{"id":6814,"date":"2019-02-14T16:01:06","date_gmt":"2019-02-14T16:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=6814"},"modified":"2025-06-03T10:32:51","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:51","slug":"leseprobe-der-asiatische-archipel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/leseprobe-der-asiatische-archipel\/","title":{"rendered":"Leseprobe 1: Kleiner Versuch \u00fcber das Heimweh"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6816\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/1-47.jpg\" alt=\"\" width=\"747\" height=\"484\"\/><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><strong>Tod auf Java&nbsp; <\/strong><em>Kleiner Versuch \u00fcber das Heimweh<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Heimweh unter Travellern ist nichts, wor\u00fcber man spricht, auch wenn es jeder kennt. W\u00e4hrend man mit seinem Fernweh hausieren geht, kehrt man seine Heimwehanf\u00e4lle gerne unter den Teppich. Heimweh ist etwas f\u00fcr Loser, Luschen, Weicheier, jedenfalls nichts, mit dem man durch Asien reisen sollte. Und wenn es einen denn erwischt, dann soll man die Klappe halten und weiterreisen. Ortsver\u00e4nderung ist gut gegen Heimweh &#8211; wer w\u00fcsste das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Heimwehkranke habe ich auf Reisen schon oft getroffen, auch wenn die \u00c4u\u00dferungsformen unterschiedlich waren. Bei einem jungen Inder, den ich an den Quellen des Ganges kennenlernte, zeigte sich das Heimweh in extremen Einsamkeitsgef\u00fchlen. Er lief mir den ganzen Tag hinterher, weil er es nicht ertragen konnte, alleine zu sein. Auf den Reisfeldern in Nordluzzon war mir ein Schwede begegnet, der mir stundenlang von seiner Freundin erz\u00e4hlte. Sein Heimweh besa\u00df die Gestalt des Liebeskummers und \u00e4u\u00dferte sich in aufdringlichem Mitteilungsdrang.<\/p>\n<p>&nbsp; Allen Erscheinungsformen des Heimwehs gemeinsam ist die Sehnsucht nach R\u00fcckkehr in die vertraute Umgebung, nach den Menschen,&nbsp; Orten, Speisen und den Gewohnheiten, mit denen man aufgewachsen ist &#8211; kurz: nach der \u201eHeimat\u201c Diese Befindlichkeit macht sich \u00e4hnlich wie Angst bemerkbar: sie ist beklemmend und qu\u00e4lend und hat wie jeder&nbsp; Schmerz die Eigenschaft, die Zeit ins Unendliche zu dehnen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Heimweh als Begriff ist \u00fcbrigens gar nicht so alt, wie man meinen k\u00f6nnte. Im 17. Jahrhundert wurde der Sachverhalt zum ersten Mal erw\u00e4hnt und als \u201eSchweizer Krankheit\u201c beschrieben\u201c, weil man an den schweizer Landsknechten, die \u00fcber Jahre hinweg im Dienst des Papstes in Rom standen, ein \u00dcberma\u00df an Melancholie und Traurigkeit festgestellt hatte. Diese Beschwerden verschwanden, sobald die Landsknechte in ihre Heimat zur\u00fcckkehrten.&nbsp; Der Schweizer Arzt Johannes Hofer pr\u00e4gte f\u00fcr diese Sehnsucht nach Heimat im Jahre&nbsp; 1688 den Begriff \u201eNostalgie\u201c (\u201eR\u00fcckkehrschmerz\u201c).