{"id":8419,"date":"2022-01-12T07:26:16","date_gmt":"2022-01-12T07:26:16","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=8419"},"modified":"2025-06-03T10:32:50","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:50","slug":"leseprobe-2-das-massaker-aus-kapitel-4-im-buch-s-63-81","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-2-das-massaker-aus-kapitel-4-im-buch-s-63-81\/","title":{"rendered":"Leseprobe 2: DAS MASSAKER (aus Kapitel 4 &#8211; im Buch S. 63-81)"},"content":{"rendered":"<p><strong><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-8364 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-900x613.jpg\" alt=\"\" width=\"355\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-900x613.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-1762x1200.jpg 1762w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-768x523.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-1536x1046.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/03_20211014_110003-1-2048x1395.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/>Das Dorf Nowolipie und der gesamte Bezirk Ruk\u00f3w sind von der deutschen Armee besetzt. Lokale&nbsp; Selbstschutzverb\u00e4nde aus volksdeutschen Siedlern unterst\u00fctzen die Gestapo bei der Verfolgung von Widerst\u00e4ndlern. Gem\u00e4\u00dfigte volksdeutsche Bauern wie Adolf Radler resignieren und planen mit ihrer Familie die R\u00fcckkehr nach Deutschland. Da wird sein Hof Opfer eines Raub\u00fcberfalls &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp; Das war nicht mehr das Land, in dem Adolf Radler leben wollte. Bald&nbsp; nach der Gr\u00fcndung des volksdeutschen Selbstschutzbundes hatte er begonnen, seinen Hof und seinen Grund zum Verkauf anzubieten, nicht offen, sondern unter der Hand, eine Parzelle hier, ein Waldst\u00fcck dort, dann das Vieh und schlie\u00dflich den ganzen Hof an einen umgesiedelten polnischen Bauern aus Toru\u0144. Die Preise waren schlecht gewesen, wenngleich nicht ganz so schlecht wie er bef\u00fcrchtet hatte. F\u00fcr einen Neuanfang in Deutschland w\u00fcrde es reichen.<\/p>\n<p>&nbsp; Seine Knechte entlie\u00df er nach und nach mit aufgerundeter Entlohnung und Abschiedsgeschenken. Ein Sack Kartoffeln, ein Pferd, ein Werkst\u00fcck, einen Silbertaler &#8211;&nbsp; f\u00fcr jeden hatte er etwas vorbereitet, und die Knechte dankten es ihm von Herzen. Nur der Knecht&nbsp; Antatoli Mazurek war nicht zufrieden. Er hatte ein St\u00fcck Feld haben wollen, hatte sogar angeboten, einen Teil des Landes zu bezahlen, doch Radler&nbsp; hatte abgelehnt. Noch vor dem abschlie\u00dfenden Wodkaumtrunk mit den letzten Knechten war Anatoli Mazurek w\u00fctend vom Hof gest\u00fcrmt.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Nun waren alle fort, au\u00dfer Jakub, dem \u00e4ltesten Knecht. Jakub war ein ehemaliger polnischer Bauer, der schon seit Jahren bei Adolf Radler&nbsp; im Lohn stand. Er w\u00fcrde in der Scheune schlafen und sich am n\u00e4chsten Morgen mit dem Pferd, das ihm der Radlerbauer zum Abschied geschenkt hatte, auf den langen Weg in die Biszcaden machen, wo seine Schwester lebte.<\/p>\n<p>&nbsp; Nachdem alle Knechte und M\u00e4gde au\u00dfer Jakub den Hof verlassen hatten, sa\u00df die Familie Radler&nbsp; noch lange im gro\u00dfen Zimmer des Haupthauses beieinander. Die Eltern waren schweigsam, denn sie wussten nicht wirklich, was die Zukunft bringen w\u00fcrde. Dass er nicht wie sonst in diesen Tagen die Fr\u00fchjahrsaussaat besorgte, kam Adolf Radler falsch vor. Aber es war wie es war, der&nbsp; Abschied r\u00fcckte heran. Schon Ende der Woche w\u00fcrden die Wagen kommen und den Hausstand zur Eisenbahn nach Ruk\u00f3w transportieren. Vorher w\u00fcrde er sich noch von seinen deutschen Landsleuten verabschieden m\u00fcssen, aber auch das w\u00fcrde vor\u00fcbergehen. Vielleicht w\u00fcrde er noch zu Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; gehen und mit ihm einen Wodka trinken.<\/p>\n<p>&nbsp; Hildegard Radler&nbsp; schwieg und dachte daran, wie sie vor Jahren als Braut des jungen Radler&nbsp; in dieses Land gekommen war. Es war eine von der deutschen Verwandtschaft arrangiere Ehe gewesen, mit dem bescheidenen Ausma\u00df von Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck, das man fernab der Heimat zu ertragen hatte. Nun w\u00fcrde sie Polen wieder verlassen, was Hildegard Radler&nbsp; nicht sonderlich bedr\u00fcckte, denn das, was ihr wichtig war, ihre Kinder,&nbsp; w\u00fcrden ihr bleiben. Die erwachsenen S\u00f6hne Lutz und Martin&nbsp; waren guter Dinge. Sie h\u00e4tten ihr Leben ohnehin nicht in der polnischen Provinz verbringen wollen, und freuten sich auf die M\u00f6glichkeiten, die ihnen Deutschland bieten w\u00fcrde. Als erstes w\u00fcrde die Einberufung zur deutschen Reichswehr auf sie warten, doch nach dem Krieg w\u00fcrden ihnen alle T\u00fcren offen stehen.<\/p>\n<p>&nbsp; Der j\u00fcngste Sohn Heinrich grollte den Eltern ein wenig, weil sie die Hunde nicht mitnehmen wollten. Sie waren bereits dem Schraderbauern \u00fcbergeben worden. Die kleine Hilda Radler&nbsp; sa\u00df auf dem Scho\u00df der Mutter und hatte den Kopf an ihre Schultern gelehnt. Sie verstand nicht recht, was vor sich ging und war unsicher, ob sie sich freuen oder f\u00fcrchten sollte. Halb aus Ratlosigkeit, halb aus M\u00fcdigkeit lief ihre eine kleine Tr\u00e4ne \u00fcber die Wange.<\/p>\n<p>&nbsp; Zwei Stunden nach Mitternacht, als alle schon schliefen,&nbsp; gab es ein Ger\u00e4usch&nbsp; am Hauseingang. Niemand wachte auf, als sechs Gestalten durch die T\u00fcre ins Hausinnere schlichen. Sie waren vermummt und wussten genau, wohin sie wollten. Zuerst liefen sie in den ersten Stock des Hauses, wo sie sich vor den Schlafkammern der Eltern und der S\u00f6hne aufteilten. Drei verkleidete Gestalten drangen leise in das Schlafzimmer der Eltern ein und erstachen Adolf Radler&nbsp; im Schaf. Hildegard Radler&nbsp; die dabei aufwachte, wurde die Kehle durchgeschnitten, noch ehe sie schreien konnte. Gleichzeitig fielen drei Eindringlinge \u00fcber die beiden \u00e4lteren S\u00f6hne im Nachbarzimmer her. Lutz Radler hatte die Ger\u00e4usche&nbsp; geh\u00f6rt und&nbsp; war aufgestanden, da flog die T\u00fcre auf und mit einem wuchtigen Hieb spaltete einer der R\u00e4uber ihm den Kopf mit einem Beil. Martin lag noch im Bett, als ihn die Stiche in Hals und Brust trafen. Inzwischen war Hilda Radler&nbsp; vom L\u00e4rm erwacht und zum Zimmer der Eltern gelaufen. Als sie ihre Mutter in ihrem Blut sah, begann sie zu schreien. Sofort wurde sie von einem der Angreifer auf das Bett gedr\u00fcckt und mit einem Kissen erstickt. Die Beinchen zuckten noch ein paarmal, dann entwich das Leben aus ihr wie aus einem Gef\u00e4\u00df, in dem es ohnehin nicht lange heimisch gewesen war. Heinrich, der j\u00fcngste Sohn, der sein Zimmer in der zweiten Etage hatte, kam die Treppe heruntergelaufen und sah die Spuren des Gemetzels in den offenen T\u00fcren. Den Bruder und den Vater mit den Messern im Leib, die&nbsp; Mutter mit der durchgeschnittenen Kehle, das letzte Zucken der kleinen Schwester. Er schrie, dann traf auch ihn das Beil.<\/p>\n<p>&nbsp; Schnell fanden die R\u00e4uber die Kassette, in der sich das Geld f\u00fcr den verkauften Hof befand. Auch der Schmuck der B\u00e4uerin wanderte in die Taschen der R\u00e4uber.