{"id":8421,"date":"2022-01-12T07:28:30","date_gmt":"2022-01-12T07:28:30","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=8421"},"modified":"2025-06-03T10:32:50","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:50","slug":"kapitel-3-die-stadt-der-zukunft-aus-kapitel-10-im-buch-s-259-274","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/kapitel-3-die-stadt-der-zukunft-aus-kapitel-10-im-buch-s-259-274\/","title":{"rendered":"Kapitel 3: DIE STADT DER ZUKUNFT (aus Kapitel 10 &#8211; im Buch S. 259-274)"},"content":{"rendered":"<p><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8365 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-900x522.jpg\" alt=\"\" width=\"356\" height=\"206\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-900x522.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-1920x1114.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-768x446.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-1536x891.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/04_20211014_105838-1-2048x1188.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/>&nbsp;<\/b><strong><em>Anfang der F\u00fcnfziger Jahre: Marias Bruder Ryszard Kali\u0144ski \u00fcberwirft sich mit seinem Schwager J\u00f3zef Ko\u0142ek und meldet sich freiwillig als Arbeiter nach Nowa Huta, der sozialistischen Modellstadt, die in der N\u00e4he von Krakau. entstehen soll &nbsp;&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard Kali\u0144ski war zu einem kr\u00e4ftigen jungen Mann herangewachsen, der mit Hobel und Hammer genauso geschickt umzugehen wusste wie mit der Sense oder dem Schlachtermesser. Seine manchmal verdrie\u00dfliche Natur war einer ruhigen Beharrlichkeit gewichen, die sich aus einer gewissen Dickk\u00f6pfigkeit speiste. Mit seinem stabilen,&nbsp; untersetzten K\u00f6rper, seinem gesunden Appetit und seinem tiefen, traumlosen Schlaf war er ein Abbild seines Vaters, nur dessen Witzigkeit ging ihm ab. Er besa\u00df ein offenes, angenehmes Gesicht ohne besondere Auff\u00e4lligkeiten, wenn man von dem skeptischen Blick absah, mit dem er gelegentlich seine Umgebung musterte. Au\u00dferdem war er mit einer schnellen Auffassungsgabe und einem guten Ged\u00e4chtnis gesegnet und kam am liebsten sofort auf den Punkt, auch wenn er wusste, dass ein wenig Drumherumreden die Stimmung hob.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Dass der Kali\u0144ski- und der Ko\u0142ekhof seit der Landverteilung gemeinsam bewirtschaftetet wurden, war ihm recht, weil er Marianna Ko\u0142ek, die Witwe des erschossenen Seweryn Ko\u0142ek, ebenso mochte wie ihre T\u00f6chter Janka und Hanna. Nur mit Marias Ehemann J\u00f3zef Ko\u0142ek wurde er nicht warm. Der Altersunterschied, der ihn von J\u00f3zef trennte, schloss Gleichberechtigung aus, war aber auch nicht so gro\u00df, dass er J\u00f3zef als eine Vaterfigur h\u00e4tte anerkennen k\u00f6nnen. Vielleicht war seinen Vorbehalten auch ein wenig Eifersucht beigemischt, denn Maria war f\u00fcr ihn mehr als eine Schwester. Sie hatte ihn gro\u00dfgezogen, ihn versorgt, und unter ihrer Beh\u00fctung war er herangewachsen.&nbsp; .<\/p>\n<p>&nbsp; Welche Gef\u00fchle es waren, die die Maria und J\u00f3zef verbanden, verstand Ryszard nicht. Da waren Naturgewalten am Werke, von denen er selbst noch nichts gesp\u00fcrt hatte. Dass es diese Naturgewalten gab, wusste er nat\u00fcrlich, auch wenn das Getue, das seine Kumpane um die M\u00e4dchen veranstalteten, ihm \u00fcbertrieben vorkam. Was sollte an Karla Kolk, der \u00e4ltesten Tochter von Damian Kolk, und an Daria Joz, der Tochter von Bertram Joz, Besonderes sein, abgesehen davon, wie merkw\u00fcrdig ihr &nbsp;Verhalten war. Sie waren auffallend freundlich zu ihm, ohne dass er wusste, warum. Manchmal gingen sie am Zaun des Kali\u0144skihofes vorbei, und ihre Augenlider flatterten wie die Fl\u00fcgel kleiner V\u00f6gelchen, die sich nicht von der Erde erheben k\u00f6nnen. Dann drehte sich Ryszard meistens um, sch\u00fcttelte den Kopf und ging davon.&nbsp; Er verstand diese M\u00e4dchen einfach nicht.<\/p>\n<p>&nbsp; Bis Wioletta Polak in sein Leben trat. Wioletta Polak war eine junge Frau aus Warschau, die wegen der&nbsp; Hochzeit Ihrer Schwester Gra\u017cyna mit Henryk G\u00f3rski f\u00fcr einige Tage nach Nowolipie gekommen war. Auf der Hochzeitsfeier in der Tanzscheune waren sich Ryszard und Wioletta zum ersten Mal begegnet \u2013 er, der rustikale Jungbauer und sie, eine mittelgro\u00dfe, gut gebaute Frau mit einem runden Gesicht, das ein wenig an eine fr\u00f6hliche Katze erinnerte, wenn sie lachte. Ein halbes Dutzend Mal lie\u00df sich Wioletta von Ryszard zum Tanz holen, jauchzte laut auf vor Vergn\u00fcgen und duftete dabei so fremd, dass dem Jungbauern ganz anders wurde. Karla Kolk und Daria&nbsp; Joz sa\u00dfen abseits und machten lange Gesichter.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard aber wunderte sich, wie viel Freude es ihm bereitete, mit der jungen Frau aus Warschau auf der Tanzfl\u00e4che herumzuwirbeln. Auch die Sch\u00f6ne aus Warschau geriet von Tanz zu Tanz mehr in Stimmung und legte sich beim Nachspiel hinter der Tanzscheune keinerlei Zur\u00fcckhaltung mehr auf. W\u00e4hrend sich vor der B\u00fchne&nbsp; sein Bruder J\u00f3zef mit Piotr Brosz&nbsp; herumpr\u00fcgelte und sich gleich anschlie\u00dfend Maria und J\u00f3zef zur allgemeinen \u00dcberraschung verlobten, wurde Ryszard Kali\u0144ski hinter den B\u00fcschen in das Vorzimmer der Lust eingef\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, an dem viele Dorfbewohner den Kirchgang schw\u00e4nzten und ihren Rausch ausschliefen, trafen sich Ryszard und Wioletta heimlich ein zweites Mal, um zu Ende zu bringen, was sie in der Nacht zuvor begonnen&nbsp; hatten. Wioletta genoss es wie ein gutes Essen, von dem sie sich aufgrund der Vorspeise vielleicht etwas mehr versprochen hatte. Ryszard aber erhob sich nach dem Gerangel hinter den B\u00fcschen und f\u00fchlte sich ver\u00e4ndert. Konnte es denn sein, dass die Liebe so wunderbar und zugleich so einfach war?