&nbsp; Sp\u00e4ter wurde der Begriff wortgleich ins Italienische und Spanische \u00fcbernommen beziehungsweise \u00fcbersetzt:&nbsp; als \u201eHeimweh\u201c im Deutschen, \u201ehomesickness\u201c im Englischen oder \u201emal du pays\u201c im Franz\u00f6sischen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach meiner Erfahrung ist das Heimweh jedoch auch eine hochgradig variable Empfindung, das hei\u00dft, Menschen unterscheiden sich ganz erheblich darin, wie anf\u00e4llig sie f\u00fcr Heimweh sind. Ob die Heimwehanf\u00e4lligkeit als Pers\u00f6nlichkeitsvariable&nbsp; die Form einer Gaus\u00b4schen Normalverteilung hat, wei\u00df ich nicht, mir erscheint es eher so, als g\u00e4be es im Hinblick auf das Heimweh drei deutlich unterscheidbare Gruppen: die Heimweh-Resistenten, die Heimweh-Normalos und die Heimweh-Anf\u00e4lligen. Ein typischer Heimweh-Resistenter, jedenfalls soweit man das erkennen konnte, war Sam. Er war schon seit Jahren in Asien auf Achse, und nichts deutete darauf hin, dass ihm irgendetwas fehlen w\u00fcrde. Von seiner Sorte hatte ich Dutzende in Indien getroffen, selbstgen\u00fcgsame menschliche Monaden, die wie Fettaugen auf der Suppe des Lebens schwammen und meist zufrieden damit waren, wohin sie der Zufall trieb. Ehrlich gesagt, waren mir diese Gestalten immer ein R\u00e4tsel geblieben. Vielleicht fehlte ihnen ein Gen, vergleichbar einem Farbenblinden, der auch bestimmte Farbnuancen nicht erkennen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ich selbst betrachte mich eher als \u201eHeiweh-Normalo\u201c. Mein Bed\u00fcrfnis nach Fremdheit ist gro\u00df, aber nicht unendlich, und wenn es gestillt ist, entsteht in mir eine zun\u00e4chst kaum wahrnehmbare, dann immer deutlichere Sehnsucht nach Zuhause. Wahrscheinlich wirkt das Neue und das&nbsp; Fremde bei den meisten Menschen zun\u00e4chst mitrei\u00dfend, dann interessant und schlie\u00dflich, wenn man nur lange genug unterwegs gewesen war,&nbsp; nur noch an\u00e4sthesierend gegen\u00fcber einem immer dr\u00e4ngender hervortretenden Wunsch nach Heimkehr &#8211; bis auch diese Wirkung nachl\u00e4sst und man sich um das&nbsp; R\u00fcckflugticket bem\u00fcht.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Rike war zweifellos eine typische \u201eHeimweh-Anf\u00e4llige\u201c. Man konnte an ihr einen paradoxen Zug beobachten, der mir an Heimweh-Anf\u00e4lligen schon oft aufgefallen war: ein demonstrativ vor sich hergetragenes Fernweh, das wie eine Beweis daf\u00fcr benutzt wurde, dass man in Wahrheit mit Heimweh \u00fcberhaupt nichts am Hut hat. Die Reisen dieser Heimweh-Anf\u00e4lligen besitzen also eine&nbsp; kompensatorische Motivation, sie gleichen der Weltexplorierung von Kleinkindern,&nbsp; die mit klopfenden Herzen Wohnung und Garten erkunden, ohne die&nbsp; Mutter jemals aus den Augen zu verlieren. Wenn solche Personen dann aber wirklich einmal in Situationen geraten, in denen ihnen die Erl\u00f6sung vom Heimweh, die Heimkehr,&nbsp; verwehrt wird, reagieren sie hilflos. Wie Max Dauthendey, der bekannteste Heimweh-Anf\u00e4llige der weltweiten Reiseliteratur, der in Java an Heimweh elend zugrunde ging.<\/p>\n<p>&nbsp; Max Dauthendey (1867-1918) war ein extravertierter naturalistisch-impressionistisch <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6815 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Max_Dauthendey_by_Nicola_Perscheid_c1910.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\"\/>veranlagter Autor der <em>belle epoque<\/em>, der kurz nach der Jahrhundertwende Theaterst\u00fccke, Novellen und Romane mit einem gewissen Erfolg ver\u00f6ffentlichte. Seine Gedichte wurden von Stefan George gelobt, seine Novellensammlungen \u201eLingam\u201c und&nbsp; \u201cDie acht Gesichter vom Biwasee\u201c werden noch heute gelesen. Trotzdem k\u00e4mpfte er Zeit seines Lebens mit finanziellen Schwierigkeiten, vor allem, nachdem er das&nbsp; v\u00e4terliche Erbe durchgebracht hatte (unter anderem durch den Plan einer Kommunegr\u00fcndung in Mexiko, der sofort nach der Ankunft fallengelassen worden war). Wie viele K\u00fcnstler seiner Zeit war er der Meinung, dass es die vornehmste Pflicht seiner Mitb\u00fcrger sei, ihn und seinesgleichen materiell so hinreichend zu versorgen, dass sie, die K\u00fcnstler, ihren Dienst an der Menschheit unbeeintr\u00e4chtigt weiterf\u00fchren konnten.