{"id":8307,"date":"2021-10-07T08:54:05","date_gmt":"2021-10-07T08:54:05","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=8307"},"modified":"2025-06-03T10:32:50","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:50","slug":"leseprobe-1-das-dof-aus-dem-1-kapitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-1-das-dof-aus-dem-1-kapitel\/","title":{"rendered":"Leseprobe 1: Das Dorf (aus dem 1. Kapitel)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8357 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"392\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/01_20211014_110200-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/>&nbsp; Irgendwo in Polens Osten, hinter Warschau und vor Lublin, abseits der gro\u00dfen St\u00e4dte und Durchgangsstra\u00dfen, lag das Dorf Nowolipie. Es war ein Dorf, wie es damals&nbsp; Tausende gab, eingebettet in eine flache Landschaft, die einer gr\u00fcnen Scheibe glich, deren R\u00e4nder sich am Horizont verloren.&nbsp; Topolab\u00e4ume, Trauerweiden&nbsp; und Linden&nbsp; s\u00e4umten schmale Wege, die an kleinen H\u00f6fen und D\u00f6rfern vor\u00fcberf\u00fchrten. Die H\u00e4user waren aus Lehm und Holz gebaut und ebenso wie die Viehst\u00e4lle mit Stroh gedeckt. In den K\u00fcchen, in denen sich der Rauchfang befand, versammelten sich die Familien und a\u00dfen Kartoffeln mit Gris, Pilze mit Eiern und an den Feiertagen, wenn es die Madonna gut mit den D\u00f6rflern meinte, auch einmal ein St\u00fcck Fleisch. Rund um diese D\u00f6rfer lagen die Felder, flach dahingesteckt unter einem grenzenlosen Himmel, doch bei weitem nicht so fruchtbar wie die B\u00f6den in der benachbarten Ukraine. Kartoffeln und Getreide wuchsen auf diesem sandigen Grund, und mit einiger M\u00fche und Geduld war es m\u00f6glich, Obst und Gem\u00fcse zu ernten.&nbsp; Jedes Fr\u00fchjahr zogen schwarze&nbsp; Wolken von S\u00fcdosten her \u00fcber das Land und brachten den Regen, den die Bauern brauchten, manchmal aber auch St\u00fcrme, die die Ernte bedrohten.<\/p>\n<p>&nbsp; Wenn der Herr den D\u00f6rflern gn\u00e4dig war, dann begannen die Bauern Anfang Juli mit der Ernte, m\u00e4hten im Schwei\u00dfe ihres Angesichts das Getreide, w\u00e4hrend ihre Frauen und Kinder hinter ihnen hergingen, um die Garben zum trocknen zu binden. Dreschmaschinen, die die Spreu vom Weizen trennten, gab es noch nicht, so dass das getrocknete Heu m\u00fchsam gedroschen werden mussten, um das Korn zu gewinnen, das&nbsp; in den M\u00fchlen von Kalanow gemahlen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp; Alle paar Jahre vernichtete eine D\u00fcrre die Ernten, dann wurden die Mehlvorr\u00e4te gestreckt, die Suppen verd\u00fcnnt und die G\u00fcrtel enger geschnallt. Nur im Opferstock der Dorfkirche klingelte es dann&nbsp; lebhafter, denn irgendwie musste die verstimmte Muttergottes wieder bes\u00e4nftigt werden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Im Herbst zogen alte M\u00e4hren die Pfl\u00fcge \u00fcber das Land um die Erde f\u00fcr die neue Aussaat vorzubereiten. Krankheiten wie die Cholera und die Tuberkulose gingen zur\u00fcck, der Jungfrau von Cz\u0119stochowa sei Dank.&nbsp; Im Winter knirschten die D\u00e4cher unter der Last des Schnees, und aus den Kaminen stieg grauer Rauch in den Himmel. Manch ein Bauer, der sich im Halbdunkel der winterliche Tage einsam f\u00fchlte, verfiel dem Wodka, andere beteten beim flackernden Schein ihrer Kerzen zur Madonna, um der Versuchung zu widerstehen.