{"id":6240,"date":"2017-08-24T04:11:48","date_gmt":"2017-08-24T04:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=6240"},"modified":"2025-06-03T10:32:52","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:52","slug":"suedafrika-leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/suedafrika-leseprobe\/","title":{"rendered":"S\u00fcdafrika Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0Die Stra\u00dfenfriseure von Johannesburg<\/strong><\/p>\n<p><em>oder:Wie gef\u00e4hrlich ist es,durch S\u00fcdafrika zu reisen? \u00a0<\/em><\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><strong>\u00a0<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Ich war zum ersten Mal in Johannesburg eingetroffen, hatte in ein Innenstadthotel eingecheckt, ausgepackt, gegessen\u00a0 und blickte aus\u00a0 dem achten Stock meines Hotelzimmers auf die Lichter der\u00a0 n\u00e4chtlichen Stadt. Johannesburg. reichste Stadt Afrikas, Wirtschaftszentrum des gesamten S\u00fcdens, Hoffnung f\u00fcr Millionen, die aus allen Teilen des Landes zu dir streben &#8211;\u00a0 was h\u00e4ltst du f\u00fcr mich bereit? Die Lichter der gro\u00dfen Stadt leuchteten tief unter mir in warmen, verlockenden Farben und schienen mir zuzuraunen: Komm herunter und sieh, was es in unseren Stra\u00dfen zu erleben gibt!<\/p>\n<p>Um die Wahrheit zu sagen: F\u00fcr solche Impulse bin ich mehr als empf\u00e4nglich. In den ersten Tagen einer Reise leide ich an einer\u00a0 Art Reise-Manie, die so weit geht, dass ich am liebsten aus dem Hotel heraus und in die Nacht hineinlaufen w\u00fcrde, um das Neue nicht zu verpassen. So griff ich zum <em>Lonely Planet Guide S\u00fcdafrika<\/em>, bl\u00e4tterte im Johannesburg-Kapitel nach vorne und nach hinten und suchte nach etwas Interessantem, das ich an <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6241 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/007-011-416x800.jpg\" alt=\"007-011\" width=\"283\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/007-011-416x800.jpg 416w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/007-011-624x1200.jpg 624w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/007-011.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/>diesem Abend noch unternehmen k\u00f6nnte &#8211; und\u00a0 stie\u00df auf einen Bericht\u00a0 \u00fcber die <em>Stra\u00dfenfriseure von Johannesburg<\/em>. Nach der Darstellung des Autors handelte es sich dabei um schwarzafrikanische Friseure, die in\u00a0 Johannesburg von morgens bis sp\u00e4t in die Nacht ihre Kundschaft auf der Stra\u00dfe bedienten, wobei es so munter und entspannt zugehe, dass es f\u00fcr einen Reisenden kaum einen besseren Ort g\u00e4be, afrikanisches Originalkolorit zu erleben als eben hier. Das h\u00f6rte sich gut an, und wenn ich dem Autor glauben konnte,\u00a0 war ein Besuch dieser Veranstaltung ebenso ungef\u00e4hrlich wie ein Freiluftauftritt der Bremer Stadtmusikanten. Nach einem kurzen Studium der Stadtkarte stellt ich fest, dass sich der Standort der Stra\u00dfenfriseure nur drei\u00a0 Blocks von meinem Hotel entfernt befand. Das passte. Au\u00dferdem \u00fcberzeugte mich ein kurzer Blick in den\u00a0 Spiegel, dass ich einen neuen Haarschnitt ganz gut vertragen konnte. Welch ein Br\u00fcller, mir bei einem Stra\u00dfenfriseur in Johannesburg vor meiner afrikanischen Reise die afrikataugliche Frisur verpassen zu lassen.