<\/p>\n<p>&nbsp; Das ungef\u00e4hr war der Hintergrund von Max Dauthendeys zweiter S\u00fcdseereise, von der er sich neue Anregungen f\u00fcr seine literarische Produktion versprach. F\u00fcr die Kosten dieser Weltreise kamen sein Verlag und die Reederei auf, eine bescheidene frei verf\u00fcgbare Reisekasse hatte sich Dauthendey vorher zusammengeliehen.&nbsp;&nbsp; Ende April 1914 reiste Dauthendey von W\u00fcrzburg zum Mittelmeer und schiffte sich in&nbsp; Genua auf dem Dampfer \u201eGoeben\u201c ein. Erfreut lauschte Dauthendey dem Kapit\u00e4n, der enthusiastisch die Sch\u00f6nheiten der S\u00fcdsee lobte. &nbsp;&nbsp;\u201eMan sei abwechselnd in die Steinzeit, gerade in die Urwelt versetzt und dann wieder in der Kultur. Es ist gerade das, was ich so sehns\u00fcchtig suche, ein wenig paradiesische Urwelt ohne Kultur\u201c berichtete Dauthendey am 30.4.1914 in einem Brief an seine Frau Annie Dauthendey.<\/p>\n<p>&nbsp; Schon&nbsp; am Ende der ersten Maiwoche durchquerte die \u201eGoeben\u201c den Suezkanal, am 14. Mai beschrieb Dauthendey seiner Frau die Reiseeindr\u00fccke aus Colombo (\u201eschw\u00fcle, dunstige , schwere Luft aus den laubreichen gro\u00dfen B\u00e4umen.\u201c).&nbsp;&nbsp; Dann erreichte die Goeben in der letzten Maiwoche die gro\u00dfe Insel Java, das Herz von \u201eNiederl\u00e4ndisch-Ostindien\u201c. Dauthendey gab sich weiter wie ein Feinschmecker, der die Reize der Tropen kostete, er schilderte die Sch\u00f6nheiten der Reisfelder, die Klarheit der Luft nach dem Regen und die pittoreske Absonderlichkeit der Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp; Doch schon kurz nach der Ankunft in Java bedr\u00e4ngen ihn b\u00f6se Vorahnungen. \u201cMein Boy in Bavaria im Hotel hatte die Nummer 13\u201c, schrieb Dauthendey an seine Frau. \u201eMein Touristenbillet&nbsp; hat Nummer 13. &nbsp;Auf der Herreise im Schiff war auch alles 13.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Man sieht: Dauthendey war leicht entflammbar und ebenso entt\u00e4uschungsbereit. Im Grunde war er \u00e4ngstlich, z\u00f6gerlich und sprunghaft.&nbsp; Deswegen kamen ihm schon bald Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Reise, die er in seinen Briefen immer deutlicher zur Sprache brachte. Die Finanzen bereiteten ihm Kopfschmerzen, dann ereignete sich ein Erdbeben, \u201ebei dem mein Eisenbett mit mir oben im Gebirge rasselnd durchs Zimmer tanzte.\u201c (11.6.1914). Schlie\u00dflich verk\u00fcndet er brieflich seine vorzeitige R\u00fcckkehr, nur um sich \u00fcber Nacht dann doch wieder eines anderen zu besinnen. In einem kurzen Zusatz vermerkt er am 12. Juni: \u201cIch reise nun doch nach Neu-Guinea weiter und komme erst im Herbst (September) nach Europa.\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; In der zweiten Junih\u00e4fte und im Juli h\u00e4lt sich Dauthendey in Papua-Neuguinea&nbsp; auf und ist nicht begeistert, \u00fcber das, was er sieht.&nbsp; \u201eAu\u00dfer Menschenfresserd\u00f6rfern gibt es hier nichts\u201c, bemerkt er trocken in einem Brief am 30.6.1914.<\/p>\n<p>&nbsp; Zwei Tage vorher hatten serbische Terroristen den \u00f6sterreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo ermordet. Davon wusste zu dieser Zeit noch niemand etwas im fernen Osten.