<\/p>\n<p>&nbsp; Dann wurde es Fr\u00fchjahr. Der Schnee schmolz, und bald erschienen die ersten St\u00f6rche und bauten ihre Nester auf den D\u00e4chern und Scheunen.&nbsp; Pferde, K\u00fche, Schweine und H\u00fchner waren die Gef\u00e4hrten der Menschen bei dieser Reise durch die Jahreszeiten. Nur bei den Juden von Adamaow und Ruk\u00f3w fehlten die Schweine, daf\u00fcr liefen ausgemergelte Ziegen \u00fcber ihre H\u00f6fe. Einzig die deutschen Bauern, die am Rande der D\u00f6rfer von Nowolipie, Admaow, Rodonowa, Bedrewski und Komla siedelten, hatten alles: K\u00fche, Rinder, Schweine und Ziegen \u2013 und auch noch Steinh\u00e4user.&nbsp; Konnte das wirklich mit rechten Dingen zugehen?<\/p>\n<p>Das war die Welt, in der irgendwan am am Anfang der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts Maria Kali\u0144ska geboren wurde, das \u00e4lteste Kind des Bauern Feliks Kali\u0144ski Kali\u0144ski und seiner Frau J\u00f3zefa. Es war eine erwartungsvolle Zeit, in der Maria das Licht der Welt erblickte, die ersten Jahre eines&nbsp; wieder erstandenen polnischen Vaterlandes, das nach dem Ende des gro\u00dfen Krieges wie ein Phoenix auf den Schlachtfeldern der V\u00f6lker wieder auferstanden war. Die Kaiserreiche Deutschland, \u00d6sterreich und Russland waren zu schanden gegangen, doch Polen war in die Geschichte zur\u00fcckgekehrt, gr\u00f6sser und m\u00e4chtiger als jemals zuvor, mit Grenzen, die weit in die Tiefen Russlands hineinreichten und alle Orte der polnischen Kultur&nbsp; umfassten.<\/p>\n<p>&nbsp; Marias Vater Feliks Kali\u0144ski hatte im ersten Weltkrieg als polnischer Soldat in der russischen Armee gek\u00e4mpft. Er hatte die ersten Kriegsjahre miterlebt, den russischen Einmarsch in Ostpreu\u00dfen und die schm\u00e4hliche Niederlage an den Masurischen Seen. Im letzten Kriegsjahr war er aus der russischen Armee desertiert, um sich den Truppen General Pi\u0142sudskis anzuschliessen, die gegen die Deutsche, Russen und Litauer&nbsp; k\u00e4mpften. Dann war der Krieg zu Ende. Feliks Kali\u0144ski war heimgekehrt, siegreich und ehrenvoll entlassen, um in Nowolipie den Hof seiner verstorbenen Eltern zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski war nicht gro\u00df, aber kr\u00e4ftig. Er besa\u00df einen klaren Verstand und kurze, flinke Beine, mit denen er den Weg zwischen Nowolipie und Kalanow in einer halben Stunde zur\u00fccklegen konnte. Mit seinen kugelrunden Augen, seinen tapsigen Bewegungen und seiner starken K\u00f6rperbehaarung glich er einem zotteligen B\u00e4ren, besa\u00df Schlagfertigkeit und Mutterwitz und wusste mit den M\u00e4dchen des Dorfes so gut umzugehen, dass ihm manch eine sch\u00f6ne Augen machte.&nbsp; Zur allgemeinen \u00dcberraschung erw\u00e4hlte er jedoch J\u00f3zefa Rewka zur Gattin, eine junge Frau ohne besondere Reize. Sie war hager wie ein Drahtesel, besa\u00df eckige Knochen, blasse Haut und ein fliehendes Kinn. Kochen konnte sie nur das N\u00f6tigste, Brot backen war ihr ein Gr\u00e4uel, und die Einmachgl\u00e4ser verschloss sie so nachl\u00e4ssig, dass das Obst mitunter \u00fcber den Winter verdarb. Aber sie brachte eine fette Mitgift mit in die Ehe, genauer gesagt, jene Landparzelle, nach der die Familie Kali\u0144ski zur Abrundung ihres eigenen&nbsp; Besitzes schon lange gierte. Immerhin war J\u00f3zefa Rewka gutm\u00fctig und fromm, so fromm, dass sie fast t\u00e4glich den Rosenkranz betete, ganz gleich, ob Wallfahrtszeit war oder nicht.