{"id":7217,"date":"2020-04-07T07:37:55","date_gmt":"2020-04-07T07:37:55","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=7217"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"leseprobe-kapitel-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-kapitel-1\/","title":{"rendered":"Leseprobe Kapitel 1: Das Dorf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp; Irgendwo in Polens Osten, hinter Warschau und vor Lublin, abseits der gro\u00dfen St\u00e4dte und Durchgangsstra\u00dfen,&nbsp; lag das Dorf Zakepie. Es war ein Dorf, wie es damals&nbsp; Tausende gab, eingebettet in eine flache Landschaft, die einer gr\u00fcnen Scheibe glich, deren R\u00e4nder sich am Horizont verloren.&nbsp;&nbsp; Topolab\u00e4ume, Trauerweiden&nbsp; und Linden&nbsp; s\u00e4umten schmale Wege, die an kleinen H\u00f6fen vor\u00fcberf\u00fchrten. Rund um diese D\u00f6rfer lagen die Felder, flach dahingesteckt unter einem grenzenlosen Himmel, doch bei weitem nicht so fruchtbar wie die B\u00f6den in der benachbarten Ukraine. Kartoffeln und Getreide wuchsen auf diesem sandigen Grund, und mit einiger M\u00fche und Geduld war es m\u00f6glich, Obst und Gem\u00fcse zu ernten.&nbsp; Jedes Fr\u00fchjahr zogen schwarze&nbsp; Wolken von S\u00fcdosten her \u00fcber das Land und brachten den Regen, den die Bauern brauchten, manchmal aber auch St\u00fcrme, die die Aussaat bedrohten. Wenn der Herr den D\u00f6rflern gn\u00e4dig war, dann begannen die Bauern Anfang Juli mit der Ernte, m\u00e4hten im Schwei\u00dfe ihres Angesichts das Getreide, w\u00e4hrend ihre Frauen und Kinder hinter ihnen hergingen, um die Garben zum trockenen zu binden. Dreschmaschinen, die die Spreu vom Weizen trennten, gab es noch nicht, so dass das getrocknete Heu m\u00fchsam gedroschen werden mussten, um das Korn zu gewinnen, das dann in den M\u00fchlen von Adamow gemahlen wurde. Alle paar Jahre vernichtete eine D\u00fcrre die Ernten, dann wurden die Mehlvorr\u00e4te gestreckt, die Suppen verd\u00fcnnt und die G\u00fcrtel enger geschnallt. Nur im Opferstock der Dorfkirche klingelte es dann&nbsp; lebhafter, denn irgendwie musste die&nbsp; verstimmte Muttergottes wieder bes\u00e4nftigt werden. Im Herbst zogen alte M\u00e4hren die Pfl\u00fcge \u00fcber das Land um die Erde f\u00fcr die neue Aussaat vorzubereiten. Krankheiten wie die Cholera und die Tuberkulose gingen zur\u00fcck, der Jungfrau von Czenstochau sei Dank. &nbsp;Im Winter knirschten die D\u00e4cher unter der Last des Schnees, aus den Kaminen stieg grauer Rauch in den Himmel. Manch ein Bauer, der im Halbdunkel der winterliche Tage einsam war, verfiel dem Wodka, andere beteten beim flackernden Schein ihrer Kerzen zur Madonna, um ihren Glauben zu st\u00e4rken.&nbsp; Dann wurde es Fr\u00fchjahr, der Schnee schmolz, und bald erschienen die ersten St\u00f6rche und bauten ihre Nester auf den D\u00e4chern und Scheunen.&nbsp; Pferde, K\u00fche, Schweine und H\u00fchner waren die Gef\u00e4hrten der Menschen, nur bei den Juden von Adamaow und Lukow fehlten die Schweine, daf\u00fcr liefen ausgemergelte Ziegen \u00fcber ihre H\u00f6fe. Einzig die deutschen Bauern, die am Rande der D\u00f6rfer von Zakepie, Admaow, Jozefuw, Bielany und Serokomla siedelten, hatten alles: K\u00fche, Rinder, Schweine und Ziegen \u2013 und auch noch Steinh\u00e4user.&nbsp; Konnte das wirklich mit rechten Dingen zugehen?<\/p>\n<p>&nbsp; Das war die Welt, in der am 8. Juni 1923 Maria Kaminska geboren wurde, das \u00e4lteste Kind des Bauern Thomasz Kaminski und seiner Frau Jozefa Plewka. Es war eine erwartungsvolle Zeit, in der Maria das Licht der Welt erblickte, die ersten Jahre eines&nbsp; wieder erstandenen polnischen Vaterlandes, das nach dem Ende des gro\u00dfen Krieges wie ein Phoenix auf den Schlachtfeldern der V\u00f6lker wieder erstanden war. Die Kaiserreiche von Deutschland, \u00d6sterreich und Russland waren zu schanden gegangen, doch Polen war wieder erstanden, gr\u00f6sser und m\u00e4chtiger als jemals zuvor, mit Grenzen, die weit in die Tiefen Russlands hineinreichten und alle ruhmreichen Orte der polnischen Geschichte&nbsp; wieder vereinigten.