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Dann aber drangen die Weltnachrichten doch durch und zeigten drastische Folgen. \u201eIch war auf dem R\u00fcckweg von Neuguinea nach Java begriffen, als der Krieg uns am 6. August \u00fcberraschte\u201c, schrieb&nbsp; Dauthendey am 23. August 1914&nbsp; an Jenny und Arnold Villinger. Obwohl die Reisegesellschaft zeitweise auf den Molukken festgesetzt wurde,&nbsp; &nbsp;gab sich Dauthendey&nbsp; in seinen Briefen souver\u00e4n und tat so, als ginge das normale Leben weiter. \u201eAmbonia liegt sehr sch\u00f6n auf einer h\u00fcgeligen Insel\u201c, schrieb er am 23. Augst 1914. \u201eWir ankern in einer gro\u00dfen Bucht. Es sind sch\u00f6ne Spazierwege an Land. Der Ort ist nur klein, wie eine liebensw\u00fcrdige Gartenstadt unter Palmen sieht er aus. Es sind zwei Moscheen und zwei Holzkirchen da, und alle H\u00e4user sind hell und haben nur Erdgeschoss und eine Veranda rundum und liegen in G\u00e4rten, die mit gelben und purpurnen Bl\u00e4tterb\u00fcschen lebhaft in der Sonne leuchten.\u201c&nbsp; (ebenda)<\/p>\n<p>&nbsp; Solche beschreibenden Passagen, in denen sich der Weltreisende Max Dauthendey demonstrativ \u00fcber sein zagendes Herz erhebt und ganz Geist, ganz Auge wird, sollten bald seltener werden. Sie repr\u00e4sentieren die erste Phase des Heimwehs, eine sich selbst betr\u00fcgende Verdr\u00e4ngung, die sich darin gefiel, die Details der Exotik scheinbar wie ein Geist zu notieren, der \u00fcber den Dingen schwebte.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Nach einigen Wochen musste Dauthendey die Molukken&nbsp; verlassen. Zu seinem Verdruss wurde er auf der \u00dcberfahrt nach Sumatra im September 1914 von&nbsp; holl\u00e4ndischen Offizieren schwer angegiftet. Auch das Wetter ging ihm auf die Nerven.&nbsp; \u201eEs ist Regenzeit jetzt auf Sumatra. Und es regnet t\u00e4glich jetzt grauer und schwerer als es in den Regensommern im Gutenberger Wald geregnet hat. Die Luft ist dabei beengend hei\u00df und feucht,\u201c notierte Dauthendey am 30.9.2014.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Dauthendey wartete weiter, besuchte das \u201eTobameer\u201c (den Tobasee in der N\u00e4he von Medan in Nordsumatra), delektierte sich an den sch\u00f6nen Javanerinnen und versuchte sich abzulenken, so gut es ging. \u201eIch kann mit den Schwalben reden und mit den V\u00f6geln und allen Dingen. Ich gehe in die D\u00f6rfer zu den Battakern, die noch vor zehn Jahren Menschenfresser waren, und spiele mit ihnen Schach\u201c, berichtete Dauthendey seiner Frau im Herbst 1914.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Wie es ihm wirklich ging, erf\u00e4hrt man in seinem Tagebuch. \u201eDie gef\u00e4hrlichsten Stunden sind die, wenn die Sterne heranr\u00fccken. Die gro\u00dfen, blauen Sterne, die aus dem warmen Himmel herabsteigen, in die Menschenaugen, ins Menschenblut. Dann reden die Sterne alles, was man sich selbst verschweigen m\u00f6chte. Sie sehen einen tiefer an als Menschenaugen. Man muss unter ihrem ewigen Licht zittern, mit allem Ewigen, was am Tag versteckt vor der Vernunft geruht hat, zittert man und wird erregt, und wer nicht vom Malariasch\u00fcttelfrost im Aderwerk eiskalt getroffen wird, wird noch fiebriger, vom Heimweh hei\u00df und kalt durchschauert.\u201c&nbsp; Dann, nur wenige Zeilen sp\u00e4ter wird er noch deutlicher:&nbsp; \u201eOh, in diesen Abendstunden, unt\u00e4tig ins Dunkle gerichtet, voll Willenlosigkeit, voll vom Erwachen des Unbekannten im heranwachsenden Finstern in diesen weiten, unendlich weit ausholenden Stunden bin ich machtlos mich zu beherrschen und mein Heimweh zu verstecken. Die Brust weint mir. Die Zeitung zittert in meinen Fingern.