall, ein See oder eine bemerkenswerter Aussichtspunkt &#8211; seinen Namen nach der Queen Victoria erhielt.<\/p>\n<p>Schon um die Jahrhundertwende wurde dieser Victoria-Peak durch eine Bahnverbindung erschlossen, und noch w\u00e4hrend China unter den Nachwehen des Boxeraufstandes und der ausl\u00e4ndischen Intervention litt, erbaute sich der Gouverneur von Hongkong auf dem Peak seine luftige Residenz. Ihm folgten wohlhabende Kolonialbeamte in geb\u00fchrenden Abstand, und bald wurde es auch f\u00fcr die \u00a0reicheren Chinesen gute Sitte, an den Flanken des Peak zu wohnen. Schon Andre Malraux, den es in der kommunistischen Phase seines Lebens in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Hongkong verschlug, notierte:&#8220; Dieser Felsen von Hongkong ist ein naturhaft solides Unget\u00fcm aus dunkler Materie. Eine Linie von wei\u00df schimmernden Kugeln umschlie\u00dft wie ein Perlenhalsband, den Peak, und von den H\u00e4usern sieht man nichts als ein unglaublich eng bes\u00e4tes Lichterfeld, das, immer h\u00f6her aufsteigend und, wie die schwarze Felsmasse, allm\u00e4hlich zergehend, sich endlich verliert in das schw\u00fcl-flammende Sternenmeer.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Hemingway-Gef\u00e4hrtin Martha Gellhorn war der Peak in erster Linie ein lebensgef\u00e4hrliches Hindernis f\u00fcr die kleine DC-3, mit denen sie w\u00e4hrend des chinesisch-japanischen Krieges von Hongkong aus zu riskanten Reportagen nach Chongking aufbrach. In 14.000 Fu\u00df H\u00f6he sah sie gleichzeitig die Lichter auf dem Peak und die Beleuchtungsanlagen der japanischen Armeen auf dem gegen\u00fcberliegenden Festland, ehe sich die Maschine im Schutz der Wolken an den japanischen Abfangj\u00e4gern vorbeimogelte.<\/p>\n<p>Mit der Ankunft der wirtschaftst\u00fcchtigen chinesischen Emigranten aus Shanghai im Jahre 1949 begann dann der kometenhafte Aufstieg der Stadt, und ein noch immer beschauliches Hongkong, das sich bis dahin nur unwesentlich vom benachbarten Macao unterschieden hatte, durchlebte seine Metamorphose zu eine Modellstadt des lupenreinen Kapitalismus. Heute umfasst der Anblick vom Victoria-Peak auf die Bucht von Hongkong mit einem Blick das Endprodukt dieser Entwicklung: einen rastlosen Organismus der Verwertung, eingezw\u00e4ngt auf ein winziges Territorium , h\u00e4sslich im Einzelnen wie alles Gesch\u00e4ftige, aber grandios in seiner Gesamtansicht und sogar von \u00e4sthetischem Rang, wenn sich \u00fcber Hongkong der Schleier der Dunkelheit niedersenkt. Wie gigantisch beleuchtete Bienenwaben, wie ein Lebewesen mit Millionen funkelnder Augen, dessen Ger\u00e4usche wie der Klang einer \u00fcberweltlichen Klimaanlage die gesamte Bucht erf\u00fcllen, liegt Victoria zu F\u00fc\u00dfen des Betrachters, In futuristischen Dimensionen ragt das nach oben hin wie eine Rakete zulaufende Hauptgeb\u00e4ude der Bank auf China in den n\u00e4chtlichen Himmel, einst als &#8222;Dengs letzte Erektion&#8220; verspottet und als das h\u00f6chste Geb\u00e4ude Asiens gefeiert, dann wieder\u00a0 \u00fcbertroffen vom 87st\u00f6ckigen Central Plaza in Wan Chai &#8211; und n\u00e4chstes Jahr wird ein anderer Riese dem wolkenverhangenen Himmel am n\u00e4chsten sein Schwarz ist das Wasser, das unterbrochen von den Lichtem der zahllosen Dschunken, Schlepper, Containerschiffe, F\u00e4hren und Dampfer, Victoria von Kowloon trennt, eingegrenzt durch einen funkelnden Saum einer wild zerkl\u00fcfteten und glitzernden Uferkette, und wie ein dunkler Rand verliert sich die n\u00e4chtliche Gesamtansicht nach Norden, wo einst das alte China begann, dass sich anschickt ein gigantisches Hongkong zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hongkong-Impressionen Ich hatte schon immer den Verdacht, dass in China au\u00dfer dem Landesumfang und der Bev\u00f6lkerung alles ein wenig kleiner ist als anderswo. 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