<\/p>\n<p>&nbsp; Nein, das konnte nicht sein, denn als Ryszard am n\u00e4chsten Tag mit Blumen auf dem G\u00f3rskihof erschien, war Wioletta Polak schon wieder nach Warschau abgereist. Gra\u017cyna G\u00f3rska entschuldigte ihre Schwester mit dringenden Angelegenheiten, die in Warschau warteten und keinen Aufschub duldeten. Welche das waren, sagte sie nicht.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard tat sein Bestes, seine Entt\u00e4uschung zu verbergen, schon alleine deswegen, weil er das, was ihm widerfahren war, nicht einsch\u00e4tzen konnte. Konnte es sein, dass er einer Selbstt\u00e4uschung unterlag und das, was ihm mit Wioletta Polak widerfahren war, nichts weiter war, als das normale Gew\u00fcrz des erwachsenen Lebens, von dem er in Zukunft \u00f6fter kosten w\u00fcrde? Vielleicht geh\u00f6rten diese Turbulenzen einfach dazu, wenn man sich jungen Frauen n\u00e4herte, mutma\u00dfte Ryszard und warf die Blumen ins Geb\u00fcsch.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Eine Woche verging. Ryszard schlief schlecht und tr\u00e4umte wirr. Immer st\u00e4rker wurde der Wunsch, auf der Stelle nach Warschau zu fahren, um Wioletta zu treffen. Was er ihr sagen wollte, wusste er nicht, aber der Wunsch war so stark, dass Ryszard, Maria und J\u00f3zef fragte, ob er den Hof f\u00fcr einige Tage verlassen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eGanz ausgeschlossen!\u201c war J\u00f3zefs Antwort, die Ryszard erwartet hatte. Denn es war Erntezeit, und auf dem Hof wurde jede Arbeitskraft gebraucht. M\u00fcrrisch wandte sich Ryszard ab, nahm sich den Dreschflegel und machte sich an die Arbeit.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Wieder vergingen einige Tage. Dann hielt es Ryszard nicht mehr aus, ging zum G\u00f3rskihof und erfragte bei Gra\u017cyna G\u00f3rska Wiolettas Adresse. Zuerst wollte Gra\u017cyna die Adresse nicht herausgeben, dann \u00fcberwand sie sich und notierte sie auf einem Zettel. Ihr Ehemann Henryk G\u00f3rski sch\u00fcttelte den Kopf, sagte aber nichts.<\/p>\n<p>&nbsp; Am gleichen Abend besorgte sich Ryszard gen\u00fcgend Nafta f\u00fcr die Lampe und verfasste einen&nbsp; Brief. Dass er Wioletta liebte, konnte er so unumwunden nat\u00fcrlich nicht schreiben. Und die Frage, warum sie ohne Abschied verschwunden war, h\u00e4tte wie ein Vorwurf geklungen. So beschr\u00e4nkte er sich darauf, ihr aus dem Dorf die herzlichsten Gr\u00fc\u00dfe zu schicken, verbunden mit der Frage, wann sie denn wohl wieder einmal nach Nowolipie k\u00e4me. Mit klopfendem Herzen brachte Ryszard den Brief pers\u00f6nlich zur Poststation nach Balanow.<\/p>\n<p>&nbsp; Nichts geschah.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Nach drei Wochen schrieb er einen zweiten Brief, in dem er Wioletta gestand, wie sehr er sie vermisse und die die Frage riskierte, ob sie denn nicht \u00e4hnlich empfinde?<\/p>\n<p>&nbsp; Diesmal kam eine kurze Antwort, eigentlich nur eine Notiz, in der Wioletta ihm mitteilte, dass sie im Herbst wieder nach Nowolipie k\u00e4me. Dann werde man \u00fcber alles reden k\u00f6nnen, was immer das auch bedeuten mochte.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard schrieb noch einen dritten Brief, erhielt aber keine Antwort.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Qu\u00e4lend langsam schlich die Zeit dahin. Dann endlich kam der Herbst.&nbsp; Maria und Joszef wurden getraut und feierten ihren Ehebund in der Tanzscheune. Es war ein sch\u00f6nes Fest, wenngleich nicht so ausgelassen wie das erste, denn der gute Ortsvorsteher war inzwischen gestorben, und sein Sohn Piotr sa\u00df im Zuchthaus. Auch der Lehrer August Kosolski fehlte, aber dem weinte niemand eine Tr\u00e4ne nach.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard hatte seine besten Sachen angezogen, um Wioletta mit einem Blumenstrau\u00df zu diesem Fest&nbsp; abzuholen. Er pochte an die T\u00fcre des G\u00f3rskihofs und Henryk G\u00f3rski \u00f6ffnete die T\u00fcre. \u201eAch, der junge&nbsp; Kali\u0144ski gibt uns die Ehre\u201c,&nbsp; lachte Henryk G\u00f3rski, als er Ryszard begr\u00fc\u00dfte. \u201eUnd wie proper du dich herausgeputzt hast\u201c, f\u00fcgte er hinzu. \u201eAber leider umsonst, denn Wioletta kommt nicht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard war wie vor den Kopf geschlagen. \u201eSie kommt nicht? Wieso nicht? Sie hat geschrieben, dass sie nach Nowolipie kommen wird.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eAch die Weiber, du wei\u00dft doch, wie unzuverl\u00e4ssig die sind\u201c, antwortete Henryk G\u00f3rski. Mit diesen Worten zog&nbsp; der Hausherr den Gast&nbsp; die Stube. \u201eKomm, gib deine Blumen meiner Frau\u201c, riet er. \u201esie ist immerhin Wiolettas Schwester und trink\u00b4 einen Wodka mit mir.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard wusste nicht, was er sagen sollte und \u00fcbergab Gra\u017cyna G\u00f3rska den Blumenstrau\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWie galant\u201c, schmunzelte Gra\u017cyna G\u00f3rska. \u201eIch werde Wioletta von deinem Besuch berichten.\u201c Im Unterschied zu ihrem Mann hatte Gra\u017cyna G\u00f3rska ein ansprechendes Aussehen bewahrt, wenngleich es eine angestrengte Sch\u00f6nheit war, der man die intensive Pflege anmerkte.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard trank den Wodka, den ihm Henryk eingeschenkt hatte, und stellte das Glas wieder auf den Tisch. Henryk G\u00f3rski war nie ein sch\u00f6ner Mann gewesen, doch Inzwischen hatte er fast alle Haare verloren und an Gewicht m\u00e4chtig zugelegt. Sein Kopf glich einem B\u00fcffelsch\u00e4del, nur seine Augen waren klein und flackernd, wenn sie ihr Gegen\u00fcber fixierten.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard f\u00fchlte sich unbehaglich. \u201eWann kommt denn Wioletta wieder nach Nowolipie?\u201c fragte er Gra\u017cyna G\u00f3rska.