<\/p>\n<p>Nach einem letzten Blick auf den Stadtplan machte ich mich auf den Weg. Meine Kameratasche nahm ich mit, denn ich wollte nicht darauf verzichten, meine Erlebnisse fotografisch festzuhalten. \u00dcber das\u00a0 erstaunte Gesicht des Hotelangestellten in der Eingangshalle machte ich mir noch keine Gedanken. Allerdings traf mich die pl\u00f6tzliche Stille, die vor dem Hoteleingang \u00fcber mich hereinbrach, wie ein Schock. Normalerweise steigt der Ger\u00e4uschpegel an, wenn man am Abend ein Hotel verl\u00e4sst. Lachen, Rufen, Hupen, Musik aus Bars und Restaurants vereinen sich zu einem akustischen Lockruf der Urbanit\u00e4t, dem man gerne nachgibt. Nicht aber in Johannesburg. Kein Mensch war auf den Stra\u00dfen zu sehen. Kein Stra\u00dfenverkehr.\u00a0 Auch die Lichtverh\u00e4ltnisse\u00a0 waren mehr als sp\u00e4rlich. Immerhin befand ich mich in der Innenstadt einer Wirtschaftsmetropole, doch auf eine Entfernung von zweihundert Metern erleuchteten gerade mal drei Laternen die Stra\u00dfenr\u00e4nder. Das hatte von oben noch ganz anders ausgesehen. Nun kam doch ein Fahrzeug die Stra\u00dfe heruntergefahren, \u00fcberfuhr eine rote Ampel und bog an der n\u00e4chsten Kreuzung ab.<\/p>\n<p>Ich ging nun etwas schneller und verfiel schlie\u00dflich in einen leichten Trab. Ein zweites Auto fuhr an mir vor\u00fcber, reduzierte einen Moment seine Geschwindigkeit, als es meine H\u00f6he erreicht hatte, um dann wieder zu beschleunigen.\u00a0 Auf der andern Stra\u00dfenseite erkannte ich zwei Gestalten in einem Hauseingang.\u00a0 Sie wandten ihren Kopf in meine Richtung und schienen sich \u00fcber mich auszutauschen. Was bin ich nur f\u00fcr ein Hasenherz, dachte ich, als ich begann, etwas schneller zu laufen. Meine Kameratasche schlenkerte mir um den K\u00f6rper, als ich um die letzte Ecke bog und den Ort der Stra\u00dfenfriseure erreichte.<\/p>\n<p>Zuerst sah ich nichts, weder einen Friseur, noch einen Kunden, allerdings erkannte ich in einiger Entfernung einen hell erleuchteten\u00a0 Laden mit einer Fensterfront, vor der sich eine Gruppe von M\u00e4nnern versammelt hatte. Es waren Schwarzafrikaner, bekleidet mit Steppjacken, Jeans und Turnschuhen, denn es war empfindlich k\u00fchl. Einige trugen Wollm\u00fctzen auf ihren K\u00f6pfen, fast alle hatten einen Schal um den Hals geschlungen. Verdutzt blickten sie mich an, als ich an ihnen vorbeiging und den Laden betrat. Es war tats\u00e4chlich ein Friseursalon, sehr einfach eingerichtet, mit schadhafter Holzverkleidung, alten Spiegeln und mehreren\u00a0 Friseurst\u00fchlen. Drei junge Frauen waren mit Kamm und Schere zu Gange, um drei Schwarzafrikanern die Haare zu schneiden. An der Wand hingen sechs Bilder, die die verschiedenen Frisuren darstellten, die man in diesem Salon ordern konnte.<\/p>\n<p>Sofort verstummten alle Gespr\u00e4che. Die wartenden M\u00e4nner schauten von ihren Zeitschriften auf, die jungen Friseusen \u00a0lie\u00dfen von ihrer Arbeit ab und blickten konsterniert in eine Ecke des Raumes, in der hinter einer Kasse ein gro\u00dfer Schwarzafrikaner sa\u00df. Er war offenbar der Boss, eine korpulente, respekteinfl\u00f6\u00dfende Gestalt mit breiten Schultern und einem massiven Widderkopf, der sich langsam in meine Richtung wandte. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass die M\u00e4nner von der Stra\u00dfe in den Laden gekommen waren, um zu sehen, was sich nun ereignen w\u00fcrde. Einer der M\u00e4nner, ein Jugendlicher mit einer blond gef\u00e4rbten Irokesenfrisur r\u00fcckte nahe an mich heran und schaute mir ins Gesicht. Ein anderer fixierte mit unverhohlener Neugierde meine Kameratasche.<\/p>\n<p>Der Boss erhob sich und trat an mich heran. Er war einen Kopf gr\u00f6\u00dfer als ich und wahrscheinlich doppelt so schwer. Er hatte unbestreitbar das Sagen in diesem Laden.\u00a0 \u201e<em>Whatyoudoingheeere?\u201c<\/em> fragte er mit einer Stimme, so tief, als k\u00e4me sie aus einem unsichtbaren Keller.