\u201c Dauthendey sp\u00fcrte erschrocken, wie sich seine Befindlichkeit ver\u00e4ndert und f\u00fcgt hinzu \u201eEs ist ein gef\u00e4hrlicher \u00dcberschwang ins Gef\u00fchl gekommen. Ungesund, verzehrend wie Malaria, singend fein und blutsaugend wie das Meer der Moskitos, die im Dunkeln schw\u00e4rmen.\u201c (15.1.1915).&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Dabei war das Schicksal, dass Dauthenday ereilte ja beileibe nichts Ungew\u00f6hnliches. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6815 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Max_Dauthendey_by_Nicola_Perscheid_c1910.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\"\/>Zehntausende wurden in den Kriegen des Zwanzigsten Jahrhunderts an der Heimreise gehindert und unter oft erheblich h\u00e4rteren Bedingungen als die Dauthendey interniert. Fast vier Jahre sa\u00df Heinrich Harrer in einem indischen Gefangenenlager, ehe ihm die Flucht nach Tibet gelang. F\u00fcnf Jahre wurde der Orientalist Hans Overbeck w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges in Australien gefangen gehalten (Im Zweiten Weltkrieg sollte er auf einem holl\u00e4ndischen Gefangenentransport vor Sumatra umkommen).&nbsp; Doch in Dauthendeys Fall hatte&nbsp; das Heimweh einen extrem Heimweh-Anf\u00e4lligen erwischt, dessen Abwehrverhalten langsam zusammenbrach. Denn alle Versuche, selbst hochgestellter Pers\u00f6nlichkeiten bei der holl\u00e4ndischen Regierung, Dauthendeys Ausreise zu erm\u00f6glichen, waren fehlgeschlagen.<\/p>\n<p>&nbsp; Im Februar 1915 verl\u00e4sst Dauthendey Sumatra und siedelt nach Java \u00fcber. Er lebt nun in Goroet nahe Bandung auf halber Stecke zwischen Jakarta und Yogyakarta. Sein k\u00f6rperliches Befinden beginnt sich zu verschlechtern. Dauthendey bekommt Malaria, schwitzt, friert leidet, kommt wieder zu Kr\u00e4ften und bekommt erneut Malaria. Er nimmt so stark ab, dass Bekannte aus der deutschen Gesellschaft in Sumatra erschrecken, als sie ihm nach einer gewissen Zeit wieder begegnen. \u201eNun muss ich alle meine Anz\u00fcge enger machen lassen\u201c, schreibt Dauthendey&nbsp; am 12.2.15. \u201eSie h\u00e4ngen an mir wie leere S\u00e4cke.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; &nbsp;Doch Dauthendey wehrt sich und begegnet der aufkeimenden Anomie mit Artifizierung, das hei\u00dft, er versucht, seinen Kummer sprachlich zu gestalten. Dabei gelingen ihm bemerkenswerte, nicht unwitzige Passagen, aus denen er Trost sch\u00f6pft. \u201eG\u00e4be es ein Kreuz erster Klasse f\u00fcr Liebe und Treue\u201c,&nbsp; schreibt er am 21. M\u00e4rz 1915 an seine Frau, \u201em\u00fcssten du und ich es doch sicher zuerst bekommen. Ich bin so keusch wie ein reiner M\u00f6nch. Mein Gesicht im Spiegel sieht mich ganz vergeistigt an. Ich habe asketische Schatten unter den Augen. Schatten der Gedanken an dich, Schatten der Sehnsucht, die mich t\u00e4glich mit \u00fcbersinnlichem Licht durchleuchtet. Ich glaube, bald leuchte ich im Dunkeln wie der sehns\u00fcchtige Mond.\u201c Jeder, der einmal mit Kummer im Herzen versucht hat, sich selbst durch die sprachliche Darstellung dieses&nbsp; Kummers Linderung zu verschaffen, sp\u00fcrt in diesen Zeilen Dauthendeys Kampf gegen den Schmerz mit den Mitteln der Literarisierung. &nbsp;Und er setzt gleich noch einen drauf, in dem er fortf\u00e4hrt: \u201eIch bin aber doch stolz auf diese Ausdauer, die mir ganz selbstverst\u00e4ndlich vorkommt, die ich gar nicht erzwinge, weil ich dich liebe. Man sagt, dass Leichnahme von Heiligen wohlriechend sind. Wenn ich jetzt sterben w\u00fcrde, m\u00fcsste ich einen solchen Blumenduft verbreiten, dass du es \u00fcber den \u00c4quator&nbsp; bis hin zur Eiszone in Stockholm riechen m\u00fcsstest.