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eDas wei\u00df ich nicht\u201c, antwortete Gra\u017cyna, \u201eaber wenn du willst, kannst du sie in Warschau besuchen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard z\u00f6gerte. \u201eNein, das w\u00e4re zu aufdringlich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eUnd vielleicht auch ein wenig peinlich\u201c, warf Henryk G\u00f3rski ein, \u201edenn meine fidele Schw\u00e4gerin ist in Warschau alles andere als ein Kind von Traurigkeit\u201c. Er lachte meckernd&nbsp; \u00fcber seinen eigenen Scherz und f\u00fcllte Ryszard das Wodkaglas erneut. \u201eAber lass uns das Thema wechseln\u201c, schlug er vor. \u201eWas macht der Hof?&nbsp; Bist du jetzt bald dein eigener Herr? Ich meine, J\u00f3zef Ko\u0142ek kann doch nicht zwei H\u00f6fe bewirtschaften.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard z\u00f6gerte. \u201eich wei\u00df nicht\u2026 Bisher arbeiten beide Familien ganz gut zusammen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eAber unter J\u00f3zefs Leitung\u201c,&nbsp; erg\u00e4nzte Henryk und trank sein Wodkaglas in einem Zug leer. \u201eDas ist ja wie in den alten Zeiten, als die j\u00fcngeren Br\u00fcder nicht besser als die Knechte waren.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Auf diese Bemerkung antwortete Ryszard nicht, sondern kippte noch ein Glas Wodka hinunter. Dann verabschiedete er sich etwas f\u00f6rmlich und bat Gra\u017cyna seine Gr\u00fc\u00dfe nach Warschau auszurichten.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Ryszard erz\u00e4hlte seiner Familie weder etwas von Wioletta Polak noch von seinem Besuch bei den G\u00f3rskis. Aber Henryks Worte hallten in ihm nach, und je mehr er dar\u00fcber nachdachte, desto ungerechter erscheinen ihm die Verh\u00e4ltnisse. &nbsp;Nach der Heirat&nbsp; und der Zusammenlegung der H\u00f6fe waren Maria und J\u00f3zef in das Haupthaus des Kali\u0144skihofes gezogen, w\u00e4hrend sich Marianna mit Hanna und Janka im Ko\u0142ekhaus einrichteten. Auch Ryszard und Tomek zogen ins Ko\u0142ekhaus, weil Maria und J\u00f3zef mit Nachwuchs rechneten und Platz ben\u00f6tigten.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Zuerst hatte Ryszard diese Aufteilung hingenommen, doch nun erschien sie ihm unzumutbar. Er war doch der \u00e4lteste Sohn des Altbauern Feliks Kali\u0144ski und besa\u00df ein Anrecht auf sein Erbe, vor allem jetzt, nachdem seine \u00e4ltere Schwester J\u00f3zef Ko\u0142ek geheiratet hatte. Sein j\u00fcngerer Bruder Tomek mochte sich mit dem Dasein eines Knechtes zufrieden geben, er aber hatte andere Ziele.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Es dauerte noch einige Wochen, ehe Ryszard das Thema am Sonntagstisch zur Sprache brachte. Marianna Ko\u0142ek, Hanna und Janka hatten Bigos zubereitet. Sein Bruder Tomek scharwenzelte wieder um Hanna herum, ohne zu bemerken, welch l\u00e4cherliche Figur er dabei abgab. Breit und m\u00e4chtig sa\u00df J\u00f3zef Ko\u0142ek am Kopfende des Tisches und griff als Hausherr zuerst in die T\u00f6pfe. J\u00f3zef war entscheidende sieben Jahre \u00e4lter als Ryszard Kali\u0144ski und schien schon fast einer anderen Generation anzugeh\u00f6ren. Aber es f\u00fchrte kein Weg daran vorbei, das Thema endlich zur Sprache zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp; Ohne gro\u00dfe Vorrede fiel Ryszard deswegen gleich mit der T\u00fcre ins Haus. \u201eIch m\u00f6chte wissen, wann ich mein Erbe erhalte\u201c, sagte er mitten in eine Gespr\u00e4chspause hinein und blickte \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; J\u00f3zef a\u00df in aller Ruhe weiter und schien \u00fcber diese Frage nicht \u00fcberrascht. Dann antwortete er: \u201cDas eilt nicht. So wie wir im Augenblick arbeiten, kommen wir gut zurecht. Sobald du heiratest, werden wir die H\u00f6fe neu aufteilen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Tomek senkte den Kopf \u00fcber seinem Bigos. Maria schwieg und wunderte sich, wie Ryszard&nbsp; von Jahr f\u00fcr Jahr mehr dem Vater glich, dieselbe Kraft, dieselben flinken Beine, nur hinsichtlich seiner Wesensart kam er mehr auf seine Mutter.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; \u201eWie? Und wenn ich nicht heirate, bleibe ich meine Leben lang ein Knecht auf dem Hof meines Vaters?\u201c antwortete Ryszard scharf.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Maria legte das Besteck beiseite. \u201eRyszard, was redest du? Du bist doch kein Knecht. Du bist Teil unserer Familie.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eAber ein untergeordneter\u201c, gab Ryszard zur\u00fcck. \u201eAlle wichtigen Fragen besprichst du mit J\u00f3zef ohne mich zu fragen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDas liegt einfach daran, dass du weniger Erfahrung hast als Maria und ich\u201c, warf J\u00f3zef ein. \u201eWir beide f\u00fchren die H\u00f6fe schon seit Jahren, aber wenn du willst, k\u00f6nnen wir dich demn\u00e4chst bei der Planung der&nbsp; Arbeiten st\u00e4rker einbeziehen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard sp\u00fcrte, wie ihn J\u00f3zefs Ruhe \u00e4rgerte. \u201eSehr g\u00f6nnerhaft\u201c,&nbsp; gab er zur\u00fcck, \u201eaber ich m\u00f6chte mein eigener Herr sein.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eHier auf dem Land ist niemand sein eigener Herr\u201c, gab J\u00f3zef zur\u00fcck. \u201eSoll ich dir sagen, wer die Herren des Landes sind? Der Regen und der Wind, die Sonne und das Wasser. Nach ihnen haben wir uns zu richten. Und das gelingt uns am besten, wenn wir alle zusammenarbeiten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard schwieg einen Moment. \u201eSoll das hei\u00dfen, dass ich mein Erbe nicht erhalte?\u201c fragte&nbsp; er.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch sagte doch: Nicht jetzt. Wenn du eine Familie gr\u00fcnden willst, reden wir dar\u00fcber\u201c, erwiderte J\u00f3zef und begann wieder zu essen.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard blickte auf Tomek. \u201eBruder, nun sag doch auch einmal etwas.