{"id":581,"date":"2013-11-29T21:49:23","date_gmt":"2013-11-29T21:49:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=581"},"modified":"2025-06-03T10:32:56","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:56","slug":"miahkiy-kupeyny-platskartny","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/miahkiy-kupeyny-platskartny\/","title":{"rendered":"Miahkiy, Kupeyny, Platskartny"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Mit der Transsibirischen Eisenbahn\u00a0durch sieben Zeitzonen\u00a0und drei Klassen von Moskau nach Wladiwostok<\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-transibirische-eisenbahn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-582\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/fw-transibirische-eisenbahn.jpg\" alt=\"fw-transibirische-eisenbahn\" width=\"600\" height=\"403\" \/><\/a><\/p>\n<p>Obwohl das St\u00fcck schon seit \u00fcber einhundert Jahren gegeben wird, hat es von seiner Anziehungskraft nichts eingeb\u00fc\u00dft. Millionen Komparsen und Statisten haben an seiner Auff\u00fchrung mitgewirkt, doch dem Ruhm des unverw\u00fcstlichen Hauptdarstellers konnte das nichts anhaben. Die Titanic versank in den Fluten- die gro\u00dfe Transsibirische Eisenbahn rollt noch immer durch Nordasien, ein moderner Mythos und ein Vexierbild der russischen Geschichte in einem.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/8-13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1941\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/8-13.jpg\" alt=\"8 (13)\" width=\"335\" height=\"325\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Juni 2003 feierte die gro\u00dfe Bahn ihren hundertj\u00e4hrigen Geburtstag, doch es ist ein Geburtstag, der einer Neusch\u00f6pfung gleicht. Denn zum ersten mal in ihrer Geschichte ist es m\u00f6glich, die l\u00e4ngste Eisenbahnstrecke der Erde vollkommen frei zu befahren- w\u00e4hrend der Fahrt zu reden mit wem immer man m\u00f6chte, auszusteigen, wo es beliebt und weiterzureisen, sobald einem der Sinn danach steht.<\/p>\n<p>Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass eine Transsib-Reise am Beginn des 21. Jahrhunderts ein erheblich h\u00f6heres Organisationstalent erfordert als jemals zuvor. Wo soll die Reise beginnen oder enden? ist dabei noch die harmloseste Frage. Wie verh\u00e4lt es sich mit der Registrierung auf der Transsib? ist schon etwas komplizierter. Am folgenschwerten aber ist Antwort auf die Frage: &#8222;Welche Fahrkarte darf es sein?&#8220;. eine &#8222;Myahkiy&#8220;, eine &#8222;Kupeyny&#8220; oder eine &#8222;Platskartny&#8220;?<\/p>\n<p>Im &#8222;Myahkiy&#8220; reisen Regierungsvertreter, neurussische &#8222;Biznesmen&#8220; und andere <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4535\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-18.jpg\" alt=\"9  (18)\" width=\"249\" height=\"374\" \/><\/a>privilegierte oder steinreiche Fahrg\u00e4ste in maximalem Abstand vom russischen Alltag durch das Land. Das &#8222;Myahkiy&#8220;\u00adAbteil besteht aus zwei Betten, einem Tisch mit Decken und Blumen, reichlicher Nahrungs- und Alkoholversorgung und einer ger\u00e4umigen Fensterscheibe, die zweimal am Tag gereinigt wird.\u00a0&#8222;Kupeyny&#8220; buchen die Angeh\u00f6rigen der russischen Mittelschicht und ann\u00e4hernd einhundert Prozent der Pauschaltouristen. Kunterbunt nach Geschlechtern und V\u00f6lkerschaften gemischt, schlafen die Kupeyny-Passagiere in nicht sonderlich ger\u00e4umigen, aber verschlie\u00dfbaren Vierbettabteilen mit hinreichendem Gep\u00e4ckstauraum und der unsch\u00e4tzbaren M\u00f6glichkeit, die Ger\u00e4uschberieselung durch den pausenlos sendenden Bordfunk einfach auszuschalten. Fortbewegung im \u201ePlatskartny&#8220;-Reich ist dagegen nur etwas f\u00fcr hartgesottene Naturen, denn hierbei handelt es sich um gro\u00dfe, randvoll mit schmalen Pritschen zugestellte rollende Schlafs\u00e4le, in denen das sogenannte einfache Volk in be\u00e4ngstigender Massierung und ohne jeglichen H\u00f6r-, Riech- oder Sichtschutz Tausende von Kilometern durch Eurasien reist.