{"id":8417,"date":"2022-01-12T07:20:21","date_gmt":"2022-01-12T07:20:21","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=8417"},"modified":"2025-06-03T10:32:50","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:50","slug":"leseprobe-1-das-dorf-romananfang-im-buch-s-11-22","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-1-das-dorf-romananfang-im-buch-s-11-22\/","title":{"rendered":"Leseprobe 1: DAS DORF (Romananfang \u2013 Im Buch S. 11-22 )"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8357 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"279\" height=\"136\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px\" \/>Anfang der 1920er Jahre im Osten Polens: Vorstellung des Dorfes Nowolipie und der Familie Kali\u0144ski. Die \u00e4lteste Tochter Maria Kali\u0144ska &nbsp;w\u00e4chst heran und besucht die Dorfschule <\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong>&nbsp; Irgendwo in Polens Osten, hinter Warschau und vor Lublin, abseits der gro\u00dfen St\u00e4dte und Durchgangsstra\u00dfen, lag das Dorf Nowolipie. Es war ein Dorf, wie es damals&nbsp; Tausende gab, eingebettet in eine flache Landschaft, die einer gr\u00fcnen Scheibe glich, deren R\u00e4nder sich am Horizont verloren.&nbsp; Topolab\u00e4ume, Trauerweiden&nbsp; und Linden&nbsp; s\u00e4umten schmale Wege, die an kleinen H\u00f6fen und D\u00f6rfern vor\u00fcberf\u00fchrten. Die H\u00e4user waren aus Lehm und Holz gebaut und ebenso wie die Viehst\u00e4lle mit Stroh gedeckt. In den K\u00fcchen, in denen sich der Rauchfang befand, versammelten sich die Familien und a\u00dfen Kartoffeln mit Gris, Pilze mit Eiern und an den Feiertagen manchmal auch einmal ein St\u00fcck Fleisch. Rund um diese D\u00f6rfer lagen die Felder, flach dahingesteckt unter einem grenzenlosen Himmel, doch bei weitem nicht so fruchtbar wie die B\u00f6den in der benachbarten Ukraine. Kartoffeln und Getreide wuchsen auf diesem sandigen Grund, und mit einiger M\u00fche und Geduld war es m\u00f6glich, Obst und Gem\u00fcse zu ernten.&nbsp; Jedes Fr\u00fchjahr zogen schwarze&nbsp; Wolken von S\u00fcdosten her \u00fcber das Land und brachten den Regen, den die Bauern brauchten, manchmal aber auch St\u00fcrme, die die Ernte bedrohten.<\/p>\n<p>&nbsp; Wenn die Madonna den D\u00f6rflern gn\u00e4dig war, dann begannen die Bauern Anfang Juli mit der Ernte, m\u00e4hten im Schwei\u00dfe ihres Angesichts das Getreide, w\u00e4hrend ihre Frauen und Kinder hinter ihnen hergingen, um die Garben zu binden. Dreschmaschinen, die die Spreu vom Weizen trennten, gab es noch nicht, so dass das getrocknete Heu m\u00fchsam gedroschen werden mussten, um das Korn zu gewinnen, das&nbsp; in den M\u00fchlen von Balanow gemahlen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp; Alle paar Jahre vernichtete eine D\u00fcrre die Ernten, dann wurden die Mehlvorr\u00e4te gestreckt, die Suppen verd\u00fcnnt und die G\u00fcrtel enger geschnallt. Nur im Opferstock der Dorfkirche klingelte es dann&nbsp; lebhafter, denn irgendwie musste die verstimmte Muttergottes wieder bes\u00e4nftigt werden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Im Herbst zogen alte M\u00e4hren die Pfl\u00fcge \u00fcber das Land, um die Erde f\u00fcr die neue Aussaat vorzubereiten. Krankheiten wie die Cholera und die Tuberkulose gingen zur\u00fcck, der Jungfrau von Cz\u0119stochowa sei Dank.&nbsp; Im Winter knirschten die D\u00e4cher unter der Last des Schnees, und aus den Kaminen stieg grauer Rauch in den Himmel. Manch ein Bauer, der sich im Halbdunkel der winterliche Tage einsam f\u00fchlte, verfiel dem Wodka, andere beteten beim flackernden Schein ihrer Kerzen zur Madonna, um der Versuchung zu widerstehen.<\/p>\n<p>&nbsp; Dann wurde es Fr\u00fchjahr. Der Schnee schmolz, und bald erschienen die ersten St\u00f6rche und bauten ihre Nester auf den D\u00e4chern und Scheunen.&nbsp; Pferde, K\u00fche, Schweine und H\u00fchner waren die Gef\u00e4hrten der Menschen bei dieser Reise durch die Jahreszeiten. Nur bei den Juden von Balanow&nbsp; und Ruk\u00f3w fehlten die Schweine, daf\u00fcr liefen ausgemergelte Ziegen \u00fcber ihre H\u00f6fe. Einzig die deutschen Bauern, die am Rande der D\u00f6rfer von Nowolipie, Balanow, Rodonowa, Bedrewski und Komla siedelten, hatten alles: K\u00fche, Rinder, Schweine und Ziegen \u2013 und auch noch Steinh\u00e4user.&nbsp; Konnte das wirklich mit rechten Dingen zugehen?<\/p>\n<p>&nbsp; Das war die Welt, in der am Anfang der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts Maria Kali\u0144ska geboren wurde, das \u00e4lteste Kind des Bauern Feliks Kali\u0144ski und seiner Frau J\u00f3zefa.