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Marias Vater Thomasz Kaminksi hatte im ersten Weltkrieg als polnischer Soldat in der russischen Armee gek\u00e4mpft. Er hatte die ersten Kriegsjahre miterlebt, den russischen Einmarsch in Ostpreu\u00dfen und die schm\u00e4hliche Niederlage an den Masurischen Seen. Im letzten Kriegsjahr war er aus der russischen Armee desertiert, um sich den Truppen General Pilsudskis anzuschliessen, die in Schlesien gegen die Deutschen k\u00e4mpften. Dann war der Krieg zu Ende. Thomasz Kaminski war heimgekehrt, siegreich und ehrenvoll entlassen, um in Zakepie den Hof seiner verstorbenen Eltern zu bewirtschaften. Thomasz Kaminski war nicht gro\u00df, aber ungemein kr\u00e4ftig, er besa\u00df einen klaren Verstand und kurze, flinke Beine, mit denen er den Weg zwischen Zakepie und Adamow in einer halben Stunde zur\u00fccklegen konnte. Mit seinen kugelrunden Augen, seinen tapsigen Bewegungen und seiner starken K\u00f6rperbehaarung glich er einem zotteligen B\u00e4ren, besa\u00df Schlagfertigkeit und Mutterwitz und wusste mit den M\u00e4dchen des Dorfes so gut umzugehen, dass ihm manch eine sch\u00f6ne Augen machte.&nbsp; Zur allgemeinen \u00dcberraschung erw\u00e4hlte er jedoch Jozefa Plewka zur Gattin, eine junge Frau ohne besondere Reize. Sie war hager wie ein Drahtesel, besa\u00df gro\u00dfe eckige Knochen, blasse Haut und ein fliehendes Kinn. Kochen konnte sie nur das N\u00f6tigste, Brot backen war ihr ein Gr\u00e4uel, und die Einmachgl\u00e4ser verschloss sie so nachl\u00e4ssig, dass das Obst mitunter \u00fcber den Winter verdarb. Aber sie brachte eine fette Mitgift mit in die Ehe, genau gesagt, jene Landparzellen, nach der die Familie Kaminski zur Abrundung ihres eigenen&nbsp; Besitzes schon lange gierte. Immerhin war Jozefa Plewka&nbsp; gutm\u00fctig und fromm, so fromm, dass sie fast t\u00e4glich den Rosenkranz betete, ganz gleich, ob Wallfahrtszeit war oder nicht.&nbsp; Keine Messe lie\u00df sie aus, und wenn der Bischof von Lublin in der Gegend war, reiste sie in die Kreisstadt, um seiner Messe beizuwohnen. W\u00e4hrend der Woche versorgte sie entweder ihr kleines Erdbeerenfeld oder sa\u00df am gro\u00dfen Holztisch vor einem Herbata und&nbsp; blickte durch das K\u00fcchenfester, ob nicht ihr Bruder Marek zu Besuch k\u00e4me. Marek Plewka war ein Jahr \u00e4lter als seine Schwester Jozefa, aber noch immer unverheiratet. Was bei Jozefa kantig wirkte, erschien bei Marek m\u00e4nnlich, wo Jozefa betete, lachte und tanzte ihr Bruder, wann immer sich dazu Gelegenheit ergab. Mit dem Vater Wieslaw hatte sich &nbsp;Marek Plewka \u00fcberworfen, weil er in den Judenspelunken von Lukow verkehrte. Schlie\u00dflich war Marek enterbt worden, so dass ihm nichts weiter \u00fcbrig geblieben war, als sich bei einem j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler in Lukow als Ladengehilfe zu verdingen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Thomasz Kaminski nahm seine Familie wie sie war, seine Frau seinen Schwager, den grimmigen alten Wieslaw Plewka, der langsam wunderlich im Kopf wurde, und seine kleine Tochter und arbeitete von morgens bis abends auf den Feldern. Die Erdbeeren, die Eier, die Milch&nbsp; und das Korn, die Zwiebeln und die W\u00fcrste, die er nicht selbst verbrauchte, verkaufte er \u00fcber seinen Schwager Marek an den j\u00fcdischen Zwischenh\u00e4ndler. Sein nicht genutztes Land \u00fcberliess er seinen Nachbarn f\u00fcr eine ordentliche Pacht, und das Geld, das auf diese Weise zusammenkam, brachte er nach Lukow auf die Bank. Da die Familie sparsam lebte