{"id":6841,"date":"2019-06-02T07:24:40","date_gmt":"2019-06-02T07:24:40","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=6841"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"leseprobe-2-bali-einleitung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-2-bali-einleitung\/","title":{"rendered":"Leseprobe 2: Bali (Einleitung)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp; Wollte man eine Insel auf dem Reisbrett des Tourismus-Managements entwerfen, deren Landschaft nicht nur von himmlischer Fruchtbarkeit, sondern auch noch unsagbar sch\u00f6n ist, in der die Menschen nicht nur tolerant und freundlich, sondern auch noch so flei\u00dfig sind, dass sie ihre Heimat mit ihren Reisterrassen, Badepl\u00e4tzen und Tempeln&nbsp; schm\u00fccken, auf der die Preise traumhaft niedrig und die Monsunzeit gottseidank nicht mit den europ\u00e4ischen Ferienzeiten kollidiert: das m\u00fcsste Bali sein.<\/p>\n<p>&nbsp; Georg Krause hat es 1920 in seinem Bali-Buch etwas gehobener ausdr\u00fcckt. Es gibt Landschaften, schrieb er, die den Menschen nicht brauchen, weil sie einfach sch\u00f6n sind f\u00fcr sich selbst. Die meisten Landschaften verlieren ihren Zauber, wenn die Menschen wie Heuschrecken \u00fcber die herfallen. Es gibt aber auch Landschaften, die auf den Menschen zur Vollendung ihrer Sch\u00f6nheit angewiesen sind, in denen, so Krause,&nbsp; \u201eMensch und Natur ineinander verwoben sind&nbsp; in einem blendenden, unergr\u00fcndlichen Muster.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; So etwa lauten die Einleitungssentenzen der Bali-Kapitel in Reisef\u00fchrern und Landeskunden. Und das Erstaunliche ist: Es stimmt. Es stimmt noch immer. Bali ist im Zusammenklang von Landschaft, Architektur und Menschenschlag tats\u00e4chlich ein Weltwunder, eine der&nbsp; Gischtkronen auf den h\u00f6chsten Wellen der Sch\u00f6pfung.&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6842\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-4.jpg\" alt=\"\" width=\"812\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-4.jpg 812w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-4-768x511.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 812px) 100vw, 812px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp; Es beginnt schon bei der Gr\u00f6\u00dfe und der Bodengestalt der Insel. Der geografische Umriss Balis gleicht dem eines nach Osten schwimmenden Fisches. Die Ost-Westerstreckung umfasst gut einhundertsiebzig&nbsp; Kilometer. Von Norden nach S\u00fcden sind es an der breitesten Stelle zwischen Singaraja und dem internationalen Flughafen von Denpasar neunzig Kilometer. Bali ist also gro\u00df genug, um Naturenormit\u00e4ten wie dem Gunung Agung Raum zu bieten, aber klein genug, dass niemand den \u00dcberblick verliert. Erheblich gr\u00f6\u00dfer als Mallorca oder Korfu, aber etwas kleiner als Korsika umfasst Bali eine Fl\u00e4che von 5.633 qkm, auf der eine Bev\u00f6lkerung von \u00fcber vier Millionen Menschen lebt. Das ist der dreifache Wert der Bev\u00f6lkerungsdichte eines so dicht besiedelten Raumes wie Deutschland. Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr noch einmal vier Millionen Touristen Bali besuchen, gewinnt man eine ann\u00e4hernde Vorstellung von der enormen Fruchtbarkeit der Insel. Es ist die Sch\u00f6nheit der Insel, der die Besucher anzieht, aber es ist der Flei\u00df der Balinesen, der sie auch ern\u00e4hren kann.<\/p>\n<p>&nbsp; &nbsp;&nbsp;Wie fast \u00fcberall im asiatischen Archipel ist die extreme Fruchtbarkeit Balis vulkanischen Ursprungs. Auf gut dreitausend H\u00f6henmetern bringt es der Gunung Agung, der wie ein K\u00f6nig \u00fcber der Insel thront. \u00dcber zweitausendeinhundert Meter misst der benachbarte Gunung Abang.