&nbsp; Keine Messe lie\u00df sie aus, und wenn der Bischof von Lublin in der Gegend war, reiste sie nach Ruk\u00f3w um seiner Messe beizuwohnen. W\u00e4hrend der Woche versorgte sie entweder ihre H\u00fchner und ihr kleines Erdbeerenfeld oder sa\u00df am gro\u00dfen Holztisch vor einem Herbata und&nbsp; blickte durch das K\u00fcchenfester, ob nicht ihr Bruder Marek zu Besuch k\u00e4me.<\/p>\n<p>&nbsp; Marek Rewki war ein Jahr \u00e4lter als seine Schwester J\u00f3zefa, aber noch immer unverheiratet. Was bei J\u00f3zefa kantig wirkte, erschien bei Marek m\u00e4nnlich, wo J\u00f3zefa betete, lachte und tanzte ihr Bruder, wann immer sich dazu Gelegenheit bot. Mit dem Vater Wies\u0142aw Rewki hatte sich&nbsp; Marek \u00fcberworfen, weil er nicht davon lassen wollte, in in den Judenspelunken von Ruk\u00f3w zu verkehren. Schlie\u00dflich war Marek enterbt worden, so dass ihm nichts weiter \u00fcbrig geblieben war, als sich bei einem j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler in Ruk\u00f3w als Ladengehilfe zu verdingen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Feliks Kali\u0144ski nahm seine Familie wie sie war, seine Frau, seine Tochter, seinen Schwager und den alten Wies\u0142aw Rewki, der langsam wunderlich im Kopf wurde,&nbsp; und arbeitete von morgens bis abends auf den Feldern. Die Tomaten und Gurken, die Erdbeeren und Eier, die Milch&nbsp; und das Korn, die Zwiebeln und die W\u00fcrste, die er nicht selbst verbrauchte, verkaufte er \u00fcber seinen Schwager Marek an den j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler. Sein nicht genutztes Land \u00fcberlie\u00df er seinen Nachbarn f\u00fcr eine ordentliche Pacht, und das Geld, das auf diese Weise zusammenkam, brachte er nach Ruk\u00f3w auf die Bank. Da die Familie sparsam lebte und J\u00f3zefa Kali\u0144ska nur die einfachsten Speisen zubereitete, reichte es bald f\u00fcr den Kauf neuer Felder, f\u00fcr die Anschaffung eiserner Pfl\u00fcge samt Zugvieh und neuer Pferdewagen. Schlie\u00dflich wurde er so wohlhabend, dass er das Holzhaus seiner Eltern durch ein Steingeb\u00e4ude ersetzte und mit einem ordentlichen Schieferdach versah. Nach einigen Jahren war sein Hof so gro\u00df geworden,&nbsp; dass er Landarbeiter anstellte und sich nach einer Magd zur Entlastung seiner Gattin umsah.<\/p>\n<p>&nbsp; Die junge Frau, die er anstellte, hie\u00df Anjela und war eine Waise aus Kolonka. Sie war ein&nbsp; junges, dralles Ding mit Augen wie Schmetterlingsfl\u00fcgel, die dem Kali\u0144skibauern auf der Stelle gefiel. Kein Wunder, dass sie ein eigenes Gesindezimmer erhielt, zu dem der Herr des Hauses einen Zweitschl\u00fcssel besa\u00df. Da er diesen Schl\u00fcssel regelm\u00e4\u00dfig nutzte, ohne dass seine fromme Gattin etwas merkte, schien sich Feliks Kali\u0144skis Leben ins Vollkommene zu runden. Arbeit, Familie, die richtige Menge Schnaps auf einer Dorfhochzeit und gelegentliche Besuche bei der drallen Anjela bereicherten sein Leben mit jener Art von F\u00fclle, auf die er als hart arbeitender Bauersmann einen Anspruch zu haben glaubte. Und da ihm Watz\u0142aw Kattanski, der Dorfpfarrer, f\u00fcr die eine oder andere Extraspende regelm\u00e4ssig Absolution erteilte, war auch vor dem Allerh\u00f6chsten alles in Ordnung.