&nbsp; So viel an Pelzen, M\u00e4nteln und Stiefeln wie die Eindringlinge tragen konnten, wurde vom Hof geschleppt und auf einer Pferdekarre verladen. Gewehre und Munition fanden sie nicht, denn die hatte Radler schon an den volksdeutschen Selbstschutzbund zur\u00fcckgegeben. Die Durchsuchung des Hauses vollzog sich gr\u00fcndlich und zielgerichtet, wenngleich nicht mehr so ger\u00e4uschlos wie vorher, denn niemand hatte den \u00dcberfall \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>&nbsp; Niemand au\u00dfer Jakub, der in der Scheune geschlafen hatte und durch den Schrei der kleinen Hilda Radler wachgeworden war. Jakub hatte eine halbe Flasche Wodka zur Nacht getrunken und war so benebelt, dass er zun\u00e4chst an eine T\u00e4uschung glaubte. Dann gellte der Todesschrei Heinrich Radlers \u00fcber den Hof, und schlagartig wurde dem Knecht bewusst, was sich im Haus abspielte. Vorsichtig schlich sich&nbsp; Jakub aus der Scheune und beobachtete das Herrenhaus.&nbsp; Nach einer halben Stunde kamen sechs vermummte M\u00e4nner aus dem Haus, beladen mit M\u00e4nteln, Jacken, Kassetten und K\u00f6rben und verschwanden im benachbarten Wald. Was sie gesucht hatten, hatten sie gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp; Jakub wartete noch eine Weile, dann n\u00e4herte er sich dem Haupthaus. Die T\u00fcre stand offen, es roch nach Blut und Tod. Als er die Leichen im ersten Stock sah, bekreuzigte er sich und fl\u00fcchtete aus dem Haus.<\/p>\n<p>&nbsp; So schnell er konnte, ritt Jakub auf dem alten Klepper, den ihm der Radler&nbsp; geschenkt hatte, nach Nowolipie. Die tiefste Nacht war bereits vor\u00fcber. Die Sterne begannen zu verblassen und ein fahler wei\u00dfer Himmel w\u00f6lbte sich \u00fcber das Land. Es war der 14. April 1940.<\/p>\n<p>&nbsp; Das Haus des Ortsvorstehers Fryderyk Kowalski befand sich gleich neben der Dorfkirche. Auf Jakubs heftiges Klopfen \u00f6ffnete Kowalski die T\u00fcre seines Hauses. Seine sonst immer sorgsam gek\u00e4mmten Haare lagen ihm struppig auf dem Kopf. Als Jakub ihm berichtete, was geschehen war, wurden Kowalski die Knie weich, und er musste sich setzen. Seine Frau Gerda erschien auf der Treppe, zusammen mit den beiden S\u00f6hnen Oleg und Edwin.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDer Radlerbauer und seine ganze Familie sind auf ihrem Hof ermordet worden\u201c, sagte Kowalski mit tonloser Stimme zu seiner Frau.<\/p>\n<p>&nbsp; Gerda Kowalska riss die Augen auf.&nbsp; \u201eVon wem? Von Partisanen?\u201c .<\/p>\n<p>&nbsp; Fragend blickte Kowalski den Knecht an.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNein, es waren Kriminelle, sie haben die Schr\u00e4nke durchw\u00fchlt, und ich sah, wie sie ihre Beute aus dem Haus herausschleppten\u201c, erkl\u00e4rte Jakub.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWir m\u00fcssen es den Deutschen melden\u2026\u201c meinte Kowalski wie zu sich selbst.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eSie werden sich furchtbar r\u00e4chen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eSie werden die Morde auf jeden Fall entdecken, dann ist es besser, wir teilen es ihnen gleich mit. Au\u00dferdem sind wir unschuldig. Die Deutschen wissen, dass Kriminelle die Gegend unsicher machen\u201c, erwiderte Kowalski und winkte seine S\u00f6hne heran. Oleg und Edwin Kowalski mochten achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein und \u00e4hnelten ihrem polnischen Vater. Sie besa\u00dfen das gleiche kantige, ehrliche Gesicht, waren schlank, kr\u00e4ftig und beh\u00e4nde.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eOleg, du reitest nach Ruk\u00f3w zur deutschen Kommandantur und berichtest, was vorgefallen ist. Sag auf jeden Fall, dass es ein Raub\u00fcberfall war und dass keine Partisanen beteiligt waren.\u201c Dann wandte er sich seinem zweiten Sohn zu: \u201eEdwin, du reitest zu Friedrich Bek von der volksdeutschen Selbstschutzgruppe. Dieser Bek ist unberechenbar. Besser, er erf\u00e4hrt von uns, was geschehen ist, als&nbsp; wenn er es selbst entdeckt. Ich mache mich sofort auf und gehe zum Radlerhof.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Als sich die Kowalskis vor dem Haus trennten, war die Sonne gerade aufgegangen. Rotgolden \u00fcbergossen ihre Strahlen die Umrisse der H\u00e4user, die wie gleichg\u00fcltige Komparsen&nbsp; in der Landschaft standen. Ein feiner Nebel lag \u00fcber den Feldern, der morgendliche Gesang der V\u00f6gel hatte bereits begonnen.<\/p>\n<p>&nbsp; Was Fryderyk Kowalski eine halbe Stunde sp\u00e4ter im Haus der Radlers entdeckte, \u00fcbertraf seine schlimmsten Bef\u00fcrchtungen. Diese M\u00f6rder hatten ihr Gesch\u00e4ft verstanden. Adolf Radler&nbsp; war mit einem einzigen Stich mitten ins Herz get\u00f6tet worden. Seine Frau lag in einer Blutlache auf dem Boden. Im Nebenzimmer fand Fryderyk Kowalski&nbsp; Martin Radler&nbsp; in der erstarrten Haltung seines Todeskampfes in blutigen Laken. Seinem&nbsp; \u00e4lteren Bruder Lutz war der Kopf mit einem Beil gespalten worden, ebenso dem kleinen Heinrich Radler. Unwirklich war der Anblick der kleinen Hilda, die scheinbar unverletzt unter dem Kissen lag, mit dem sie erstickt worden war.<\/p>\n<p>&nbsp; Kowalski war noch unschl\u00fcssig, was er als erstes tun sollte, als er h\u00f6rte,&nbsp; wie ein Wagen vor dem Haus stoppte. Als er aus dem Fenster blickte, sah er, wie Friedrich Bek und zwei Begleiter aus dem Fahrzeug sprangen und mit Gewehren bewaffnet auf das Haus zuliefen. Edwin hatte seinen Auftrag also bereits ausgef\u00fchrt, und der Bekbauer mit seinen Spie\u00dfgesellen r\u00fcckte an. Hinter Bek und seinen beiden Begleitern wurden in einiger Entfernung Reiter sichtbar, die auf den Hof zuhielten.<\/p>\n<p>&nbsp; Kowalski \u00f6ffnete die T\u00fcre, doch Bek stie\u00df ihn br\u00fcsk zur Seite und rannte in die&nbsp; obere Etage. Wolsch und Knauber, die ihn begleiteten, hielten dem Ortsvorsteher das Gewehr vor das Gesicht und dr\u00e4ngten ihn gegen die Holzwand.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas soll das?\u201c protestierte Kowalski verwundert. \u201eIch bin doch nicht der M\u00f6rder. Mein Sohn war es doch, der euch benachrichtigt hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ohne Vorwarnung schlug Knauber Kowalski den Gewehrknauf ins Gesicht. Kowalski brach zusammen und sp\u00fcrte, halb ohnm\u00e4chtig, die Tritte, die ihm Wolsch in die Rippen versetzte.<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Augenblick kam Friedrich Bek mit hochrotem Kopf die Treppe wieder herunter. Er hielt das Gewehr im Anschlag und schrie: \u201eGeht zur Seite.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Wolsch&nbsp; und Knauber sprangen zur Seite, Bek schoss Kowalski mitten ins Gesicht. Ein Teil des Kopfes flog durch den Raum.<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen waren die Reiter auf dem Radlerhof angekommen. Es handelte sich um Beks ukrainische Knechte, die sofort von ihren Pferden absprangen. Auf einem der Pferde sa\u00df der junge Edwin Kowalski. Er war gefesselt und hatte Bluterg\u00fcsse am Kopf.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDie ganze Familie ist ermordet worden\u201c, schrie Bek, als er aus dem Haus trat. \u201eAlle, auch die Frau und die Kinder.\u201c&nbsp; Hinter ihm traten Wolsch und Knauber auf den Hof. \u201eAbgeschlachtet mit Beilen und Messern, die ganze Familie\u201c, wiederholte Bek.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;Einen Moment erstarrte die Gruppe. Die M\u00e4nner blickten sich an, dann nahmen sie Edwin ins Visier.<\/p>\n<p>&nbsp; Langsam ging Bek auf Edwin zu, der noch immer auf dem Pferd sa\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp; Edwin Kowalski schien nicht zu verstehen, was geschah und blickte sich um \u201eWo ist mein Vater?\u201c fragte er.<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eDu wirst ihn gleich sehen\u201c, erwiderte Bek und schoss Edwin vom Pferd.