&nbsp; Im \u00dcbergangsfeld zwischen diesen Vulkanen und dem Tiefland befindet sich Balis gr\u00f6\u00dfter Schatz: die Wunderwelt seiner Reisterrassen. In ihnen verbinden sich Sch\u00f6nheit und Effektivit\u00e4t zu einer neuen Stufe der Landschafts\u00e4sthetik. Zusammen mit den Tausenden von D\u00f6rfern, die am Rand dieser Reisterrassen liegen, und den Tausenden von Tempeln, die \u00fcber ganz Bali verteilt sind, z\u00e4hlt Bali zu den sch\u00f6nsten Inseln der Welt &#8211; wenn es nicht \u00fcberhaupt die Sch\u00f6nste ist. Selbst die ausufernden Touristenbezirke im S\u00fcden Denpasars haben den Reiz der Insel nicht wirklich besch\u00e4digen k\u00f6nnen. Denn wer ihren Zauber kennenlernen will, braucht nur wenige Kilometer ins Landesinnere zu fahren, und der touristische Rummel verschwindet wie der Nebel an einem Fr\u00fchlingsmorgen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6843 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-33-540x800.jpg\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-33-540x800.jpg 540w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/03-33.jpg 555w\" sizes=\"auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp; Aber Fruchtbarkeit, Bodengestalt und Siedlungsformen sind nur das eine. Das andere, ohne dass Bali nicht Bali w\u00e4re, ist seine kulturelle Sonderstellung &#8211;&nbsp; nicht nur innerhalb Indonesiens sondern ganz S\u00fcdostasiens. Um diese Sonderstellung zu verstehen, mag die folgende Fiktion hilfreich sein. Man stelle sich einen Augenblick vor, dass Europa am Beginn der Neuzeit der mohammedanischen Expansion erlegen w\u00e4re. Die T\u00fcrken h\u00e4tten tats\u00e4chlich Wien erobert und w\u00e4ren weitergezogen nach Amsterdam, Paris und Madrid.&nbsp; Der ganze Kontinent w\u00e4re moslemisch geworden, nur eine kleine Minderheit aus Angeh\u00f6rigen der alten europ\u00e4ischen Aristokratie w\u00e4re zusammen mit ihrer Gefolgschaft nach Irland geflohen, um dort, am Rande Europas, das christliche Erbe zu bewahren. Geduldet durch den Islam, der den Rest des Kontinentes beherrschte, w\u00e4re in Irland ein intensiveres, exotisches Christentum entstanden.<\/p>\n<p>&nbsp; Nach diesem Drehbuch muss man sich die Entstehung des hinduistischen Bali vorstellen. Als der Islam im 15. Jahrhundert seinen Siegeszug durch Java und die angrenzenden Inseln vollendete, fl\u00fcchtete die Oberschicht des letzten Hindu-Reiches von Majapahit im Jahre 1473 von Ost-Java nach Bali, um hier ihre eigenen G\u00f6ttern weiter zu verehren. Auf Bali entstanden neue Hindu-K\u00f6nigreiche, prachtvolle Tempel wurden gebaut, und selbst die Ankunft der holl\u00e4ndischen Kolonialherren in der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte diese Kulturbl\u00fcte nicht knicken. Im Gegenteil: am Ende verzauberte das besiegte Bali den holl\u00e4ndischen Sieger und die Karriere Balis als eines europ\u00e4ischen Sehnsuchtsortes begann.<\/p>\n<p>&nbsp; Doch es gibt&nbsp; nichts Vollkommenes, das ewig w\u00e4hrt. Das trifft auch f\u00fcr Bali zu, selbst wenn die Insel noch immer ihre Besucher m\u00fchelos verzaubert. Die eine Bedrohung ist die Gei\u00dfel der Gegenwart: der islamistische Terrorismus, der mit einer Serie brutaler Attentate am Beginn der Nuller Jahre hunderten von Menschen das Leben nahm. Davon hat sich die Insel erstaunlich schnell wieder erholt. Wie sie allerdings mit einer weiter fortschreitenden Islamisierung des gesamtindonesischen Staates fertig werden wird, steht in den Sternen. Die zweite und vielleicht langfristig sogar gef\u00e4hrlichere Bedrohung ist die Bev\u00f6lkerungsexplosion. Jedes Jahr w\u00e4chst Bali um 100.000 Menschen, jeden Tag werden unz\u00e4hlige wunderbare Kinder auf Bali geboren, doch so erfreulich das im Einzelnen auch sein mag \u2013 in der Summierung droht Bali an diesen Zuw\u00e4chsen zugrunde zu gehen. In einer Generation werden nicht vier sondern acht Millionen Menschen auf Bali leben. Das wird selbst f\u00fcr diese gesegnete Insel der G\u00f6tter zu viel sein.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Barong<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wollte man eine Insel auf dem Reisbrett des Tourismus-Managements entwerfen, deren Landschaft nicht nur von himmlischer Fruchtbarkeit, sondern auch noch unsagbar sch\u00f6n ist, in der die Menschen nicht nur tolerant und freundlich, sondern auch noch so flei\u00dfig sind, dass sie ihre Heimat mit ihren Reisterrassen, Badepl\u00e4tzen und Tempeln&nbsp; 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