{"id":7268,"date":"2020-04-07T08:31:34","date_gmt":"2020-04-07T08:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=7268"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"leseprobe-kapitel-6-das-konzentrationslager","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-kapitel-6-das-konzentrationslager\/","title":{"rendered":"Leseprobe Kapitel 6: Das Konzentrationslager"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&nbsp; Am Tag von Jozefs Ankunft mussten die letzten tausend toten Russen verbrannt werden.&nbsp; Eine gewaltige Grube wurde ausgehoben, in die die sterblichen \u00dcberreste der Russen hineingeworfen wurden. Es roch nach s\u00fc\u00dfem Fett, als die Leichen der&nbsp; Russen im prasselnden Feuer&nbsp; verbrannten. Die Hitze und die ausstr\u00f6menden Gase aus den brennenden K\u00f6rpern f\u00fchrten dazu, dass sich einige der Leichen mitten im Feuer scheinbar bewegten. Arme und Beine hoben und senkten sich, als wollten die Toten aus den Flammen fliehen. Jozef beobachtete die Verbrennung nur aus der Ferne, hielt sich aber trotzdem die Nase zu. Was er roch, war der gleiche Gestank, der nach der Blutnacht von Jozefuw \u00fcber Zakepie gelegen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Jozef war zun\u00e4chst einer Maurerbrigade zugeteilt. Sie wurden von einem deutschen Zivilarbeiter befehligt, der sich&nbsp; \u201eHerr Walter\u201c nannte. Herr Walter beherrschte ein leidliches&nbsp; Polnisch, sprach aber trotzdem jeden Zwangsarbeiter mit \u201ePolacke\u201c an. \u201eHe, Polacke, ich brauche neuen M\u00f6rtel!\u201c oder \u201eMensch, du Polacke, pass doch auf, dass die Mauer nicht schief wird.\u201c&nbsp; Befanden sich Russen in seiner Arbeitsbrigade, nannte er sie alle \u201eIwan\u201c, Juden waren \u201eItzigs\u201c und alle Tschechen und Slowaken hie\u00dfen \u201ePawel\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp; Manchmal arbeiteten sie vierzehn Stunden am Tag, unterbrochen nur von den deftigen Mahlzeiten, die Herrn Walter von der Lagerk\u00fcche auf Blechgeschirr geliefert wurden.&nbsp; Es gab aber auch Leerlauf, wenn Steine oder Zement fehlten, was Herrn Walter Gelegenheit gab, an den Arbeitern sein M\u00fctchen zu k\u00fchlen. \u201eHe, Polacke\u201c, sprach er einen Arbeiter neben Jozef an.&nbsp; \u201eWas meinst du, wie viele slawische&nbsp; Gehirne passen in meinen kleinen Finger?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIch wei\u00df nicht.\u201c antwortete der Angesprochene. Er hie\u00df er Witold, kam aus Warszawa und war Lehrer gewesen, was er aber geheim hielt, um sein Leben nicht zu gef\u00e4hrden.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNa rat\u00b4 doch mal\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eKommt darauf an, ob es sich um polnische, russische oder tschechische Gehirne handelt\u201c wandte Witold ein.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eIst doch egal\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eF\u00fcnfzehn?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWie kommst du denn auf f\u00fcnfzehn?\u201c fragte Herr Walter.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWeil unsere Arbeitsgruppe f\u00fcnfzehn Personen umfasst, Herr Walter. Und alle unsere Gehirne passen in ihren kleinen Finger. Nur so sind wie eine Einheit.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Alle lachten, auch Herr Walter. Pl\u00f6tzlich aber hielt er inne. \u201eDas war aber eine zu intelligente Antwort, Polacke\u201c, sagte er. \u201eBist du etwa ein gef\u00e4hrlicher Intelligenzler?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNein, ich bin auf einem Bauernhof gro\u00df geworden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eBis wohin kannst du z\u00e4hlen?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eBis hundert.