{"id":7407,"date":"2020-07-19T08:11:34","date_gmt":"2020-07-19T08:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=7407"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"uhlig-die-seidenstrasse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/uhlig-die-seidenstrasse\/","title":{"rendered":"Uhlig: Die Seidenstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7408 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Uhlig-Die-Seidenstra\u00dfe-474x800.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"394\"\/>In der Geschichtswissenschaft hat man sich mitunter gefragt, warum sich der eurasische Gro\u00dfkontinent so viel schneller und h\u00f6her entwickelte als der amerikanische Kontinent. Daran, dass Amerika erst vor gut 40.000 Jahren von Ostasien aus besiedelt wurde, kann es nicht liegen, denn zu dieser Zeit stand auch der eurasische homo sapiens gerade erst in den Startl\u00f6chern. Der Anthropologe Jared Diamond und andere haben eine \u00fcberraschende Antwort gegeben: es liegt an der Geografie. Im Unterschied zu Amerika, dessen Hochkulturen sich auf einer Nord-S\u00fcdachse befanden, was den Kulturaustausch mit den Mitteln der damaligen Zeit unm\u00f6glich machte, befanden sich die beiden gro\u00dfen Eckkulturen Eurasiens, China und der Mittelmeerraum (mit Syrien und dem Iran in der Mitte), auf einer Ost-West Achse, d. h. auf vergleichbaren Breitengraden und in \u00e4hnlichen Klimazonen, was den kulturellen und zivilisatorischen Austausch zwischen ihnen erleichterte. &nbsp;In dieser Perspektive war die Seidenstra\u00dfe, die diese Eckkulturen miteinander verband, die Achse der alten Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;Womit wir beim Thema des vorliegenden Buches w\u00e4ren: der Seidenstra\u00dfe. Der deutsche Religionswissenschaftler Helmut Uhlig (1922-1997) hat sich sein Leben lang mit diesem Thema besch\u00e4ftigt und kurz vor seinem Ableben das vorliegende Buch als Summe seiner&nbsp; Erkenntnisse und Forschungen vorgelegt. Auch wenn es nun auch schon wieder 25 Jahre alt ist, ist es, was seine grundlegenden Akzente betrifft, bei weitem nicht \u00fcberholt. Sein besonderer Vorzug besteht in der Verbindung einer chronologischen Betrachtung der Geschichte der Seidenstra\u00dfe von der Entstehung der Seidenraupenzucht im alten China bis zur Wiederentdeckung der Seitenstra\u00dfe in der Gegenwart mit systematischen Portraits der bedeutendsten Orte der Seidenstra\u00dfe wie&nbsp; Dunhuang, Turfan, Kucha, Khotan oder Palmyra.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;Der Autor beginnt seine Darstellung mit dem Produkt, das der Stra\u00dfe ihren Namen gab: der Seide. Die Seidenraupenzucht und die Seidenherstellung reichte in China bis ins &nbsp;dritte Jahrtausend vor der Zeitrechnung zur\u00fcck (auch andernorts gab es Seidenraupen, aber keine, die so geeignet f\u00fcr die Zucht war wie die domestizierte Seidenspinne <em>Bombyx mori<\/em>, die es nur in China ab).&nbsp;&nbsp; Dass dieser Export ausschlie\u00dflich nach Westen ging, lag daran, &nbsp;dass bereits in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung, die &nbsp;Seidenraupen und die Kenntnis der Seidenraupenproduktion nach Korea und Japan transferiert worden waren.<\/p>\n<p>&nbsp; Allerdings war der Weg nach Westen durch zwei V\u00f6lker versperrt, durch die &nbsp;Xiongnu und die Y\u00fceh-zhi, zwei Nomadenv\u00f6lker, die die n\u00f6rdlichen und westlichen Grenzen unsicher machten.