\u201c Aber noch ehe Tomek antwortete, wusste Ryszard, dass er von ihm keine Unterst\u00fctzung erhalten w\u00fcrde. Wie weich seine Augen waren, wie nachgiebig sein Gehabe<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch finde richtig, was J\u00f3zef sagt\u201c, erwiderte Tomek. \u201eWenn wir Familien gr\u00fcnden, erhalten wir das Erbe und unsere eigenen H\u00f6fe.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; \u201eUnd noch etwas\u201c, schaltete sich J\u00f3zef wieder ein. \u201eWenn du von deinem Erbe sprichst, Ryszard, dann bedenke, dass nur einer von drei Erben bist. Wenn wir den Kali\u0144skihof dritteln, wie willst du dann von einem so kleinen Hof leben?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWie, dritteln?\u201c fragte Ryszard emp\u00f6rt. \u201eBist du verr\u00fcckt geworden? Maria ist doch deine Frau, sie lebt bei dir und braucht kein eigenes Land. Das Erbe meines Vaters wird geteilt, besser noch, es bleibt als Ganzes f\u00fcr Tomek und mich erhalten, und mein Bruder und ich wirtschaften in Zukunft gemeinsam, aber nach&nbsp; unserem Gutd\u00fcnken.\u201c Ryszard erhob sich und blickte J\u00f3zef von oben an. \u201eIch bleibe dabei. \u201eIch verlange die H\u00e4lfte der H\u00f6fe, der St\u00e4lle, des Viehs und des Saatgutes.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Marianna Ko\u0142ek stand auf und verlie\u00df das Zimmer.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNein\u201c, antwortete J\u00f3zef. \u201eIch habe dir gesagt, wie wir es machen und dabei bleibt es. Und nun setz dich wieder.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWei\u00dft du was, J\u00f3zef\u201c giftete Ryszard. \u201eDu bist genau das, was die Kommunisten seit je her bek\u00e4mpfen: ein raffgieriger Bauer, der nur an sich selbst denkt. Aber die Zeiten der Knechtschaft sind vor\u00fcber.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; J\u00f3zef warf den L\u00f6ffel in die Suppe, dass es klirrte. \u201eRede in diesem Haus nicht von den Kommunisten, diese M\u00f6rdern und Blutsaugern\u201c, gurgelte er drohend.&nbsp; \u201eDenk an deinen Onkel, der nach Sibirien verschleppt wurde, denk an die gef\u00e4lschten Wahlen und den Priester, der spurlos verschwunden ist.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas interessiert mich mein Onkel oder der Priester, ich will mein Erbe, und zwar sofort\u201c,&nbsp; verlangte Ryszard.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; \u201eIch sage nein\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; \u201e<em>Kurdamasz<\/em>\u201c, br\u00fcllte Ryszard und trat gegen den Stuhl, dass er durch den Raum purzelte.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; J\u00f3zef stand auf. Er war einen Kopf gr\u00f6\u00dfer als sein Schwager. Der aber war erheblich muskul\u00f6ser. \u201eWas unterstehst du dich in meinem Haus\u2026\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eEs ist das Haus meines Vaters\u201c, br\u00fcllte Ryszard und ballte die F\u00e4uste<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Ehe die beiden handgreiflich werden konnten, gingen Maria und Tomek dazwischen. Maria versuchte Ryszard zu umarmen. \u201eRyszard, mein Lieber\u201c, keuchte sie. \u201eich erkenne dich gar nicht wieder. Wer hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt? Komm zur Besinnung. Denk daran, dass wir eine Familie sind.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard riss sich los und stie\u00df die Schwester von sich. \u201eAuf eine solche Familie kann ich verzichten\u201c, antwortete er. \u201eWenn ich mein Erbe nicht sofort erhalte, verlasse ich den Hof.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Schon zwei Tage nach der Auseinandersetzung fuhr Ryszard nach Ruk\u00f3w und verpflichtete sich als&nbsp; Bauarbeiter f\u00fcr Nowa Huta. Von Wioletta Polak hatte er nichts mehr geh\u00f6rt, mit J\u00f3zef war die Stimmung gr\u00fcndlich verdorben.&nbsp; Was sollte er noch in Nowolipie?<\/p>\n<p>&nbsp; Nowa Huta war zu dieser Zeit in aller Munde. Es war der Name einer neuen Stadt, die in der N\u00e4he von Krakau entstehen sollte. Eine Metropole der Zukunft f\u00fcr den neuen sozialistischen Menschen, in der die Verhei\u00dfungen der Partei Wirklichkeit werden sollten. Je eher diese Zukunft anbrach desto besser, schien die Regierung zu denken, so dass sie im ganzen Land nach Arbeitskr\u00e4ften suchte und&nbsp; jeden verpflichtete, der sich bewarb.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Als Ryszard sich von seiner Schwester verabschiedete, brach Maria in Tr\u00e4nen aus. Auch J\u00f3zefs Mutter Marianna Ko\u0142ek&nbsp; war bedr\u00fcckt. Sie umarmte Ryszard und steckte ihm ein B\u00fcndel Zlotyscheine zu. J\u00f3zef stand stumm im Hintergrund und sagte nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Tomek Kaminksi brachte seinen Bruder mit dem Pferdefuhrwerk zum Bahnhof. \u201eIm n\u00e4chsten Jahr will ich vielleicht auch nach Nowa Huta\u201c, sagte er und gab dem alten Gaul die Z\u00fcgel.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard schwieg. Er grollte Tomek, weil er ihn in dem Streit mit J\u00f3zef nicht unterst\u00fctzt hatte, aber er war wie er war und konnte nicht anders. Er war rettungslos in Hanna Ko\u0142ek verliebt und w\u00fcrde den Hof niemals verlassen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Im Zug nach Krakau traf Ryszard zahlreiche junge M\u00e4nner, die sich ebenfalls arbeitsverpflichtet hatten. Manche mochte die Not dazu getrieben haben, andere die Abenteuerlust, aber alle erwarteten Wunderdinge von der der neuen Stadt. Vielleicht w\u00fcrde die neue Stadt auch f\u00fcr sie eine neue Zukunft bereithalten.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Als Ryszard Nowa Huta erreichte, erwartete ihn eine riesige Baustelle. Er \u00fcberblickte ein weites Gel\u00e4nde voller Baracken und&nbsp; Schlammpisten, neben denen Maschinen, Rohre und Baumaterialien lagerten. Gruben wurden ausgehoben, Stra\u00dfen befestigt und G\u00fctertransporte entladen. In Nowa Huta wurde an nichts gespart, weder am Material, noch am Essen. Gro\u00dfe Schweinefleischportionen, reichlich Kartoffeln und Gem\u00fcse und all das mit Nachschlag, versetzten Ryszard in Erstaunen. Junge, kr\u00e4ftige Bauerns\u00f6hne sa\u00dfen an langen Tischen und futterten, als drohe ihnen der Hungertod. Manche von ihnen arbeiteten das ganze Jahr in Nowa Huta, andere, die eigene H\u00f6fe und Familien besa\u00dfen, blieben nur saisonweise. Die ersten Wochen schlief Ryszard auf einer Pritsche in einem Zelt, dann erhielt er ein Bett einem Vierbettzimmern in einer Schlafbaracke.