{"id":596,"date":"2013-11-29T22:15:57","date_gmt":"2013-11-29T22:15:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=596"},"modified":"2025-06-03T10:32:56","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:56","slug":"durch-die-schluchten-des-yangtsekiang","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/durch-die-schluchten-des-yangtsekiang\/","title":{"rendered":"Durch die Schluchten des Yangtsekiang"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Zweiter Klasse auf dem gro\u00dfen chinesischen Strom<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-yangtsekiang.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-597\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-yangtsekiang.jpg\" alt=\"fw-yangtsekiang\" width=\"600\" height=\"403\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fr\u00fcher, als es noch Spa\u00df machte, die gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte, die h\u00f6chsten Berge und die l\u00e4ngsten Fl\u00fcsse der Erde in der richtigen Reihenfolge aufzusagen, gab es immer Krach, wenn die Rede auf den Yangtsekiang kam. Es war nie recht klar, ob dieser zweifellos recht lange Fluss es verdiente, in einem Atemzug mit Amazonas, Nil und Mississippi genannt zu werden. Lehrer, mit dieser Frage konfrontiert, gaben unterschiedliche Ausk\u00fcnfte, so dass wir anhand der gro\u00dfen Str\u00f6me schon fr\u00fch eine beunruhigende Einsicht in die Vielfalt der Meinungen erhielten.<\/p>\n<p>Dass der Yangtsekiang die Phantasien der Menschen besch\u00e4ftigt, hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert. Dieser l\u00e4ngste Fluss Asiens, der seinen Weg aus den Bergen des Himalaja bis zum Pazifik nimmt, der China wie ein gro\u00dfer Richter in zwei deutlich verschiedene Kultursph\u00e4ren teilt, gleicht einem Wesen, das auf diesem Weg seine Gestalt best\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Aus dem rei\u00dfenden Gebirgsstrom, der aus den H\u00f6hen tibetanischer Berge in das Becken von Szechuan st\u00fcrzt, wird der \u00fcberschaubare und freundliche Fluss, der den S\u00fcdwesten Chinas durchstr\u00f6mt, und schlie\u00dflich der kilometerbreite Riese, der zwischen Yichang und Shanghai die bev\u00f6lkerungsreichsten Ebenen der Erde zugleich ern\u00e4hrt und mit seinen \u00dcberschwemmungen bedroht. Gletscher, Pandab\u00e4ren, Bambusw\u00e4lder, Getreidefelder, heilige Berge und ein Millionenst\u00e4dte gibt es an seinen Ufern reichlich zu sehen &#8211; doch inmitten all seiner\u00a0 Vielfalt gilt eine Passage als die imposanteste: die Durchfahrt durch die gro\u00dfen Schluchten des Wu-Gebirges. Hier windet sich der junge Yangtse auf der Strecke zwischen Chongking und Yichang auf einer Strecke von Hunderten von Kilometern wie durch ein Nadel\u00f6hr. Erst in den Ebenen von Hubei und Anhui wird er wirklich zum Chang Jiang, zum Gro\u00dfen Flu\u00df, wie ihn die Chinesen nennen. Die zweit\u00e4gige Fahrt zwischen Chongking und Yichang auf einem der normalen Schiffe ist aber nicht nur eine Reise durch eine eindrucksvolle Landschaft, sondern sie bietet zugleich einen tiefen Einblick in den chinesischen Alltag, an dessen Ende es auch dem vernageltesten Reisenden klar geworden sein wird, was es bedeutet, ein Europ\u00e4er zu sein.