&nbsp; Getauft wurde die kleine Maria von Wac\u0142aw Katta\u0144ski, dem Priester der Dorfkirche von Nowolipie. Wac\u0142aw Katta\u0144ski war bereits als junger Mann ins Dorf gekommen und leitete seine Pfarrer nun schon seit mehreren Jahrzehnten. Mit seinen hochgezogenen Augenbauen und seinen lefzenartigen H\u00e4ngebacken glich er einem aufmerksamen, m\u00fcrrischen Hund, dem keine Regung in seiner Umgebung entging. Er kannte die gro\u00dfen und die kleinen S\u00fcden der D\u00f6rfler und hatte sich im Laufe der Jahre angew\u00f6hnt, nach der Devise zu verfahren \u201eGebt Gott, was Gottes ist und dem Bauern, was des Bauern ist.\u201c&nbsp; Wie sein Vetter, der Dorfschullehrer Franciszek Katta\u0144ski, war er ein gl\u00fchender Patriot, der keine Gelegenheit vers\u00e4umte, seinen Gemeindemitgliedern die Glorie der Zeit vor Augen zu f\u00fchren, in der sie leben durften.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eSeht dieses Kind\u201c, sprach er, \u201ein welch eine erwartungsvolle Zeit ist es hineingeboren worden.&nbsp; Unser polnisches Vaterland ist wie ein Ph\u00f6nix auf den Schlachtfeldern der V\u00f6lker wieder erstanden. &nbsp;Die Kaiserreiche Deutschland, \u00d6sterreich und Russland sind zuschanden gegangen, doch Polen ist in die Geschichte zur\u00fcckgekehrt, gr\u00f6sser und m\u00e4chtiger als jemals zuvor, um unter dem Zeichen des Kreuzes seinen angemessenen Platz im Kreis der V\u00f6lker einzunehmen.\u201c&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Marias Vater Feliks Kali\u0144ski hielt die kleine Maria in den Armen und war einverstanden mit dem. was der Priester sagte. Allerdings hatte er anders als der Gottesman die Irrungen und Wirrungen miterlebt, die zur nationalen Wiedergeburt gef\u00fchrt hatten. Feliks Kali\u0144ski hatte im ersten Weltkrieg als polnischer Soldat in der russischen Armee gek\u00e4mpft. Er hatte die ersten Kriegsjahre miterlebt, den russischen Einmarsch in Ostpreu\u00dfen und die schm\u00e4hliche Niederlage an den Masurischen Seen. Im letzten Kriegsjahr war er aus der russischen Armee desertiert, um sich den Truppen General Pi\u0142sudskis anzuschlie\u00dfen, die gegen die Deutschen k\u00e4mpften. Als Infanterist der neu entstandenen polnischen Armee hatte er sich am erfolreichen Abwehrkampf gegen die Bolschewiken an der Weichsel beteiligt. Dann war Feliks Kali\u0144ski heimgekehrt, siegreich und ehrenvoll entlassen, um in Nowolipie den Hof seiner verstorbenen Eltern zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski war nicht gro\u00df, aber kr\u00e4ftig. Er besa\u00df einen klaren Verstand und kurze, flinke Beine, mit denen er den Weg zwischen Nowolipie und Balanow in einer halben Stunde zur\u00fccklegen konnte. Mit seinen kugelrunden Augen, seinen tapsigen Bewegungen und seiner starken K\u00f6rperbehaarung glich er einem zotteligen B\u00e4ren, besa\u00df Schlagfertigkeit und Mutterwitz und wusste mit den M\u00e4dchen des Dorfes so gut umzugehen, dass ihm manch eine sch\u00f6ne Augen machte.&nbsp; Zur allgemeinen \u00dcberraschung erw\u00e4hlte er jedoch J\u00f3zefa Rewka zur Gattin, eine junge Frau ohne besondere Reize. Sie war hager wie ein Drahtesel, besa\u00df eckige Knochen, blasse Haut und ein fliehendes Kinn. Kochen konnte sie nur das N\u00f6tigste, Brot backen war ihr ein Gr\u00e4uel, und die Einmachgl\u00e4ser verschloss sie so nachl\u00e4ssig, dass das Obst mitunter \u00fcber den Winter verdarb. Aber sie brachte eine fette Mitgift mit in die Ehe, genauer gesagt, jene Landparzelle, nach der die Familie Kali\u0144ski zur Abrundung ihres eigenen&nbsp; Besitzes schon lange gierte. Immerhin war J\u00f3zefa gutm\u00fctig und fromm, so fromm, dass sie fast t\u00e4glich den Rosenkranz betete, ganz gleich, ob Wallfahrtszeit war oder nicht.&nbsp; Keine Messe lie\u00df sie aus, und wenn der Bischof von Lublin in der Gegend war, reiste sie nach Ruk\u00f3w um seinem Gottesdienst beizuwohnen. W\u00e4hrend der Woche versorgte sie entweder ihre H\u00fchner und ihr kleines Erdbeerenfeld oder sa\u00df am gro\u00dfen Holztisch vor einem Herbata und&nbsp; blickte durch das K\u00fcchenfester, ob nicht ihr Bruder Marek zu Besuch k\u00e4me.