\u00a0\u00a0 Ich machte ein so harmloses Gesicht, wie es mir nur m\u00f6glich war und antwortete: \u201eI need a haircut\u201c. \u00a0 Einen Augenblick stutzte der Inhaber, als k\u00f6nne er nicht glauben, was er soeben geh\u00f6rt hatte. Dann sch\u00fcttelte er den Kopf, trat an mich heran\u00a0 und griff mir mit beiden H\u00e4nden an die Schultern. Seine H\u00e4nde waren wie Pranken, und ich sp\u00fcrte die Kraft, die in ihnen steckte, als er mich einfach umdrehte und durch die Eingangst\u00fcre wieder nach drau\u00dfen schob. Dort blieb er neben mir stehen, sein gro\u00dfes Gesicht dem meinen so nahe, dass ich die Poren auf seiner Haut erkennen konnte. Eine Hand noch\u00a0 immer auf meiner Schulter, wies er mit der anderen in die Richtung, aus der ich gekommen war und sagte mit Nachdruck: \u201eRun Man, run as fast as you can!\u201c<\/p>\n<p>Der Inhaber lie\u00df mich los, hob den Kopf und sagte etwas zu den Umstehenden, was ich nicht verstand. Zum ersten Mal h\u00f6rte ich die Klickger\u00e4usche der Xhosa Sprache, die ich sp\u00e4ter noch so oft h\u00f6ren w\u00fcrde, ohne sie jemals verstehen zu k\u00f6nnen. Die M\u00e4nner nickten zustimmend, einige, die mich anblickten, sch\u00fcttelten missbilligend den Kopf. Hinter der Glasscheibe sah ich die drei jungen Friseusen, die mich wie einen Totgeweihten anstarrten. War ich denn wirklich in\u00a0 einer derartigen Gefahr?<\/p>\n<p>Ich nickte dem Boss zu und entfernte mich von der Gruppe,\u00a0 zuerst bewusst langsam, um meinen Abgang nicht ganz ohne W\u00fcrde zu gestalten, dann etwas schneller, ehe ich wieder in einen leichten Trab verfiel. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass mir auf einen Wink des Inhabers zwei M\u00e4nner folgten.<\/p>\n<p>Obwohl mir zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich klar war, in welcher Situation ich mich befand, begann ich schneller zu laufen. Auch meine beiden Verfolger erh\u00f6hten ihre Geschwindigkeit, kamen mir aber nicht n\u00e4her. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite erkannte ich nun vier M\u00e4nner in einem dunklen H\u00e4usereingang, ein Auto stand vor einer gr\u00fcnen Ampel und fuhr nicht weiter. Ich schlug einen Bogen, um dem Wagen auszuweichen, meine Verfolger machten das gleiche. Nun beschleunigte ich noch mehr und rannte wie von Furien gejagt die letzten hundert Meter zum Hotel.\u00a0 Als ich den Eingangsbereich des Marison Hotels erreicht hatte, blieben meine Verfolger stehen. Sie warteten, bis ich die Eingangshalle\u00a0 betreten hatte, drehten sich dann um, und gingen, die H\u00e4nde in den Taschen vergraben, gem\u00e4chlich nebeneinander zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch wenn ich meine Leichtfertigkeit aus dem Abstand der Jahre noch immer nicht ganz verstehen kann, wurde dieses weit zur\u00fcckliegende n\u00e4chtliche Erlebnis f\u00fcr mich zur halb kuriosen, halb makabren Ouvert\u00fcre\u00a0 meiner sp\u00e4teren afrikanischen Reisen.\u00a0 Dreierlei habe ich daraus gelernt:<\/p>\n<p>(1) Die Darstellung S\u00fcdafrikas, wie sie sich in vielen B\u00fcchern, Zeitungen und einem gro\u00dfen Teil der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien darstellt, ist gelinde gesagt, gesch\u00f6nt, um nicht zu sagen,\u00a0 krass falsch. Kennzeichnend daf\u00fcr war die idiotische Empfehlung meines Reisef\u00fchrers die Stra\u00dfenfriseure von Johannesburg zu besuchen, wobei ich aber der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass es sich um bei dem Lonely Planet Guide um eine sehr alte Ausgabe handelte. In den Neuauflagen ist man in dieser Hinsicht erheblich vorsichtiger geworden. Nat\u00fcrlich war vor meiner Abreise in Deutschland dar\u00fcber berichtet worden, dass nach dem Machtwechsel am Kap die Kriminalit\u00e4t in den s\u00fcdafrikanischen St\u00e4dten explodiert sei. Es hatte aber auch ganz andere, positivere\u00a0 Nachrichten gegeben. Ihr Tenor war, dass S\u00fcdafrika einen neuen Anlauf wage, dass\u00a0 der neue Pr\u00e4sident Nelson Mandela das Land vers\u00f6hnen und in eine friedlichere Zukunft f\u00fchren w\u00fcrde. Ja, man solle S\u00fcdafrika gerade jetzt besuchen und Zeuge einer epochalen Umw\u00e4lzung werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen habe. Weil mir solche Nachrichten\u00a0 viel besser gefielen, als die d\u00fcsteren\u00a0 Unkenrufe, hatte ich sie schlie\u00dflich geglaubt und war in meiner Arglosigkeit in die Johannesburger Nacht hinausgegangen.