{"id":7465,"date":"2020-10-18T11:07:18","date_gmt":"2020-10-18T11:07:18","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=7465"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"autorentagebuch-das-dorf-zakepie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/autorentagebuch-das-dorf-zakepie\/","title":{"rendered":"Autorentagebuch DAS DORF ZAKEPIE"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7468 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-900x675.jpg\" alt=\"\" width=\"327\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-900x675.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-1600x1200.jpg 1600w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-768x576.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/IMG_0885-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 327px) 100vw, 327px\" \/>(Stand Oktober 2020) Das Dorf Zakepie, den Heimatort meiner Frau, besuchte ich das erste Mal auf meiner Osteuropareise im Jahre 2004. Ich habe dann \u00fcber das Dorf und seine Geschichte (vor allem \u00fcber das Massaker vom April 1940) etwas recherchiert und dar\u00fcber einen <a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/h6yd4nq9torb7nr\/Das%20Leben%20der%20Maria%20Kaminski%20DAMALS%20ohne%20Deckblatt.pdf?dl=0\">Artikel in der Geschichtszeitschrift DAMALS<\/a> ver\u00f6ffentlicht, die sich im Wesentlichen mit der Lebensgeschichte von Maria Kaminska, der Mutter meiner Frau, besch\u00e4ftigte. &nbsp;Nach meiner Heirat war ich relativ regelm\u00e4\u00dfig mit meiner Frau auf dem Hof meiner Schw\u00e4gerin in Zakepie zu Gast. Meine Schwiegermutter &nbsp;war damals bereits Ende Achtzig, aber noch extrem r\u00fcstig. Wenn sie Gl\u00fcck hatte, w\u00fcrde sie noch einhundert Jahre alt werden, dachten manche. Vage entstand die Idee einer Geschichte des Dorfes zwischen 1920 bis 2020.<\/p>\n<p>Irgendwann, &nbsp;am Beginn der Zehner Jahre w\u00e4hrend einer meiner zahlreichen <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7472 alignright\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/d-49.jpg\" alt=\"\" width=\"269\" height=\"424\"\/>Aufenthalte in Zakepie, w\u00e4hrend dem ich wie immer vom Treiben der &nbsp;Familie kein Wort verstand, zog ich mich auf mein Zimmer zur\u00fcck und begann, das erste Kapitel des vorliegenden Buches zu schreiben. \u201eDas Dorf Zakepie.\u201c Es ging mir locker aus der Hand. Danach war erst einmal wieder ein paar Jahre Ruhe. Die Idee, weiterzuschreiben und eine gewisse Furcht vor der Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe hielten sich lange Zeit die Waage. Au\u00dferdem wurde ich ab 2012 durch die Bearbeitung meiner Reisetageb\u00fccher und meine \u201eWeltreise-Reihe\u201c abgelenkt.<\/p>\n<p>Im Sommer 2018, nachdem ich zehn Reiseb\u00fccher in Folge geschrieben und ver\u00f6ffentlicht hatte, hatte ich von Reiseliteratur erst einmal die Nase voll und begann vorsichtig mit der Konzeption des zweiten Kapitels \u00fcber das Dorf Zakepie in den drei\u00dfiger Jahren. Zu meiner \u00dcberraschung ging mir auch dieses Kapitel locker von der Hand.&nbsp; Pl\u00f6tzlich packte mich der Stoff, und ich schrieb wie in einem Rausch den Rest des Jahres 2018 vier oder f\u00fcnf weitere Kapitel. Anfang 2019 war das erste Buch (\u201eDas wiedererstandene Polen und sein Untergang\u201c) fast fertig. &nbsp;Allerdings erkenne ich im nachherein, dass das erste Buch sicher das einfachste &nbsp;gewesen sein wird, weil ich durch die historischen Vorgaben recht genaue Anhaltspunkte besa\u00df.<\/p>\n<p>Seit einem Jahr arbeite ich am zweiten Buch \u00fcber \u201eDas kommunistische Polen\u201c. Dieser Teil umfasst zeitlich etwa ein halbes Jahrhundert, genau gesagt, die Spanne zwischen 1945 bis 1990. &nbsp;Eine neue Generation musste eingef\u00fchrt werden, und ich musste viel mehr erfinden, als im ersten Teil. &nbsp;Dabei tauchten folgende Probleme auf:&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Die neuen Figuren ben\u00f6tigten eigene &nbsp;Geschichten, die sinnvoll mit der Haupthandlung synchronisiert werden mussten, inklusive einer eigenen Vita, die bis in die ersten Kapitel zur\u00fcckf\u00fchrt.&nbsp;&nbsp;<\/li>\n<li>Ich bemerkte an mir die Tendenz, von Kapitel zu Kapitel zu sehr ins Detail zugehen. Ich identifizierte das <strong><em>Einhalten der gleichen oder wenigstens einer \u00e4hnlichen Erz\u00e4hl- und Abstraktionsebene<\/em><\/strong> als ein immer neu zu bew\u00e4ltigendes Problem im Verlauf des Schreibens.