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard Zimmergenossen kamen aus allen Teilen Polens. Gabriel aus Warschau hatte das Bett gleich am Fenster in Beschlag genommen. Er war ein st\u00e4mmiger junger Mann mit abstehenden Ohren und einer Warze neben seinem rechten Auge. Sein H\u00e4ndedruck war brachial und seine Stimme rau vom Wodka. Er war das j\u00fcngste von sechs Kindern einer galizischen Familie, die nach dem Krieg von den Russen aus Lw\u00f3w&nbsp; vertrieben worden war.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Gleich an der Wand befand sich das Bett von Tymon, einem drahtigen jungen Mann aus Bia\u0142ystok an der wei\u00dfrussischen Grenze. Tymons Gesicht war pockennarbig und grob, und wenn er lachte, entbl\u00f6\u00dfte er zwei Reihen gro\u00dfer gelber Z\u00e4hne. Er besa\u00df lange, muskul\u00f6se Arme, die nicht zum Rest seines schlanken K\u00f6rpers passen wollten. Gut gelaunt war er nur, wenn er am Feierabend sein Bier erhielt. Die ersten f\u00fcnf oder sechs Biere machten ihn fr\u00f6hlich und leutselig, ab dem siebten oder achten Bier wurde er unberechenbar.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard Bettnachbar war Olivier aus der Gegend von Radom. Er war ein h\u00fcbscher junger Mann mit dichten pechschwarzen Haaren, der entsetzlich stotterte. Olivier hatte sein Dorf in S\u00fcdpolen&nbsp; wegen einer Liebesaff\u00e4re verlassen, \u00fcber die er partout nicht sprechen wollte. Die meiste Zeit nahm er nur als ruhiger Beobachter am Gespr\u00e4ch teil, nur Nachts machte er m\u00e4chtig Krach, denn er knirschte abwechselnd mit den Z\u00e4hnen und schnarchte.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard, Gabriel, Tymon und Olivier waren f\u00fcr die Verteilung der Baustoffe zust\u00e4ndig. Manchmal hatten sie den ganzen Tag nichts zu tun, weil kein Material angeliefert wurde, dann mussten ein Dutzend Lieferungen auf einmal abgeladen und bearbeitet werden. Abends fielen sie entweder m\u00fcde ins Bett, tranken Bier in der Kantine oder d\u00f6sten w\u00e4hrend einer der obligatorischen Politschulungen, die die Partei in Nowa Huta durchf\u00fchrte. Bei diesen Vortr\u00e4gen h\u00f6rten die Arbeiter von den Heldentaten kommunistischer Partisanen, von der Weisheit Staatspr\u00e4sident Bieruts und dem unbedingten Vorbildcharakter der gro\u00dfen Sowjetunion. Nach den Referaten meldeten sich die Streber zu Wort und ergingen sich in Lobpreisungen der Partei oder Wiederholungen dessen, was sie gerade erst geh\u00f6rt hatten. Die Mehrheit der jungen M\u00e4nner aber schwieg &#8211; entweder, weil sie nichts verstanden hatte, oder weil sie ahnte, dass die offizielle Parteilinie schon Morgen eine andere sein konnte. Das, was die M\u00e4nner wirklich dachten, \u00e4u\u00dferten sie ohnehin erst nach den Vortr\u00e4gen auf den Zimmern.&nbsp; Gabriel aus Warschau spottete \u00fcber einen Referenten, der ihnen die Vorz\u00fcge des Kolchossystems erkl\u00e4rt hatte. \u201eDieser Mensch kann unm\u00f6glich jemals eine Kolchose von innen gesehen haben, sonst h\u00e4tte er nicht einen solchen Bl\u00f6dsinn erz\u00e4hlt. Meine Br\u00fcder arbeiten in einer Kolchose in den wiedergewonnenen Gebieten und haben den ganzen Tag kaum etwas zu tun. Zu essen bekommen sie trotzdem, weil die Partei die Kolchosen unterst\u00fctzt. Jedermann klaut und unterschl\u00e4gt, das Material verkommt, und das Gem\u00fcse verschimmelt auf den Feldern, weil die Kolchosmitglieder besoffen sind. \u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201dDas spricht doch nicht gegen die Kolchosen, sondern das liegt an der mangelnden Disziplin\u201d, widersprach Tymon. \u201eDie Idee der Kolchose ist gut, nur die Leute sind einfach zu faul, sie in die Praxis umzusetzen. Au\u00dferdem besitzen die meisten Kolchosen noch keine Maschinen. Wenn die erst einmal da sind, werden sich die Kolchosen in ganz Polen durchsetzen.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u201eWenn du die Ko-Ko-Kolchosen so gut findest, warum bist du denn nicht in ei-ei-ei-eine eingegetre-tre-ten?\u201d stotterte Olivier.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eW\u00e4re ich ja vielleicht auch, aber in Bia\u0142ystok gibt es keine Kolchosen. Ich wei\u00df auch nicht, wieso.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDa w\u00e4re ein fauler Sack wie du auch besser aufgehoben\u201d, lachte Gabriel.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eHalts Maul, du Revanchist\u201d gab Tymon zur\u00fcck. \u201eDu bist doch zu bl\u00f6d, zehn Ziegel auf einen Haufen zu stapeln.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; Die Zimmert\u00fcre \u00f6ffnete sich und der Vorarbeiter Bartek kam mit einem halben Dutzend Bierflaschen in die Stube. Bartek Karlicz war der Vertrauensmann der Partei in der Baracke, ein wackerer, aufrechter Mann in mittleren Jahren, der mit allen gut auskam, mit den kommunistischen Brigadeleitern ebenso wie mit den einfachen Arbeitern und den Kantinenfrauen.&nbsp; \u201eHier, eine Runde Bier f\u00fcr alle, die morgen zum Vortrag \u00fcber das Rechtsaweichlertum gehen. Erwartungsvoll blickte sich Bartek um. \u201eNa, wer m\u00f6chte eine Flasche?\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eSchon wieder ein Vortrag?\u201d meckerte Tymon. \u201eWenn alle Referenten, die uns die Ohren vollquatschen,&nbsp; auf dem Bau eingesetzt w\u00fcrden, waren wir l\u00e4ngst fertig.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDarf ich mein Bettzeug mitbringen?\u201c fragte Gabriel. Alle lachten und griffen zu den Bierflaschen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eSo witzig finde ich das nicht\u201d, mahnte Bartek. \u201eDie Gefahr des kleinkapitalistischen Rechtsabweichlertums ist nicht zu untersch\u00e4tzen.