{"id":584,"date":"2013-11-29T21:57:10","date_gmt":"2013-11-29T21:57:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=584"},"modified":"2025-06-03T10:32:56","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:56","slug":"im-sommer-werden-bereits-die-hotelbetten-knapp","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/im-sommer-werden-bereits-die-hotelbetten-knapp\/","title":{"rendered":"Im Sommer werden bereits die Hotelbetten knapp"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Wladiwostok \u2013 Aufstieg und Untergang Europas an den Ufern des n\u00f6rdlichen Pazifik<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-wladiwostok.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-585  alignnone\" alt=\"fw-wladiwostok\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-wladiwostok.jpg\" width=\"600\" height=\"403\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch New York begann als unscheinbare Siedlung. Zuerst wurde die Halbinsel Manhattan besetzt, bald entstand in der N\u00e4he der Wall Street ein kleiner Hafen. Die Gr\u00fcnder mussten neuen Herren weichen, dann kamen die Einwanderer. Zuerst waren es Zehntausende, sp\u00e4ter Hunderttausende, die durch die Schleusen der Stadt dr\u00e4ngten, um einen ganzen Kontinent zu bev\u00f6lkern. So entstand die erste Megametropole des zwanzigsten Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Diese Erfolgsgeschichte New Yorks ist die Folie zum Verst\u00e4ndnis\u00a0 all der gro\u00dfen Hoffnungen, die mit der Gr\u00fcndung Wladiwostoks verbunden waren. In der zweiten H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts war das politisch-milit\u00e4rische Gleichgewicht zwischen Russland und China in Ostasien zusammengebrochen, die Russen hatten den Amur \u00fcberschritten und von den Chinesen in zwei ungleichen Vertr\u00e4gen den Zugang zum Japanischen Meer erzwungen. Primorski, die K\u00fcstenprovinz, kam zu Russland, umklammerte wie eine Kralle die Mandschurei und bedrohte im S\u00fcden das wehrlose, aber wohlhabende Korea. Auch jenseits des Meeres war kein gleichwertiger Gegner in Sicht: Das japanische Kaiserreich schien seine nationale Zukunft im Tiefschlaf des sp\u00e4ten Shogunats zu verd\u00e4mmern. Mit einem Wort: es war Zeit zur Gr\u00fcndung einer neuen Metropole, die ihre Bestimmung ganz unverh\u00fcllt im Namen tragen sollte: So entstand kurz nach 1860 auf einem \u00e4hnlichen Breitengrad wie New York und in einer \u00e4hnlichen Topographie Wladiwostok, &#8222;die Beherrscherin des Ostens&#8220;.<\/p>\n<p>Wie in Nordamerika sollte auch in Nordostasien die Erschlie\u00dfung des Kontinents durch den Bau von Eisenbahnverbindungen vorangetrieben werden &#8211; die Transsibirische Eisenbahn entstand. Die Transsibirische Eisenbahn, das gr\u00f6\u00dfte Eisenbahnprojekt der Geschichte, wurde geplant und an vier Stellen des Reiches gleichzeitig begonnen. Der Zarewitsch Nikolai machte im Jahre 1891 den ersten Spatenstich f\u00fcr die Teilstrecke von Wladiwostok nach Chabarowsk am Amur, in nur sieben Jahren war sie fertiggestellt. Kurz nach der Jahrtausendwende schien das russische Imperium in Fernost vor seiner endg\u00fcltigen Etablierung: Nach dem chinesischen Boxeraufstand war die Mandschurei zu einem russischen Protektorat herabgesunken, die Grenzen nach China wurden mutwillig verschoben, und in Sankt Petersburg entstanden phantastische Pl\u00e4ne zur Umsiedlung Hunderttausender russischer Muschiks in den Wilden Osten.