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Wie viele Menschen dem Amoklauf des&nbsp; volksdeutschen Selbstschutzes in den n\u00e4chsten beiden Stunden zum Opfer fielen, konnte im nachherein nicht mehr festgestellt werden. Zu den ersten, die starben, geh\u00f6rte die Familie des Bauern Kasimir Kulenta. Kasimir Kulenta, dessen Hof noch vor zehn Jahren erheblich gr\u00f6\u00dfer und wohlhabender als der Bekhof gewesen war, befand sich bereits bei der Kartoffelernte auf dem Feld, als Beks Wagen mit hoher Geschwindigkeit in seinen Hof einfuhr und abrupt stoppte. Aus der Distanz sah Kulenta, wie Bek und seine M\u00e4nner die T\u00fcren einschlugen, ins Haus eindrangen und seine Tochter herauszerrten. Seine Frau, die ihre Tochter sch\u00fctzen wollte, wurde angeschossen. Ein Schuss, und Kulenta sah, wie seine Frau einen Meter nach hinten geschleudert wurde und zappelnd liegen blieb. Noch ein Schuss, diesmal auf die Tochter, die sich schreiend auf die noch zuckende Mutter geworfen hatte. Kulenta br\u00fcllte und begann&nbsp; mit der Hacke auf die Deutschen zuzurennen. Bek lie\u00df ihn herankommen und schoss ihm zuerst in die Beine. Als Kulenta sich auf dem Boden w\u00e4lzte, trat er \u00fcber ihn und schoss ihm in die Brust.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Sch\u00fcsse hatten das benachbarte Dorf Rodonowa geweckt. Einige M\u00e4nner liefen auf die Stra\u00dfe und sahen, dass der Hof des Kulenta in Flammen stand.&nbsp; Zuerst wusste niemand, was vor sich ging, dann lief der Knecht Olak Sziporski \u00fcber die Stra\u00dfe&nbsp; und schrie: \u201eDie Deutschen setzen unsere H\u00f6fe in Brand\u201c. Er begann immer schneller die Stra\u00dfe herunter zu laufen. \u201eFlieht, flieht\u201c, rief er und rannte in Richtung Wald. Doch die Deutschen hatten bereits das Dorf erreicht. Mit voller Wucht rammte ein Reiter den fliehenden Mann, der sofort zu Boden st\u00fcrzte. Noch ehe er sich erheben konnte, wurde der Knecht mit mehreren Gewehrsch\u00fcssen aus n\u00e4chster N\u00e4he get\u00f6tet.<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen hatte Bek mit seinem Fahrzeug Rodonowa erreicht.&nbsp; Er sprang aus dem Wagen und br\u00fcllte: \u201eVerhaftet alle M\u00e4nner und bringt sie zum Radlerhof. Wer sich wehrt \u2013 erschie\u00dfen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Elf Selbstschutzangeh\u00f6rige schw\u00e4rmten sofort aus und h\u00e4mmerten mit F\u00e4usten und Gewehrkolben an die T\u00fcren der H\u00e4user. Gewehrsch\u00fcsse, Geschrei, Fensterscheibengeklirr, Splittern, Fluchen und Hilferufe hallten durch das Dorf.&nbsp; Alle M\u00e4nner, die&nbsp; \u00f6ffneten, wurden sofort abgef\u00fchrt, ihre Frauen und Kinder in die H\u00e4user zur\u00fcckgesto\u00dfen.&nbsp; An die T\u00fcren, die nicht ge\u00f6ffnet wurden, legten die Deutschen Feuer, das von den Bewohnern gel\u00f6scht wurde, sobald die H\u00e4scher hinter der n\u00e4chsten Ecke verschwunden waren.<\/p>\n<p>&nbsp; Langsam erreichte die Sonne ihren Zenit. Es gab keinen Schutz mehr, kein Recht, kein Erbarmen und nicht einmal einen Schatten.<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen hatte sich Oleg Kowalski im Gestapo-Quartier von&nbsp; Ruk\u00f3w gemeldet. Nachdem er den Wachen von den Vorf\u00e4llen in Rodonowa berichtet hatte, wurde er sofort zu Hauptmann Baller gef\u00fchrt. Vor Baller und einem halben Dutzend SS M\u00e4nnern schilderte Oleg noch einmal, was sich zugetragen hatte. Als er vor Aufregung zu stottern begann, erhielt er die erste Ohrfeige von einem Adjutanten des Hauptmanns.<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Baller war wie vom Donner ger\u00fchrt. Kein Zweifel, der&nbsp; polnische Feind erhob sein Haupt aus dem Hinterhalt. Er hatte immer schon gewusst, dass die Kooperation der Polen reine T\u00e4uschung war. Dieser \u00dcberfall sollte das Werk von Kriminellen sein? L\u00e4cherlich. Niemals w\u00fcrden die Kriminellen es wagen, deutsche Bauern zu \u00fcberfallen. Aber was w\u00e4re, wenn diese Nachricht eine Falle war? Wenn die Gestapo&nbsp; in einen Hinterhalt gelockt werden sollte? Baller befahl dem Jungen zwei Finger zu brechen, um N\u00e4heres herauszubekommen. Oleg schrie vor Schmerzen, konnte aber nur wiederholen, was er von dem Knecht geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp; Noch immer unschl\u00fcssig rief Baller seinen Vorgesetzten SS-Oberf\u00fchrer von Alvensleben \u00fcber Funk in Lublin an. Auch Odilo Globocnik der SS-Brigadef\u00fchrer und Oberbefehlshaber der SS in ganz Ostpolen wurde per Telegramm benachrichtigt, ebenso die Wehrmacht, die sich jedoch f\u00fcr nicht zust\u00e4ndig erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>&nbsp; SS Oberf\u00fchrer von&nbsp; Alvensleben war gerade von seinem Rittergut aus dem Warthegau zur\u00fcckgekehrt, meldete sich \u00fcber Funk zur\u00fcck und h\u00f6rte sich an, was ihm Baller vortrug. Als Baller geendet hatte, klang von Alvenslebens Antwort blechern durch die Leitung:&nbsp; \u201ePartisanen! Ganz eindeutig\u201c, stellte er fest. \u201eSchnell und hart reagieren!\u201c ordnete er an, was immer das bedeuten mochte. SS Verb\u00e4nde aus Ruk\u00f3w und Lublin sollten sich umgehend nach Rodonowa begeben. Eile sei geboten. Er selbst werde am fr\u00fchen Nachmittag vor Ort sein.<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Baller best\u00e4tigte den Erhalt der Befehle und ben\u00f6tigte f\u00fcr ihre Umsetzung eine weitere halbe Stunde. Dann rief er seine Einsatztruppe zusammen und verlie\u00df das Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas soll mit dem Jungen&nbsp; geschehen?\u201c rief ihm ein SS-Mann hinterher. Baller drehte sich um und sah Oleg Kowalski, wie er zwischen zwei SS Wachen stand und sich die gebrochenen Finger hielt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eLiquidieren!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Die Nachricht vom Mord an der Familie Radler&nbsp; und vom Amoklauf der Deutschen hatte sich in Windeseile verbreitet. In den D\u00f6rfern standen die Menschen diskutierend auf den Stra\u00dfen, die sich sofort leerten, wenn deutsche Konvois auftauchten. Baller, der an der Spitze einer motorisierten SS-Einheit von Ruk\u00f3w nach Rodonowa fuhr, bemerkte die Unruhe und ordnete an, dass in jedem Dorf eine SS-Wache die Hauptkreuzungen sichern sollte. Die Dorfbewohner wurden aufgefordert, sich in die H\u00e4user zur\u00fcckzuziehen und Ruhe zu bewahren.<\/p>\n<p>&nbsp; Als Baller mit&nbsp; seiner Truppe den Radlerhof erreichte, erkannte er die Geb\u00e4ude sofort wieder. Hier war er im letzten Herbst zu Gast gewesen, als der volksdeutsche Selbstschutz gegr\u00fcndet worden war. Nun herrschte auf dem Hof ein unbeschreiblicher Aufruhr. Etwa zwei Dutzend polnische M\u00e4nner standen&nbsp; heftig gestikulierend und eng zusammengedr\u00e4ngt neben der Scheune. Sie wurden von einem halben Dutzend Volksdeutscher mit entsicherten Gewehren in Schach gehalten.&nbsp; Zwei Personen lagen tot neben dem Brunnen auf der blo\u00dfen Erde. Dem \u00e4lteren von beiden fehlte der halbe Kopf, die Brust des J\u00fcngeren war von Kugeln zerfetzt. \u00dcber dem Geschrei der polnischen Bauern und der Volksdeutschen erhob sich wie ein bizarrer Oberton das Heulen von Frauen und Kindern, die vor dem Zaun standen und die Freilassung ihrer M\u00e4nner verlangten.<\/p>\n<p>&nbsp; Auf einen Wink von Baller sprangen die SS-Leute aus ihren Fahrzeugen, sicherten den Eingang und umstellten Polen und Volksdeutsche.&nbsp; Die Volksdeutschen senkten die Waffen, auch die Polen schienen sich zu beruhigen.<\/p>\n<p>&nbsp; Baller erkannte Friedrich Bek an der Scheune und rief ihn zu sich.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas geht hier vor?