<\/p>\n<p>Der Weg zu den Schluchten des Jangtsekiang beginnt gemeinhin in Chongking, jenem Ort, der w\u00e4hrend des dramatischen Verlaufs des japanisch-chinesischen Krieges innerhalb des Zweiten Weltkrieges zeitweise die provisorischen Hauptstadt Chinas war. In diesem schier endlosen St\u00e4dtekonglomerat im Westen der chinesischen Provinz Szechuan leben heute \u00fcber dreizehn Millionen Menschen, die alle einer neuen Verhei\u00dfung folgen, die da lautet Ver\u00e4nderung und Konsum. Ganze H\u00fcgel im Umkreis der Linjiang Lu wurden bereits abgetragen, und unter den farbigen Plakaten, die ein grelles Abziehbild der Zukunft preisen, w\u00fchlen Zehntausende mit k\u00fcmmerlichen Werkzeugen in der Erde. Rote blank geputzte Taxis \u00fcberholen die traditionellen Lasttr\u00e4ger, die an ihren armdicken, anderthalb Meter langen Bambusst\u00f6cken alles transportieren, was ihnen aufgetragen und bezahlt wird: Enten, Holz, Kohle, Maschinenteile, T\u00f6pfe voller Essen und bei Bedarf auch Touristen in speziellen Konstruktionen. Windschief kleben die Bretterbuden mit ihren schwarzen Ziegeld\u00e4chern wie zu Pearl S. Bucks Zeiten unter der Jialing-Seilbahn. Auf den \u00fcberf\u00fcllten Balkonen spielen die Kinder, die Mutter kocht den Reis in Erdl\u00f6chern, w\u00e4hrend die M\u00e4nner sich in den d\u00fcsteren Gassen zum Majong-Spiel treffen. Sechs Tage wird gerackert, und am siebten geht die Familie, die etwas auf sich h\u00e4lt, in eines der neuen Warenh\u00e4user am Liberation Monument. Vor deren Portalen haben findige Kleinunternehmer Gebrauchtwaren gestapelt, die mittels einer chancenarmen Klassenlotterie unter das Volk gebracht werden. Und als H\u00f6hepunkt des Abends flackern auf einer riesigen Leinwand die neuesten Werbe-Videoclips aus Hongkong \u00fcber den Minquang Lu.<\/p>\n<p>Jeder Chinareisende wei\u00df, dass es, ganz im Unterschied zum Ruf der H\u00f6flichkeit, die diesem Land vorauseilt, im Reich der Mitte immer schon recht ruppig zuging, und der aufkeimende Kapitalismus tr\u00e4gt auch in Chongking wenig dazu bei, die Verhaltensweisen in der \u00d6ffentlichkeit zu verfeinern. Auch die \u00e4lteste Gro\u00dfmutter auf einem Zebrastreifen wird von den Taxifahrern von der Fahrbahn gescheucht, und geradezu unberechenbar agiert der Chinese in jeder Warteschlange. G\u00e4nzlich unwillig, die Eigenart dieser sozialen Institution zu erkennen, liebt er es, von allen Seiten seine Zettel mit Sonderw\u00fcnschen durch die schmale Schalter\u00f6ffnung zu schieben. Der Tourist jedoch profitiert vom neuen Geist: \u00a0 Wo man fr\u00fcher in Bahnh\u00f6fen und Flugh\u00e4fen auf allenfalls freundliches Desinteresse traf und den Einzelreisenden angesichts Zehntausender rangelnder Chinesen die nackte Verzweiflung \u00fcber unlesbare Schilder \u00fcberkam, wird man heute sofort als Ressource identifiziert. Studenten mit bescheidenen Englischkenntnissen dienen sich an, erledigen die Nahk\u00e4mpfe an den Schaltern, f\u00fcllen die diversen Formulare aus und f\u00fchren den Ortsunkundigen durch das Labyrinth der zust\u00e4ndigen Stempelvergeber, ist man nur bereit, eine bescheidene Menge Dollars zum Schwarzmarktkurs gegen Y\u00fcan zu tauschen. Auch auf der Suche nach dem richtigen Schiff an den endlosen Kais von Chongking sind solche Helfer zur Stelle, allerdings eher die von der r\u00fcden Sorte. Kein Einzelreisender, der sich auf eines der Schiffe zubewegt, der nicht sofort von einem Rudel Hafenkulis umgeben und unter gro\u00dfem Hallo zu einem Ziel geleitet wird, das er auch