<\/p>\n<p>Da zerschlug der Angriff des rasant modernisierten und str\u00e4flich untersch\u00e4tzten japanischen Kaiserreichs in kaum mehr als einem Jahr die russischen Tr\u00e4ume. Die Mandschurei ging ebenso verloren wie die s\u00fcdlichen H\u00e4fen, und kurz nachdem die Befestigungsanlagen von Wladiwostok fertiggestellt waren, zerbrach das Zarenreich im Weltkrieg und in der Revolution. Auch im Gebiet Primorje gingen sich Rote und Wei\u00dfe an die Kehle, schlie\u00dflich entschied das Eintreffen der Roten Armee im Jahre 1921 die Auseinandersetzungen. Im Jahr 1922 fiel der Vorhang \u00fcber den ersten Akt der Stadtgeschichte: Die &#8222;Beherrscherin des Ostens&#8220; wurde drei Generationen lang zu einer f\u00fcr Ausl\u00e4nder verbotenen Stadt.<\/p>\n<p>Der Reisende, der Wladiwostok heute besucht, fragt sich: Was ist aus der Epoche des gro\u00dfen geschichtlichen Atemholens geblieben? Die Antwort: Nicht viel, au\u00dfer einer wehm\u00fctigen Erinnerung, die seit der Wiederer\u00f6ffnung der Stadt erstaunliche Bl\u00fcten treibt. Das Hotel Versailles besitzt ein Foyer im Stil des Zweiten Franz\u00f6sischen Kaiserreichs, und im &#8222;Caf\u00e9 Nostalghia&#8220; dominiert ein pl\u00fcschdrapiertes Fin de Si\u00e8cle. Ein gepflegtes Publikum soupiert bei Kerzenschein und Live-Musik, w\u00e4hrend Zar Nikolaus II. samt Gattin so melancholisch von den W\u00e4nden blickt, als k\u00f6nne er den weltgeschichtlichen Umweg, der ihm das Leben und seinem Volk fast ein ganzes Jahrhundert kostete, selbst nicht begreifen.<\/p>\n<p>Jenseits dieser sentimentalen Reminiszenzen sind die \u00dcberreste rar. Immerhin wurde die Marienkirche im Norden der Stadt, von dem Bolschewik einst in ein Kino umgewandelt, restauriert und neu geweiht. Auch die Nikolai-Kathedrale, das bedeutendste Gotteshaus Wladiwostok, wurde renoviert. Hier und da ist man sogar darangegangen, uralte Fassaden wiederherzustellen. Doch der Kontrast zu den verfallenen Nachbarh\u00e4usern holt die triste Gegenwart nur noch st\u00e4rker ins Bewusstsein.<\/p>\n<p>Das einzige intakte Geb\u00e4ude, das wenigstens ansatzweise an das alte Wladiwostok erinnert, ist der mehrfach umgebaute Moskauer Bahnhof, die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn, wo zwischen April und Oktober Individualtouristen und Gruppenreisende aussteigen. Je nach Reiseintervall ein bis zwei Wochen auf der Schiene unterwegs ist das Erste, was die Besucher am Ende ihrer Transasien-Tour sehen, eine \u00fcberlebensgro\u00dfe Lenin-Figur, die so entschlossen nach S\u00fcden weist, als wollte sie rufen &#8222;Haltet den Dieb&#8220;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-69.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Nordasien 1999 (69)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-69.jpg\" width=\"798\" height=\"468\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dann gleitet der Blick \u00fcber armenische Kleinh\u00e4ndler vor dem Bahnhof, das Verwaltungsgeb\u00e4ude, das &#8222;wei\u00dfe Haus Wladiwostoks&#8220;, und dahinter, auf dem F\u00f6derationsplatz, \u00fcber die martialischen Mahnmale der siegreichen B\u00fcrgerkriegssoldaten. \u00a0So dumpf und stur, wie man nur blicken kann, wenn man die Zukunft gepachtet hat, schauen steinerne Revolutionshelden \u00fcber das Meer, w\u00e4hrend zu ihren F\u00fc\u00dfen Kleinkapitalisten, Kleinverbrecher und Kleinverbraucher die fern\u00f6stliche Variante der Marktwirtschaft erproben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-71.