&nbsp;<\/li>\n<li>Der Reparaturbetrieb begann, d. h. Fehler wurden r\u00fcckwirkend korrigiert, Verbesserungen in fr\u00fchere Kapitel zur\u00fcckverlegt. Ich machte die Erfahrung, dass einen Roman zu schreiben, mit dem Fortgang der Arbeit einem Hausbau gleicht, bei der man immer wieder auch am Keller und in der Parterre Verbesserungen vornehmen muss, selbst wenn man sich bereits im zweiten Stockwerk befindet.<\/li>\n<li>Das Problem, die Figuren angemessen \u201eenden\u201c zu lassen, trat hinzu. Ich konnte sie nicht einfach reihenweise sterben lassen. Bums und tot. Der Tod der Figuren muss mit der Handlung sinnvoll korrespondieren. Wenn sie verschwinden, wohin? H\u00f6rt ihr Schicksal&nbsp; einfach auf?<\/li>\n<li>Unbehagen bereite mir auch die Vielzahl der Figuren. Das ist wahrscheinlich ein Problem, mit dem alle Epochenromane im Unterschied zu psychologischen Romanen zu k\u00e4mpfen haben, Inzwischen d\u00fcrften es weit \u00fcber hundert Personen sein. Ich habe mir deswegen eine Namensdatei angelegt, um den \u00dcberblick nicht zu verlieren.&nbsp; Ein Detail aus den Erinnerungne von Garcia Marquez fiel mir ein, wo er erz\u00e4hlt, er habe in einem Roman gegen Ende eine Figur wieder aufgegriffen, die er dreihundert Seiten vorher habe sterben lassen. So geht es also nicht nur den Gro\u00dfen, sondern auch Bonsai-Romanciers wie mir.&nbsp;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Zuge dieser \u00dcberlegungen wurde mir die literarische Aufgabe klarer: eine Geschichte des Dorfes zu schreiben,&nbsp; mit glaubhaften Charakteren auszustatten und diese in <strong><em>eine m\u00f6glichst nahe, aber nicht&nbsp; kolportageartige Beziehung&nbsp; zur polnischen Zeitgeschichte zu bringen<\/em><\/strong>.&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Konzept f\u00fchrte zur Ausarbeitung einer neuen Hauptfigur, n\u00e4mlich von Eugenius Kaminski, dem Bruder der Hauptfigur Maria Kaminski. Er war urspr\u00fcnglich nur als Teil der personellen Staffage vorgesehen. Nun lie\u00df ich ihn eine Karriere in der Partei machen, was zweierlei bedingte: erstens die Nachzeichnung des innerfamili\u00e4ren Konfliktes, der aus Eugenius Parteinahme f\u00fcr den Kommunismus erwuchs und zweitens eine gewisse Innenbesichtigung des kommunistischen Amtsapparates. Das ganze 10. Kapitel, das ich mindestens drei oder viermal umgeschrieben habe, war die Frucht dieser Idee. Mit diesem Kapitel erhielt die ganze Romanstruktur ein neues Fundament. Bei der Neubearbeitung dieser Figur merkte ich, dass ich den \u00dcberblick im Detail behalten muss, was bei dem inzwischen m\u00e4chtig angewachsenen Romankonvolut nicht einfach ist. Ich erstellte mir detaillierte (z. T. Seitenweise) Kapitelzusammenfassung und Themenmodule, die es mir erlauben, in jedes Romandetail zur\u00fcckzuspringen.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2020 war das &nbsp;Manuskript auf \u00fcber 600 Seiten angewachsen. Passagenweise war ich zufrieden, passagenweise aber erkannte ich auch \u201eWildwuchs\u201c, der mir \u00fcber den Kopf zu wachsen drohte. &nbsp;Au\u00dferdem hatte sich neben \u201eEugenius\u201c ein weiterer Erz\u00e4hlstrang emanzipiert, \u201edie Geschichte der Gontaschs&#8220;, die urspr\u00fcnglich auch nur als Negativfolie f\u00fcr die Kaminskis und der Woleks vorgesehen war, die nun aber immer mehr an Eigenleben gewann. Ich erkannte au\u00dferdem, dass manche Str\u00e4nge&nbsp; den andere vorausliefen, d. h. ich musste auf chronologische Stimmigkeit achten und begann, mir eine Zeitschiene anzufertigen, anhand derer ich genau sehen konnte, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in allen Nebenhandlungen los war. Einmal habe ich an dem Wiedererscheinen einer Figur gearbeitet, ehe ich erkannte, dass dass vom Alter gar nicht funktionierne konnte. Immer wieder stellte ich fest, dass Passagen zu \u201el\u00f6chrig\u201c, d. h mit zu &nbsp;wenig Wirklichkeit angef\u00fcllt waren. Des weiteren muss ich dringend an Folgendem arbeiten muss:<\/p>\n<ul>\n<li>Vorbereitung der Adam Geschichte . Er soll sp\u00e4ter im 3. Buch als Priester ein entscheidende Rolle spielen, in diesem Zusammenhang muss die Familie von Pawel Brosz