ohne sie finden w\u00fcrde. Ungeniert marschieren die finsteren Gesellen mit dem Reisenden bis zu seiner Kabine und wollen f\u00fcr ihre unerbetene Begleitung reichlich Bargeld sehen. F\u00fcr den Touristen bergen Begegnungen dieser Art immerhin den Keim zu einer tieferen Einsicht in das Wesen der \u00f6ffentlichen Ordnung im Reich der Mitte: Hier wie anderswo hat die Polizei offensichtlich Besseres zu tun, als sich um solche Lappalien zu k\u00fcmmern, und nur wer bereit ist, sich im Ernstfall auch physisch zur Geltung zu bringen, darf seine Y\u00fcan behalten.<\/p>\n<p>Im offiziell noch immer sozialistischen China gibt es auf den Yangtse-F\u00e4hren nat\u00fcrlich keine erste Klasse. Statt dessen nennt man die komfortabelste Einquartierung einfach &#8222;Zweite Klasse&#8220;, eine Unterkunft, f\u00fcr die der Chinese immerhin etwa 130 Y\u00fcan, das durchschnittliche Monatsgehalt eines staatlichen Angestellten, bezahlen muss. Die Hongkong-, Taiwan-oder Singapur-Chinesen, die eine Urlaubsreise durch das Land ihrer Vorv\u00e4ter aus dieser Kabine heraus genie\u00dfen wollen, zahlen das Doppelte, und westliche Touristen erhalten ein Bett in dieser Klasse f\u00fcr den Gegenwert dessen, was ein Busfahrer, Grundschullehrer oder Polizist in einem halben Jahr verdient. Bei einer solchen Preisgestaltung verursacht der erste Blick in die Luxuskabinen eine gewisse Entt\u00e4uschung: Es gibt einige locker aus der Wand heraush\u00e4ngende Gl\u00fchbirnen, zwei Betten mit durchgelegenen Matratzen, immerhin ein Waschbecken und einen Anschluss an die bordeigene Musikberieselung, den man sofort au\u00dfer Kraft setzen sollte.<\/p>\n<p>Allerdings weicht die Entt\u00e4uschung schnell der Erleichterung, wenn man bei einem ersten vorsichtigen Rundgang durch das Schiff einen Blick in die anderen Klassen riskiert. In der dritten Klasse, die ja eigentlich die zweite ist, liegen einander fremde M\u00e4nner, Frauen und Kinder in Achterzimmern eng beieinander, die R\u00e4ume sind nicht abschlie\u00dfbar, daf\u00fcr aber von au\u00dfen gut einzusehen, und aus einem scheppernden Lautsprecher pl\u00e4rrt die einheimische Folklore von sechs Uhr morgens bis kurz vor Mitternacht. Nat\u00fcrlich gibt es auch keinen Teppich, was in China fast als Aufforderung verstanden werden muss, ohne schlechtes Gewissen herzhaft auf den Boden zu spucken.<\/p>\n<p>Aber auf der Leiter des menschlichen Reisens geht es noch betr\u00e4chtliche Grade abw\u00e4rts, und dies im w\u00f6rtlichen Sinne: Unter Deck befindet sich die sogenannte vierte Klasse, die ja eigentlich die dritte ist: ein d\u00fcsterer Flur in der N\u00e4he des Maschinenraumes, mit Eisengitterk\u00e4figen, in denen je vierundzwanzig Holzpritschen stehen, auf denen manchmal eine ganze Familie hockt und \u00e4ngstlich diesen letzten Rest territorialer Exklusivit\u00e4t vor denen verteidigt, die als Unterdeck-Passagiere der letzten Klasse einfach \u00fcberall auf dem Boden herumliegen und sich nichts sehnlicher w\u00fcnschen, als dass diese Fahrt so schnell wie m\u00f6glich vor\u00fcbergehe. Denn die meisten Chinesen, die unaufschiebbare pers\u00f6nliche Angelegenheiten auf diesen Dampfer treiben, erleben das Reisen als Plage, und die neugierigen Besuche aus den oberen Klassen als entw\u00fcrdigende Enth\u00fcllungen der eigenen Not. In Dunkelheit, Krach und schlechter Luft d\u00e4mmern sie dahin, und die Begeisterung der Privilegierten f\u00fcr die anstehenden Naturereignisse ist f\u00fcr sie wie ein unanst\u00e4ndiges Vergn\u00fcgen aus einer anderen Welt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/052.