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1958\" alt=\"Nordasien 1999 (71)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-71.jpg\" width=\"523\" height=\"759\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass die Gesetze des Marktes bereits gegriffen haben, ist an dem Angebot der &#8222;Russischen Puppen&#8220; zu erkennen, die unter den chinesischen Touristen als klassisches &#8222;Wladiwostok-Souvenir&#8220; gelten. In der Mao-Puppe steckt ein Deng Tsiao-Ping, darin ein alter Mandarin. Auch ein verblichenes Bill-Clinton-Modell mit Hillary und Monika im Innern gibt es zu kaufen, doch amerikanische Touristen sind nicht in Sicht. Zur Karikierung der eigenen politischen Situation scheint den Herstellern Russischer Puppen dagegen nichts mehr einzufallen.<\/p>\n<p>Ein Gesamtbild der Stadt bietet sich von der alten Universit\u00e4t auf den h\u00f6chsten H\u00fcgel Wladiwostoks. An sonnigen Tagen reicht er weit \u00fcber die durchgegliederte K\u00fcste &#8211; auf den Fischerhafen, den Cargoport, den Milit\u00e4rhafen und die F\u00e4hrstation, die aus der Entfernung allesamt imposanter wirken als aus der N\u00e4he. Die Wohnbl\u00f6cke, die auf den H\u00fcgeln so ordentlich hintereinander stehen wie die Mitglieder einer Komsomolzentruppe beim Z\u00e4hlappell, erwecken einen weltst\u00e4dtischen Eindruck, obwohl die Einwohnerzahl der Stadt die Millionengrenze noch lange nicht erreichen wird. Nach S\u00fcden erkennt man die Ausl\u00e4ufer der Ussuriyski- und der Amuriski-Bucht, die die Halbinsel Wladiwostok begrenzen, und dazwischen die Konturen der Russki-Insel, an der die F\u00e4hrboote vorbei nach Slavianka an der russisch-chinesischen Grenze fahren.<\/p>\n<p>Der Weg vom Aussichtspunkt zur\u00fcck zur Stadt f\u00fchrt durch kommunistisches Ambiente. An der Bausubstanz der H\u00e4user ist oft noch die gro\u00dfe Vergangenheit erkennbar, doch der ungebremste Verfall der Jahrzehnte hat alle Farben und Konturen ins Fragmentarische verschoben. Ungepflegte Gartenanlagen, Stra\u00dfenk\u00fcchen, die aussehen, als st\u00fcnde eine Nahrungsmittelrationierung bevor, Automobile in finalen Rostzustand bestimmen das Stra\u00dfenbild. Wohin man auch blickt &#8211; noch immer liegt die zweite, die &#8222;sowjetische&#8220;, Phase der Stadtgeschichte zwischen 1922 und 1992 wie Mehltau \u00fcber Wladiwostok, und auch nach der Wende von 1992 hat sich daran \u2013 bis auf wenige Stra\u00dfenz\u00fcge &#8211; nur wenig ge\u00e4ndert. Obwohl die Stra\u00dfenbahnen von Wladiwostok nur noch schrottreif zu nennen sind, hat sich mit der letzten Kommunalwahl der Nulltarif f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Personentransport durchgesetzt &#8211; Geld kommt auf diese Weise nicht in die Kassen. So dauert das staatssozialistische Durchwursteln unverkennbar fort, ohne dass sich Effizienz und Verantwortlichkeit in der \u00f6ffentlichen \u00d6konomie bemerkbar macht. Mehr noch: Das allgemeine Empfinden, dass unter den aktuellen Umst\u00e4nden niemand auf ehrliche Weise reich werden k\u00f6nnte, f\u00fchrt gegen\u00fcber den Erfolgreichen zu Misstrauen und Ressentiments.