<\/p>\n<p>All das ist lange her, trotzdem hat sich die gesch\u00f6nte Berichterstattung \u00fcber S\u00fcdafrika bei den meinungsf\u00fchrenden Medien kaum ge\u00e4ndert. Auch wenn sich die Sicherheitslage in den gro\u00dfen St\u00e4dten immer weiter verschlechtert, widerstrebt es vielen Redakteuren offenbar noch immer, die Schattenseiten des neuen S\u00fcdafrikas ungeschminkt darzustellen.<\/p>\n<p>(2)Heute wei\u00df ich, dass in dem Jahr, in dem ich S\u00fcdafrika zum ersten Mal besuchte, die \u00f6ffentliche Ordnung auf der Kippe stand. Die Knute der Apartheid war \u00fcberwunden, Millionen Menschen waren dabei, die Townships und Homelands zu verlassen, um in die St\u00e4dte zu str\u00f6men, allen voran nach Johannesburg. Dort staunten sie \u00fcber den Reichtum der Wei\u00dfen und forderten ihren Anteil, wenn n\u00f6tig, mit Gewalt\u00a0 &#8211; wobei paradoxerweise die Gewalt dann vor allem ihresgleichen traf. Ein innergesellschaftlicher B\u00fcrgerkrieg zwischen den schwarzafrikanischen Ethnien der Zulus und Xhosas, zwischen Arm und Reich, Stadt und Land\u00a0 drohte das gerade erst frei gewordene Land zu zerrei\u00dfen. Dieser latente Konflikt dauert an und hat zusammen mit der \u201enormalen\u201c Kriminalit\u00e4t in der Zeit zwischen 1994 bis 2006 weit \u00fcber hunderttausend (!) Totesopfer gefordert. Ganz zu schweigen von den Vergewaltigungsopfern, namentlich unter schwarzen Frauen, die nach Millionen z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Allerdings trifft diese\u00a0 Massengewalt die Menschen in ganz unterschiedlicher Weise. Wer sich als Wei\u00dfer nur am Tage durch die Zentren der gro\u00dfen St\u00e4dte bewegt und die Nacht ebenso meidet wie die Vorst\u00e4dte, bleibt meistens verschont. Das gilt in noch h\u00f6herem Ausma\u00df f\u00fcr Touristen, die sich in den St\u00e4dten kaum aufhalten und vorwiegend die Nationalparks besuchen.<\/p>\n<p>Mein Ausflug auf die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen von Johannesburg war also eine ahnungslose Grenz\u00fcbertretung gewesen, ich war ohne Not von einer Zone relativer Sicherheit in den Naturzustand gewechselt, von dessen Gef\u00e4hrlichkeit ich noch nichts ahnte.<\/p>\n<p>(3)Glimpflich war es in der Nacht von Johannesburg wahrscheinlich nur abgelaufen, weil mich der Inhaber des Friseursalons besch\u00fctzt hatte. Ich bin mittlerweile \u00fcberzeugt davon, dass die beiden M\u00e4nner, die mich verfolgten, mir zu meiner Sicherheit hinterhergeschickt worden waren. Obwohl es zuallererst die schwarzafrikanische Bev\u00f6lkerungsmehrheit ist, die unter der \u00fcberbordenden Kriminalit\u00e4t am meisten leidet, sind es oft gerade die Schwarzafrikaner, die ahnungslose Wei\u00dfe bei der Hand nehmen und auf den richtigen Weg weisen, wenn sie sich wie die L\u00e4mmer in einem Wolfsrudel verirren.\u00a0 \u00c4hnliches habe ich sp\u00e4ter immer wieder erlebt. Auch wenn ich es nicht ganz verstehe, kommt es mir so vor, als betrachtete die Mehrheit der Schwarzafrikaner trotz ihrer eigenen Not die Wei\u00dfen als eine besondere, zarte Spezies, die man nach dem Verlust ihrer Vorrechte vor\u00a0 einem Geschick beh\u00fcten m\u00fcsse, dem sie nicht gewachsen sind.