<\/p>\n<p>Doch auch wem es gelingt, auf Anhieb Kupeyny-Billets f\u00fcr einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil der Strecke zu ergattern, ist vor weiteren Unw\u00e4gbarkeiten nicht gefeit. M\u00f6glich, dass es den Reisenden in ein Kupeyny mit Russen, Tataren und Mongolen verschl\u00e4gt, in dem die Bortschsuppe und der Wodka regieren- oder mitten hinein in rigide organisierte Touristengruppen, in denen immer aufs Neue Verbesserungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr die abteilinterne M\u00fcllentsorgung diskutiert werden m\u00fcssen. Die &#8222;Providnitza&#8220;, die Zugf\u00fchrerin, kann eine g\u00fctige Babuschka sein, die zum Samowarwasser auch noch den Zucker reicht, oder eine unbarmherzige Amtsperson, die eine der beiden Waggontoiletten f\u00fcr ihren eigenen Gebrauch blockiert. Vielleicht sind die Abteilfenster besch\u00e4digt, die Leselampen au\u00dfer Gebrauch oder die Klimaanlage existiert nur in der Theorie. Wer kann das wissen?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1942\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-6.jpg\" alt=\"4 (6)\" width=\"800\" height=\"536\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wirklich sicher auf der Transsib sind nur die Aussichten auf die vor\u00fcberziehende Landschaft, deren Reize sich allerdings nur dem geduldigen Betrachter erschliessen. Zwischen Wolga und Ural folgten Laub- und Nadelw\u00e4lder in f\u00fclligen Hochsommerfarben, flache,\u00a0 weite Grasebenen und\u00a0 Holzh\u00fcttend\u00f6rfer wechselten mit Miniaturbahnh\u00f6fen und <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-4536\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-9.jpg\" alt=\"4 (9)\" width=\"324\" height=\"213\" \/><\/a>Stra\u00dfen, die aus dem Nirgendwo zu kommen und ins Unendliche zu f\u00fchren schienen. Auf Stahlbr\u00fccken wurden im Halbstundenrhythmus immer neue Fl\u00fcsse \u00fcberquert, darunter Riesenstr\u00f6me, deren Namen noch niemand geh\u00f6rt hatte und auf denen doch gewaltige Kohleschlepper die Reicht\u00fcmer Russlands stromabw\u00e4rts in Richtung Kazan und Wolgograd transportierten. Die Millionenstadt Perm, das Tor zum Urat, ragte als eine grandiose Silhouette von F\u00f6rdert\u00fcrmen und Zechen, Riesenkr\u00e4nen und Hochh\u00e4usern in den glutroten Abendhimmel, w\u00e4hrend vier kecke Knaben den freundlich winkenden Touristen keck einen Vogel zeigen, als vollbr\u00e4chten sie damit eine Kulturleistung ersten Ranges. In der zweiten Nacht passierte der Zug den Ural und damit die Grenze zwischen Europa und Asien, ohne dass sich der kontinentale Wechsel anders bemerkbar gemacht h\u00e4tte als durch ein intensiveres Schaukeln und vielleicht den einen oder anderen lebhaften Traum.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/06-14.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1943\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/06-14.jpg\" alt=\"06 (14)\" width=\"800\" height=\"540\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als am n\u00e4chsten Morgen die Sonne \u00fcber Asien aufging war bereits Tjumen erreicht, die &#8222;Mutter aller sibirischen St\u00e4dte&#8220; von der aus die Kosaken vor vierhundert Jahren mit der Eroberung Sibiriens begonnen hatten. Von den viel ger\u00fchmten sibirischen Bahnhofsm\u00e4rkten war jedoch nirgendwo etwas zu sehen- stattdessen klaubten <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-4537\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-11.jpg\" alt=\"4 (11)\" width=\"317\" height=\"208\" \/><\/a>abgerissene Gestalten in den Abfalleimern herum und hielten den Touristen, die sich auf dem Bahnsteig ein wenig ergehen wollten, die schwielige Bettlerhand unter die Nase. Ansonsten bot sich Westsibirien genauso dar wie Osteuropa: weitr\u00e4umig und wohlgestaltet, ein wenig wie das Gesicht eines gut aussehenden Menschen, an dem man nur h\u00e4tte kritisieren m\u00f6gen, dass es sich immer gleich bleibt, so oft man es auch erblickt. Mit den St\u00e4dten verhielt es sich kaum anders: nicht immer erschienen sie vor so einer dramatischen Kulisse wie Perm, doch ganz gleich, ob es sich um Jekaterinenburg, Omsk, Tatarskaja oder Barabinsk handelte- wie eine ewige Wiederkehr des Gleichen erwuchsen im Abstand einiger Stunden aus einem schmalen Schienenpaar pl\u00f6tzlich ausladende Schienenstr\u00e4u\u00dfe, ehe Wohnblocks und Stra\u00dfen erschienen und der Zug auf einem Bahnhof hielt, der dem vorhergehenden und dem nachfolgenden glich wie ein Ei dem anderen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/6-9e.