\u201c, herrschte er ihn an.<\/p>\n<p>&nbsp; Bek lie\u00df sich von Ballers harschem Ton nicht beeindrucken und antwortete: \u201eWir bewachen den Tatort. Und wir haben begonnen, die M\u00e4nner aus der Umgebung zu verh\u00f6ren. Sie behaupten, nichts zu wissen. Zwei von ihnen haben uns angegriffen und mussten liquidiert werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWie viele Volksdeutsche stehen unter ihrem Kommando?\u201c wollte Baller wissen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDrei. Sechs meiner M\u00e4nner sind zuverl\u00e4ssige ukrainische Knechte. Die Volksdeutschen der Region sind benachrichtigt und auf dem Weg.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Baller ging zum Brunnen und inspizierte die beiden Leichen. \u201eDas ist ja der Kowalski aus Nowolipie \u201c, wunderte sich Baller und blickte Bek an. \u201eSie haben einen Ortsvorsteher erschossen? Mann, seine Frau ist eine Deutsche!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eEr hat die Untersuchungen behindert\u201c behauptete Bek.<\/p>\n<p>\u201eUnd wer ist der Junge?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSein Sohn. Er hat den Vater unterst\u00fctzt.\u201c Bek wurde unbehaglich zumute. Er hatte einen Halbdeutschen erschossen. Aber gab es das \u00fcberhaupt? Einen Halbdeutschen? Wer sich mit Polen einlie\u00df, verlor doch sein Deutschtum.<\/p>\n<p>&nbsp; Ballers Miene wurde eisig und verhei\u00df nichts Gutes. Er blickte \u00fcber den Hof, auf dem es jetzt ruhig geworden war. Nur das Heulen der Frauen vor dem Tor war noch zu h\u00f6ren. Die polnischen Bauen hatten sich auf den Boden gesetzt und steckten die K\u00f6pfe zusammen, ihre deutsch-ukrainischen Bewacher blieben stehen und rauchten.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWo befinden sich die Radlers?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWir haben die Toten aus dem ersten Stock heruntergeholt und im Haus aufgebahrt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Radler&nbsp; und seine Familie lagen mit Bettt\u00fcchern verh\u00fcllt auf den Tischen des Hauptzimmers&nbsp; Blut sickerte aus den Laken und tropfte auf den Holzboden. Die Luft war stickig, Fliegen kreisten \u00fcber den Decken. Stumm ging Baller von einer zu anderen Leiche, hob die Decken kurz an und verzog keine Miene.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201ePartisanen?\u201c frage Baller.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWahrscheinlich. Es wurden keine Waffen im Haus gefunden. Wahrscheinlich wurden alle Gewehre mitgenommen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDie Polen behaupten, es sei nur ein \u00dcberfall gewesen\u201c, wandte Baller ein.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eL\u00e4cherliche Schutzbehauptung. Die polnischen Kriminellen halten sich an ihresgleichen schadlos. Sie werden sich h\u00fcten, Deutsche zu \u00fcberfallen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Baller sah sich um und z\u00f6gerte. Bek und seine M\u00e4nner hatten mehr als eigenm\u00e4chtig gehandelt. Ihre Lynchjustiz k\u00f6nnte die ganze Gegend in Aufruhr versetzen. Auf der andern Seite lag ein abscheulicher&nbsp; Mord vor, der ges\u00fchnt werden musste,<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Augenblick wurde es unruhig im Hof. Hauptmann Baller ging zum Fenster und sah,&nbsp; wie drei Polen auf einem&nbsp; Pferdefuhrwerk auf den Hof fuhren. Er erkannte die polnischen Ortsvorsteher von Kolonka, Balanow und Komla. Sofort wurden sie von SS Leuten umringt.<\/p>\n<p>&nbsp; Baller trat aus dem Haus und winkte die Ortsvorsteher zu sich. Alle drei waren erheblich \u00e4lter als er, jeder von ihnen ein angesehener polnischer Bauer von tadellosem Ruf.&nbsp; Roman Gelka aus Balanow war der Sprecher aller Ortsvorsteher, ein vern\u00fcnftiger, kooperativer Mann. Ihn begleiteten Jaron Brotsch aus&nbsp; Komla und Kolja Szepik aus&nbsp; Kolonka<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWir haben die schreckliche Nachricht geh\u00f6rt\u201c, begann Roman Gelka ohne gro\u00dfe Vorrede in gebrochenem Deutsch. \u201eEin furchtbares Verbrechen. Aber wir verstehen nicht, was in Rodonowa geschehen ist. Die Volksdeutschen haben den Hof des Kulenta angez\u00fcndet und seine Familie erschossen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Baller blickte Roman Gelka ausdruckslos an. \u201eJeder Widerstand wird gebrochen\u201c, gab er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eAber es hat doch \u00fcberhaupt keinen Widerstand gegeben\u201c, widersprach Roman Gelka. Er atmete schwer und es war ihm anzumerken, dass er sich kaum noch beherrschen konnte.&nbsp;&nbsp; \u201eWir verstehen \u00fcberhaupt nicht, was hier geschieht. Der Mord an den Radlers wurde doch sofort den deutschen Beh\u00f6rden gemeldet\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Augenblick stie\u00df Jaron Brosz aus Komla einen Schrei aus und wies&nbsp; auf den Brunnen. \u201eDie Toten sind die Kowalskis\u201c rief er. \u201eSie haben Fryderyk Kowalski und seinen Sohn Edwin erschossen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Sofort liefen die drei Ortsvorsteher zum Brunnen. Es stimmte. Vor ihnen lag der entstellte Kowalski und sein zerschossener Sohn Edwin.<\/p>\n<p>&nbsp; Roman Gelka erstarrte und hielt einige Sekunden die H\u00e4nde vor das Gesicht. Dann senkte er die H\u00e4nde und sah sich langsam um. \u201eM\u00f6rder\u201c, sagte er zu langsam zu Baller und Bek, die hinzugetreten waren. \u201eM\u00f6rder\u201c, wiederholte er und wies mit der Hand auf die Toten. \u201eIhr seid keine Obrigkeit, sondern gewissenlose M\u00f6rder. Der Herr m\u00f6ge euch strafen bis ins tausendste Glied.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Bek entsicherte seine Waffe und richtete sie auf die Ortsvorsteher. \u201eHalt dein Maul, du Pole, sonst liegst du gleich auch neben dem Brunnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Baller griff ein: \u201eVerhaften die drei und zu den anderen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; SS Leute griffen die Ortsvorsteher r\u00fcde an den Armen und stie\u00dfen sie in die Gruppe der polnischen M\u00e4nner. Als die M\u00e4nner erfuhren, wer erschossen worden war, ballten sie die F\u00e4uste&nbsp; und schrien \u201eM\u00f6rder, M\u00f6rder\u201c. Einer der Bauern hob einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn gegen einen ukrainischen W\u00e4chter, der zigarettenrauchend in der N\u00e4he stand. Andere taten es ihm gleich, und innerhalb von Sekunden prasselte ein Steinhagel auf die Selbstschutzgruppe nieder. Sofort sprangen Wolsch und Knauber vor und schossen. Als einer der&nbsp; Werfer mit einem Schrei zusammenbrach, st\u00fcrmten die Polen mit blo\u00dfen F\u00e4usten gegen die Volksdeutschen, die sofort das Feuer er\u00f6ffneten. Innerhalb von Sekunden&nbsp; brach der Angriff im Kugelhagel der Selbstschutzm\u00e4nner zusammen. Nicht alle Polen wurden sofort t\u00f6dlich getroffen, viele lagen nach den Gewehrsalven schwerverletzt in ihrem Blut. Auf einen Wink von Bek hin erledigten drei Ukrainer die Verletzten mit ihren Handfeuerwaffen.<\/p>\n<p>&nbsp; Vor dem Tor schreien die Frauen und Kinder wie wahnsinnig. Die Wachposten schossen knapp \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg, doch die Frauen wollten sich nicht zur\u00fcckziehen. Erst als die Kampfhunde auf die Frauen und Kinder losgelassen wurden,&nbsp; flohen sie in den Wald.<\/p>\n<p>&nbsp; Baller stand sekundenlang unter Schock. Die Angelegenheit war ihm komplett entglitten. Die SS M\u00e4nner standen Gewehr bei Fu\u00df unbeweglich im Kreis und blickten ihn an.