\u201c Das hat was und macht noch aus dem Abstand von einhundert Jahren schmunzeln, selbst wenn man den Schmerz ahnt, der hinter diesen Worten steckt. Ganz \u00e4hnlich ergeht es dem Leser mit Dauthendeys humoristischen Betrachtungen \u00fcber die \u201eMenschenfresser\u201c. Am 20.4.1915 schreibt Dauthendey in einem Brief an Wilhelm Panzerbieter: \u201eDie Menschenfresser erz\u00e4hlen sich auch, dass die Handfl\u00e4che der Menschen, wenn diese \u00e4lter sind, am besten schmeckt. Am besten schmeckt die linke Handfl\u00e4che, weil der Battakermann damit zeitlebens das Gem\u00fcse isst. Mit der rechten isst er den Reis. Vom Gem\u00fcseangreifen wird nun die linke Handfl\u00e4che mit der Zeit&nbsp; w\u00fcrzig und schmeckt besser als die fade rechte Hand.\u201c Ein Leidender als sprachlicher Impressario seiner selbst.<\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em>&nbsp;&nbsp; Bald aber werden diese Artifizierungen seltener, Dauthendeys&nbsp; Klagen verlieren das Dichterische und erhalten etwas Jammerndes. Die Krankheiten in der Ausl\u00e4nderkolonie ver\u00e4ngstigen ihn, ein schreiendes Kind nervt ihn.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;Dauthendey sp\u00fcrt, wie der Boden unter seinen F\u00fc\u00dfen wankt, und er versucht, durch eine strenge Tageseinteilung seine pers\u00f6nliche Stabilit\u00e4t wiederzugewinnen. In einem Brief an seine Frau vom April 1915 schildert er seinen typischen Tagesablauf. Der Tag beginnt um sechs Uhr mit einem hei\u00dfen Bad, danach wird kalt geduscht. Um sieben Uhr wird Fr\u00fchst\u00fcck gereicht, dann spaziert Dauthendey \u00fcber die Hauptstra\u00dfe von Garoet und versucht sich durch das Beobachten von Chinesen und Javanern abzulenken. Nach dem Mittagessen legt er sich zum Mittagsschlaf nieder, ohne allerdings schlafen zu k\u00f6nnen. Ab vier Uhr beginnt die Besucherzeit,&nbsp; ehe am fr\u00fchen Abend das Briefeschreiben an der Reihe ist. Um halb acht zieht sich Dauthendey zum Abendessen um, das um acht Uhr gereicht wird. Sp\u00e4testens um zehn geht er zu Bett.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Aber diese Selbstdisziplinierung funktioniert immer nur eine begrenzte Zeit, dann bricht sich sein Schmerz Bahn. Immer eruptiver, immer unliterarischer l\u00e4sst er seine Frau brieflich an seinem Leiden teilhaben. Als Annie Dauthendey ihren Gatten ermahnt, sich zu fassen, antwortet er am 13.7.1915 mit Sentenzen, die an die Gef\u00fchle eines verlassenen Kindes erinnern: \u201eWas bin ich denn \u00fcberhaupt ohne dich? Es fehlt mir doch mein ganzer Lebensinhalt, wenn ich ohne dich hinleben muss. Ich bin dann schw\u00e4chlich, zittrig, \u00e4rmlich, unklar und unsicher in meinen Gedanken und m\u00f6chte mich scheintot auf ein Bett legen und erst wieder bei dir aufwachen.\u201c Dann noch direkter:\u201c Du redest mir in deinem Brief so zu, als w\u00e4re es eine g\u00f6ttliche S\u00fcnde, wenn ich schwach bin und vor Liebessehnsucht leide.\u201c&nbsp; Diese Schw\u00e4che ben\u00f6tigt eine Erkl\u00e4rung, und so f\u00e4hrt Dauthendey fort. \u201cDer eine Mensch ist nur warm stark, der andere ist kalt stark. Jetzt ist es Mode, kalt stark zu sein, und darum kann mich heute kein Mensch verstehen, und meine Sehnsucht ist in dieser kalten Zeit beinahe eine Beleidigung der kalten G\u00f6ttin&nbsp; Lebensernst.