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1944\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/6-9e.jpg\" alt=\"6 (9e)\" width=\"800\" height=\"522\" \/><\/a><\/p>\n<p>Novosibirsk, die Metropole Sibiriens, wurde in der Nacht passiert, doch am Morgen des vierten Reisetages erwartete die Fahrg\u00e4ste eine \u00dcberraschung: die Landschaft, eine visuelle Konstante seit Reisebeginn, begann sich zu ver\u00e4ndern! Je mehr sich der Transsibirien-Express Kransojarsk und dem Yenisej n\u00e4herte, desto h\u00fcgeliger wurde die Topographie. Bizarr geformte Bergr\u00fccken, Birkeninseln inmitten wogender Grasmeere und ein zart-unebener Horizont, auf den der Mitteleurop\u00e4er daheim keinen Blick verschwenden w\u00fcrde, wurden nach viertausend Kilometern Eisenbahnfahrt durch eine \u00fcberwiegend flache Landschaft zum \u00e4sthetischen Erlebnis. Majest\u00e4tisch, als w\u00fcsste er, dass er zu den gr\u00f6\u00dften Str\u00f6men der Erde z\u00e4hlt, floss der Yenisej in seinem zwei Kilometer breiten Bett mitten durch Krasnojarsk dem Polarmeer entgegen, w\u00e4hrend die Transsib \u00fcber die neue Eisenbahnbr\u00fccke weiter nach Osten ratterte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/6-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1945\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/6-2.jpg\" alt=\"6 (2)\" width=\"800\" height=\"535\" \/><\/a><\/p>\n<p>Irkutsk, \u00fcber f\u00fcnftausend Kilometer und f\u00fcnf Zeitzonen von Moskau entfernt, ist die unbestrittene touristische Drehscheibe der gesamten Transsib, eine ethnologische Knautschzone der Welt &#8211; nicht mehr Russland, aber auch noch nicht Ostasien, halb Mongolei, halb Sibirien mit einer geh\u00f6rigen Portion Bazar, Orient und Mafia. All das Russische, Tatarische und Burjatische, das man w\u00e4hrend der ersten vier Reisetage vermisst haben mochte- hier schlug es \u00fcber den Besucher konzentriert zusammen, gut durchmischt mit chinesischem, mongolischem, japanischem und koreanischem Kolorit, wobei es nicht immer ganz einfach war zu erkennen, ob man es mit Einheimischen oder Touristen zu tun hatte.<\/p>\n<p>Dass nahezu jeder Transsibirienreisende in Irkutsk einen Zwischenstopp einlegt, hat weniger mit der st\u00e4dtischen Kunstgalerie oder mit dem Transsibmonument am Ufer der Angara zu tun: das touristische Pfund, mit dem Irkutsk international zu wuchern versteht, ist der nahegelegen Baikalsee, die Perle Sibiriens, von dem es hei\u00dft, dass niemand, der ihn einmal gesehen hat, jemals wieder ganz ungl\u00fccklich werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/8-18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1946\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/8-18.jpg\" alt=\"8 (18)\" width=\"799\" height=\"511\" \/><\/a><\/p>\n<p>In diesem Sommer lag der gro\u00dfe See wie eine zu Wasser gewordene Ewigkeit unter der sibirischen Sonne, Wolkenreste schwebten wie Lametta \u00fcber den. Gipfeln der burjatischen Berge, und manchmal, gerade so, als wollte er seine unglaubliche Tiefe zur Erscheinung bringen, bildete sich inmitten des samtblauen Sees eine tiefdunkle, fast blauschwarze Zone, das feuchte Herz Asiens, wie die Mongolen meinen, um das herum der Kontinent geschaffen wurde.