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-68-001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1956\" alt=\"Nordasien 1999 (68)-001\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-68-001.jpg\" width=\"696\" height=\"465\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nagelneue Limousinen deutschen Fabrikats mit abgedunkelten Glasscheiben, von denen man sich fragt, wie sie ihren Weg nach Wladiwostok gefunden haben, Edelrestaurants mit exklusivem Eintritt und nach dem letzten Schrei gekleidete Damen, die zum Devisentausch in eine der von Privatpolizisten streng bewachten Banken verschwinden &#8211; das sind die un\u00fcbersehbaren Menetekel einer neuen Ungleichheit, die nur wenige Jahre nach dem Ende des Kommunismus und im Zeichen der allgemeinen D\u00fcrftigkeit f\u00fcr viele auf eine merkw\u00fcrdige Weise obsz\u00f6n wirken.<\/p>\n<p>Gut in Schuss sind dagegen die Museen. Ob im Submarine-, im Milit\u00e4r- oder im Historischen Museum: \u00dcberall sind die R\u00e4ume penibel blank gewienert, als d\u00fcrfte wenigstens auf die Vergangenheit kein Makel fallen. Diese H\u00e4user sind gut besucht, allen voran das Historische Museum, das seine Besucher mit einem geradezu enzyklop\u00e4dischen Bildungsangebot konfrontiert. Mit Abbildungen der Kontinentaldrift und eiszeitlicher Bodenstrukturen, des nordostasiatischen Vulkanismus und urzeitlicher Tiere beginnt der Rundgang durch die Erdgeschichte. Eine Etage h\u00f6her beginnt die Weltgeschichte. Mit Rekonstruktionen und Originalexponaten wird an das Reich der halbnomadischen Bokhai erinnert, die im siebten Jahrhundert das Gebiet des heutigen Primorje besiedelten. Es folgen R\u00e4ume \u00fcber die Jin, einen kriegerischen Reiterstamm, der das Erbe der Bokhai antrat und schlie\u00dflich Nordchina kontrollierte, bis er durch die Mongolen gleichsam aus der Geschichte herausgemordet wurde. Auf drollige Weise detailverliebt sind die Rekonstruktionen des Lebens arktischer St\u00e4mme im Nordosten von Sibirien. Viel Schnee, dicke Hosen, wilde Tiere, tanzende Schamanen und eine Jurte vermitteln dem Russen des zwanzigsten Jahrhunderts anschaulich eine Vorstellung davon, wie sich die sibirischen St\u00e4mme vor seiner Ankunft durchschlugen und wie sie vermutlich noch heute in arktischen Zonen leben.<\/p>\n<p>Der Russe als geschichtspr\u00e4gende Kraft taucht erst im zweiten Stock auf. Fotografien zeigen eine herausgeputzte Stadt, in der die Menschen die Kirchen besuchen und die Fertigstellung der Eisenbahnstrecke zwischen Wladiwostok und Chabarowsk bejubeln. Dann wird es dramatisch: F\u00e4uste schwingende Soldaten und Matrosen, rote Fahnen, Feuerwaffen zeigen, dass die Zeiten h\u00e4rter wurden, bis man im letzten Raum auf die Abbildungen jubelnder Kosmonauten, frohlockender Erntehelferinnen und auf die Skulptur eines milde l\u00e4chelnden Stalins trifft. Dass man die weltgeschichtlichen Ver\u00e4nderungen des letzten Jahrzehnts zur Kenntnis genommen hat, verdeutlicht die letzte Museumswand, auf der in absteigender Reihe Stalin, Lenin, Chruschtschow und Gorbatschow in ein gro\u00dfes rotes Fragezeichen m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wie immer man das bolschewistische Jahrhundert bewerten will &#8211; dass die Revolution schon ein Jahrzehnt nach dem viel beklagten Thermidor tats\u00e4chlich Geschichte ist, erkennt man daran, dass das Angedenken an die