<\/p>\n<p>&nbsp; Marek Rewki war ein Jahr \u00e4lter als seine Schwester J\u00f3zefa, aber noch immer unverheiratet. Was bei J\u00f3zefa kantig wirkte, erschien bei Marek m\u00e4nnlich, wo J\u00f3zefa betete, lachte und tanzte ihr Bruder, wann immer sich dazu Gelegenheit bot. Mit dem Vater Wies\u0142aw Rewki hatte sich&nbsp; Marek \u00fcberworfen, weil er nicht davon lassen wollte, in den Judenspelunken von Ruk\u00f3w zu verkehren. Schlie\u00dflich war Marek enterbt worden, so dass ihm nichts weiter \u00fcbrig geblieben war, als sich bei einem j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler in Ruk\u00f3w als Ladengehilfe zu verdingen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski nahm seine Familie wie sie war, seine Frau, seine kleine Tochter, seinen fidelen Schwager und den alten Wies\u0142aw Rewki, der langsam wunderlich im Kopf wurde,&nbsp; und arbeitete von morgens bis abends auf den Feldern. Die Tomaten und Gurken, die Erdbeeren und Eier, die Milch&nbsp; und das Korn, die Zwiebeln und die W\u00fcrste, die er nicht selbst verbrauchte, verkaufte er \u00fcber seinen Schwager Marek an den j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler. Sein nicht genutztes Land \u00fcberlie\u00df er seinen Nachbarn f\u00fcr eine ordentliche Pacht, und das Geld, das auf diese Weise zusammenkam, brachte er nach Ruk\u00f3w auf die Bank. Da die Familie sparsam lebte und J\u00f3zefa Kali\u0144ska nur die einfachsten Speisen zubereitete, reichte es bald f\u00fcr den Kauf neuer Felder, f\u00fcr die Anschaffung eiserner Pfl\u00fcge samt Zugvieh und neuer Pferdewagen. Schlie\u00dflich wurde er so wohlhabend, dass er das Holzhaus seiner Eltern durch ein Steingeb\u00e4ude ersetzte und mit einem ordentlichen Schieferdach versah. Nach einigen Jahren war sein Hof so gro\u00df geworden,&nbsp; dass er Landarbeiter anstellte und sich nach einer Magd zur Entlastung seiner Gattin umsah.<\/p>\n<p>&nbsp; Die junge Frau, die er anstellte, hie\u00df Anjela und war eine Waise aus Kolonka. Sie war ein&nbsp; junges, dralles Ding mit Augen wie Schmetterlingsfl\u00fcgel, die dem Kali\u0144skibauern auf der Stelle gefiel. Kein Wunder, dass sie ein eigenes Gesindezimmer in der Parterre erhielt, zu dem der Herr des Hauses einen Zweitschl\u00fcssel besa\u00df. Da er diesen Schl\u00fcssel regelm\u00e4\u00dfig nutzte, ohne dass seine fromme Gattin etwas merkte, schien sich Feliks Kali\u0144skis Leben ins Vollkommene zu runden. Arbeit, Familie, die richtige Menge Schnaps auf einer Dorfhochzeit und gelegentliche Besuche bei der drallen Anjela bereicherten sein Leben mit jener Art von F\u00fclle, auf die er als hart arbeitender Bauersmann einen Anspruch zu haben glaubte. Und da ihm Watz\u0142aw Katta\u0144ski, der Dorfpfarrer, f\u00fcr die eine oder andere Extraspende regelm\u00e4\u00dfig Absolution erteilte, war auch vor dem Allerh\u00f6chsten alles in Ordnung.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die kleine Maria wuchs heran, war anstellig und f\u00fcgsam und immer&nbsp; bestrebt, die notleidende Mutter&nbsp; von der h\u00e4uslichen Arbeit zu entlasten. Sie war noch keine vier Jahre alt, da lernte sie schon die Eier einzusammeln, ohne die gackernden H\u00fchner zu beachten. Sie sammelte die Brennnesseln, aus denen die Mutter, mit Ei vermischt, die Nahrung f\u00fcr die K\u00fcken erstellte. Bald versorgte Maria auch die Schweine, die sie wie&nbsp; fette Trolle aus den Tiefen des Stalles angrunzten, und am Ende wagte sie sich sogar an die K\u00fche heran. Die drei K\u00fche, die Feliks Kali\u0144ski besa\u00df, hie\u00dfen Hilda, Giesa und Rotunda, hatten wundersch\u00f6ne Augen und einen warmen Bauch, an die sich Maria, wenn ihr kalt wurde, gerne w\u00e4rmte. Als h\u00e4tten sie Mitleid mit dem winzigen Wesen, das sich ihnen mit dem Melkeimer n\u00e4herte, hielten sie still, wenn sich das Kind an ihnen zu schaffen machte.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Mutter wurde unterdessen immer bleicher, weinte viel und gab dem Vater sogar das eine oder andere Widerwort. Mal klagte sie \u00fcber die Faulheit der Magd, mal pries sie die Madonna, dass sie ihr eine so t\u00fcchtige Tochter geschenkt hatte, nicht ohne sich insgeheim dar\u00fcber zu wundern, wie sie ein solches Kind hatte zur Welt bringen k\u00f6nnen. Ganz anders&nbsp; war es, wenn Onkel Marek zu Besuch kam. Marek Rewki war inzwischen zum Handelsvertreter f\u00fcr Textilien in Ruk\u00f3w aufgestiegen. Im Auftrag seines j\u00fcdischen Arbeitgebers reiste zu den Fachmessen in Warschau und \u0141\u00f3d\u017a, verdiente gutes Geld und besuchte seine Schwester in modischen Hosen, \u00fcber die die Nachbarn kicherten. Wenn Marek Rewki im Haus war, lachte J\u00f3zefa Kali\u0144ska aus vollem Hals, und auch Maria freute sich, denn der Onkel brachte immer ein Geschenk mit, eine kleine Brosche, eine Anstecknadel oder wenigstens eine Blume aus Plastik, die Maria eine Zeitlang an ihrer Sch\u00fcrze trug.