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas heisst ei-ei-eigentlich R-R-Rechtsabweichlertum?\u201d wollte Olivier wissen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eRechtsabweichlertum ist, wenn du als Bauer Tag und Nacht arbeitest und mehr Geld f\u00fcr deine Leistung haben willst, als ein Kolchosmitglied, das auf der faulen Haut liegt.\u201d gab Gabriel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eUnd was ist dann Linksabweichlertum?\u201d wollte Ryszard wissen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eLinksabweichlertum ist, wenn du gar nicht mehr arbeiten, aber trotzdem Lohn haben willst\u201d, antwortete Gabriel, der schon die halbe Flasche leer hatte.<\/p>\n<p>&nbsp; Tymon hob in theatralischer Pose die Hand. \u201eGenosse Bartek, ich verlange, dass der Genosse Gabriel wegen seiner konterrevolution\u00e4ren Reden morgen zu einer Sonderschicht ohne Lohn&nbsp; verdonnert wird.\u201d&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Bartek schmunzelte. \u201eGemach, gemach, Genossen, ihr sch\u00fcttet das Kind mit dem Bade aus. Dass es noch Probleme und Schwierigkeiten gibt, ist ja unbestritten, aber bedenkt doch, welche Vorteile euch der Kommunismus bereits gebracht hat.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWelche denn?\u201d wollte Gabriel wissen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eZum Beispiel im Schulwesen\u201d, antwortete der Vorarbeiter. \u201eSo viele Bauerns\u00f6hne wie noch nie&nbsp; besuchen mittlerweile die neu eingerichteten Schulen. Meine Kinder werden nach meiner Zeit in Nowa Huta auf Kosten der Partei studieren k\u00f6nnen. So viele Kinder einfacher Leute werden zur Zeit Lehrer, Ingenieure oder \u00c4rzte.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eUnd wenn sie einmal in Amt und W\u00fcrden sind, denken sie auch nur an sich. Wo liegt denn dann der Unterschied zu den Kapitalisten der alten Zeiten?\u201c fragte Gabriel.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIdioten gibt es \u00fcberall\u201d schaltete sich Tymon ein. \u201eSelbst in unserer Baubrigade. Schau dich doch nur selbst an\u201c, fuhr Tymon an Gabriel gewandt fort. \u201eDas Sch\u00f6nste an dir sind doch deine abstehenden Ohren.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Wieder kreischten alle vor Lachen. Bartek \u00f6ffnete neue Flaschen. Die M\u00e4nner waren nicht verkehrt, der Kommunismus w\u00fcrde sie schon eines Tages \u00fcberzeugen. Ryszard trank mit und dachte an Wioletta Polak. Er hatte ihr schon zwei Briefe an die Adresse der G\u00f3rskis in Nowolipie geschrieben, doch er hatte keine Antwort erhalten.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die Wochen vergingen, aber die Bauarbeiten kamen nur langsam voran. Manchmal wurde der Stahl f\u00fcr die Ger\u00fcste vor dem Ziegeln geliefert, dann st\u00fcrzten halbfertige Geb\u00e4ude ein, und Architekten und Bauleiter stritten, wer daf\u00fcr die Verantwortung trug. Eine ganze Woche lang lagen alle Arbeiten brach, weil ein Projektleiter von der Geheimpolizei als Agent des internationalen Gro\u00dfkapitals enttarnt worden war. Zugleich machte sich der Schlendrian breit, die ersten Trinker fielen aus der Rolle und wurden heimgeschickt. Bald waren Schl\u00e4gereien an der Tagesordnung, bis die Baupolizei durchgriff und die auff\u00e4lligsten Randalierer verhaftete.<\/p>\n<p>&nbsp; Sechs Wochen nach Ryszard Ankunft gab es einen arbeitsfreien Tag.&nbsp; Alle Arbeiter mussten sich auf einem weiten, ebenen Gel\u00e4nde versammeln, an dessen Frontseite eine Trib\u00fcne errichtet worden war. Nachdem eine halbe Hundertschaft Soldaten Aufstellung bezogen hatte, fuhr ein Konvoi aus f\u00fcnf schwarzen Limousinen vor. Dem zweiten Wagen entstieg Staatspr\u00e4sident Boles\u0142aw Bierut, um&nbsp; die Trib\u00fcne&nbsp; zu besteigen.&nbsp; J\u00f3zef, der in einer der hinteren Reihen stand, klatschte wie alle anderen, als der Bauleiter den hohen Gast begr\u00fc\u00dfte. Der Staatspr\u00e4sident winkte der Menge huldvoll zu und begann mit einer Rede, die niemand verstehen konnte, weil die&nbsp; Lautsprecheranlage nicht funktionierte. Nur die Gesten des kleinen Mannes vorne auf der Trib\u00fcne waren zu erkennen. Abwechselnd wies er mit dem Zeigefinger nach oben oder sch\u00fcttelte die Faust. Dann war der Staatspr\u00e4sident fertig. Auf ein Zeichen der Vorarbeiter klatschten die Zuh\u00f6rer. Wieder winkte der Staatspr\u00e4sident der Menge zu, dann entschwand er in seinem schwarzen Lada. Anschlie\u00dfend gab es Freibier und ein dreifaches Hoch auf die Partei.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; An den Wochenenden blieben die meisten Arbeiter in den Unterk\u00fcnften, um Geld zu sparen. Vor lauter Langeweile begannen die M\u00e4nner Pr\u00fcgeleien oder soffen billigen Fusel, meist das zweite vor dem ersten. Ein junger Mann aus Legnica wurde als Dieb enttarnt und verhaftet.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Gabriel fragte den Vorarbeiter, wo man eine Messe besuchen k\u00f6nne.&nbsp; Bartek Karlicz sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eMeine G\u00fcte, Gabriel, bist du denn von gestern? Kirchen und Pfaffen haben in Nowa Huta nichts zu suchen. Nowa Huta wird eine neue Stadt f\u00fcr den neuen Menschen sein. Da w\u00fcrde die Religion in ihrer R\u00fcckst\u00e4ndigkeit nur st\u00f6ren.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard h\u00f6rte es und schwieg. Dass er nun schon seit Monaten in Nowa Huta lebte, ohne dass er ein einziges Mal in der Kirche gewesen war, kam ihm falsch vor. Zwei Arbeiter aus dem Nachbarzimmer beklagten sich bei Bartek Karlicz, dass in Nowa Huta an alles gedacht w\u00fcrde, nur nicht an eine Kirche. \u201eUnd das mit gutem Grund\u201c, erwiderte Bartek barsch. \u201eNowa Huta wird eine moderne Stadt sein, eine Stadt ohne Gott, eine Stadt der Zukunft.