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eUnd was ist mit einhunderteins?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;\u201eIst mir v\u00f6llig unbekannt, Herr Walter.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eUnd hundertzwei?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eNoch nie geh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Alle blickten auf den Boden. Witold \u00fcbertrieb es. Herr Walter mochte dumm sein, aber so dumm, dass er nicht merkte, dass er veralbert wurde, war er nicht.<\/p>\n<p>&nbsp; In diesem Augenblick schleppte ein Trupp j\u00fcdischer Arbeiter neuen M\u00f6rtel und Ziegel heran. \u201eAh, da kommen die Itzigs\u201c, sagte Herr Walter. \u201eLos. machen wir weiter.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Einige Tage sp\u00e4ter kamen zwei deutsche Ingenieure zum Rohbau. Sie begutachten die Arbeit, berieten sich untereinander, l\u00f6sten die Maurerbrigade auf und schickten Herrn Walter fort. Anschlie\u00dfend wurde Jozef zusammen mit seinen Mith\u00e4ftlingen an eine andere Stelle des Lagers gef\u00fchrt, wo ein lang gezogener Steinbau mit einem zwanzig Meter hohen Kamin gebaut werden sollte.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Dieser Bau besa\u00df oberste Priorit\u00e4t, alle Materialien wurden punktgenau zur Baustelle geliefert. Der Bauleiter, ein&nbsp; junger Architekt mit einem Pferdegesicht, war von morgens bis abends am Ort und \u00fcberwachte jeden Bauabschnitt. Von Zeit zu Zeit wurden deutsche Vermessungstechniker aus Lublin eingesetzt, die abends wieder verschwanden. Dann kamen f\u00fcnf deutsche Facharbeiter, die drei gro\u00dfe Krematorien in den Basisbau einf\u00fcgten. Diese Krematorien&nbsp; wurden \u00fcber Luftsch\u00e4chte mit dem Kamin verbunden.<\/p>\n<p>&nbsp;Derweil wuchs das Lager weiter. Mittlerweile waren fast einhundert Baracken in f\u00fcnf Lagerteilen vollendet, doch es waren noch immer zu wenige. Fast jeden Tag trafen neue Gefangenentransporte ein, und da es so viele waren, entwickelte der neue Lagerkommandant Max Koegel das Konzept \u201eFeierabend\u201c, das darin bestand, alle \u00fcberz\u00e4hligen Russen, f\u00fcr die es keine Unterkunft gab, einfach zu erschie\u00dfen. Jede Menge Zigaretten wurden unter den Ukrainern und Letten verteilt, die daf\u00fcr mehrere hundert russische Soldaten an einem einzigen Nachmittag erschossen. Das Geratter der Maschinengewehre und das Geschrei der Russen dr\u00f6hnte eine Stunde lang \u00fcber den Platz. Max Koegel ordnete an, dass die Toten in ein Massengrab geworfen wurden, weil der Gestank der letzten Massenverbrennungen die Polen in der Umgebung Lublins beunruhigt hatte.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Obwohl Jozef darauf achtete, sich jeden Abend penibel zu s\u00e4ubern, entweder mit kalten Wasser, wenn es zur Verf\u00fcgung stand, oder mit einer&nbsp; B\u00fcrste, die er sich von seinem Bettnachbarn &nbsp;geliehen hatte, war sein ganzer K\u00f6rper bald von&nbsp; L\u00e4usebissen und Kratzspuren gezeichnet. Seinen Mitgefangenen ging es nicht besser. Auf allen Gesichtern begann der Mangel seine Furchen zu graben. Glatte junge Gesichter gab es nicht mehr, an ihre Stelle traten&nbsp; tiefe Nasenlabialfalten, eingefallene Wangen und faltige H\u00e4lse. Tiefe Ringe unter den Augen hatten alle, und Jozef lernte, dass ab einem bestimmten Schwarzton der umr\u00e4nderten Augen der Tod vor der T\u00fcre stand.