\u201c Es folgen unverbl\u00fcmte Beschreibungen seines seelischen und k\u00f6rperlichen Verfalls: \u201cIch bin mager und verh\u00e4rmt. Wenn ich meine H\u00e4nde wasche, ist mir, als f\u00fchlte ich die Finger eines Kindes in meiner Hand, so winzig und glattschlank sind die H\u00e4nde geworden. (\u2026) Nachts lehne ich im Dunkeln fast in jeder Stunde einige Zeit am Gel\u00e4nder meiner Veranda und gehe mit dem Auge um den indischen Sternenhimmel herum. Ich kann so wenig schlafen.&nbsp; Und nachmittags schlafe ich auch nicht mehr.\u201c&nbsp; Das Reiten habe er auch aufgegeben, \u201eweil alles, was man allein tut, nicht schmeckt\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Im n\u00e4chsten Brief hei\u00dft es: \u201eIch gehe eines Tages an einem Herz- oder Hirnschlag hier zugrunde vor ewiger innerer Aufregung. Ich ertrage es keinen Winter mehr, glaube ich.\u201c Wenige Zeilen sp\u00e4ter: \u201eIch halte den Druck nicht mehr aus. Es ist zu lange Zeit. Ich bin nicht nur von dir, sondern auch von meinem Klima, meiner Sprache, von meiner&nbsp; Heimat, von allen Erinnerungen, die ein Dichter braucht, und auch von meinen Gr\u00e4bern getrennt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Im September 1915 erreicht die Klage ihren H\u00f6hepunkt: \u201eHerz, ein Hund darf schreien, wenn es dunkel wird, siehst du, und ich, ich darf es nicht\u201c, jammert Dauthendey&nbsp; \u201eMeine Brust ist so gepresst vor Heimweh. Es ist jetzt abends halb zehn Uhr, und ich bin wie immer, wie jeden Abend,&nbsp; auf meiner Veranda so allein, so allein.(\u2026) Annie, alle Glieder schmerzen mir in dieser Abendstunde vor Sehnsucht. Es ist ein richtiger Blutschmerz im ganzen Oberk\u00f6rper. Ich f\u00fchle meine Brust so gespannt, als ob sie zerrei\u00dfen wollte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Es folgen Briefe, in denen er sich an seiner eigenen Treue berauscht&nbsp; \u201eIch will, dass du meine Treue zu dir auch im klaren Licht sehen sollst\u201c, schreibt er seiner Frau am 28.2. 1916. Eigentlich aber sei es ja keine richtige Treue, weil&nbsp; Annie sein \u201eApfel\u201c sei, dem&nbsp; demgegen\u00fcber die k\u00fcmmerlichen weiblichen \u201eKirschen\u201c vor Ort keinerlei Reiz aus\u00fcbten. Im Dezember 1915 schildert er seiner Frau in allen Einzelheiten wie er den Avancen einer in ihn verliebten \u201eFrau K.\u201c widersteht.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; Inzwischen scheiterten weiterhin alle Versuche, Java zu verlassen. Einmal befand&nbsp; sich Dauthendey bereits zehn Stunden an Bord eines Dampfers, der ihn nach Amerika bringen sollte, doch dann musste er doch wieder herunter,&nbsp; am 23.12.16 misslingt ein weiterer Versuch. Die Malaria-Anf\u00e4lle nehmen&nbsp; zu, die Entkr\u00e4ftung schreitet fort, ebenso die seelische Verw\u00fcstung. Als im Fr\u00fchjahr 1917 die&nbsp; USA in den Krieg eintreten und somit eine Flucht \u00fcber den Pazifik unm\u00f6glich wird, erreicht seine Stimmung einen neuen Tiefpunkt. \u201eIch habe ein Brett vor der Brust, ein Brett im Magen, ein Brett im Kopf vor Einsamkeit,&nbsp; vor Qual, vor Sehnsucht.\u201c Auch seine intellektuelle Urteilsf\u00e4higkeit wankt. Er gibt sich ganz dem Jammern hin und verliert den kritischen Blick f\u00fcr das, was er schreibt. Er verfasst in einer Art \u201eSchaffensrausch\u201c \u201eDas Lied vom inneren Auge\u201c und urteilt: \u201eEs ist glaube ich, das gr\u00f6\u00dfte Lied, das seit langer Zeit f\u00fcr die Menschheit geschrieben wurde (8.4.17).