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Immer wieder kamen Priester aus Krakau und versuchten, Zutritt zu den Baustellen zu erhalten. Einer von ihnen, der sich Bruder Erasmus nannte, stand im Priesterornat und mit schadhaftem Schuhwerk an der Bushaltestelle und spendete jedem, der vor\u00fcberkam, seinen Segen. \u201eDer Segen des Herrn&nbsp; sei mit dir, mein Sohn\u201c, rief er, als der Bartek mit Angeh\u00f6rigen des Sicherheitsdienstes herbeieilte, um den Priester zu verjagen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Der Herbst brachte heftige St\u00fcrme, doch in den Baracken wurde gut geheizt. Die Bauarbeiten dauerten an, vornehmlich im Innern der bereits fertiggestellten Geb\u00e4ude und an den Zufahrtswegen. Weil immer wieder der Strom ausfiel, wurde ein neues Kraftwerk in der unmittelbaren Umgebung von Nowa Huta errichtet, aber auch dessen Betrieb verlief nicht st\u00f6rungsfrei.<\/p>\n<p>&nbsp; Im Dezember fielen die Temperaturen unter null Grad, und die Arbeiten gerieten ins Stocken. Schlie\u00dflich wurde der Baubetrieb zu Weihnachten und zum Jahreswechsel zwei Wochen lang ganz eingestellt.&nbsp; Das wunderte Ryszard, denn was hatten die Kommunisten mit der Geburt Jesu zu tun? Aber selbst Tymon fuhr zu seiner Familie nach Bia\u0142ystok &#8211; \u201enur meiner Mutter zuliebe\u201c, wie er versicherte.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard blieb \u00fcber den Jahreswechsel in Nowa Huta, weil er der Familie grollte. Auch von Wioletta Polak hatte er nichts mehr geh\u00f6rt. Vielleicht hatte sie seine Post \u00fcberhaupt nicht erhalten. Oder ihre Antworten wurden zur\u00fcckgehalten. Bartek, daraufhin befragt, ging zur Poststelle, um sich nach nicht ausgelieferter Post zu erkundigen. \u201eNichts\u201c, sagte er, als er zur\u00fcckkam. \u201eAlle Briefe wurden ordnungsgem\u00e4\u00df verteilt.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Kurz darauf erhielt Ryszard ein gro\u00dfes Paket voller Konserven, dazu einen Pullover, den Maria f\u00fcr ihn gestrickt hatte und einen knurrigen Brief von J\u00f3zef, in dem ihn er schrieb, dass Ryszard jederzeit wieder auf dem Hof willkommen sei. Auch \u00fcber das Erbe k\u00f6nne man noch einmal reden. Das klang ganz und gar nicht nach seinem Schwager. Hier hatte seine Schwester ihre Hand im Spiel gehabt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Im Januar kehrten die meisten Besch\u00e4ftigten wieder nach Nowa Huta zur\u00fcck. Inzwischen lag das ganze Gel\u00e4nde unter tiefem Schnee begraben, selbst die Barackent\u00fcren waren wegen des Schnees kaum zu \u00f6ffnen. Bartek ging mit Kannen voller Herbata durch die Bracken und h\u00f6rte sich an, was die M\u00e4nner nach ihrer R\u00fcckkehr zu erz\u00e4hlen hatten. Einem war w\u00e4hrend seiner Zeit in Nowa Huta die Frau von der Fahne gesprungen, einem anderen war die Mutter gestorben, das Kind eines dritten war krank. F\u00fcr jeden hatte der Vorabreiter ein freundliches Wort, eine Geschichte oder einen Rat, als w\u00e4re er ein Priester.<\/p>\n<p>&nbsp; Auch Ryszard sprach mit ihm und erz\u00e4hlte Bartek von dem Familienstreit und seiner unerwiderten Liebe zu Wioletta Polak. Bartek wiegte den Kopf hin und her und sagte, dass Liebe braucht Zeit brauche, sogar im Sozialismus. So sei das eben, die Frauen im Sozialismus seien au\u00dferdem selbstbewusster als fr\u00fcher, was sie als Partnerinnen wertvoller, aber auch schwieriger mache. Er selber habe um seine Frau nicht weniger als vier Jahre werben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp; Ein andermal sprachen sie \u00fcber den&nbsp; Sozialismus, und Bartek erz\u00e4hlte Ryszard die Geschichte der Gro\u00dfen Oktoberrevolution. Gebannt lauschte Ryszard Barteks Beschreibung der vorrevolution\u00e4ren Situation, der Not der Massen unter der zaristischen Autokratie, von Lenin und Stalin und dem blutigen B\u00fcrgerkrieg gegen die reaktion\u00e4ren wei\u00dfen Gener\u00e4le. Selbst die Polen waren damals \u00fcber das Vaterland der Werkt\u00e4tigen hergefallen, erz\u00e4hlte Bartek. Davon hatte Ryszard noch niemals etwas geh\u00f6rt, und auch wenn er nicht alles glauben mochte, was Bartek erz\u00e4hlte, h\u00f6rte er dem Vorarbeiter gerne zu, weil seine Geschichten gut ausgingen und weil der Zielpunkt seiner Erz\u00e4hlungen eine bessere Zukunft war.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Im Februar wurde es noch k\u00e4lter. Die Heizung fiel tagelang aus, und die ersten M\u00e4nner mussten mit Erfrierungen ins Krankenhaus nach Krakau eingeliefert werden. Andere wurden wegen &nbsp;Alkoholvergiftungen behandelt. Die Zahl der Schl\u00e4gereien in den Baracken nahm \u00fcberhand, die&nbsp; Zimmer verwahrlosten, und L\u00e4useplagen traten auf, obwohl jede Menge Insektengift verspr\u00fcht wurde.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Erst ab Ende Februar, als es pl\u00f6tzlich wieder w\u00e4rmer wurde, konnte mit der Arbeit erneut begonnen werden. Der Betrieb war gerade erst wieder in Gang gekommen, als Anfang M\u00e4rz die Barackeninsassen durch scheppernde Trauermusik im Morgengrauen geweckt wurden. Alle Arbeiter wurden \u00fcber Lautsprecher und Megaphone aufgefordert, sich&nbsp; innerhalb der n\u00e4chsten Stunde auf dem gro\u00dfen Versammlungsplatz einzufinden. Teilnahme sei Pflicht. Nichterscheinen werde streng geahndet.<\/p>\n<p>&nbsp; Noch bevor sich alle Bauarbeiter auf dem gro\u00dfen Versammlungsplatz eingefunden hatten, sickerte die Nachricht durch: STALIN WAR TOT.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eEndlich ist der Mistkerl hin\u201c, entfuhr es Gabriel.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWenn du dein vorlautes Schandmaul nicht h\u00e4ltst, wird es dir noch einmal schlecht ergehen\u201c, zischte Tymon, w\u00e4hrend er eilig aufstand, um sich anzuziehen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard stand w\u00e4hrend der Trauerkundgebung viel zu weit hinten, um zu erkennen, wer vorne sprach. \u201eDer Vater der&nbsp; V\u00f6lker ist von uns gegangen\u201c verk\u00fcndete der Mann auf der Holztrib\u00fcne mit einer merkw\u00fcrdig verzerrten Lautsprecherstimme. \u201eGestern Morgen ist Marschall Stalin in Moskau verstorben. Die gesamte kommunistische Welt trauert, ist aber wachsam. Ein Ausschuss f\u00fchrender Genossen des Zentralkomitees hat in der UdSSR die Regierungsgesch\u00e4fte \u00fcbernommen. Alle Streitkr\u00e4fte stehen bereit, falls der imperialistische Klassenfeind \u00dcbergriffe plant.