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die kleine Maria wuchs heran, war anstellig und f\u00fcgsam und immer&nbsp; bestrebt, die notleidende Mutter&nbsp; von der h\u00e4uslichen Arbeit zu entlasten. Sie war noch keine vier Jahre alt, da lernte sie schon die Eier einzusammeln, ohne die gackernden H\u00fchner zu beachten. Sie sammelte die Brennesseln, aus denen die Mutter, mit Ei vermischt, die Nahrung f\u00fcr die K\u00fcken erstellte. Bald versorgte Maria auch die Schweine, die sie wie&nbsp; fette Trolle aus den Tiefen des Stalles angrunzten, und am Ende wagte sie sich sogar an die K\u00fche heran. Die drei K\u00fche, die Feliks Kali\u0144ski besa\u00df, hie\u00dfen Hilda, Giesa und Rotunda, hatten wundersch\u00f6ne Augen und einen warmen Bauch, an die sich Maria, wenn ihr kalt wurde, gerne w\u00e4rmte. Als h\u00e4tten sie Mitleid mit dem winzigen Wesen, das sich ihnen mit dem Melkeimer n\u00e4herte, hielten sie still, wenn sich das Kind an ihnen zu schaffen machte.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Mutter wurde unterdessen immer bleicher, weinte viel und gab dem Vater sogar das eine oder andere Widerwort. Mal klagte sie \u00fcber die Faulheit der Magd, mal pries sie die Madonna, dass sie ihr eine so t\u00fcchtige Tochter geschenkt hatte, nicht ohne sich insgeheim dar\u00fcber zu wundern, wie sie ein solches Kind hatte zur Welt bringen k\u00f6nnen. Ganz anders&nbsp; war es, wenn Onkel Marek zu Besuch kam. Marek Rewki war inzwischen zum Handelsvertreter f\u00fcr Textilien in Ruk\u00f3w aufgestiegen. Im Auftrag seines j\u00fcdischen Arbeitgebers reiste zu zu den Fachmessen in Warschau und \u0141\u00f3d\u017a, verdiente gutes Geld und besuchte seine Schwester in modischen Hosen, \u00fcber die die Nachbarn kicherten. Wenn Marek Rewki im Haus war, lachte J\u00f3zefa Kali\u0144ska aus vollem Hals, und auch Maria freute sich, denn der Onkel brachte immer ein Geschenk mit, eine kleine Brosche, eine Anstecknadel oder wenigstens eine Blume aus Plastik, die Maria eine Zeitlang an ihrer Sch\u00fcrze trug.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Maria Kali\u0144ska war sieben Jahre alt, als ihr Bruder Ryszard geboren wurde, ein Prachtkerl von Kind, bei dessen Geburt J\u00f3zefa Kali\u0144ska fast gestorben w\u00e4re. Der Dorfpriester Watz\u0142aw Kattanski war bereits zur letzten \u00d6lung gerufen worden, so kraftlos lag die Mutter im Bett. Doch dann brachte die alte G\u00f3rska ein h\u00f6lzernes Abbild der Schwarzen Madonna von Cz\u0119stochowa ins Haus, legte es der Kranken eine Nacht lang unter das Kissen, und siehe, die Mutter kam wieder zu Kr\u00e4ften.&nbsp; Der kleine Ryszard, der seine Mutter an den Rand des Todes gebracht hatte,&nbsp; besa\u00df eine rosige Haut und so dankbare kleine Augen, dass Maria ihren Bruder bald noch mehr liebte als Hilda, Giesa und Rotunda.<\/p>\n<p>&nbsp; J\u00f3zefa Kali\u0144ska aber stellte nach der Geburt des Sohnes alle T\u00e4tigkeiten im Haus ein. Sie kochte nicht mehr f\u00fcr ihren Mann, ging nicht mehr aufs Erdbeerfeld und setzte keinen Schritt mehr in den Stall. Stattdessen begann sie Anjela, die Magd, mit Argusaugen zu kontrollieren, entdeckte Nachl\u00e4ssigkeiten und zeterte \u00fcber Faulheit und Verschwendungssucht. Anjela, die sich w\u00e4hrend ihrer Dienstzeit auf dem Kali\u0144skihof pr\u00e4chtig entwickelt hatte und fast jeden Monat mit einer neuen Sch\u00fcrze durch das Haus lief, lie\u00df sich das nicht gefallen. Es kam zu lauten Szenen, Heulerei und Gekreische zwischen Herrin und Magd, bis Feliks Kali\u0144ski mit seiner Bauernfaust auf den Tisch schlug und in die Wodkasch\u00e4nke Samuel Jeschows floh.