<\/p>\n<p>\u201eSchluss jetzt\u201c, ordnete Baller an. Seine Stimme klang diskant,. \u201eAlle Leichen in die Scheune\u201c, befahl er. \u201eDann anz\u00fcnden!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Als sich SS-Oberf\u00fchrer Ludolf von Alvensleben am Nachmittag Rodonowa mit seiner motorisierten SS-Einheit n\u00e4herte, brannte die Scheune auf dem Radlerhof bereits lichterloh. Schon von weitem war die schwarze Rauchs\u00e4ule zu sehen. In der gesamten Umgebung roch es nach verbanntem Holz, unterf\u00fcttert mit einem leicht s\u00fc\u00dflichen Gestank, von noch niemand wusste, dass man ihn in den n\u00e4chsten Jahren in Polen noch \u00f6fter w\u00fcrde riechen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp; SS-Oberf\u00fchrer Ludolf von Alvensleben besa\u00df ein unauff\u00e4lliges Allerweltsgesicht mit leicht teigigen Wangen und weit auseinanderstehenden Augen. Seinen Aufstieg innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung verdankte er seiner unbedingten Einsatzfreude zuerst im Stra\u00dfenkampf gegen die Kommunisten in der sp\u00e4ten Weimarer Republik, sp\u00e4ter bei der Verfolgung j\u00fcdischer B\u00fcrger im nationalsozialistischen Deutschland.&nbsp; Nachdem er im&nbsp; ersten halben Jahr des Krieges als Leiter des volksdeutschen Selbstschutzes in Westpolen tausende Juden hatte erschie\u00dfen lassen, war er aufgrund seiner besonderen Verdienste zum SS-Oberf\u00fchrer und Leiter der gesamten SS-Operationen s\u00fcdlich von Warschau bef\u00f6rdert worden. Seinen Hauptsitz hatte er in Lublin aufgeschlagen, wo die Vernichtung der gro\u00dfen j\u00fcdischen Gemeinde und der Bau eines Konzentrationslagers anstanden. Das Massaker von Rodonowa kam ihm nicht ungelegen, weil ein entschlossenes Vorgehen seinen ramponierten Ruf beim Reichsf\u00fchrer SS wieder etwas aufputzen w\u00fcrde. Ramponiert war von Alvenslebens Ruf, weil er es in Westpreu\u00dfen mit hemmungslosen Selbstbereicherung derart \u00fcbertrieben hatte, dass sogar die SS hellh\u00f6rig geworden war.<\/p>\n<p>&nbsp; Im offenen Fahrzeug fuhr Ludolf von Alvensleben an der Spitze seiner motorisierten Einheit auf den Radlerhof. Die SS-Leute salutierten, als er langsam aus dem Wagen stieg. Langsam wandte er den Kopf von links nach rechts. Langsam setzte er sich in Richtung Haus in Bewegung, denn er hatte sich angew\u00f6hnt, seine Auftritte bewusst langsam und wortkarg zu gestalten.<\/p>\n<p>&nbsp; Baller wurde im Dauerlauf bei von Alvensleben vorstellig und erstatte sofort Bericht. In wenigen S\u00e4tzen spulte er den Sachverhalt im Telegrammstil herunter. <em>Bestialischer Mord an redlichem deutschem Volksbauern durch polnische Partisanen&nbsp; \u2013 Im Anschluss Unruhe und Aufruhr bei ortsans\u00e4ssigen Polen, die von ihren Ortsvorstehern&nbsp; aufgehetzt wurden&nbsp; &#8211; Hartes Vorgehen unumg\u00e4nglich&nbsp; \u2013 Bislang&nbsp; 29 Liquidierungen, sechs davon in Rodonowa, 22 hier im Hof infolge eines Angriffs &#8211; Liquidierte Polen sinnvollerweise in brennender Scheune entsorgt &#8211;&nbsp; Aktion bis jetzt erfolgreich \u2013 Aktivit\u00e4ten des volksdeutschen Selbstschutzes angemessen und beispielhaft &#8211; Milit\u00e4rische Haltung seiner eigenen Soldaten tadellos.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp; Von Alvensleben nickte unmerklich und schaute durch Hauptmann Baller hindurch. Dann ging er ohne ein Wort an ihm vorbei und betrat das Haus,&nbsp; um die ermordete Radlerfamilie in Augenschein zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp; Als er wieder heraustrat, tupfte er sich mit einem Taschentuch den Schwei\u00df von der Stirn. Nach einem kurzen Wink bildete sich ein Kreis von zwanzig M\u00e4nnern um den SS-Gruppenf\u00fchrer, zu dem auch Baller, Bek, Wolsch und Knauber geh\u00f6rten. Nachdem auch die SS-Einheiten aus Ruk\u00f3w eingetroffen waren, warteten \u00fcber zweihundert Bewaffnete auf der gro\u00dfen Weise vor dem Hof auf ihre Einsatzbefehle.<\/p>\n<p>&nbsp; Von Alvensleben reckte sich und hob das Kinn. \u201eEin deutscher Held ist gefallen\u201c, begann er. \u201eUnd mit ihm seine ganze Familie.\u201c Er machte eine Pause und&nbsp; blickte sich um. \u201ePolen haben ihn ermordet. Und Polen werden daf\u00fcr b\u00fc\u00dfen.\u201c Wieder eine Pause, alle hingen an seinen Lippen, als das Urteil gesprochen wurde. \u201eHundert Polen f\u00fcr einen Deutschen! Das ist unsere Antwort.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Kopfnicken bei den Zuh\u00f6rern. Baller sp\u00fcrte, wie ihm die Kehle trocken wurde.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch w\u00fcnsche, dass sechshundert polnische M\u00e4nner noch heute Abend auf diesem Hof liquidiert werden\u201c, schloss von Alvensleben.<\/p>\n<p>&nbsp; Dann, zu Hauptmann Baller gewandt; \u201eBaller, Sie \u00fcbernehmen das!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Ohne ein weiteres Wort oder Gru\u00df verlie\u00df der SS-Oberf\u00fchrer den Kreis, ging zu seinem Wagen zur\u00fcck und kehrte mit seiner Eskorte nach Lublin zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp; Der Nachmittag war angebrochen. Die Schatten wurden l\u00e4nger, das Licht der langsam herabsinkenden Sonne entlockte Grashalmen, Holzfassaden und Gewehrkolben ein glitzerndes Funkeln. Baller rief alle Unterf\u00fchrer zu sich, gab einige taktische Anweisungen, dann schw\u00e4rmten die SS Einheiten in die umliegenden D\u00f6rfer aus.<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen hatte auch Adam Reinertz erfahren, was sich ereignet hatte. Knechte hatten ihm von den Morden auf dem Kulentahof berichtet, und als er die gro\u00dfe Rauchs\u00e4ule \u00fcber den Radlerhof erblickte, ahnte er, was nun geschah. Die Stunde der volksdeutschen M\u00f6rder war angebrochen, und Bek w\u00fcrde die Situation dazu ausnutzen, alles beiseite zu&nbsp; r\u00e4umen, was ihm im Wege stand. Vielleicht sogar ihn, der ihn in allen Fragen des bewaffneten Selbstschutzes im Wege stand.&nbsp; Es war also angeraten, vorsichtig zu taktieren, vor allem da inzwischen auch die SS eingegriffen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp; Wie vorsichtig er sein musste, wurde ihm klar, als er nach Nowolipie&nbsp; kam und die SS-Kohorten sah, die systematisch die H\u00e4user durchsuchten und die M\u00e4nner gefangen nahmen. Als Reinertz das Haus der Kowalskis erreichte, fand er die erschossene Gerda Kowalska auf der Schwelle. Gewehrsch\u00fcsse aus n\u00e4chster N\u00e4he hatten sie get\u00f6tet. Reinertz hatte Gerda Kowalski gekannt. Man war nicht gerade befreundet gewesen, war aber immer respektvoll miteinander umgegangen. Als Reinertz\u00b4 eigene Frau noch gelebt hatte, war der Ortsvorsteher mit seiner Familie sogar einmal auf dem Reinertzhof zu Gast gewesen.&nbsp; Nun war sie tot. Erschossen von ihren eigenen Leuten, die sie f\u00fcr eine Polin gehalten hatten.<\/p>\n<p>&nbsp; Reinertz ging zur Stra\u00dfe zur\u00fcck, schwang sich auf sein Pferd und tat so, als w\u00fcrde er an der Menschenjagd teilnehmen. W\u00e4hrend sich Knauber und Wolsch in den Gassen rund um die Dorfkirche zu schaffen machten, galoppierte Reinertz zum Hof von Seweryn Ko\u0142ek. Das Tor zum Ko\u0142ekhof offen auf, das Haus aber war verschlossen. Hinter den Fenstern erkannte Reinertz Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; und seine S\u00f6hne.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eLass mich rein, Ko\u0142ek \u201c, rief er durch die T\u00fcre.<\/p>\n<p>&nbsp; Als die T\u00fcre ge\u00f6ffnet wurde, sah Reinertz, dass sich Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; und seine S\u00f6hne mit Beilen und Hacken bewaffnet waren. Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; wirkte blass, aber gefasst. Im Hintergrund stand Marianna Ko\u0142ek. Hanna und Janka hatten sich an die Sch\u00fcrze der Mutter gekrallt.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIhr m\u00fcsst sofort fliehen\u201c, stie\u00df Reinertz hervor. \u201eDie Deutschen werden gleich her sein und alle mitnehmen, auch eure S\u00f6hne.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch begreife das nicht. Wir&nbsp; haben nichts getan. Niemand in diesem Dorf hat etwas getan\u201c, sagte Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; und blickte auf Reinertz.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDas ist jetzt egal. Sie werden alle, die sie ergreifen k\u00f6nnen, umbringen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch kann meine Familie nicht allein lassen. Eher sollen sie mich in diesem Haus erschie\u00dfen\u201c, widersprach der Bauer. J\u00f3zef und Edwin nickten, sie hatten sich zu gro\u00dfen, kr\u00e4ftigen Kerlen entwickelt und bem\u00fchten sich, ihre Furcht hinter Entschlossenheit zu verbergen.<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Augenblick ert\u00f6nte&nbsp; Getrappel vor dem Haus. Drei SS-M\u00e4nner traten gegen die T\u00fcre.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eMarianna, nimm die Kinder und versteckt euch im Keller\u201c, sagte Seweryn Ko\u0142ek.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNiemals, ich bliebe bei dir.\u201c Marianna Ko\u0142ek&nbsp; trat einen Schritt auf ihren Mann zu.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eBitte gehen Sie in den&nbsp; Keller und nehmen Sie Ihre Kinder mit. Sie k\u00f6nnen jetzt nichts tun, als sich und ihre Kinder retten\u201c. beschwor Reinertz die B\u00e4uerin. \u201eIch bleibe bei Ihrem Mann.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Die T\u00fcre splitterte, und im letzten Moment verschwand Marianna mit ihren S\u00f6hnen und T\u00f6chtern im Keller. Hinter dem Kartoffelraum befand sich ein Verschlag, der auf den ersten Blick nicht zu entdecken war.&nbsp; In diesen Verschlag dr\u00e4ngten sich alle herein.<\/p>\n<p>&nbsp; Als die Deutschen in das Haus st\u00fcrmten, trafen sie auf Reinertz, der das Gewehr auf Ko\u0142ek&nbsp; gerichtet hatte. \u201eGut, dass Ihr kommt, ich habe den Polen gerade noch erwischt, ehe er abhauen konnte\u201c, sagte Reinertz, griff den Ko\u0142ek&nbsp; am Kragen und stie\u00df ihn aus dem Haus. Dort stand bereits ein Fuhrwerk mit einem Dutzend gefesselter polnischer M\u00e4nner. Die meisten von ihnen waren vom Feld weg verhaftet worden, einige zeigten Spuren von Misshandlung.&nbsp; Als die SS- M\u00e4nner Anstalten machten, das Haus zu durchsuchen, rief ihnen Reinertz zu, dass die Familie bereits in den Wald geflohen sei.<\/p>\n<p>&nbsp; Eine Dorfstra\u00dfe weiter war Feliks Kali\u0144ski mit seiner Frau und den Kindern in den Stall gefl\u00fcchtet. Maria, Ryszard und der kleine Tomek krochen unter das Heu und erhielten die Weisung, keinen Ton von sich zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski umarmte seine Frau und schaute in das ausgemergelte Gesicht. So nahe war er ihr schon seit Jahren nicht mehr gewesen. \u201eHinter dem Haus der alten G\u00f3rska befindet sich ein&nbsp; trockener Abwasserkanal, der mit Gras \u00fcberwachsen ist. Da verstecke ich mich. Was ist mir dir?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; J\u00f3zefa Kali\u0144ska blickte ihren Mann an. \u201eIch bleibe hier. Einer alten Frau werden sie nichts tun. Nun geh.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski z\u00f6gerte. \u201eVielleicht sehen wir uns bald wieder\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWir werden uns wiedersehen. Wenn nicht hier, dann in einem anderen Leben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Kurz darauf brachen die Volksdeutschen in den Kali\u0144skihof ein, an ihrer Spitze Willi Knauber, gefolgt von f\u00fcnf ukrainischen Knechten. Sie hatten getrunken und waren in aufgel\u00f6ster Stimmung. \u201eAlte, wo ist dein Mann?\u201c fragte Knauber auf&nbsp; Polnisch und hielt J\u00f3zefa das Gewehr an den Kopf.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eEr ist geflohen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWohin?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch wei\u00df es nicht.\u201c<\/p>\n<p>Knauber schlug J\u00f3zefa mit der Faust ins Gesicht. Sie fiel zu Boden und schlug schwer mit dem Kopf gegen die Ecke einer Schrankwand. Wie tot blieb sie liegen. Knauber trat ihr mit voller Kraft in die Seite, doch sie&nbsp; r\u00fchrte sich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eMein Gott, wie schnell diese Polen sterben\u201c, h\u00f6hnte Knauber. \u201eGehen wir raus und suchen den Bauern.<\/p>\n<p>&nbsp; Sie wollten gerade die St\u00e4lle kontrollieren, als am Zaun die alte G\u00f3rska erschien.<\/p>\n<p>\u201eHau ab, Alte, sonst knalle ich dich ab\u201c, zischte Knauber.<\/p>\n<p>&nbsp; Die alte G\u00f3rska aber blieb stehen und wies immer wieder mir der Hand in Richtung auf den alten Abwasserkanal.<\/p>\n<p>&nbsp; So fanden Knaubers M\u00e4nner Feliks Kali\u0144ski, der sich gerade erst im Erdloch verkrochen hatte. Mit Ohrfeigen und Tritten zogen sie ihn heraus und verfrachten ihn auf einen Pferdewagen.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; W\u00e4hrend Knauber und seine Spie\u00dfgesellen Nowolipie&nbsp; durchk\u00e4mmten, fuhren Wolsch und vier ukrainische Knechte in einem offenen Gel\u00e4ndefahrzeug &nbsp;weiter in Richtung Kolonka. Einige Dorfbewohner, die gewarnt worden waren, fl\u00fcchteten mit der ganzen Familie in den Wald. Die meisten aber wurden \u00fcberrascht, als die volksdeutschen Freisch\u00e4rler mit entsicherten Gewehren in die H\u00f6fe eindrangen. So erging es Karol Wennek, einem Nachbarn von Alfred Brosz, der vom Feld weg verhaftet und abtransportiert wurde, ebenso wie Vido Adamczik, der den Deutschen in einer Kutsche entgegenkam und erschossen wurde, als er nicht absteigen wollte. Rafael Bolk gelang es, die Deutschen so lange aufzuhalten, bis sein Spohn Anton in den Wald fl\u00fcchten konnte.<\/p>\n<p>&nbsp; Alfred Brosz hatte die Sch\u00fcsse auf der Stra\u00dfe geh\u00f6rt, doch ehe er seine S\u00f6hne&nbsp; warnen konnte, waren Wolsch und seine M\u00e4nner bereits vor seinem Tor aufgetaucht. Alfred Brosz sah, wie seine S\u00f6hne Piotr und der Pawel in Richtung Wald davonliefen und fl\u00fcchtete zuerst hinter die Scheune und dann in die Latrine. Ohne lange zu \u00fcberlegen, zw\u00e4ngte sich Alfred Brosz durch die Abtritts\u00f6ffnung und st\u00fcrzte sich in den F\u00e4kalienbrei, unterhalb der Latrine. Zuerst glaubte er vor Gestank und Ekel ohnm\u00e4chtig zu werden, doch er blieb bei Bewusstsein und zw\u00e4ngte sich an den \u00e4u\u00dfersten Rand der Mulde, die von oben nicht mehr einsehbar war.&nbsp; Er h\u00f6rte die dumpfen Schritte des Suchkommandos, dann wurde die Latrinent\u00fcre aufgerissen und wieder zugeschlagen, Kommandos in deutscher Sprache ert\u00f6nten, dann h\u00f6rte Alfred Brosz die Schreie und Proteste seines Sohnes Gustaw. Warum befand er sich noch im Haus? Alfreds erster Impuls war, sein Versteck zu verlassen, um Gustaw beizustehen, aber was w\u00fcrde es n\u00fctzen? Die Deutschen w\u00fcrden nicht nur Gustaw, sondern auch ihn mitnehmen. Irgendetwas Grauenhaftes war geschehen, das sie jede Zur\u00fcckhaltung vergessen lie\u00df. Ein&nbsp; Motor wurde gestartet, Alfred Brosz h\u00f6rte, wie sich der Wagen entfernte und sich die Stimmen verloren.