Revolution zum Feiertag erhoben wurde und sie selbst nicht mehr sonderlich interessiert. So jedenfalls verhielt es sich am 7. November, dem Gedenktag an die &#8222;Gro\u00dfe Proletarische Oktoberrevolution&#8220;, an dem die Anh\u00e4nger der Kommunistischen Partei auch in Wladiwostok ihre Kundgebungen abhielten. Musik, die mehr nach den T\u00e4nzen der Taiga als nach revolution\u00e4rer Begeisterung klang, schallte \u00fcber den Hauptplatz der Stadt, rote Fahnen wurden ausgerollt, Flugbl\u00e4tter und Wodkaflaschen herausgeschafft. In kleinen Gruppen kamen Menschen aus dieser und jener Stra\u00dfenseite auf den Platz, fast alle im fortgeschrittenen Alter und mit Leninbildern, Orden und Fahnen versehen, die sie so trotzig zeigten, als m\u00fcssten sie sich selbst von ihrer Weltanschauung \u00fcberzeugen. Chinesische Touristen aus dem nahe gelegenen Hunchun in der Mandschurei versuchten den Demonstranten f\u00fcr einige Y\u00fcan-B\u00fcndel ihre Orden abzuhandeln. Flanierende Familien auf ihrem Sonntagsspaziergang hielten ausreichend Abstand zur Menge, und neugierige Matrosen auf Freigang folgten der Veranstaltung mit den H\u00e4nden in den Taschen. Ein trister Novemberhimmel lag \u00fcber der Stadt. Kein Sonnenstrahl drang durch die Wolken, als die \u00f6rtlichen Parteisekret\u00e4re ihre immer gleichen Beschw\u00f6rungen vortrugen, wie wunderbar und ruhmreich es in den Zeiten der alten Sowjetunion gewesen und auf ein welch niedriges und verkommenes Niveau das russische Leben in der Gegenwart herabgesunken sei.<\/p>\n<p>Auch der Geistliche in der Nikolaikirche schimpfte an diesem Tag auf das Elend und die Ungerechtigkeiten der Gegenwart &#8211; das gelobte Land, das er den Gl\u00e4ubigen verhie\u00df, war freilich nicht in der Vergangenheit, sondern der Zukunft zu finden, genauer in einem jenseitigen Paradies, in das die Gl\u00e4ubigen nach diesem irdischen Jammertal dereinst einfahren werden. Wie bei der kommunistischen Demonstration bestand auch die Gemeinde in der Nikolaikirche vorwiegend aus \u00e4lteren Menschen, und h\u00e4tten nicht die einen Rosenkr\u00e4nze, die anderen rote Fahnen mit sich getragen, man h\u00e4tte Demonstranten und Gottesdienstbesucher kaum auseinander halten k\u00f6nnen. Bemerkt h\u00e4tten die kleinen Unterschiede am ehesten die Bettler von Wladiwostok, die sich nicht bei der politischen Kundgebung, wohl aber vor der Kirche dr\u00e4ngten, weil sie sehr genau wissen, dass private Mildt\u00e4tigkeit nicht die Sache der Kommunisten ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-77.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1957\" alt=\"Nordasien 1999 (77)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-77.jpg\" width=\"749\" height=\"449\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ob kommunistischer Demonstrant, Kirchg\u00e4nger, Bettler oder die Mehrheit der Familien, die den freien Tag f\u00fcr einen Spaziergang nutzten &#8211; wo ihre wirtschaftliche und soziale Zukunft liegt, ist mehr als ungewiss. Die Zeiten, da Wladiwostok und die Primorski-Provinz zum imperialen Sprungbrett eines aggressiven Gro\u00dfreiches ausgebaut wurden, sind wohl f\u00fcr alle Zeiten vor\u00fcber &#8211; selbst die maritime Gro\u00dfmachtpr\u00e4senz in Fernost wird im Hafen von Wladiwostok mehr inszeniert als ernsthaft betrieben. Vermutlich wird der Milit\u00e4rhafen also in absehbarer Zeit weiter schrumpfen, und dann werden zahlreiche Industriebetriebe im Zuge der privatwirtschaftlichen Wende ihre Tore schlie\u00dfen m\u00fcssen. Die ver\u00f6deten Werftanlagen des benachbarten Slavianka, wo nahezu s\u00e4mtliche Lichter ausgegangen sind, wirken wie ein Menetekel f\u00fcr das Schicksal der gro\u00dfen Nachbarstadt.