und Jozefa Plewka nur die einfachsten Speisen zubereitete, reichte es bald f\u00fcr den Kauf neuer Felder, f\u00fcr die Anschaffung eiserner Pfl\u00fcge samt Zugvieh und neuer Pferdewagen. Schlie\u00dflich wurde er so wohlhabend, dass er das Holzhaus seiner Eltern durch ein Steingeb\u00e4ude ersetzte und mit einem ordentlichen Schieferdach versah. Bald wurde sein Betrieb so gro\u00df,&nbsp; dass er Landarbeiter aus der Umgebung anstellte und sich nach einer Magd zur Entlastung seiner Gattin umsah. Die junge Frau, die er anstellte, hie\u00df Anjela und war eine Waise aus Czarna. Sie war ein&nbsp; junges, dralles Ding mit Augen wie Schmetterlingsfl\u00fcgel, die dem Kaminskibauern auf der Stelle gefiel. Kein Wunder, dass sie ein eigenes Gesindezimmer in der Parterre erhielt, zu dem der Herr des Hauses einen Zweitschl\u00fcssel besa\u00df. Da er diesen Schl\u00fcssel regelm\u00e4\u00dfig nutzte, ohne dass seine fromme Gattin etwas merkte, schien sich Thomasz Kaminskis Leben ins Vollkommene zu runden. Arbeit, Familie, die richtige Menge Schnaps auf einer Dorfhochzeit und gelegentliche Besuche bei der drallen Anjela bereicherten sein Leben mit jener Art von F\u00fclle, auf die er als hart arbeitender Bauersmann einen Anspruch zu haben glaubte. Und da ihm Watzlaw Kattanski, der Dorfpfarrer, f\u00fcr die eine oder andere Extraspende regelm\u00e4ssig Absolution erteilte, war auch vor dem Allerh\u00f6chsten alles in Ordnung.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Die kleine Maria wuchs heran, war anstellig und f\u00fcgsam und immer&nbsp; bestrebt, die notleidende Mutter&nbsp; von der h\u00e4uslichen Arbeit zu entlasten. Sie war noch keine vier Jahre alt, da lernte sie schon die Eier einzusammeln, ohne die gackernden H\u00fchner zu beachten. Bald versorgte sie auch die Schweine, die sie wie&nbsp; fette Trolle aus den Tiefen des Stalles angrunzten, und am Ende wagte sie sich sogar an die K\u00fche heran. Die drei K\u00fche, die Thomasz Kaminski besa\u00df, hie\u00dfen Hilda, Giesa und Rotunda, hatten wundersch\u00f6ne Augen und einen warmen Bauch, an die sich Maria, wenn ihr kalt wurde, gerne w\u00e4rmte. Als h\u00e4tten sie Mitleid mit dem winzigen Wesen, das sich ihnen mit dem Melkeimer n\u00e4herte, hielten sie still, wenn sich Maria an ihnen zu schaffen machte.<\/p>\n<p>&nbsp; Die Mutter wurde unterdessen immer bleicher, weinte viel und gab dem Vater sogar das eine oder andere Widerwort. Mal klagte sie \u00fcber die Faulheit der Magd, mal pries sie die Madonna, dass sie ihr eine so t\u00fcchtige Tochter geschenkt hatte, nicht ohne sich insgeheim dar\u00fcber zu wundern, wie sie ein solches Kind hatte zur Welt bringen k\u00f6nnen. Ganz anders&nbsp; war es, wenn Onkel Marek zu Besuch kam. Marek Plewka war inzwischen Handelsvertreter f\u00fcr Textilien in Lukow geworden. Im Auftrag seines j\u00fcdischen Arbeitgebers reiste zu zu den Fachmessen in Warszawa und Lodz, verdiente gutes Geld und besuchte seine Schwester in modischen Hosen, \u00fcber die die Nachbarn kicherten. Wenn Marek Plewka im Haus war, lachte Jozefa Plewka aus vollem Hals, und auch Maria freute sich, denn der Onkel brachte immer ein Geschenk mit, eine kleine Brosche, eine Anstecknadel oder wenigstens eine Blume aus Plastik, die Maria eine Zeitlang an ihrer Sch\u00fcrze trug.&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/erstes-buch-unter-der-knute-das-wiedererstandene-polen-und-sein-untergang\/\">Stammbaum der Familien Kaminski, Wolek, Brosz und Gontasch<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/das-dorf-zakepie\/\">Zur\u00fcck zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Irgendwo in Polens Osten, hinter Warschau und vor Lublin, abseits der gro\u00dfen St\u00e4dte und Durchgangsstra\u00dfen,&nbsp; lag das Dorf Zakepie. 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