<\/p>\n<p>Ein Aufenthalt am Baikalsee ist aber nicht nur der H\u00f6hepunkt einer Transsibreise, sondern meistens auch ihr Ende. Die meisten Touristen besuchen neben dem Baikalsee vielleicht noch Ivolginsk-Datsan, den gro\u00dfen buddhistischen Tempel in der N\u00e4he von Ulan Ude, um dann wieder nach Moskau zur\u00fcckzufliegen &#8211; wenn sie es nicht vorziehen, mit der Transmongolischen Eisenbahn weiter nach Peking zu fahren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1947\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-12.jpg\" alt=\"9  (12)\" width=\"800\" height=\"534\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf die wenigen Unbeirrbaren, die weiter wollen, aber wartet die &#8222;echte&#8220; Transsib, die ihre Passagiere von Irktusk und dem benachbarten Ulan Ude aus noch einmal weitere viertausend Kilometer und zwei Zeitzonen \u00f6stlich zum Pazifik bringt, eine Reise durch einen Ozean der Unerschlossenheit, durchsprenkelt mit ganz wenigen Inseln des Lebens und zu gro\u00dfen Teilen beherrscht von \u00d6de, M\u00fccken und Permafrost, in der alles knapp zu sein scheint, was das Leben fr\u00f6hlich macht: Rubel, Wodka, Nahrung, Zeitungen und B\u00fccher. Und am knappsten von allen sind die Tickets f\u00fcr die Transsibirische Eisenbahn.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren alle Kupeyny-Tickets \u00f6stlich von Irkutsk und Ulan Ude auf Wochen hinaus ausgebucht, selbst die Miahkiy-Luxusabteile waren belegt- das einzige, was sich noch im Angebot befand, waren Platskartny-BiIlets, d. h. Fahrkarten f\u00fcr jene Gruppe von Menschen, f\u00fcr die Reisen seit jeher nicht Lust sondern Last ist und die der ausl\u00e4ndische Transsibfahrer fast niemals zu Gesicht bekommt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-4540\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-02.jpg\" alt=\"9  (02)\" width=\"287\" height=\"192\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dementsprechend waren die Zust\u00e4nde, als der Zug nach Wladiwostok in den Bahnhof von Ulan Ude einrollte. Den ersten Platskartny-Waggon durchzog ein herber Fischgeruch, obwohl alle Fenster offen waren, im zweiten dominierte Knoblauchduft, und im dritten roch es streng nach Schwei\u00df, wobei sich die Passagiere gegenseitig in Verdacht hatten, die Urheber dieser Plage zu sein. Sibiriaken mit dem K\u00f6rperbau von Riesen und dem Schnarchverhalten von Hochdrucks\u00e4gen, verschwitzter H\u00e4ndler, die den ganzen Tag mit misstrauischer Miene auf ihren Warenbest\u00e4nden herumsa\u00dfen, als sollten sie ihnen unter ihren Hintern hinweg gestohlen werden, ein Rabbi, der sich auf einer Reise von Israel zur j\u00fcdischen Enklave in Birobidzan befand und der den ganzen Tag in seinen heiligen <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-201.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4538\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-201.jpg\" alt=\"9  (20)\" width=\"287\" height=\"187\" \/><\/a>Schriften las, ein akkurates Ehepaar, das leidenschaftlich Kreuzwortr\u00e4tsel l\u00f6ste und eine Horde Jugendlicher, die sich den ganzen Tag johlend beim Kartenspiel vergn\u00fcgten &#8211; sie und andere ertrugen nicht nur die Aufdringlichkeit dieses olfaktorischen Krisenszenarios sondern auch die Zust\u00e4nde im Speisewagen mit bewundernswertem Gleichmut. Denn der Speisewagen befand sich von der ersten bis zum letzten Tag der Platskartny-Reise fest in der Hand der Alkoholiker: eine H\u00e4lfte der Sitzgelegenheiten war mit Wodkavorr\u00e4ten zugebaut, und auf der anderen H\u00e4lfte der Sitzpl\u00e4tze sa\u00dfen die Kunden, die diesen Wodka den lieben langen Tag bis zur Agonie in sich hineinsch\u00fctteten, eine Konstellation, die gar keinen Platz zum Essen mehr bot, so dass der Wirt immer dann, wenn ein Kunde erschien, der wirklich essen wollte, sich einen der Wodkatrinker greifen und f\u00fcr eine Weile vor die T\u00fcre setzen musste.<\/p>\n<p>Die erste Nacht im Platzkartny Waggon ging trotzdem erstaunlich gut vor\u00fcber, und mit der D\u00e4mmerung des n\u00e4chsten Morgens war das Land des Amur und des Silka-Rivers erreicht, eine Region exzessiven Bergbaus, der allenthalben h\u00e4ssliche Riesenl\u00f6cher in der Landschaft hinterlassen hatte. Bei Cernicevski erreichte die Transsib sechs Zeitzonen und secheinhalbtausend Kilometer von Moskau entfernt ihre n\u00f6rdlichste Trassenf\u00fchrung- \u00a0nun waren die Nadelw\u00e4lder fast vollst\u00e4ndig verschwunden, und eine gestaltlose Tundra zog sich durch die Endlosigkeit des Nordens, w\u00e4hrend die Eisenbahn auf hochgebauten Trassen durch eine menschenleeren Landschaft fuhr.