<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Mittlerweile ist sein k\u00f6rperlicher Zustand besorgniserregend.&nbsp; An seine Frau schreibt er am 8.4. 1917: \u201eDer Arzt sagte mir, bei jeder leichten Erk\u00e4ltung und jeder \u00dcberanstrengung, bei jeder seelischen Aufregung bricht die Malaria aus, wenn sie einmal einen Bazillenherd im K\u00f6rper gebildet hat. Die Herde sind Entz\u00fcndungen der Milz, die sich dann durchs Blut fortpflanzen und Fieber erzeugen.\u201c Fast mit einem letzten Schuss Galgenhumor f\u00fcgt er hinzu. \u201eAber mach dir keine Sorge, es ist ganz gleich, ich leide nicht mehr, ob ich krank bin oder gesund bin, ich leide immer gleichm\u00e4\u00dfig an Heimweh. Das ist ein viel st\u00e4rkeres Leid als die st\u00e4rkste Malaria.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp; Liest man diesen Briefwechsel nicht ohne Bewegung, wundert man sich, dass es nicht schon fr\u00fcher geschah, aber dann ist es soweit.&nbsp; Am 30.6.1917 \u00fcberkommt den &nbsp;Freigeist Max Dauthendey im Zenit seiner Heimwehagonie ein pers\u00f6nliches Gotteserlebnis. \u201eEs ist ein gro\u00dfes Wunder geschehen\u201c notiert er am 30.6.1917. \u201eIch habe erkannt, dass es einen pers\u00f6nlichen Gott gibt. Die Erkenntnis kam mir, nachdem ich in den letzten Tagen \u00f6fter die Psalmen gelesen. Heute las ich den f\u00fcnfzigsten und den sechzigsten Psalm in meiner Bibel. Und auf einmal stand die Erkenntnis des pers\u00f6nlichen Gottes stark und greifbar vor mir. Wohl drei\u00dfig Jahre habe ich hin und her erwogen, nachgegr\u00fcbelt, die Natur und mich selbst beobachtet und den pers\u00f6nlichen Gott erkennen wollen. Konnte ihn aber nicht&nbsp; glauben. Wie wunderbar \u00fcberzeugt bin ich nun. In wenigen Wochen bin ich f\u00fcnfzig Jahre alt. Dies ist mein&nbsp; sch\u00f6nstes Festgeschenk.\u201c Unwillk\u00fcrlich f\u00fchlt man sich an Gotteserlebnisse wie bei&nbsp; Saulus oder Augustinus erinnert, doch dieser Vergleich zieht nicht. Denn das sogenannte Gotteserlebnis gibt Dauthendey keinerlei Kraft, es ist eine hysterische Einbildung ohne Substanz. Sein k\u00f6rperlicher Verfall schreitet&nbsp; fort, so dass er noch nicht einmal die Kraft besitzt, an seiner eigenen Geburtstagsfeier teilzunehmen.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Im August 1918 wird der Gelenkrheumatismus so schlimm, dass Dauthendey&nbsp; vor Schmerzen schreit. Die Tropen und das seelische Darben haben seine Knochen morsch gemacht. Die Malaria hat seinen K\u00f6rper vergiftet. Ein \u00d6ffnen der Gallenblase bringt keine Linderung. Am 29.8 1918, zwei Monate vor dem Ende des Weltkrieges stirbt Max Dauthendey. Seine Frau Annie Dauthendey sollte ihn um 28 Jahre \u00fcberleben. Sie fand ihren Tod im &nbsp;Dresdener Feuersturm im Februar 1945.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6817\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/4-17.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"523\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/4-17.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/4-17-768x502.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp;Tod auf Java&nbsp; Kleiner Versuch \u00fcber das Heimweh &nbsp;&nbsp; Heimweh unter Travellern ist nichts, wor\u00fcber man spricht, auch wenn es jeder kennt. W\u00e4hrend man mit seinem Fernweh hausieren geht, kehrt man seine Heimwehanf\u00e4lle gerne unter den Teppich. 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