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Maria Kali\u0144ska war sieben Jahre alt, als ihr Bruder Ryszard geboren wurde, ein Prachtkerl von Kind, bei dessen Geburt J\u00f3zefa Kali\u0144ska fast gestorben w\u00e4re. Der Dorfpriester Watz\u0142aw Katta\u0144ski war bereits zur letzten \u00d6lung gerufen worden, so kraftlos lag die Mutter im Bett. Doch dann brachte die alte G\u00f3rska ein h\u00f6lzernes Abbild der Schwarzen Madonna von Cz\u0119stochowa ins Haus, legte es der Kranken eine Nacht lang unter das Kissen, und siehe, die Mutter kam wieder zu Kr\u00e4ften.&nbsp; Der kleine Ryszard, der seine Mutter an den Rand des Todes gebracht hatte,&nbsp; besa\u00df eine rosige Haut und so dankbare kleine Augen, dass Maria ihren Bruder bald noch mehr liebte als Hilda, Giesa und Rotunda.<\/p>\n<p>&nbsp; J\u00f3zefa Kali\u0144ska aber stellte nach der Geburt des Sohnes alle T\u00e4tigkeiten im Haus ein. Sie kochte nicht mehr f\u00fcr ihren Mann, ging nicht mehr aufs Erdbeerfeld und setzte keinen Schritt mehr in den Stall. Stattdessen begann sie die Magd Anjela zu kontrollieren, entdeckte Nachl\u00e4ssigkeiten und zeterte \u00fcber Faulheit und Verschwendungssucht. Anjela, die sich w\u00e4hrend ihrer Dienstzeit auf dem Kali\u0144skihof pr\u00e4chtig entwickelt hatte und fast jeden Monat mit einer neuen Sch\u00fcrze durch das Haus lief, lie\u00df sich das nicht gefallen. Es kam zu lauten Szenen, Heulerei und Gekreische zwischen Herrin und Magd, bis Feliks Kali\u0144ski mit seiner Bauernfaust auf den Tisch schlug und in die Wodkasch\u00e4nke Samuel Jeschows floh.<\/p>\n<p>&nbsp; Diese Sch\u00e4nke befand sich am \u00f6stlichen Dorfausgang und war nicht mehr als eine Bretterbude aus alten Holzlatten, \u00fcber die ein Blechdach gelegt worden war. Hinter einer knarrenden T\u00fcre gab es eine Holztheke, an der Samuel Jeschow Hirsebier und Wodka ausschenkte. Samuel Jeschow war ein Jude aus Minsk, der \u00fcberhaupt nicht aussah wie ein Jude, sondern wie ein waschechter Pole: breit, stark und kahlk\u00f6pig. Stammg\u00e4ste seiner Spelunke waren Kacper, der Erste Dorftrinker, Alka Skipp, der Zweite Dorftrinker und Anatoli Mazurek, ein Knecht des deutschen Radlerhofes, der immer, wenn er sich \u00fcber den Hofbauern ge\u00e4rgert hatte, sich bei Samuel Jeschow volllaufen lie\u00df. Die Gesellschaft dieser Gesellen konnte Feliks Kali\u0144ski nur betrunken ertragen, weil er dann sentimental und nachsichtig wurde. Schau dir den Kacper an, dachte er dann. Das ist doch genau so ein armer Hund wie der junge Mazurek, der immer nur w\u00fctend ist und der ehemalige Bauer Alka Skipp, der nach einer Flasche Wodka regelm\u00e4\u00dfig in Tr\u00e4nen ausbricht. Genaugenommen war er selbst, der Kali\u0144ski, doch auch ein armer Hund, mit einem Drahtesel als Weib geschlagen und von den Launen einer Magd traktiert, die unabl\u00e4ssig nach Geschenken verlangte. Kali\u0144ski lie\u00df eine Flasche Wodka kommen, schenkte seinen Kumpanen ein und schimpfte \u00fcber die Weiber. Die H\u00e4sslichen verdunkelten das Angesicht der Erde, und die Sch\u00f6nen das Gem\u00fct der M\u00e4nner. Es war ein Jammer.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Als Feliks Kali\u0144ski mitten in der Nacht nach Hause kam, fand er den&nbsp; Schl\u00fcssel f\u00fcr die Gesindestube auf den K\u00fcchentisch. Die Magd Anjela hatte das Haus verlassen, nicht ohne eine Ledertasche als Ausgleich f\u00fcr den ausstehenden Lohn mitzunehmen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Es dauerte etwas, ehe Feliks Kali\u0144ski die ganze Tragweite seines Verlustes begriff. Die Magd Anjela fehlte ihm mehr, als er jemals geglaubt h\u00e4tte, und er entdeckte zu seinem Schrecken, wie sehr sich sein tr\u00e4ges Bauernherz an die Gegenwart der sch\u00f6nen Magd gew\u00f6hnt hatte. Wer h\u00e4tte gedacht, wie langweilig und \u00f6de sich die Tage dahinziehen konnten, selbst wenn sich Hof und Scheune in allerbestem Zustand befanden? Au\u00dferdem lie\u00df sich eine&nbsp; neue Magd&nbsp; nicht finden, entweder war sie dem Kali\u0144ski&nbsp; zu h\u00e4sslich oder seiner Frau zu sch\u00f6n, so&nbsp; dass schlie\u00dflich die alte G\u00f3rska f\u00fcr ein paar Zloty ins Haus kam, um einmal am Tag f\u00fcr die ganze Familie zu kochen. Maria lernte von der alten G\u00f3rska, wie man eine Suppe kochte und Gris, Kartoffelbrei, Bigos, und Piroggi zubereitete. Nur mit dem Brotbacken haperte es noch etwas, bis Onkel Marek ihr an einem langen Nachmittag sein Geheimrezept veriet. Nicht zu viel Mehl, daf\u00fcr mehr Salz, nur dass nicht immer Salz im Hause war, weil sich die alte G\u00f3rska \u00fcber Geb\u00fchr aus den Salzvorr\u00e4ten bediente.