<\/p>\n<p>&nbsp; Diese Sch\u00e4nke befand sich am \u00f6stlichen Dorfausgang und war nicht mehr als eine Bretterbude aus alten Holzlatten, \u00fcber die ein Blechdach gelegt worden war. Hinter einer knarrenden T\u00fcre gab es eine Holztheke, an der Samuel Jeschow Hirsebier und Wodka ausschenkte. Samuel Jeschow war ein Jude aus Minsk, der \u00fcberhaupt nicht aussah wie ein Jude, sondern wie ein waschechter Pole: breit, stark und kahlk\u00f6pig. Stammg\u00e4ste seiner Spelunke waren Kacper, der Erste Dorftrinker, Alka Skipp, der Zweite Dorftrinker und Anantoli Mazurek, ein Knecht des deutschen Radlerhofes, der immer, wenn er sich \u00fcber den Hofbauern ge\u00e4rgert hatte, sich bei Samuel Jeschow volllaufen lie\u00df. Die Gesellschaft dieser Gesellen konnte Feliks Kali\u0144ski nur betrunken ertragen, weil er dann sentimental und nachsichtig wurde. Schau dir den Kacper an, dachte er dann. Das ist doch genau so ein armer Hund wie der junge Mazurek, der immer nur w\u00fctend ist und der ehemalige Bauer Alka Skipp, der nach einer Flasche Wodka regelm\u00e4\u00dfig in Tr\u00e4nen ausbricht. Genaugenommen war er selbst, der Kali\u0144ski, doch auch ein armer Hund, mit einem Drahtesel als Weib geschlagen und von den Launen einer Magd traktiert, die unabl\u00e4ssig nach Geschenken verlangte. Kali\u0144ski lie\u00df eine Flasche Wodka kommen, schenkte seinen Kumpanen ein und schimpfte \u00fcber die Weiber. Die H\u00e4sslichen verdunkelten das Angesicht der Erde, und die Sch\u00f6nen das Gem\u00fct der M\u00e4nner. Es war ein Jammer.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Als Feliks Kali\u0144ski mitten in der Nacht nach Hause kam, fand er den&nbsp; Schl\u00fcssel f\u00fcr die Gesindestube auf den K\u00fcchentisch. Die Magd Anjela hatte das Haus auf Nimmerwiedersehen verlassen, nicht ohne eine Ledertasche als Ausgleich f\u00fcr den ausstehenden Lohn mitzunehmen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Es dauerte etwas, ehe Feliks Kali\u0144ski die ganze Tragweite seines Verlustes begriff. Die Magd Anjela fehlte ihm mehr, als er jemals geglaubt h\u00e4tte, und er entdeckte zu seinem Schrecken, wie sehr sich sein tr\u00e4ges Bauernherz an die Gegenwart der sch\u00f6nen Magd gew\u00f6hnt hatte. Wer h\u00e4tte gedacht, wie langweilig und \u00f6de sich die Tage dahinziehen konnten, selbst wenn sich Hof und Scheune in allerbestem Zustand befanden? Au\u00dferdem lie\u00df sich eine&nbsp; neue Magd&nbsp; nicht finden, entweder war sie dem Kali\u0144ski&nbsp; zu h\u00e4sslich oder seiner Frau zu sch\u00f6n, so&nbsp; dass schlie\u00dflich die alte G\u00f3rska f\u00fcr ein paar Zloty ins Haus kam, um einmal am Tag f\u00fcr die ganze Familie zu kochen. Maria lernte von der alten G\u00f3rski, wie man eine Suppe kochte und Gris, Kartoffelbrei, Bigos, und Piroggi zubereitete. Nur mit dem Brotbacken haperte es noch etwas, bis Onkel Marek ihr an einem langen Nachmittag sein Geheimrezept veriet. Nicht zu viel Mehl, daf\u00fcr mehr Salz, nur dass nicht immer Salz im Hause war, weil sich die alte G\u00f3rska \u00fcber Geb\u00fchr aus den Salzvorr\u00e4ten bediente.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Inzwischen war Maria alt genug geworden, um die Dorfsschule von Nowolipie zu besuchen. Schon im letzten Jahr hatte sie ihre Freundin Sonja Belek beneidet, die etwas \u00e4lter war und stolz mit einem kleinen Lederranzen vor dem Hof der Kali\u0144skis auf und ab spazierte, um Maria zu \u00e4rgern.