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1549\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/052.jpg\" alt=\"052\" width=\"519\" height=\"518\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/052.jpg 519w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/052-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 519px) 100vw, 519px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am ersten Tag der Reise gibt es wenig zu sehen, abgesehen davon, dass man in den sintflutartigen Wolkenbr\u00fcchen ohnehin nur Umrisse der Ufer erkennen kann. Wenn sich in den wenigen Regenpausen der nasse Nebel \u00fcber dem Yangtse verzieht, werden Industrieanlagen an den Ufern sichtbar, Lastk\u00e4hne, die flussaufw\u00e4rts d\u00fcmpeln, und die typischen Ger\u00f6ll- und Schuttaufsch\u00fcttungen unterhalb der Siedlungen. Fuling, Zhongxian, Yinwang und Quian Jinggou: gesichtslos ziehen Betonst\u00e4dte, Felsen und Aussichtspunkte am Schiff vor\u00fcber, gelbgrau kr\u00e4uselt sich die Wasseroberfl\u00e4che des Yangtse vor dem Bug des Schiffes, das mit trompetenartigen Warnsignalen durch die diffuse N\u00e4sse kreuzt.<\/p>\n<p>Als ein Gleichnis des Lebens und der Schwermut ist der Yangtse seit jeher ein Thema der chinesischen Dichtung gewesen. Li Bai und Du Fu, die beiden bedeutendsten chinesischen Lyriker der Tang-Zeit, fuhren den Fluss mit bangem Herzen stromaufw\u00e4rts, und ihr j\u00fcngerer Zeitgenosse Bo Dj\u00fc beklagt die Melancholie des gro\u00dfen Wassers: &#8222;Wenn spr\u00fchend und rieselnd durchfeuchtet der Regen die Kleider\/\u00a0und hastig dahinsegeln die Wolken, so wird doch der Fischer nicht trunken\/ vom Wein aus Yichang,\/ weil im dichten Nebel der Wogen\/ die Wehmut fast erschl\u00e4gt jeden Mann.&#8220;<\/p>\n<p>Gegen die Melancholie des Reisepanoramas wird wenigstens im Speisesaal der zweiten Klasse mit hellen Tischdecken angegangen, und dankbar nimmt man zweimal am Tag die Tasse Pulver-Kaffee entgegen, die die Stewards als besonderen Service den G\u00e4sten der obersten Klasse offerieren. Immerhin gibt man sich weltl\u00e4ufig, erklingt doch jeweils zur Kaffeestunde eine leicht chinesisch verzerrte Variation von Johann Strau\u00df\u00a0 &#8222;An der sch\u00f6nen blauen Donau&#8220;.\u00a0 Zweimal am Tag versammeln man sich in den obersten Klassen um die Szechuan-T\u00f6pfe, eine Art Allgemein-Fondue, bei dem man Gem\u00fcsestangen, Fischteile, Knochen mit Fleischresten, H\u00fchnerd\u00e4rme, Spargelstangen und andere K\u00f6stlichkeiten in eine braune, kochende Tunke wirft, um dann zusammen mit den anderen Tischgenossen aus dieser Br\u00fche nach einiger Zeit etwas herauszufischen, was m\u00f6glicherweise der Nachbar hineingeworfen hat.<\/p>\n<p>Am Nachmittag wird die Szenerie noch d\u00fcsterer. Wie durch eine gigantische R\u00f6hre pfeift der Wind zwischen den sich langsam an den beiden Ufern auft\u00fcrmenden Bergen dem Schiff entgegen. Jeder, der ein warmes Bett hat, legt sich hinein, fl\u00fcchtet sich hinter eine Tasse Tee oder tr\u00e4umt von Idyllen beim Betrachten chinesischer Rollbilder. In Zhongxian ist die Silhouette der Stadt durch den dichten Regenschleier nur zu ahnen. Die Menschen, die in langen Schlangen dem Schiff zustreben, werden samt den gro\u00dfen Ballen aus Gep\u00e4ck und Lebensmittelvorr\u00e4ten sofort unter Deck verfrachtet.