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-00.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1949\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/4-00.jpg\" alt=\"4  (00)\" width=\"800\" height=\"521\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Speisewagen ging derweil die Wodkatrinkerei in die n\u00e4chste Runde. Ein melancholischer Lastwagenfahrer schluchzte, das ihn seine Frau wegen eines Mannes mit einer besseren Wohnung verlassen h\u00e4tte. Mit hochrotem Kopf schimpfte ein Bergmann aus Sachalin \u00fcber die hohen Geb\u00fchren die er daf\u00fcr bezahlen muss, das er auf der Insel B\u00e4ren und W\u00f6lfe jagen darf. Drei Arbeiter aus Tomsk erz\u00e4hlten, dass sie davon lebten, auf der Transib zwischen dem Ural und dem Pazifik hin- und herzutingeln und japanische Importfahrzeuge nach Westsibirien zu \u00fcberf\u00fchren, ehe sie sich \u00fcber\u00a0die Frage, welche Firma die besten Fahrzeuge der Welt herstellt, lautstark in die Haare gerieten.<\/p>\n<p>&#8222;Kurz wie das Gl\u00fcck ist der sibirische Sommer&#8220;, hei\u00dft es bei Pasternak, und am n\u00e4chsten Tag regnete es zum Gotterbarmen. Trotzdem st\u00fcrmten auf dem Bahnhof von Belogrorsk, fast achttausend Kilometer von Moskau entfernt, die Passagiere die Eier- und Brotst\u00e4nde auf dem Bahnhofsmarkt, weil es im Speisewagen inzwischen au\u00dfer Wodka rein gar nichts mehr zu kaufen gab. In Birobidzan, nur drei Stunden von Chaborowsk entfernt, hatte sich der Regen zu einem veritablen Gewitter ausgewachsen, doch die Gesch\u00e4fte auf dem Bahnhofsmarkt liefen gl\u00e4nzend, obwohl sich der Preis eines gekochten Eis seit der Passage des Ural mehr als verdoppelt hatte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1950\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-22.jpg\" alt=\"9  (22)\" width=\"800\" height=\"538\" \/><\/a><\/p>\n<p>Drei Tage und zwei N\u00e4chte nach Ulan Ude erreichte der Zug Chaborowsk, die achttausendfiinfhundert Kilometer von Moskau entfernte gro\u00dfe Stadt am Amur, in deren Umgebung sich Russen und Chinesen im Jahre 1969 bis an den Rand eines gro\u00dfen Krieges aneinandergeraten waren. Chaborowsk, besa\u00df zweifellos den h\u00e4\u00dflichsten Bahnhof der <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-51.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4541\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-51.jpg\" alt=\"9  (51)\" width=\"238\" height=\"365\" \/><\/a>ganzen Transsib &#8211; doch es war zugleich auch einer der lebhaftesten: der halbe Zug schien sich zu leeren, und f\u00fcr die letzte Etappe waren sogar wieder Kupeyny-Abteile erh\u00e4ltlich. Im Hochgef\u00fchl, einen unglaublichen Luxus zu erleben, verging auf diese Weise die letzte Nacht auf der Ussuribahn bei geschlossener T\u00fcre, intakter Leselampe, frischer Bettw\u00e4sche und einem gepflegten Tschai.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Vormittag war bereits der S\u00fcden der Provinz Primorje erreicht. Zersiedelte H\u00fcgel, martialische Monumente aus der Bolschewikenzeit und angerostete Frachtschiffe, die im \u00f6ligen Pazifikwasser d\u00fcmpelten, zogen als tr\u00fcbe Impressionen am Fenster vor\u00fcber, ehe der Zug im Bahnhof von Wladiwostok, dem defnitiven Endpunkt der Transsib, stoppte. Wer von hieraus nach Korea, Japan oder China weiterreisen wollte, w\u00fcrde gottlob auf Busse, F\u00e4hren oder Flugzeuge umsteigen k\u00f6nnen, denn von der Eisenbahn hatten neuntausendzweihundert Kilometer und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt inzwischen auch die gr\u00f6\u00dften Enthusiasten erst einmal genug.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1951\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/9-16.jpg\" alt=\"9  (16)\" width=\"800\" height=\"536\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Transsibirischen Eisenbahn\u00a0durch sieben Zeitzonen\u00a0und drei Klassen von Moskau nach Wladiwostok Obwohl das St\u00fcck schon seit \u00fcber einhundert Jahren gegeben wird, hat es von seiner Anziehungskraft nichts eingeb\u00fc\u00dft. 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