&nbsp; &nbsp;Hier und andernorts beweist der Autor \u00fcbrigens viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die r\u00e4uberischen Nomaden, wenn er vermerkt, dass sie auf Tribute angewiesen waren, da ihre eigene Lebensweise zur Deckung ihrer Bed\u00fcrfnisse nicht ausreichte. &nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Die Geschichte der Seidenstra\u00dfe begann mit der Expedition des chinesischen Offiziers\ufffc Chang K\u00b4ien, der im Jahre 133 vor der Zeitrechnung im Auftrag des Han Kaisers eine Expedition zu den Y\u00fceh-zi in den Gansu Korridor unternahm, um B\u00fcndnism\u00f6glichkeiten <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7409 alignright\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-72.jpg\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"439\"\/>gegen die Xiongnu auszuloten. Dieses Projekt scheiterte zwar, doch der chinesische Chang K\u00b4ien brachte Nachrichten \u00fcber den Westen mit, die den chinesischen Kaiser zur Ausr\u00fcstung einer gewaltigen Streitmacht motivierte, mit dem die Chinesen um 120 v.d.Z. erstmalig bis nach Khotan ins zentralasiatische Ferghanatal vordrangen. Das \u201eGesch\u00e4ft\u201c, das diesen Krieg beendete und das im Austausch von Rassepferden gegen Seide bestand, war gleichsam der erste \u201eDeal\u201c der Seidenstra\u00dfe. Durch eine schlagkr\u00e4ftige Reiterei verst\u00e4rkt&nbsp; gelang es den Chinesen kurz darauf, die&nbsp; Reiche der Xiongnu und der Y\u00fceh-zhi zu zerschlagen und den Gansu Korridors und damit den Weg nach Westen zu \u00f6ffnen. Die Etablierung der Festung Dunhuang am westlichen Ausgang des Korridors markierte gewisserma\u00dfen die Geburtsstunde der Seidenstra\u00dfe kurz vor der Zeitenwende.<\/p>\n<p>&nbsp; Auch wenn schon vorher Seide &nbsp;in den Westen gelangt war,&nbsp; setzt erst jetzt ein regelm\u00e4\u00dfiger Karawanenhandel ein, der zwar immer durch Wegelagerer und R\u00e4uber bedroht war, sich aber zu einem best\u00e4ndigen Warenaustausch auswuchs. &nbsp;Eine einzigartige Quelle, die \u00fcber diese Vorg\u00e4nge informiert, stellen \u00fcbrigens die Reichsannalen der fr\u00fchen Han Dynastie dar, insbesondere das 96. Buch dieser fr\u00fchen Reichsannalen, das \u201esi y\u00fc tschuan\u201c, das der Autor als den \u201eersten Baedeker der Weltgeschichte\u201c bezeichnet. Im si y\u00fc tschaun&nbsp; werden die Oasen, Handelsg\u00fctern und geographischen Besonderheiten des Westens so genau beschrieben, dass &nbsp;die sp\u00e4te Han Dynastie auf der Grundlage dieser Informationen eine kurzzeitig zusammengebrochene Machtstellung wieder reetablieren konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;Parallel zur Errichtung der chinesischen Kontrolle der zentralen Seidenstra\u00dfe durch China entstand das Reich der Kuschana. Denn die geschlagenen Y\u00fceh-zhi waren weitergezogen, zuerst nach Transoxanien, dann nach Afghanistan und schlie\u00dflich nach Nordwestindien, wo sie unter der sogenannten Kuschana Dynastie ein Reich gr\u00fcndeten, das vom Aralsee bis an den Ganges reichte. Die geistesgeschichtliche Bedeutung dieses Reiches bestand darin, dass es zum Sprungbrett f\u00fcr die Ausdehnung des Buddhismus nach Ostasien wurde. &nbsp;&nbsp; Der Aufstieg des Buddhismus zur gro\u00dfen Weltreligion