<\/p>\n<p>Im tr\u00fcben Licht des fr\u00fchen Abends wird auf einem Felsengipfel der Shi Bao Zhai, der Steinschatzfelsen, sichtbar, ein kleines buddhistisches Tempelgeb\u00e4ude aus der Mandschu-Zeit in der N\u00e4he einer wundersamen Fels\u00f6ffnung, aus der der Sage nach tagt\u00e4glich herabrieselnde Reisk\u00f6rner den M\u00f6nchen so lange ein karges Leben erlaubten, bis sie, gierig geworden, das Loch k\u00fcnstlich vergr\u00f6\u00dferten, worauf die Nahrungszufuhr g\u00e4nzlich versiegte. Das h\u00e4tten die M\u00f6nche nat\u00fcrlich vorher wissen k\u00f6nnen, denn Sagt nicht Meister Lao-Tse: \u201eNichtstun ist besser als das Flasche tun!\u201c<\/p>\n<p>Dieser Weltanschauung, nach der das Nichtstun dem aktiven Handeln vorzuziehen sei, scheinen auch die Stewards zu fr\u00f6nen, denn obwohl sich Dutzende von ihnen auf dem Schiff befinden, haben sie l\u00e4ngst vor den Abfallhaufen, defekten Wasserleitungen oder \u00fcberlasteten sanit\u00e4ren Anlagen kapituliert. Daf\u00fcr haben inzwischen auch die Unterdeckpassagiere mit ihrem Aufstieg aus der Unterwelt begonnen. Mit sturer Beharrlichkeit dr\u00e4ngen sie heraus aus ihrem Orkus und okkupieren Treppen, G\u00e4nge, T\u00fcr\u00f6ffnungen, so dass ein abendlicher Gang durch das Schiff einem Slalom durch schlafende, ersch\u00f6pfte, ineinander verkn\u00e4uelte Menschenleiber gleicht, die nur der eine Wunsch beseelt, die Nacht in der N\u00e4he der frischen Luft zu verbringen. &#8222;China hat mich kuriert, ich will nie mehr reisen&#8220;, schrieb sogar die hartgesottene Hemingway-Gattin Martha Gellhorn in ihren Reisetageb\u00fcchern. Und weiter: &#8222;Das wirkliche Leben in Asien zu beobachten ist schlimm genug, daran teilzunehmen ein einziger Schrecken.&#8220;<\/p>\n<p>Erst in der Morgend\u00e4mmerung des zweiten Tages f\u00e4hrt der Dampfer in die erste der drei Yangtse-Schluchten ein. Der abrupte Wechsel von flachen Uferlandschaften zur steil aufragenden Bergkette dunstiger Riesen, in die ein schmaler Wassersaum mitten hineinzuf\u00fchren scheint, wird von den meisten Passagieren \u00fcberhaupt nicht wahrgenommen. Nur die Fahrg\u00e4ste der oberen Klasse werden vom Bordservice geweckt und befinden sich schon inmitten der ersten Schlucht, als sie mit schlaftrunkenen Augen ihre Kabinen verlassen. Die nur acht Kilometer lange Qutang-Schlucht bildet den engsten Yangtse-Durchbruch. Bis auf etwa hundert Meter r\u00fccken die Gesteinsmassen auf beiden Seiten des Ufers heran, be\u00e4ngstigende Muskelpakete, die sich in einer H\u00f6he von eintausend Metern fast zu ber\u00fchren scheinen. Bedrohlich gurgelt die zusammen gepre\u00dfte und sch\u00e4umend dahinschie\u00dfende Flut, und im Dunst des Morgennebels ziehen kantige Felsausl\u00e4ufer in beklemmender N\u00e4he vor\u00fcber.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/057.