nachtr\u00e4glich st\u00e4rker beleuchtet werden<\/li>\n<li>Genaueres zu Letta-Eurgenius Liebe, die in der jetzigen Form viel zu abstrakt daherkommt. &nbsp;&nbsp;<\/li>\n<li>Der verschwundene (ermordete ) Boris Gontasch und die Mitwisserschaft von Gracyna<\/li>\n<li>Das weitere Schicksal von Marek Plewka, der irgendwann aus Russland zur\u00fcckkehren muss<\/li>\n<li>UND EINE WENIGSTENS SKIZZENHAFTE PLANUNG BIS ZUM ENDE DES ZWEITEN BUCHES<\/li>\n<li>Noch gar nicht erw\u00e4hnt aber fundamental: eine sprachlektorische Assistenz, was die polnsichen Eignenamen betrifft. Im Augenblick gehen Warszawa und Warschau und vieles andere noch kunterbunt durcheinander, und ich verwende auch noch keien Sonderzeichen. Hier brauche ich am Ende des Romans auf jeden Fall professionelle Hilfe.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ken Follett hat einmal geschrieben, f\u00fcr die Abfassung eiens Romans brauche es dreierlei: (1) Fantasie, (2) eine gute Schreibe und (3) Ausdauer, Ausdauer, Ausdauer. Manchmal haperte es mir an allen drei Punkten. Ich erreichte einen Punkt, an dem ich eine Pause brauchte. So legte ich den Roman ein halbes Jahr zur Seite und arbeitete weiter am <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/karibisches-reisetagebuch\/\">elften<\/a>, <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/europas-wilder-osten-weltreisen-bd-xii\/\">zw\u00f6lften<\/a> und dreizehnten Band meiner Weltreise-Reihe.&nbsp;<\/p>\n<p>Ob das so eine kluge Entscheidung war, wei\u00df ich nicht, denn pl\u00f6tzlich wollte mir der Wiedereinstieg in den Roman nicht mehr gelingen. Ich begann am ganzen Projekt zu zweifeln, vor allem an der Eugenius Figur. Er war nun ein kommunistischer Kader, was sollte mit ihm geschehen? Urspr\u00fcnglich hatte ich vorgehabt, eine ganze zweite Handlungslinie zu entwerfen. Dann aber h\u00e4tte sich aber der Fokus zu weit vom Dorf Zakepie weg bewegt. Deswegen versuche ich nun, Eugenius \u00fcber einen Zeittraum von 15 Jahren gelegentlich einzumontieren. Er besucht die Familie aus Anlass von Geburten, Heiraten etc. &#8211; &nbsp;das bot Gelegenheit, zeitgeschichtlichen Kolorit &nbsp;einzuspielen. \u00dcber die Letta-Rolle war ich mir noch nicht im Klaren, irgendwie musste ich einen Weg finden, sie wieder aus der Geschichte zu entfernen oder ihr ein tragendes Motiv zuordnen, das ich im Moment noch nicht sehe. Zur Zeit liegt sie tot im Brunnen und wartet darauf, im Rahmen einer Mordermittlung identifiziert zu werden. Auch Boris Gontaschs Leiche ist ohne Kopf gefunden worden und harrt der Integration der Geschichte. Ganz zu schweigen vom verschleppten Marek Plewka, der 1946 in den Tiefen Sibiriens verschwand und von dem sich der Leser auf jeden Fall fragen wird, was aus ihm geworden ist.<\/p>\n<p>Im Herbst 2020 gelang mit endlich wieder der Einstieg in das 15. Kapitel. Gomulka st\u00fcrzt und der Bigoskommunismus von Gierk beginnt. Geholfen beim Wiedereinstieg hat mir eine neue Arbeitstechnik. Ich spreche nun Textpassagen, die mir einfallen auf Siri, meist in aller Herrgottsfr\u00fche, wenn mir am meisten einf\u00e4llt, sp\u00e4ter \u00fcbertrage und korrigiere ich diese Passagen zu Datei-Modulen. So ergeben sich f\u00fcnf oder sechs Textpassagen, bei deren Fortgang ich merke, wie sich das neue Kapitel entwickeln wird. Erst in diesem Prozess wird der \u201erote Faden des Kapitels\u201c deutlich, der sich manchmal ganz erheblich von meinen urspr\u00fcnglichen Ideen unterscheidet. Dann gruppiere ich die Dateien so lange auf einer mind-map um, bis sie stimmig werden. Dabei erwiesen sich manchmal ganze Datei Module als \u00fcberfl\u00fcssig und verschwinden im Orkus.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Inzwischen bin ich allerdings nicht mehr davon \u00fcberzeugt, das Buch bis 2020 fortzuf\u00fchren. Ich \u00fcberlege, es mit der Wende von 1989 und der Auswanderung von Lilia nach Deutschland enden zu lassen. Es liegen also noch 20 Jahre vor mit, die es in sich haben: Solidarnoscz, Popileuszko und Tschernobyl lassen gr\u00fc\u00dfen, ebenso Krakau, Penderecki und die Danziger Oper.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Stand Oktober 2020) Das Dorf Zakepie, den Heimatort meiner Frau, besuchte ich das erste Mal auf meiner Osteuropareise im Jahre 2004. 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