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Dorfschule von Nowolipie befand sich in der N\u00e4he der Dorfkirche und bestand aus einem einzigen gro\u00dfen Raum, in dem alle Kinder gleichzeitig unterrichtet wurden. Wenn au\u00dferhalb der Erntezeit alle Sch\u00fcler anwesend waren, sa\u00dfen etwa drei\u00dfig Jungen und M\u00e4dchen zwischen sechs und zw\u00f6lf Jahren im Raum, meistens verteilt auf einige Tische, an denen sie in der Bibel lesen \u00fcbten oder sich anderweitig besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>&nbsp; Die auff\u00e4lligsten Erscheinungen in diesem Klassenraum waren die beiden G\u00f3rski Br\u00fcder, Henryk und Boris G\u00f3rski.&nbsp; Von weitem h\u00e4tte man sie f\u00fcr Zwillinge halten k\u00f6nnen, aber wenn man n\u00e4her hinsah, erkante man die Unterschiede. Henryk G\u00f3rski war ein Jahr \u00e4lter, hatte d\u00fcnnes Haar und einen B\u00fcffelkopf. Sein Bruder Boris war schlanker und gr\u00f6\u00dfer. Au\u00dferdem besa\u00df er eine klaffende L\u00fccke in seiner oberen Zahnreihe, die er sich bei einer Schl\u00e4gerei&nbsp; zugezogen hatte.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die meisten Kinder in der Dorfschule waren unter zehn Jahre alt, viele von ihnen kannte Maria vom Spielen auf dem Dorfplatz, etwa Edmund und J\u00f3zef Ko\u0142ek, zwei verrufene Rabauken, die sich st\u00e4ndig gegenseitig traktierten, aber wie Pech und Schwefel zusammenhielten, wenn sie ein Dritter angriff. Elzbieta Brozek wohnte zwei H\u00f6fe weiter und heulte die ersten drei Schultage lang, weil sie ihre Matka vermisste. Paulina Grzesak und Liliana Lubow&nbsp; fanden sich in der Schule gut zurecht, zankten aber den ganzen Tag. Unter ihren Mitsch\u00fclern waren auch einige j\u00fcdische Jungen und M\u00e4dchen aus&nbsp; Adamaow, von denen Maria niemanden kannte.&nbsp; Auch volksdeutsche Jungen sa\u00dfen in der Klasse, ganz vorne rechts vor dem Pult des Lehrers. Sie hiessen Lutz und Martin Radler und Georg Bek und sahen genauso aus wie die polnischen Jungen, ebenso blond und schlank, vielleicht etwas adretter angezogen, auf jeden Fall aber eingebildeter, weil sie sich demonstrativ von den anderen Mitsch\u00fclern absonderten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Das galt nicht f\u00fcr Oleg und Edwin Kowalski, die S\u00f6hne des Ortsvorstehers Fryderyk Kowalski und seiner deutschen Frau Gerda. Von ihnen hie\u00df es, sie seien sowohl Deutsche wie auch Polen, was Maria wunderte, denn wie konnte etwas zweierlei zugleich sein? Ein Kuh war doch eine Kuh und eine Ziege eine Ziege, wie konnten denn Oleg und Edwin zugeich Polen und Deutsche sein?&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Der Klassenraum bestand aus einer alten Tafel und einer Menge Pulte und St\u00fchle, auf denen Generationen von Kindern so viel geschaukelt hatten, dass sie jeden Augenblick zusammenzukrachen drohten. Eine Seite des Klassenaums wurde durch eine Fensterfront begrenzt, die fast immer offen stand, um den Stallgeruch aus den Kleidern der Sch\u00fcler zu vertreiben. Manchmal verschwand ein&nbsp; Sch\u00fcler aus dem Fenster, ohne dass der Lehrer davon Notiz nahm, oder die K\u00f6pfe der Dorftrinker Kacper und Alka Skipp tauchten auf und schnitten so lange Grimassen, bis die Kinder in lautes Gel\u00e4chter ausbrachen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Der Dorfschullehrer Franciszek Kattanski, ein Vetter des Dorfpfaffers Watz\u0142aw Kattanski, war ein alter Schrat, der immer