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1550\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/057.jpg\" alt=\"057\" width=\"514\" height=\"555\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach der Qutang-Schlucht legt das Schiff meist kurz in der Stadt Wushan an, entl\u00e4sst und l\u00e4dt einheimische Passagiere, um dann, gleich hinter der Stadt, in den zweiten gro\u00dfen Yangtse-Durchbruch einzufahren. Auf einer Distanz von vierzig Kilometern erscheint die Wuxia-Schlucht wie ein gigantisches <a title=\"Zwischen Guilin und Yangshuo\" href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/backpackers-welt\/zwischen-guilin-und-yangshuo\/\">Guilin<\/a>, mit wunderlich geformten und gut unterscheidbaren Bergformationen, die die Chinesen seit alters mit individuellen Namen belegt haben und deren Gestalten mit zahlreichen Legenden ausgeschm\u00fcckt wurden. Der sch\u00f6nste und der h\u00f6chste dieser Gipfel, der Shenn\u00fc Feng (Feenberg), besitzt sogar einen prominenten Platz in der chinesischen Ursprungsmythologie: Er gilt als die steingewordene Erinnerung an Prinzessin Yao Ji, die in den Zeiten, als die G\u00f6tter die Menschen noch des \u00f6fteren besuchten, von den Sternen herniederstieg, um dem Urkaiser Yu dabei zu helfen, die Naturgewalten zu z\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Die Reaktionen der Menschen aus unterschiedlichen Kulturr\u00e4umen und sind h\u00f6chst unterschiedlich. Die Fahrg\u00e4ste aus den unteren Klassen nehmen von den Natursch\u00f6nheiten keine Notiz und h\u00fcten sich, sich\u00a0 von ihren kleinen und m\u00fchsam erk\u00e4mpften Lagerpl\u00e4tzen in der N\u00e4he von Fenstern und T\u00fcren fort zu bewegen. Die wohlhabenderen Chinesen auf der Aussichtsplattform dagegen stellen sich vor der Kulisse jauchzend f\u00fcr Gruppen- und Einzelfotos in Positur. In sich gekehrt sitzen die wenigen Europ\u00e4er schweigend am Bug und erleben sich in einer gro\u00dfen Gem\u00fctsaufwallung als winzigen Teil der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/059.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1551\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/059.jpg\" alt=\"059\" width=\"679\" height=\"477\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Schiff hat nun bereits die Wuxia-Schlucht verlassen, die Industriestadt Badong passiert und erreicht mit der Einm\u00fcndung des Xiangxi, der seinen Namen &#8222;Duftender Flu\u00df&#8220; wenig Ehre macht, die l\u00e4ngste und letzte der drei Schluchten. Die Xiling-Schlucht, fr\u00fcher mit ihren zahlreichen Stromschnellen der Schrecken jeder Yangtse-Fahrt, ist heute nach den zahlreichen Sprengungen und Flusserweiterungen eine eher idyllische Strecke, die eigentlich aus mehreren kleineren Schluchten besteht. Zusammen sind sie etwa acht Kilometer lang.<\/p>\n<p>Die Uferlandschaften werden flacher, die Abh\u00e4nge gr\u00fcnen, und an manchen Stellen gleichen die Berge schroff gezackten S\u00fcdseefelsen, nur dass an ihren Flanken anstelle der Palmen die schwarzen Ziegelh\u00e4user kleiner Fischerd\u00f6rfer zu sehen sind. Hier und da erkennt man auch noch die uralten Treidelpfade, auf denen jahrhundertelang Kulis an langen Seilen Frachtschiffe stromaufw\u00e4rts ziehen mussten, eine menschenunw\u00fcrdige und gef\u00e4hrliche Plackerei, der allt\u00e4glich viele durch Ersch\u00f6pfung oder durch Unf\u00e4lle zum Opfer fielen. A. E. Johann, der noch in den drei\u00dfiger Jahren w\u00e4hrend des japanisch-chinesischen Krieges den Yangtse auf einem englischen Dampfer stromaufw\u00e4rts fuhr, um die damalige provisorische Hauptstadt Chongking zu erreichen, beschreibt ein solches Drama: &#8222;Das Seil, an welchem die Dschunke vom Treidelpfad aus stromaufw\u00e4rts gezogen wurde, hing kaum durch, war straff gespannt. Ich erkannte auch mit blo\u00dfem Auge die Fig\u00fcrchen der Kulis, die in der H\u00f6he das Lastboot stromauf schleppten. Die M\u00e4nner lehnten sich beinahe waagerecht in den Sielen, wahrscheinlich hatte der Dschunkenmeister am Treidelgeld gespart, und die armen Teufel hatten im Angesicht des allgemeinen Elends trotzdem zugreifen m\u00fcssen.