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Inzwischen war Maria alt genug geworden, um die Dorfschule von Nowolipie zu besuchen. Schon im letzten Jahr hatte sie ihre Freundin Sonja Belek beneidet, die etwas \u00e4lter war und stolz mit einem kleinen Lederranzen vor dem Hof der Kali\u0144skis auf und ab spazierte, um Maria zu \u00e4rgern.<\/p>\n<p>&nbsp; Die alte Dorfschule von Nowolipie befand sich in der N\u00e4he der h\u00f6lzernen Dorfkirche und bestand aus einem einzigen gro\u00dfen Raum, in dem alle Kinder gleichzeitig unterrichtet wurden. Wenn au\u00dferhalb der Erntezeit alle Sch\u00fcler anwesend waren, sa\u00dfen etwa drei\u00dfig Jungen und M\u00e4dchen zwischen sechs und zw\u00f6lf Jahren im Raum, meistens verteilt auf einige Tische, an denen sie in der Bibel lesen \u00fcbten oder sich anderweitig besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>&nbsp; Die auff\u00e4lligsten Erscheinungen in diesem Klassenraum waren&nbsp; die Br\u00fcder Henryk und Boris G\u00f3rski, die Enkel der alten G\u00f3rska.&nbsp; Von weitem h\u00e4tte man sie f\u00fcr Zwillinge halten k\u00f6nnen, aber wenn man n\u00e4her hinsah, erkannte man die Unterschiede. Henryk G\u00f3rski war ein Jahr \u00e4lter, hatte d\u00fcnnes Haar und einen B\u00fcffelkopf. Sein Bruder Boris war schlanker und gr\u00f6\u00dfer. Au\u00dferdem besa\u00df er eine klaffende L\u00fccke in seiner oberen Zahnreihe, die er sich bei einer Schl\u00e4gerei&nbsp; zugezogen hatte.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die meisten Kinder in der Dorfschule waren unter zehn Jahre alt, viele von ihnen kannte Maria vom Spielen auf dem Dorfplatz, etwa Edmund und J\u00f3zef Ko\u0142ek, zwei verrufene Rabauken, die sich st\u00e4ndig stritten, aber wie Pech und Schwefel zusammenhielten, wenn sie ein Dritter angriff. El\u017cbieta Bronczek wohnte zwei H\u00f6fe weiter und heulte die ersten drei Schultage lang, weil sie ihre Matka vermisste. Paulina Grzesiak und Liliana Lubow&nbsp; fanden sich in der Schule gut zurecht, zankten aber den ganzen Tag. Unter ihren Mitsch\u00fclern waren auch einige j\u00fcdische Jungen und M\u00e4dchen aus&nbsp; Balanow, von denen Maria niemanden kannte.&nbsp; Auch volksdeutsche Jungen sa\u00dfen in der Klasse, ganz vorne rechts vor dem Pult des Lehrers. Sie hie\u00dfen Lutz, Martin und Georg Bek und sahen genauso aus wie die polnischen Jungen, ebenso blond und schlank, vielleicht etwas adretter angezogen, auf jeden Fall aber eingebildeter, weil sie sich demonstrativ von den anderen Mitsch\u00fclern absonderten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Das galt nicht f\u00fcr Oleg und Edwin Kowalski, die S\u00f6hne des Ortsvorstehers Fryderyk Kowalski und seiner deutschen Frau Gerda. Von ihnen hie\u00df es, sie seien sowohl Deutsche wie auch Polen, was Maria wunderte, denn wie konnte etwas zweierlei zugleich sein? Ein Kuh war doch eine Kuh und eine Ziege eine Ziege, wie konnten denn Oleg und Edwin zugleich Polen und Deutsche sein?&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Der Klassenraum bestand aus einer alten Tafel und einer Menge Pulte und St\u00fchle, auf die Kinder so viel geschaukelt hatten, dass sie jeden Augenblick zusammenzukrachen drohten. Eine Seite des Klassenraums wurde durch eine Fensterfront begrenzt, die fast immer offen stand, um den Stallgeruch aus den Kleidern der Sch\u00fcler zu vertreiben. Manchmal verschwand ein&nbsp; Sch\u00fcler aus dem Fenster, ohne dass der Lehrer davon Notiz nahm, oder die K\u00f6pfe der Dorftrinker Kacper und Alka Skipp tauchten auf und schnitten so lange Grimassen, bis die Kinder in lautes Gel\u00e4chter ausbrachen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Der Dorfschullehrer Franciszek Katta\u0144ski, ein Vetter des Dorfpfaffers Watz\u0142aw Katta\u0144ski, war ein alter Schrat, der immer in der gleichen Hose unterrichtete, nach Urin und Fusel roch und sein Reich ausschlie\u00dflich mit dem Rohrstock regierte. Franciszek Katta\u0144ski war wegen seiner schwachen Nerven vom Kriegsdienst zur\u00fcckgestellt worden, hatte aber&nbsp; die&nbsp; Wiedergeburt Polens mit Begeisterung&nbsp; begr\u00fc\u00dft. Wie alle