Asiens beruhte nach Meinung des <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7410 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-58.jpg\" alt=\"\" width=\"276\" height=\"414\"\/>Autos auf dreierlei: Erstens auf der Entwicklung des Mahayana- Buddhismus, der die Integration der alten G\u00f6tterwelten durch die missionierten V\u00f6lker erlaubte, zweitens in der sehr attraktiven bildhaften Darstellungen des Buddha, die von Gandhara im nordwestindischen Kuschanareich ausging, und drittens eben auf der Seitenstra\u00dfe, die nun nicht mehr nur dem G\u00fcter- sondern auch dem Kulturtransfer diente. &nbsp;&nbsp;Nur nebenbei sei bemerkt, dass sich neben dem Buddhismus auch der Zoroastrismus, der Manich\u00e4ismus und das nestorianische Christentum \u00fcber die Seidenstra\u00dfe ausbreiteten.<\/p>\n<p>&nbsp; Mit dem Zusammenbruch der Han Dynastie und dem Entstehen der ersten altt\u00fcrkischen Gro\u00dfreiche in Zentralasien ver\u00e4ndern sich die Verh\u00e4ltnisse auch auf der Seidenstra\u00dfe. Die einzelnen Oasen wurden zu selbstst\u00e4ndigen Kleinstaaten. Das galt besonders f\u00fcr die Oase Khotan im S\u00fcden der Taklamakan W\u00fcste und Kucha im Norden der W\u00fcste.&nbsp; An diese beiden St\u00e4dte verlor China ab dem vierten Jahrhundert durch Technologiespionage sein Monopol der Seidenraupenzucht, auch wenn es noch lange dauern sollte, bis die Seide aus Khotan und Kucha die gleiche Qualit\u00e4t wie die chinesische Seide erreichte.&nbsp; In China f\u00fchrte der Verlust des Seidenraupenmonopols \u00fcbrigens zu wirtschaftlichen Krisen, die nur teilweise durch den Export hochwertiger chinesischer Keramik ausgeglichen werden konnte. Gut gehandelt wurde auch der in China entwickelte und von den T\u00fcrken perfektionierte Lamellenpanzer, der gute Panzerung und Beweglichkeit vereinte. Der Iran wurde in dieser Epche zum Modezentrum f\u00fcr ganz Eurasien, so dass es sogar zu R\u00fcckexporte von Seide von Persien nach China kam. Die Scharniere dieses fr\u00fchen Welthandels bildeten die zentralasiatischen Oasenst\u00e4dte, deren Bl\u00fcte sich nicht &nbsp;nur in Reichtum sondern auch in einer \u00fcppigen Kulturproduktion in Gestalt von Literatur und Wandmalereien niederschlugen<\/p>\n<p>&nbsp; Im siebten und achten Jahrhundert, einer Wendezeit der Seidenstra\u00dfe, kam zun\u00e4chsht es zur Neuaufrichtung der chinesischen Macht auf der Seitenstra\u00dfe unter der Tang Dynastie. &nbsp;Erneut r\u00fcckten chinesische Truppen bis nach Kaschgar und weiter vor.&nbsp; Diese Ausdehnung wurde zum Teil durch den Zusammenbruch des iranischen Sassanidenreiches unter dem Ansturm der Araber erleichtert. Allerdings griffen nun auch die Tibeter in das zentralasiatische Machtspiel ein, besetzten zeitweise Kaschgar und eroberten kurzfristig sogar die chinesische Hauptstadt Xian. Das Ende der chinesischen Pr\u00e4senz wurde durch die &nbsp;Niederlage Chinas gegen die Araber in der Schlacht am Talas 751 &nbsp;und das Vorr\u00fccken der Uiguren um 760 eingeleitet. Unter Uiguren &nbsp;versteht man eine t\u00fcrkische Standardkonfiguration, &nbsp;die sich erst im 20. Jahrhundert r\u00fcckblickend als \u201eUiguren\u201c bezeichnete. Ihre Staatsreligionen waren zun\u00e4chst der &nbsp;iranische \ufffcManich\u00e4ismus und der Buddhismus, ehe sie&nbsp; zum Islam konvertierten. Im achten und neunten Jahrhundert