&#8220; Pl\u00f6tzlich, so schreibt er weiter, lief das Lastschiff durch eine Unachtsamkeit ebenjenes Dschunkenmeisters auf eine Stromschnelle: &#8222;Der Ruck im Treidelseil muss f\u00fcrchterlich gewesen sein. Vielleicht hatten die Kulis in der H\u00f6he gerade eine besonders schmale Stelle des Pfades zu passieren. Sie hingen in den Sielen und wurden pl\u00f6tzlich hart zur\u00fcckgerissen. Vielleicht taumelte nur der hinterste nach links zur Seite, trat \u00fcber die Kante und hing pl\u00f6tzlich in den Sielen frei \u00fcber dem Abgrund. Und schon folgten ihm mit sinnlos schlagenden Gliedma\u00dfen, alle noch am Seil, die restlichen Kulis und segelten in die Tiefe, verschwanden hundert Meter vor meinen Augen in der jagenden, strudelnden Flut.&#8220;<\/p>\n<p>Bis zu den gro\u00dfen Sprengungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fuhr der Tod immer mit. Stromaufw\u00e4rts und stromabw\u00e4rts st\u00fcrzten Treidler in die Tiefe, kenterten oder zerschellten die Dschunken an Stromschnellen und Klippen. Heute f\u00e4hrt man \u00fcber die abgesprengte Qing-Tan-Klippe einfach hinweg, doch unter den Booten liegt ein Schiffsfriedhof aus Jahrhunderten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich \u00f6ffnet sich die Landschaft. Das Schiff passiert wellige Buckelberge mit kleinen Geh\u00f6ften am Ufer, Pavillons und Tempel auf den bescheidenen Gipfeln und erreicht am Nachmittag die gro\u00dfe Industriestadt Yichang, den westlichsten Punkt, den die Japaner im Zweiten Weltkrieg bei ihren Eroberungen erreichten, bis ihr Vormarsch an den Gebirgen zwischen Hubei und Szechuan und den Yangtse-Schluchten zum Stehen kam. Wo fr\u00fcher ihre Bomber aufstiegen, um, dem glitzernden Band des Yangtse folgend, die letzte Hauptstadt des freien China in Chongking zu bombardieren, m\u00fcndet der Flu\u00df heute in den gigantischen Stausee des Wasserkraftwerkes Gezhoura, das mit einem Becken von \u00fcber zwei Kilometer L\u00e4nge und einem fast f\u00fcnfzig Meter hohen Damm einen gro\u00dfen Teil der Provinz Hubei mit Strom versorgt. Reichlich abrupt bricht die h\u00e4ssliche Au\u00dfenansicht derartiger Industrieprojekte \u00fcber die Reisenden herein. Wo nahezu drei Tage lang die F\u00e4hre wie ein kleiner Zwerg an einem Saum absonderlich geformter Berge entlangd\u00fcmpelte, f\u00e4hrt sie nun einem Horizont von Hochspannungsleitungen und Strommasten entgegen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/060.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1552\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/060.jpg\" alt=\"060\" width=\"794\" height=\"382\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Klasse auf dem gro\u00dfen chinesischen Strom Fr\u00fcher, als es noch Spa\u00df machte, die gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte, die h\u00f6chsten Berge und die l\u00e4ngsten Fl\u00fcsse der Erde in der richtigen Reihenfolge aufzusagen, gab es immer Krach, wenn die Rede auf den Yangtsekiang kam. 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