<\/p>\n<p>&nbsp; Den schlimmsten Anblick boten die j\u00fcdischen Zwangsarbeiter. Da ihre Verpflegung nichts anderes war als ein herausgez\u00f6gerter Hungertod, wiesen sie die mit Abstand h\u00f6chste Sterblichkeitsquote auf. Nur am Anfang waren die neu angekommenen Juden in der Lage, einige Wochen lang ebenso hart zu arbeiten wie die Polen, dann verlie\u00dfen sie die Kr\u00e4fte. Sie wurden langsamer und schw\u00e4cher, bis sie sp\u00e4testens ab der&nbsp; f\u00fcnften oder sechsten Woche den Aufsehern auffielen. Eine Zeitlang wurden sie noch angetrieben, drangsaliert und verpr\u00fcgelt, ehe sie abgeholt und erschossen wurden. Die Stunde des Todes f\u00fcr die entkr\u00e4fteten Juden schlug jeden Morgen unmittelbar nachdem die SS Mannschaften ihr Fr\u00fchst\u00fcck eingenommen hatte. Ein scharfes Kommando, Sch\u00fcsse, Schreie, ein neuer Tag begann.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;Auch in der polnischen Baracke hielt der Tod reichlich Ernte. Bogdan, einer von Jozefs Bettnachbarn, zappelte unabl\u00e4ssig, redete wirres Zeug,&nbsp; schrie mitten in der Nacht auf und rannte wie von Furien gejagt durch die Baracke, bis die SS M\u00e4nner kamen, und er verschwand.&nbsp; Der n\u00e4chste, dessen Namen Jozef gar nicht mehr erfuhr,&nbsp; schnitt sich nachts mit dem Rand einer Blechdose die Pulsadern auf. Als man ihn fand, tropfte das Blut die Holzpfosten herunter. Viele litten an chronischem Durchfall, konnten ihre Notdurft nicht bei sich behalten und entleerten sich in ihren Betten oder auf dem Boden.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Schlie\u00dflich war der Bau mit dem hohen Kamin fertig.&nbsp; Von weitem glich er einer flachen Kirche mit&nbsp; zwei Basiliken, in deren Mitte sich der hoch aufragende&nbsp; Kamin wie ein Glockenturm erhob. im Innern bestand das Geb\u00e4ude aus drei Hallen mit D\u00fcsen an der&nbsp; Decke, von denen niemand erkl\u00e4ren konnte, wozu sie gut sein sollten, denn Wasserleitungen waren nirgendwo in Sicht. In einem besonderen Raum befanden sich drei Verbrennungs\u00f6fen.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWozu, glaubst du, wurde dieses Geb\u00e4ude gebaut?\u201c fragte Jozef am Abend seinen Bettnachbarn Boleslaw. Boleslaw war der Mann gewesen, der am ersten Tag in der Zelle von Lukow den Streit von Mirko und Jano geschlichtet hatte. Er war nach Oskars Verschwinden in die Baracke gekommen und hatte das freie Bett belegt. \u201cWas wir gebaut haben, waren Todeskammern\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWie kommst du darauf?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eAus den leeren Hallen kann man nicht fliehen, nur sterben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eUnd der Kamin?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; \u201eWahrscheinlich werden die Leichen verbrannt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Am n\u00e4chsten Tag war wurde Boleslaw zur Lagerleitung gebracht und kam nicht zur\u00fcck. Nach einigen Tagen hie\u00df es, er sei erschossen worden. Unter der Hand wurde gemunkelt, er sei ein Agent der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee, &nbsp;gewesen, der sich freiwillig in die Gefangenschaft begeben hatte, um im Auftrag der polnischen Exilregierung in London N\u00e4heres \u00fcber Zwangsarbeitslager und Konzentrationslager zu erfahren. Andere behaupteten, er sei ein Kommunist gewesen. Die meisten aber zuckten nur mit den Schultern. \u201eIn diesen Zeiten einen Polen zu erschie\u00dfen, brauchst du \u00fcberhaupt keinen Grund\u201c, spottete einer und spuckte auf den Boden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/stammtafel-der-familien-kaminski-wolek-brosz-und-gontasch\/\">Stammtafel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/das-dorf-zakepie\/\">Zur\u00fcck zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&nbsp; Am Tag von Jozefs Ankunft mussten die letzten tausend toten Russen verbrannt werden.&nbsp; Eine gewaltige Grube wurde ausgehoben, in die die sterblichen \u00dcberreste der Russen hineingeworfen wurden. Es roch nach s\u00fc\u00dfem Fett, als die Leichen der&nbsp; Russen im prasselnden Feuer&nbsp; verbrannten. 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