Polen war er ein Bewunderer Pr\u00e4sident Pi\u0142sudskis, der endlich in Warschau die Macht \u00fcbernommen hatte. Au\u00dferdem war er Mitglied der patriotischen Partei, die daf\u00fcr eintrat, Schlesien, Pommern, Ostpreu\u00dfen und Litauen wieder mit Polen zu vereinigen. Die S\u00e4ulen seiner vaterl\u00e4ndischen P\u00e4dagogik waren Vortr\u00e4ge und Dresche, aber in so r\u00e4tselhafter Durchmischung, dass seine Sch\u00fcler nie wissen konnten, wann eine Ansprache und wann eine Tracht Pr\u00fcgel f\u00e4llig war. Was Katta\u0144ski seinen Sch\u00fclern am liebsten erz\u00e4hlte, waren Episoden \u00fcber die gro\u00dfen Helden der polnischen Geschichte, von Mieszko dem Alten, dem Vater der Nation, oder von der Rettung des Abendlandes vor den T\u00fcrken durch den gro\u00dfen K\u00f6nig Jan Sobieski vor Wien.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Innerhalb des Unterrichts erhielten die j\u00fcdischen Sch\u00fcler aus Balanow die meiste Dresche,&nbsp; obwohl sie sich am besten auff\u00fchrten. \u201eHa, frecher Bengel, was schaust du mich so an?\u201d rief der&nbsp; Dorfschullehrer, wenn ihm danach war, und lie\u00df seinen Stock auf den R\u00fccken eines j\u00fcdischen Knaben niedersausen.&nbsp; Martin und Lutz Radler, zwei der deutschst\u00e4mmigen Jungen, benahmen sich dagegen patzig und g\u00e4hnten laut, wenn Franciszek Katta\u0144ski zu seinen patriotischen Vortr\u00e4gen anhob. Kam ihnen der Dorflehrer zu nahe, riefen sie:&nbsp; \u201eWenn Sie mich schlagen, dann sage ich es meinem Vater,\u201d&nbsp; was meistens hinreichte, das M\u00fctchen des Katta\u0144ski zu k\u00fchlen. So weit ging sein Zorn denn doch nicht, dass er es riskieren wollte, von einem der Knechte eines volksdeutschen Bauern verpr\u00fcgelt zu werden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; So blieb dem Dorfschullehrer nichts anderes \u00fcbrig, als sich auch an den polnischen Sch\u00fclern schadlos zu halten, obwohl es doch gerade die Polen waren, die seiner Auffassung nach das Salz der Erde darstellten.&nbsp; Hatte er einen \u00dcbelt\u00e4ter ausgemacht, zog er&nbsp; ihn an den Haaren aus der Bank, bis dieser mit weit aufgerissenen Augen und&nbsp; mit schmerzverzerrtem Gesicht neben ihm stand.&nbsp; \u201eBenimmt sich so ein Pole?\u201d br\u00fcllte er dann, um den Kopf seines Opfers an den Haaren hin- und herzurei\u00dfen.&nbsp; \u201eNein, nein\u201d jammerte dann Bertram Joz, ohne zu wissen, wie sich ein Pole nach Auffassung seines Lehrers denn verhalten sollte. Karol Suska, der \u00e4ngstlichste aller Sch\u00fcler, geriet in Panik, wenn sich ihm der Lehrer n\u00e4herte. sprang auf und floh, was den Katta\u0144ski rasend machte, so dass er den Jungen besonders ausgiebig verdrosch, sobald er seiner habhaft wurde.&nbsp; Piotr Brosz aus Kolonka war der einzige polnische Sch\u00fcler, der Zeichen von Widerstand zeigte. Er knurrte dann leise und drohend wie ein gereizter kleiner Hund und zwar umso lauter, je st\u00e4rker der Lehrer ihn schlug, so dass Katta\u0144ski mitunter von ihm ablie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Vermittlung der Buchstabenschrift und des Einmaleins oblag Magda Katta\u0144ska, der schielenden Gattin des Dorfschullehrers, die die Sch\u00fcler&nbsp; das ABC bis zur Besinnungslosigkeit abschreiben und laut durch die Klasse br\u00fcllen lie\u00df. Auch Magda Katta\u0144ska erhielt vom P\u00e4dagogen dann und wann eine Abreibung, wobei niemand wusste, warum, denn sie war ihrem Mann h\u00fcndisch ergeben. Als Hausmeisterin der Schule geh\u00f6rte es zu ihren Aufgaben, im Winter den Klassenraum zu heizen, was sie aber nur selten tat,&nbsp; um Kohle f\u00fcr den Eigenverbrauch zu sparen.<\/p>\n<p>&nbsp; Maria kam im Laufe des ersten Schuljahres mit zwei Ohrfeigen davon, und auch die erhielt sie nur, weil sie dem Dorfschullehrer bei einer \u00fcberraschenden Attacke auf Marta Buruwska in die Quere gekommen war.