\u201c Totenstille herrschte auf dem Versammlungsplatz. Weder Ger\u00e4usche der Trauer noch Jubel waren zu h\u00f6ren. Der Redner&nbsp; sprach weiter und pries den Verstorbenen als&nbsp; Lenins bedeutendsten Sch\u00fcler, als weisen F\u00fchrer des Weltkommunismus, als Vater der russischen Industrialisierung und als Sieger \u00fcber Nazi-Deutschland.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Drei Tage lang hingen die Fahnen auf Halbmast, drei Tage lang wurde nicht gearbeitet. Daf\u00fcr fanden pausenlos Zusammenk\u00fcnfte statt, auf denen die Arbeiter \u00fcber Stalins weltgeschichtliche Bedeutung informiert wurden. Nach jeder Sitzung meldeten sich Aktivisten zu Wort und legten gl\u00fchende Bekenntnisse zum Sozialismus ab. \u201eDer Tod Stalins ist uns Aufgabe und Verpflichtung\u201c stand in gro\u00dfen Lettern auf der ersten Seite der Parteizeitung zu lesen, die tausendfach&nbsp; in den Unterk\u00fcnften verteilt wurde. Und daneben: \u201eDer internationale Klassenkampf duldet keine Pause. Arbeiter verpflichten sich zu Sonderschichten zu Ehren Stalins.\u201c So war es auch in Nowa Huta. Eine spontan zusammengerufene Sitzung der Baracken\u00e4ltesten von Nowa Huta entschied, dass alle Bauarbeiter zwei Wochen lang umsonst zu Ehren Stalins arbeiten w\u00fcrden.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Im Rahmen dieser Sonderschichten kam es in einem anderen Teil des Baugel\u00e4ndes von Nowa Huta&nbsp; zu einem aufsehenerregenden Rekordversuch. Einem polnischer Arbeiter, vom Tode Stalin tief ersch\u00fcttert und fest entschlossen, sich noch r\u00fcckhaltloser dem Sozialismus zu verschreiben, gelang die Verarbeitung von 30.000 Ziegeln in einer einzigen Schicht. Sein Name war Mateusz Birkut, und die Bauleitung von Nowa Huta sorgte daf\u00fcr, dass die Nachricht von dieser sozialistischen Heldentat im ganzen Land verbreitet wurde.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDas ist ein Drecksack\u201c meinte Gabriel hinter vorgehaltener Hand. \u201eUnd dieser Rekord ist Schwindel. Seine ganze Maurerbrigade hat dem Kerl die Ziegel hinterhergetragen, damit er m\u00f6glichst viele davon in seiner Schicht verarbeiten konnte. Du wirst sehen, dass die Bauleiter diesen Schwindel dazu ausnutzen werden, die Arbeitsnormen auf den Baustellen zu erh\u00f6hen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Am Ende des Monats erhielt Ryszard endlich Post von Wioletta Polak. Er hatte schon nicht mehr damit gerechnet und z\u00f6gerte lange, den Brief zu \u00f6ffnen. Schlie\u00dflich fasste er sich ein Herz und las, dass Wioletta Polak von Warschau nach Nowolipie umgezogen war. Sie w\u00fcrde von jetzt an auf dem G\u00f3rskihof bei ihrer Schwester wohnen und alles Weitere w\u00fcrde sich finden. Wieder diese vage Wendung, die alles M\u00f6gliche bedeuten konnte. Auch warum Wioletta Warschau verlassen hatte, war dem Brief nicht zu entnehmen. Am Ende entschuldigte sich Wioletta daf\u00fcr, die Briefe von Ryszard nicht beantwortet zu haben. Sie habe sie aber alle gelesen, und wenn er noch so f\u00fcr sie empfinde, wie es in den Briefen zu Ausdruck komme, dann freue sie sich auf ein Wiedersehen.<\/p>\n<p>&nbsp; Ryszard las den Brief wohl ein dutzendmal, vor allem das Ende, in dem Wioletta auf ihn zu sprechen kam. Besonders liebevoll klangen die Zeilen nicht, auf der anderen Seite hatte sie ein Wiedersehen in Aussicht gestellt. Eine Zeitlang wusste Ryszard nicht, wie er sich verhalten sollte, doch je mehr Zeit verstrich, je klarer wurde ihm, was er wollte. Nach der n\u00e4chsten Barackenbesprechung ging Ryszard zu Bartek dem Vorabreiter und k\u00fcndigte seine Verpflichtung zum n\u00e4chstm\u00f6glichen Termin. In Nowolipie warte eine Braut auf ihn, endlich habe sie sich bei ihm gemeldet. Bartek war nicht erfreut \u00fcber diese Nachricht, lie\u00df sich aber \u00fcberzeugen. \u201eGeh in dein Dorf zur\u00fcck und heirate\u201c, sagte er am Ende. \u201eVielleicht aber sehen wir uns schneller wieder als du denkst.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Als Ryszard Nowa Huta verlie\u00df, waren schon erste Umrisse der geplanten Stadt zu erkennen. Die Prachtallee war halb fertig, die Arbeiten an den gro\u00dfen Wohnblocks hatten begonnen. Geplant waren ger\u00e4umige Wohnungen mit Balkonen, von denen aus ihre Bewohner auf Parkanlagen herabsehen w\u00fcrden. Wenn das wirklich der Kommunismus war, dann war er vielleicht doch nicht so schlecht, dachte Ryszard.<\/p>\n<p>&nbsp; Tymon, Gabriel und Oliver sch\u00fcttelten Ryszard zum Abschied die Hand und w\u00fcnschten ihm alles Gute. Sie tauschten ihre Adressen aus und versprachen, sich gegenseitig zu besuchen. Wahrscheinlich w\u00fcrden sie sich nie mehr wiedersehen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNicht schlecht, dass du jetzt die Baustelle verl\u00e4sst\u201c, meinte Gabriel. \u201eIn eine paar Jahren wird hier schon wieder alles vergammelt sein.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIn ein paar Jahren werde ich hier wohnen und dir von meinem Balkon aus auf deine Glatze spucken &#8211; falls du da nicht schon im Gulag bist\u201d, widersprach Tymon.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eGu-Gu-Gulag? Was ist denn das?\u201d fragte Olivier.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-8358\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;Anfang der F\u00fcnfziger Jahre: Marias Bruder Ryszard Kali\u0144ski \u00fcberwirft sich mit seinem Schwager J\u00f3zef Ko\u0142ek und meldet sich freiwillig als Arbeiter nach Nowa Huta, der sozialistischen Modellstadt, die in der N\u00e4he von Krakau. entstehen soll &nbsp;&nbsp; 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