in der gleichen Hose unterrichtete, nach Urin und Fusel roch und sein Reich ausschlie\u00dflich mit dem Rohrstock regierte. Franciszek Kattanski war wegen seiner schwachen Nerven vom Kriegsdienst zur\u00fcckgestellt worden, hatte aber&nbsp; die&nbsp; Wiedergeburt Polens mit Begeisterung&nbsp; begr\u00fc\u00dft. Wie alle Polen war er ein Bewunderer Pr\u00e4sident Pi\u0142sudskis, der endlich in Warschau die Macht \u00fcbernommen hatte. Au\u00dferdem war er Mitglied der patriotischen Partei, die daf\u00fcr eintrat, Schlesien, Pommern, Ostpreu\u00dfen und Litauen wieder mit Polen zu vereinigen. Die S\u00e4ulen seiner vaterl\u00e4ndischen P\u00e4dagogik waren Vortr\u00e4ge und Dresche, aber in so r\u00e4tselhafter Durchmischung, dass seine Sch\u00fcler nie wissen konnten, wann eine Ansprache und wann eine Tracht Pr\u00fcgel f\u00e4llig war. Was Kattanski seinen Sch\u00fclern am liebsten erz\u00e4hlte, waren Geschichten \u00fcber die gro\u00dfen Helden der polnischen Geschichte, von Mieszko dem Alten, dem Vater der Nation, oder von der Rettung des Abendlandes vor den T\u00fcrken durch den gro\u00dfen K\u00f6nig Jan Sobieski vor Wien.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Innerhalb des Unterrichts erhielten die j\u00fcdischen Sch\u00fcler aus Adamaow die meiste Dresche,&nbsp; obwohl sie sich am besten auff\u00fchrten. \u201eHa, frecher Bengel, was schaust du mich so an?\u201d rief der&nbsp; Dorfschulehrer, wenn ihm danach war, und liess seinen Stock auf den R\u00fccken eines j\u00fcdischen Knaben niedersausen.&nbsp; Martin und Lutz Radler, zwei der deutschst\u00e4mmigen Jungen, benahmen sich dagegen patzig und g\u00e4hnten laut, wenn Franciszek Kattanski zu seinen patriotischen Vortr\u00e4gen anhob. Kam ihnen der Dorflehrer zu nahe, riefen sie:&nbsp; \u201eWenn Sie mich schlagen, dann sage ich es meinem Vater,\u201d&nbsp; was meistens hinreichte, das M\u00fctchen des Kattanski zu k\u00fchlen. So weit ging sein Zorn denn doch nicht, dass er es riskieren wollte, von einem der Knechte eines volksdeutschen Bauern verpr\u00fcgelt zu werden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; So blieb dem Dorfschullehrer nichts anderes \u00fcbrig, als sich auch an den polnischen Sch\u00fclern schadlos zu halten, obwohl es doch gerade die Polen waren, die seiner Auffassung nach das Salz der Erde darstellten.&nbsp; Hatte er einen \u00dcbelt\u00e4ter ausgemacht, zog er&nbsp; ihn an den Haaren aus der Bank, bis dieser mit weit aufgerissenen Augen und&nbsp; mit schmerzverzerrtem Gesicht neben ihm stand.&nbsp; \u201eBenimmt sich so ein Pole?\u201d br\u00fcllte er dann, um den Kopf seines Opfers an den Haaren hin- und herzurei\u00dfen.&nbsp; \u201eNein, nein\u201d jammerte dann Bertram Joz ohne zu wissen, wie sich ein Pole nach Auffassung seines Lehrers denn verhalten sollte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-8358\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-900x438.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1920x933.jpg 1920w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-768x373.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-1536x747.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/02_20211014_110108-2048x996.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Irgendwo in Polens Osten, hinter Warschau und vor Lublin, abseits der gro\u00dfen St\u00e4dte und Durchgangsstra\u00dfen, lag das Dorf Nowolipie. 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