&nbsp; Das Lernen der Buchstaben fiel ihr leicht, und bald konnte sie die Namen ihrer drei Lieblingstiere Hilda, Giesa und Rotunda bereits in ihr Heft schreiben. Ihre Sitznachbarin Sura Bieloch aber war noch schneller im Lernen, ihre Buchstaben waren sch\u00f6ner, ihr Heft war sauberer, was Maria wunderte, weil sie nicht herausfinden konnte, wie Sura das machte. Sura hatte pechschwarze Haare, dunkle Augen mit langen Wimpern und einem so in sich gekehrten Blick, als schliefe sie gleich ein, wo sie doch in Wahrheit hellwach war. Ihre Kleidung war peinlich sauber und sorgf\u00e4ltig gepl\u00e4ttet, dazu trug sie stets eine kleine silberne Brosche an ihrer Bluse. Das wunderlichste an ihr aber war ein kleines Gr\u00fcbchen auf ihrem Kinn wie ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie etwas Besonderes war. Suras Haut war marmorfarben, und ihre Stimme so&nbsp; erstaunlich dunkel, als geh\u00f6re sie zu einer erwachsenen Frau. Wenn aber gesungen wurde, was in der Klasse Franciszek Katta\u0144skis gelegentlich vorkam, klang Suras Stimme so s\u00fc\u00df und&nbsp; zugleich wehm\u00fctig, dass Maria weinen musste. Eine Zeitlang wunderte sich Maria, dass die anderen Kinder den Kontakt zu Sura Bieloch mieden, bis sie erfuhr, dass Suras Vater ein Jude war. \u00dcber Juden war zuhause nie schlecht gesprochen worden, obwohl Maria bald bemerkte, dass etwas an ihnen anders war als an ihren Nachbarn. Sie wusste, dass der Viehh\u00e4ndler und der Saatgutverk\u00e4ufer, mit denen der Vater verhandelte, Juden waren, dass sich die Leute \u00e4rgerten, weil die Ziegen der Juden die Grasnarben auf ihren Wiesen zerst\u00f6rten, aber was es wirklich hie\u00df, ein Jude zu sein, war ihr unbekannt. Erst im Religionsunterricht erfuhr sie die schreckliche Wahrheit, die sie bis ins Herz ersch\u00fctterte: <em>Die Juden hatten den guten Herrn Jesus ermordet! <\/em>Franciszek Katta\u0144ski schilderte die Qualen des Herrn am Kreuz in allen Einzelheiten, und f\u00fcr einen Augenblick war es Maria, als sp\u00fcre sie die Peitschenhiebe des Kalfaktors auf ihrer Haut. Erschrocken sah sie Sura Bieloch von der Seite an, als sei sie es&nbsp; gewesen, die das Leiden des Herrn verursacht hatte. Doch Sura&nbsp; blickte aus ihren halb geschlossenen dunklen Augen unbeeindruckt geradeaus, als ginge sie die Geschichte vom guten Herrn Jesus nichts an. \u201eDie Juden haben unseren Herrn get\u00f6tet\u201d, schloss Kattanker mit Grabesstimme, und unter den \u00e4lteren Mitsch\u00fclern, vor allen bei den G\u00f3rski-Br\u00fcdern, machte sich Unruhe bemerkbar. \u201eSie haben f\u00fcr alle Zeiten Schuld auf sich geladen\u201d, f\u00fcgte der Lehrer hinzu und verwies mit vager Geste auf die Ecke des Raumes, in dem sich drei j\u00fcdische Knaben befanden. Einer war Szmul Goldstyzn, ein schmaler Junge, mit grotesk gro\u00dfen Segelohren, der jedermann zunickte, als wolle er alle Schuld anerkennen und die anstehende Tracht Pr\u00fcgel freudig auf sich nehmen. Szmul Goldstyn war der Sohn des Bauern Ezechiel Goldstyn, der in der N\u00e4he von Bedrewski einen k\u00fcmmerlichen Hof betrieb. Als j\u00fcdischer Bauer wurde er von seinen polnischen Nachbarn scheel angesehen, und seinen Glaubensgenossen in Ruk\u00f3w war er suspekt, weil er es hie\u00df, dass nur die dummen Juden Bauern wurden. Der zweite j\u00fcdische Sch\u00fcler hie\u00df Itzak Riefelstein. Riefelsteins Vater war schon vor Jahren bei einem Pogrom erschlagen worden, seine Mutter war daraufhin vor Kummer gestorben, so dass er bei seiner Gro\u00dfmutter am Rande von Komla lebte.&nbsp; Der dritte j\u00fcdische Sch\u00fcler war Baruch Meyer, ein schlanker Junge von elf Jahren, der die Attacken Franciszek Katta\u0144skis mit unbewegter Miene \u00fcber sich ergehen lie\u00df.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Baruch Meyer war Maria schon vom ersten Schultag an aufgefallen. Er war der Sohn des M\u00fchlenjuden Itzak Meyer und kam jeden Tag aus Balanow zur Schule. Eine Aura der Unnahbarkeit umgab diesen Knaben, an dessen Kleidung sich kein Flecken befand, dessen Hemden akkurat geb\u00fcgelt waren und der sogar ein wenig&nbsp; duftete. Ja, er duftete, genauer gesagt, er roch gut, anders als Hilda, Giesa und Rotunda, sogar besser selbst als die Mutter, wenn sie sich f\u00fcr die Kirche fertig machte. Er besa\u00df sch\u00f6ne,&nbsp; aber etwas eng beieinanderliegende Augen und einen Mund wie ein M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>&nbsp; Als Katta\u0144ksi den gleichg\u00fcltigen Gesichtsausdruck Baruch Meyers bemerkte, stockte er. \u201dDu freust dich wohl \u00fcber den Tod unseres Erl\u00f6sers, Jude?\u201d fragte er. Die G\u00f3rski-Br\u00fcder steckten ihre K\u00f6pfe zusammen und rieben sich die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNein\u201d, widersprach Baruch.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNur nein?\u201d fragte Katta\u0144ski drohend und n\u00e4herte sich der letzten Reihe.<\/p>\n<p>&nbsp; Ehe Baruch Meyer antworten konnte, erhielt er eine schallende Ohrfeige vom Lehrer. Sofort r\u00f6tete sich seine Wange, doch er blieb ruhig auf seinem Stuhl sitzen und blickte den Lehrer weiter ausdruckslos an.