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach und nach trafen die Deutschen mit ihren Gefangenen auf dem Radlerhof ein. Keinem SS- Kommando war es gelungen, in der kurzen Zeit gen\u00fcgend polnische M\u00e4nner gefangen zu nehmen. Einige SS-Einheiten hatten daf\u00fcr Jugendliche, kaum \u00e4lter als vierzehn Jahre, mitgebracht. Aus den Gefangenentransportern und Fuhrwerken wurden die polnischen M\u00e4nner auf die Wiese vor dem Tor gesto\u00dfen, wo sie sich, aufgeteilt in f\u00fcnf Gruppen, auf die Erde setzen mussten. Am Waldrand hatten sich hundert Frauen versammelt, die den SS Transportern hinterhergelaufen waren, um zu sehen, was mit ihren M\u00e4nnern geschah. Viele Frauen hatten ihre Kinder dabei, die mit verheulten Gesichtern neben ihren M\u00fcttern standen. Langsam setzte die D\u00e4mmerung ein.<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Baller lie\u00df durchz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201e251 Polacken\u201c, meldete der Adjutant nach kurzer Zeit. \u201eZwei Polen, die bei einem Fluchtversuch erschossen wurden, sind bereits abgezogen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen war auch Schrader in seinem Volkswagen aus Komla eingetroffen. Auch der M\u00fcllerbauer aus Bedrewski war da. Reinertz begr\u00fc\u00dfte beide. Zu dritt gingen sie zu Hauptmann Baller<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWas soll jetzt geschehen?\u201c fragte Reinertz den Hauptmann. Neben Baller stand Friedrich Bek, das Gewehr geschultert<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch habe meine Befehle\u201c, gab der Hauptmann zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDie Herren haben die Hose voll\u201c, spottete Bek und bedachte Reinertz, Schaller und M\u00fcller mit einem absch\u00e4tzigen Blick.<\/p>\n<p>&nbsp; Schaller vollf\u00fchrte mit der Hand eine Bewegung in Richtung auf die polnischen Gefangenen.&nbsp; \u201eWas hei\u00dft das?\u201c fragte er. \u201eSie wollen doch wohl nicht alle erschie\u00dfen lassen?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDoch\u201c, widersprach Baller. \u201eSo lautet der Befehl des SS-Oberf\u00fchrers. Hundert Polen f\u00fcr einen Deutschen. Eigentlich m\u00fcssten wir sechshundert erschie\u00dfen. Dass es weniger als die H\u00e4lfte sein werden, m\u00f6chte ich als Gnadenakt gewertet wissen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDiese Gnade reicht den Herren aber nicht\u201c, bemerkte Bek. \u201eDie Herren w\u00fcnschen auch Vergebung f\u00fcr die polnischen M\u00f6rder.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eBek, du durchgeknallte Sau, jetzt halt einmal eine Moment die Schnauze\u201c, fuhr Reinertz hoch. Dann, schlagartig ruhiger an den Hauptmann gewendet fuhr er fort. \u201eSie wissen, dass die M\u00e4nner unschuldig sind. Die meisten unter ihnen kenne ich. Es sind redliche M\u00e4nner. Viel redlicher als der volksdeutsche Abschaum, der sich hier herumtreibt.<\/p>\n<p>&nbsp; Bek trat vor und stie\u00df Reinertz hart vor die Brust. \u201eNoch ein Wort, und ich knalle dich auch ab, du Volksverr\u00e4ter.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eAufh\u00f6ren! Sofort!\u201c befahl Hauptmann Baller. \u201eReinertz und Bek, m\u00e4\u00dfigen Sie sich. Die Situation ist zu ernst, als dass wir uns untereinander Streit leisten k\u00f6nnten. Ich habe keine Wahl. Ich muss dem Befehl des Gruppenf\u00fchrers folgen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; M\u00fcller schaltete sich ein. \u201eWenn das geschieht, ist das unser Ende, Herr Hauptmann. Vielleicht nicht jetzt, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann werden sich die Polen r\u00e4chen. Ein solches Massaker, wie Sie es vorhaben, wird niemals vergessen werden. Niemals wieder werden wir hier in Frieden leben k\u00f6nnen. Es sei denn, Sie erschie\u00dfen die gesamte polnische Bev\u00f6lkerung. Aber das schafft noch nicht einmal die SS.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Hauptmann Ballers Adjutant tragt heran. \u201eAlle Einheiten bereit\u201c, meldete er.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Baller nickte.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eHerr Hauptmann\u2026, begann Reinertz.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNoch ein Wort, Reinertz, und ich lasse Sie verhaften und ins Gef\u00e4ngnis werfen\u201c, unterbrach ihn Baller. \u201eUnd nun verschwinden Sie!\u201c Zwei SS-M\u00e4nner f\u00fchrten Reinertz, Schrader und M\u00fcller zum Tor und verbaten ihnen, den Hof wieder zu betreten.<\/p>\n<p>&nbsp; Kurz darauf ert\u00f6nte eine Megaphondurchsage auf Polnisch, in der alle Gefangenen aufgefordert wurden, sich auf den Bauch legen und die H\u00e4nde hinter den Kopf zu verschr\u00e4nken. \u201eAugen auf die Erde\u201c, lautete der Befehl. \u201eWer sich r\u00fchrt oder aufsteht, wird erschossen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Noch w\u00e4hrend sich die Polen auf den Bauch legten, r\u00fcckte eine kompakte Front von f\u00fcnfzig SS M\u00e4nnern gegen die Frauen und Kinder am Waldrand vor. Sie schossen, w\u00e4hrend sie vorr\u00fcckten, mit scharfer Munition knapp \u00fcber die K\u00f6pfe hinweg und zwangen die Frauen zur Flucht. Vier Frauen, die die Kette der SS M\u00e4nner durchbrechen wollten, wurden erschossen, unter ihnen Ewelina Bomposc, die ehemalige Radlermagd.<\/p>\n<p>&nbsp; Damit waren die Vorbereitungen aber noch nicht abgeschlossen. Hauptmann Baller wusste, dass sofort nach dem Beginn der Erschie\u00dfungen eine Massenpanik ausbrechen w\u00fcrde. Deswegen postierte er je eine halbe Hundertschaft SS-M\u00e4nner an den Waldr\u00e4ndern auf beiden Seiten des Hofes und lie\u00df bewusst einen Fluchtweg offen. Dieser Fluchtweg f\u00fchrte \u00fcber eine leicht ansteigende Wiese bis an den Rand eines Tannenwaldes, in dessen Unterholz er drei Maschinengewehreinheiten positionierte.<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen war es dunkel geworden. Ein&nbsp; SS-Mann fuhr einen Transporter auf den Hof und parkte ihn frontal vor dem Haus. Dann schaltete der Fahrer das Fernlicht an, so dass die Hauswand grell beleuchtet war. Die Erschie\u00dfungskommandos nahmen ihre Stellungen ein. Baller w\u00e4hlte einen Platz gleich hinter den Scheinwerfern und befahl, die Delinquenten in Zehnergruppen zuzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp; In der ersten Zehnergruppe befanden sich Seweryn Ko\u0142ek, Feliks Kali\u0144ski, dazu Jerzy Raz und Stefan Bolek, die sich so lange so erbittert um die Grenzen ihrer Felder gestritten hatten und nun gemeinsam sterben w\u00fcrden. Auch Marian Zumbsc und die Br\u00fcder Bomposc wurden hochgezerrt, dazu der junge Alfons Lubow, der gerade erst im letzten Jahr Liliana Lubow geheiratet hatte. Witek Grzesiak, der nur zuf\u00e4llig in diesem Fr\u00fchjahr als Landarbeiter auf dem Jozhof besch\u00e4ftigt gewesen war, lie\u00df sich widerstandslos abf\u00fchren. Als Letzter wurde der junge Gustaw Brosz in die Gruppe gesto\u00dfen. Ihn hatte die SS anstelle seines Vaters mitgenommen, dem es gelungen war, sich zu verstecken. W\u00e4hrend die zehn Deliquenten von SS M\u00e4nnern durch das Tor gef\u00fchrt wurden, erinnerte sich Feliks Kali\u0144ski an die sch\u00f6ne Magd Anjela, an die Zeiten der F\u00fclle, als auf den Feldern das Getreide wuchs und als seine Kinder klein gewesen waren. Wie kurz war diese gute Zeit gewesen. Und wie unendlich lang die Jahre der Not, die ihnen gefolgt waren. Seine Leben endete wie eine nicht abgeschlossene Geschichte, dachte er. Dass ihn die alte G\u00f3rska verraten hatte, verstand er nicht. Dieser Verrat war wie das letzte R\u00e4tsel seines Lebens. Unverst\u00e4ndlich und sinnlos.