beherrschen sie weite Teile Zentralasiens<\/p>\n<p>&nbsp; Derweil hatten sich die Oasen der Seidenstra\u00dfe l\u00e4ngst von reinen Transfer- in Produktionszentren verwandelt. &nbsp;&nbsp;Zeitweise, in der ersten Phase der islamischen <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7411 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-61.jpg\" alt=\"\" width=\"322\" height=\"489\"\/>Dominanz auf der Seidenstra\u00dfe, kam es sogar zu einer &nbsp;Erh\u00f6hung der Seidenproduktion, ausgel\u00f6st durch den Luxusbedarf der Kalifenst\u00e4dte. Trotzdem begann sp\u00e4testens ab dem 11. Jahrhundert der Islam mit der \u201eS\u00e4uberung\u201c der Seidenstra\u00dfe von konkurrierenden Religionen. Reihenweise traten die Herrscher der Oasenst\u00e4dte vom Buddhismus oder Manich\u00e4ismus zum Islam \u00fcber, buddhistische Missionare und manich\u00e4ische Priester wurden \u00f6ffentlich hingerichtet. Buddhistische Kultst\u00e4tten und Kunstwerke fielen der Vernichtung anheim.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; In diesem \u00fcbergreifenden Kontext war die letzte kurze Bl\u00fctezeit der Seidenstra\u00dfe im Weltreich der Mongolen w\u00e4hrend des 13. Jahrhunderts nur eine Episode &nbsp;Als ihr Reich im 14. Jahrhundert zerbrach und sich die zentralasiatischen Mongolen dem Islam zuwandten, war das Schicksal der Seidenstra\u00dfe besiegelt. Die Imperien der t\u00fcrkischen Osmanen, der persischen Safaviden und der indischen Moguln regelten den Weg nach China ab, w\u00e4hrend sich der Welthandel ohnehin auf die Meere verlagerte. &nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;Soweit ein stark geraffter Abriss der Geschichte, wie er sich aus dem vorliegenden Buch ergibt. Erg\u00e4nzt wird Uhligs Darstellung durch eine ausf\u00fchrliche Vorstellungen der einzelnen Oasenst\u00e4dte inklusive ihrer Entdeckungsgeschichte. Auch was es in diesem Zusammenhang zu lesen gibt, ist bemerkenswert. So verteidigt der Autor die europ\u00e4ischen Forscher des 20. Jhdts., die die H\u00f6hlenmalereien teilweise entfernten und in europ\u00e4ische Museen brachten, weil sie sonst durch&nbsp; Einheimischen abgekratzt worden w\u00e4ren, um sie als D\u00fcnger f\u00fcr ihre Felder zu benutzen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Was ich vermisste, war eine Betrachtung der Seidenstra\u00dfe auch als \u201eHighway der Seuchen\u201c, denn die gro\u00dfe Pest, die Europa ab 1347 verheerte, kam \u00fcber die Seidenstra\u00dfe aus China nach Westen. Auch der vierte Ausgriff der Chinesen nach Westen, der im 18. Jhdt. zur Eroberung des heutigen Xinjiangs durch die Qing Dynastie f\u00fchrte, fehlt. Abgesehen davon ist das vorliegende Buch ein &nbsp;ausgezeichneter Ratgeber f\u00fcr jedermann, der sich f\u00fcr die Seidenstra\u00dfe interessiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7412\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-60.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"529\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-60.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/8-60-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Geschichtswissenschaft hat man sich mitunter gefragt, warum sich der eurasische Gro\u00dfkontinent so viel schneller und h\u00f6her entwickelte als der amerikanische Kontinent. 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