<\/p>\n<p>Einzig der Handel mit China \u00fcber die 1989 und 1997 er\u00f6ffneten Grenz\u00fcberg\u00e4nge hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt &#8211; die aufstrebende Wirtschaft in den chinesischen Nachbarprovinzen Jilin und Heilongjang hat auch der Bauindustrie im Gebiet Primorje einen bescheidenen Boom beschert. Der steigende Wohlstand im chinesischen Nachbarland hat sogar zu einem florierenden Wladiwostok-Tourismus gef\u00fchrt. F\u00fcr hundert bis zweihundert amerikanische Dollar k\u00f6nnen chinesische Klienten von Yanji, Hunchun oder der mandschurischen Millionenstadt Harbin aus halbw\u00f6chige Stippvisiten nach Russland buchen, eine M\u00f6glichkeit, von der im vorigen Sommer so viele Tourveranstalter Gebrauch machten, dass zum ersten Mal in der Geschichte Wladiwostoks die Betten knapp wurden.<\/p>\n<p>Einmal ins Tourismusgesch\u00e4ft eingestiegen, ist man inzwischen mit den Zuwachsraten des chinesischen Billigtourismus nicht mehr zufrieden. Die Begehrlichkeiten richten sich immer deutlicher auf eine gut betuchte Luxusklientel, der man, nur drei oder vier Flugstunden von der Heimat der Grizzlys in Alaska entfernt, in den Nationalparks der Primorski-Region den sibirischen Tiger in seiner nat\u00fcrlichen Umgebung zeigen m\u00f6chte. \u00d6kotourismus, Segelt\u00f6rns bis nach Kamtschatka, Helicoptertouren, Hochseefischen, Taiga-Safaris &#8211; alle diese attraktiven Angebote warten auf die zahlungskr\u00e4ftige Kundschaft aus dem Westen, die sich jedoch zum Leidwesen der agilen privaten Reiseanbieter bis auf weiteres nicht wird blicken lassen. Denn trotz der durchaus beachtlichen und entwicklungsf\u00e4higen touristischen Attraktivit\u00e4t im Gebiet Primorje wird so lange kein nennenswerter Fernreisetourismus entstehen, bis die touristische Infrastruktur nicht ausgereifter und die Einreiseformalit\u00e4ten nach Russland weniger zerm\u00fcrbend sind. Alle Pl\u00e4ne etwa der World Tourist Organisation, die Fernverkehrsdestination Wladiwostok popul\u00e4rer zu machen, sind bislang an den mangelhaften Fluganbindungen und den aufwendigen Visa-Prozeduren gescheitert. Es wird wohl noch viel Wasser den Amur herunterflie\u00dfen, bis es eines Tages m\u00f6glich ist, etwa im Rahmen einer gr\u00f6\u00dferen Nordostasien-Rundreise die \u00f6stliche Mongolei, Korea, die chinesischen Provinzen der ehemaligen Mandschurei und die russische Provinz am Ende der Welt zu besuchen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-72.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1959\" alt=\"Nordasien 1999 (72)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Nordasien-1999-72.jpg\" width=\"800\" height=\"442\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wladiwostok \u2013 Aufstieg und Untergang Europas an den Ufern des n\u00f6rdlichen Pazifik Auch New York begann als unscheinbare Siedlung. Zuerst wurde die Halbinsel Manhattan besetzt, bald entstand in der N\u00e4he der Wall Street ein kleiner Hafen. 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