<\/p>\n<p>&nbsp; Die zehn Gefangenen hatten den Wagen erreicht und erblickten den Lichtkegel, an deren Rand das Erschie\u00dfungskommando wartete. Marian Zumbsc begann zu weinen. Er hatte vor wenigen Minuten Ewelina Bomposc sterben sehen, die Frau, nach der er sich so lange gesehnt hatte und die erst vor kurzem zu ihm gekommen war. Wie ungerecht, dass ihnen nur so wenig Zeit geblieben war.&nbsp; Ein SS-Mann trat Marian Zumbsc in die Seite, und er stolperte weiter. Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; bewegte sich wie in Trance. Es war ihm, als s\u00e4he er sich selbst von au\u00dfen, wie er sich mit den anderen in den Lichtkegel begab.&nbsp; Nur umrisshaft waren die Sch\u00fctzen zu erkennen. Das war also das Ende, dachte Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; mit einem Anflug von Erstaunen. So hatte er sich seinen Tod nicht vorgestellt.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eFeuer!\u201c kommandierte Hauptmann Baller. Zwei Kugel trafen Seweryn Ko\u0142ek , eine in den Unterleib, die&nbsp; andere ins Herz. Er war sofort tot. Feliks Kali\u0144ski wurde der Kopf weggeschossen, alle andern starben w\u00e4hrend der zweiten Salve.<\/p>\n<p>&nbsp; Wie vorhergesehen brach nach der ersten Gewehrsalve eine Massenpanik aus. Ungeachtet der auf sie gerichteten Maschinengewehre sprangen weit \u00fcber zweihundert M\u00e4nner wie auf Kommando auf und rannten um ihr Leben. Wer links oder rechts vom Radlerhof das Weite suchte,&nbsp; wurde durch die dort postierten SS-M\u00e4nner mit automatischen Waffen niedergem\u00e4ht. Wie ein aufheulendes, angeschossenes Kollektivwesen wandte sich die Masse wahnsinnig vor Angst der Wiese zu, und fl\u00fcchtete, den Kugelhagel der SS im R\u00fccken, in den sicheren Tod.<\/p>\n<p>&nbsp; Der Morgen kam und mit ihm der Regen. Er fiel in langen F\u00e4den auf Scheunen und H\u00f6fe, Stra\u00dfen und Felder und legte sich wie ein grauer Mantel \u00fcber das Land. Er wusch die Todeswiese von Rodonowa, die \u00fcbers\u00e4t war mit Erschossenen und vermischte sich mit dem Blut der Leichen. Nicht alle waren tot, einige Opfer hatten schwer angeschossen die Nacht \u00fcberlebt und riefen um Hilfe. Hauptmann Baller schickte ein Liquidationskommando \u00fcber die Wiese, um die letzten \u00dcberlebenden zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp; Dann meldete er Vollzug nach Lublin und beorderte zwei weitere Versorgungskompagnien aus&nbsp; Ruk\u00f3w nach Rodonowa. Zwei Tage lang wurde das Gebiet weitr\u00e4umig abgesperrt, w\u00e4hrend j\u00fcdische Zwangsarbeiter, die aus Ruk\u00f3w herangeschafft worden waren, eine Grube aushoben. Obwohl so schnell wie m\u00f6glich gearbeitet wurden, zog bald ein unertr\u00e4glicher Leichengeruch \u00fcber die Felder. Myriaden von Fliegen kreisten \u00fcber den Toten, zwei SS-M\u00e4nner mussten sich \u00fcbergeben. Erst als man am zweiten Tag die Leichen in die Grube warf und die obersten Schichten mit Kalk abdeckte, lie\u00df der Gestank nach. Am Ende der Arbeiten wurden die j\u00fcdischen Zwangsarbeiter erschossen und ebenfalls in die Grube geworfen. Hauptmann Baller lie\u00df die Erde durch seine M\u00e4nner wieder zusch\u00fctten und das gesamte Gel\u00e4nde abriegeln.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; In den D\u00f6rfern rund um das Blutfeld von Rodonowa war das Leben erstarrt. Bis sp\u00e4t in die Nacht&nbsp; hatte man das Maschinengewehrgeknatter geh\u00f6rt, und alle Versuche der Frauen, wieder an den Ort des Geschehens zu gelangen, waren von SS-Posten verhindert worden. Dann hatten die Waffen geschwiegen, und eine Mischung aus Angst und Ungewissheit machte sich breit. Ein weiterer Tag des Wartens verging, doch niemand kehrte aus Rodonowa zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp; Nur langsam durchdrang die Erkenntnis, dass die V\u00e4ter und \u00e4lteren S\u00f6hne niemals wiederkommen w\u00fcrden, die Schockstarre&nbsp; und verwandelte sich in Verzweiflung. Die Frauen gingen durch die H\u00e4user und blickten auf die St\u00fchle, auf denen noch gestern die V\u00e4ter&nbsp; gesessen hatten, auf die Betten, in denen sie geschlafen und auf die Teller, von denen sie gegessen hatten.&nbsp; Gestern waren sie noch da gewesen, heute waren sie tot. Viele weinten, anderen fehlten die Tr\u00e4nen. Einige Frauen betranken sich, andere schlitzen sich mit Messern in die Arme auf. Wieder andere&nbsp; schrien nach ihren M\u00e4nnern. Vielleicht war ja der eine oder andere entkommen, hatte sich im Wald verstecken k\u00f6nnen und wartete nur darauf, zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>&nbsp; Doch auch die M\u00e4nner, denen es gelungen war, sich im Wald zu verstecken, zeigten sich nicht. Niemand zeigte sich auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp; Maria sa\u00df in der Stube und hatte die Arme um ihre kleinen Br\u00fcder gelegt und schwieg. Es war ihr, als w\u00e4ren ihr die Gedanken abhandengekommen, so \u00fcberw\u00e4ltigend war der Leere, die sie erf\u00fcllte. Die Mutter J\u00f3zefa war aus ihrer Bewusstlosigkeit noch nicht wieder erwacht. Todbleich und fiebrig lag sie in durchgeschwitzten Laken in ihrem Bett. Kein Laut war im Haus zu h\u00f6ren. Der alte Knecht Krzysztoff war verschwunden, wahrscheinlich war auch er erschossen worden.<\/p>\n<p>&nbsp; Zwei Gassen weiter setzte sich Marianna Ko\u0142ek&nbsp; auf die Bank vor dem Haus. Sie sah die Nebelschwaden \u00fcber die Felder ziehen, und f\u00fcr einen Moment erf\u00fcllte sie die wahnsinnigen Hoffnung, der Morgennebel m\u00f6ge sich lichten und Seweryn Ko\u0142ek&nbsp; k\u00e4me heim.&nbsp; J\u00f3zef und Edmund schlichen im Haus herum und sch\u00e4mten sich, dass sie sich mit der Mutter und ihren Schwestern im Stall versteckt hatten. \u201eWir h\u00e4tten an Vaters Seite k\u00e4mpfen und sterben sollen\u201c, zischte Edmund und ballte in hilfloser Wut die F\u00e4uste. J\u00f3zef wandte sich ab und versuchte, die Tr\u00e4nen zur\u00fcckzuhalten.<\/p>\n<p>&nbsp; Am Ende der Woche fuhren Lautsprecherwagen durch den Bezirk. Aus gro\u00dfen Megaphonen&nbsp; wurde auf Polnisch verk\u00fcndet, dass die Strafaktion beendet sei. Die T\u00e4ter h\u00e4tten ihre gerechte Strafe erhalten. Alle Personen, die sich noch versteckt hielten, w\u00e4ren unschuldig und k\u00f6nnten zur\u00fcckkommen. \u201eEs wird ihnen nichts&nbsp; geschehen\u201c, pl\u00e4rrte die Stimme aus dem das Megaphon.<\/p>\n<p>&nbsp; Doch die SS-Wagen fuhren durch Gespensterd\u00f6rfer. Die M\u00e4nner zeigen sich nicht. Die Frauen und Kinder sa\u00dfen zitternd hinter verschlossenen T\u00fcren und zugezogenen Gardinen.<\/p>\n<p>&nbsp; Der volksdeutsche Bauer Reinertz h\u00f6rte das Megaphon nicht. Er hatte sich nach dem Massaker sinnlos betrunken und anderthalb Tage lang geschlafen. Dann packte er die notwendigsten Sachen, belud seine Kutsche und fuhr, ohne von jemandem Abschied zu nehmen, nach Westen. <strong>&nbsp;<\/strong>Seine beiden polnischen Knechte waren spurlos verschwunden. Von Bek und dem volksdeutschen Selbstschutz war nirgendwo etwas zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp; So vergingen die Tage und es wollte nicht aufh\u00f6ren zu regnen. Es regnete am Morgen aus einem grauen Himmel, es regnete am Mittag, so dass die Sonne nicht zu sehen war, und es regnete am Abend, wenn die Dunkelheit aus den W\u00e4ldern kroch. Es regnete als sich die junge El\u017cbieta Bronczek vor Kummer \u00fcber den Tod ihres Vaters die Pulsadern aufschnitt und Edmund Ko\u0142ek&nbsp; an ihrem Grab weinte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-8358\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dorf Nowolipie und der gesamte Bezirk Ruk\u00f3w sind von der deutschen Armee besetzt. 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