\u00a0 Nelson Mandela selbst hat diese Merkw\u00fcrdigkeit in seiner Autobiografie \u201eDer lange Weg zur Freiheit\u201c am Beispiel einer wei\u00dfen Bettlerin beschrieben, die ihn unverst\u00e4ndlicherweise mehr r\u00fchrte als ein schwarzer Bettler.<\/p>\n<p>Sollen diese Zust\u00e4nde den Reisenden abhalten, S\u00fcdafrika zu besuchen? \u00a0 Nein, dreimal nein.<\/p>\n<p>Denn die Sicherheitslage f\u00fcr Touristen ist noch immer vertretbar &#8211; wenn sie sich vor Eskapaden h\u00fcten und bestimmte Sicherheitsvorschriften beachten. Au\u00dferdem sind die Verh\u00e4ltnisse in den einzelnen Landesteilen unterschiedlich &#8211; in der Kapprovinz sind die Zust\u00e4nde besser als in der Transkei, in Pretoria besser als in Durban. Und am allerbesten, weil kaum von Kriminalit\u00e4t betroffen, sind die Nationalparks, in denen man vor den Menschen sicher ist und sich nur vor wilden Tieren h\u00fcten muss.<\/p>\n<p>Wer sich wirklich f\u00fcr die sozialen Zust\u00e4nde in S\u00fcdafrika interessiert, dem empfehle ich einen gef\u00fchrten Besuch in einem Township im Umkreis von Kapstadt oder Johannesburg. Dabei handelt es sich nicht um den Besuch eines \u201eMenschenzoos\u201c, wie es oft abwertend hei\u00dft, sondern um einen schockierenden Intensivkurs zum Verst\u00e4ndnis einer afrikanischen Wirklichkeit, die dem Touristen ansonsten fast immer verborgen bleibt (vgl. S. 189ff.).<\/p>\n<p>Wer eine Vorstellung von dem Zauber erhalten will, der die Europ\u00e4er jahrhundertelang in den S\u00fcden Afrikas trieb, der bereise die sogenannte \u201eGartenroute\u201c zwischen Kapstadt und Port Elisabeth. In Plettenberg, Knysa oder im Tsitsikamma Nationalpark wei\u00df die bl\u00fchende Natur nichts von den N\u00f6ten der gro\u00dfen St\u00e4dte, und allenthalben\u00a0 st\u00f6\u00dft man auf vertraute Spuren Europas in einem ganz anderen Winkel der Welt (vgl. S. 78ff.). Erheblich heikler war es in der Transkei und Durban, die ich mit den B\u00fcchern von J.M. Coetze im Gep\u00e4ck bereiste. (vgl. S. 119ff.). In der alten Provinz Natal, zwischen den Str\u00e4nden des Indischen Ozeans und dem Kr\u00fcger Nationalpark\u00a0 begegnete ich der Geschichte S\u00fcdafrikas auf Schritt und Tritt. Vom Schlachtfeld am Blood River bis zum Burenmonument von Pretoria f\u00fchrte mich die Reise durch eine vielfach geschichtete Wirklichkeit, deren Konturen und Farben t\u00e4glich wechselten \u2013 schwarz waren die D\u00f6rfer, blutrot die Bougainvilleas neben alten anglikanischen Kirchen, bl\u00fctenwei\u00df die Kleider der wei\u00dfen M\u00e4dchen, die die Sonntagschule in Ladysmith besuchten, korrodiert die alten Kanonen aus den Zulukriegen und obsz\u00f6n-martialisch der Gesichtsausdruck des burischen Schwerttr\u00e4gers am Vortrekker-Monument. (vgl. S.176ff.) Dann wieder das Afrika aus dem Touristenkatalog, der Drive-in Kr\u00fcger Nationalpark, in dem die Tiere mittlerweile so adaptiert sind, dass sie die Fahrzeuge auf den Asphaltstra\u00dfen kaum noch beachten und ihre Leben leben, als h\u00e4tte es die Menschen nie gegeben (vgl. S. 155ff.). Kurz und gut \u2013 es gibt reichlich Gr\u00fcnde, S\u00fcdafrika zu bereisen. Nur in Johannesburg braucht man sich nicht \u00fcber Geb\u00fchr lange aufzuhalten.<\/p>\n<p>(Ende der Leseprobe, Beginn der Reise in Kapstadt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Die Stra\u00dfenfriseure von Johannesburg oder:Wie gef\u00e4hrlich ist es,durch S\u00fcdafrika zu reisen? \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ich war zum ersten Mal in Johannesburg eingetroffen, hatte in ein Innenstadthotel eingecheckt, ausgepackt, gegessen\u00a0 und blickte aus\u00a0 dem achten Stock meines Hotelzimmers auf die Lichter der\u00a0 n\u00e4chtlichen Stadt. 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