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eEine Ohrfeige ist noch das Mindeste, was Juden verdienen\u201d,&nbsp; kommentierte Katta\u0144ski seinen Schlag und schloss die Stunde.<\/p>\n<p>&nbsp; Nach der Schule gingen Maria Kali\u0144ska, Sura Bieloch und Baruch Meyer eine Strecke des Weges gemeinsam. Sura und Baruch mussten nach Balanow, Maria nur bis zum Dorfausgang. Es war ein st\u00fcrmischer Tag, die Wolken hingen tief \u00fcber dem Land,&nbsp; und sicher w\u00fcrde es bald regnen. Gerade wollten sich Maria, Sura und Baruch am Ortsausgang verabschieden, da vertraten ihnen die G\u00f3rski-Br\u00fcder den Weg.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eHey Jude, jetzt kannst du nicht mehr davonlaufen.\u201d giftete Henryk den Baruch an.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eVor wem soll ich denn davonlaufen? Ich habe nichts getan\u201d, antwortete Baruch. \u201eLasst uns durch. Wir wollen keinen Streit.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDas ist die&nbsp; Rache f\u00fcr unseren Herrn\u201d, schrie Boris, sprang vor und schlug Baruch mit der Faust ins Gesicht. Baruch hatte den Schlag kommen sehen und versuchte auszuweichen, doch die Faust traf ihn an der Stirn, und er taumelte zu Boden. Sura schrie auf und stellte sich sch\u00fctzend vor Baruch, doch Henryk stie\u00df sie zu Boden. Maria griff ins Unterholz, fand einen abgebrochenen Ast und schlug ihn mit voller Kraft Henryk auf den R\u00fccken.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Moment brachen die Ko\u0142ek-Br\u00fcder J\u00f3zef und Edmund mit gro\u00dfem Geheul aus dem Geb\u00fcsch hervor und gingen ohne Vorwarnung auf Henryk und Boris los. Keiner wusste, woher sie pl\u00f6tzlich gekommen waren, doch nun waren sie da und teilten m\u00e4chtig aus. Die G\u00f3rski-Br\u00fcder waren zwar \u00e4lter, aber keineswegs so kampferfahren wie die Ko\u0142eks und au\u00dferdem vom Angriff vollkommen \u00fcberrascht. Im Nu hatte Edmund Ko\u0142ek Henryk G\u00f3rski in den Schwitzkasten genommen, um ihm die Luft abzudr\u00fccken. J\u00f3zef Ko\u0142ek&nbsp; verpasste Boris einen Faustschlag ins Gesicht, dass ihm das Blut aus der Nase schoss. \u201eIch werde dir helfen, kleine M\u00e4dchen zu verpr\u00fcgeln\u201d rief er und verpasste Boris noch eine Ohrfeige.&nbsp; Inzwischen hatte Edmund Henryk aus dem Schwitzkasten entlassen und ihm einen Tritt in den Hinten verpasst. Boris hielt sich die Nase und rannte heulend davon, sein Bruder folgte ihm.&nbsp; \u201eHinterfotzige Judenfreunde, das werdet ihr b\u00fc\u00dfen\u201d, rief Henryk G\u00f3rski aus sicherer Entfernung, ehe er hinter den n\u00e4chsten Busch verschwand.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Maria hatte den Stock fallenlassen und half Sura auf die Beine. Suras Kleid war vom Staub beschmutzt. Baruch war aufgestanden und bef\u00fchlte seine Stirn, die sich rot f\u00e4rbte.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eDanke,\u201d sagte er kurz zu J\u00f3zef und Edmund gewandt. \u201eOhne euch w\u00e4ren wir wohl m\u00e4chtig verdroschen worden.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNicht der Rede wert\u201d, gab Edmund Ko\u0142ek zur\u00fcck. Er war etwas kleiner als sein Bruder J\u00f3zef und glich einer leicht reizbaren Katze. Ein wenig Schwei\u00df war auf seiner Stirne zu sehen, als er seine Haare&nbsp; zur\u00fcckstrich. \u201eDie beiden hatten noch was gut bei uns, da kam uns diese Gelegenheit ganz recht.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp; J\u00f3zef Ko\u0142ek klopfte sich den Staub von seiner Hose. Er hatte ein ernstes Gesicht mit einer langen Nase und so gutm\u00fctig dreinblickenden Hundeaugen, dass man gar nicht glauben konnte, dass er als Raufbold verschrien war. Seine Lippen hatte er fest aufeinandergepresst, als&nbsp; wollten sie jedes \u00fcberfl\u00fcssige Wort vermeiden. J\u00f3zef Ko\u0142ek&nbsp; war kr\u00e4ftig, fast wie ein junger Mann mit seinen noch nicht einmal zehn Jahren, seine Arme waren eigenartig lang, als w\u00e4re ihr Wachstums dem Rest des K\u00f6rpers vorausgeeilt. Als sich Sura bei ihm bedankte,&nbsp; wurde er rot bis in die Haarspitzen.&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-8358\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang der 1920er Jahre im Osten Polens: Vorstellung des Dorfes Nowolipie und der Familie Kali\u0144ski. 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