{"id":5358,"date":"2016-03-16T15:24:57","date_gmt":"2016-03-16T15:24:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=5358"},"modified":"2025-06-03T10:32:52","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:52","slug":"indien-leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/indien-leseprobe\/","title":{"rendered":"Indien Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p>Leseprobe:<\/p>\n<h3>Statt einer Einleitung:\u00a0Heiligabend in Delhi \u2013<\/h3>\n<h3><em>oder:\u00a0<\/em><em>Der erste Tag in Indien<\/em><\/h3>\n<p>Liebeskummer kommt immer zur falschen Zeit, aber wenn er dich in der Weihnachtszeit ergreift, bist du hin\u00fcber. So erging es mir, Gott sei\u00b4s geklagt, in jenem Dezember. Eine Woge der Behaglichkeit ergoss sich \u00fcber die westliche Zivilisation, und ich war allein. So erwarb ich kurzerhand ein Ticket in die exotischste Region, die ich mir damals \u00fcberhaupt vorstellen konnte, packte meinen Rucksack und flog nach Delhi. Indien sollte mich heilen, dachte ich damals zum ersten Mal, ohne zu wissen, wie oft ich diese Medizin noch w\u00fcrde nehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dass sich schon am Flughafen von Delhi zerlumpte Elendsgestalten um die Shuttle-Busse versammelten und den Passanten ihre Prothesen oder Armst\u00fcmpfe wie Monstranzen entgegenhielten, h\u00e4tte mir eine Warnung sein m\u00fcssen. Mit dieser Stadt war etwas anders als mit allen anderen St\u00e4dten, die ich bislang gesehen hatte &#8211; das merkte ich schon w\u00e4hrend der Busfahrt in die Stadt, als ich unfreiwillig zum Augenzeugen daf\u00fcr wurde, wie eine indische Megalopolis erwacht.<\/p>\n<p>Zuerst sah ich nur Feuerstellen an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern und zusammengekr\u00fcmmte Gestalten im Halbschatten, die auf der nackten Erde schliefen.\u00a0 Dann kroch das erste fahle Morgenlicht durch die Stra\u00dfenschluchten. Abertausende von Obdachlosen auf den B\u00fcrgersteinen und in den Hauseing\u00e4ngen erwachten, begannen sich zu rekeln, zu rauchen, zu schwatzen und schlie\u00dflich wie auf ein geheimes Kommando tausendfach gegen die H\u00e4userw\u00e4nde zu pinkeln. Mit dem zunehmenden Tageslicht schien sich die Bev\u00f6lkerung der Stadt dann unvermittelt zu potenzieren: M\u00e4nner, Frauen, Kinder, K\u00fche und Affen quollen in frappierender Pl\u00f6tzlichkeit wie aus unterirdischen H\u00f6hlen auf die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze, Rikschafahrer rasten durch die Menge, Lastwagen hupten, Busbremsen quietschten; der indische Tag war erwacht, und ein w\u00fcrziges Aroma von Smog und Unrat legte sich wie eine Glocke \u00fcber die Stadt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5293\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/5-Kolorit-09.jpg\" alt=\"5-Kolorit (09)\" width=\"800\" height=\"521\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/5-Kolorit-09.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/5-Kolorit-09-768x500.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Ringos Guesthouse&#8220;, die Unterkunft, in der ich einchecken wollte, hatte noch geschlossen, und so ging ich ein wenig durch die Stra\u00dfen, um zu sehen, was sich weiter ereignen w\u00fcrde. Der Muezzin und der Tempelbrahmane schlurften heran und \u00f6ffneten Moschee und Tempel. Die Milch f\u00fcr den\u00a0 Tschai wurde auf Eselkarren herangekarrt, und ohne irgendwelche Hintergedanken probierte ich eine Tasse dieses s\u00fc\u00dfen und hei\u00dfen Getr\u00e4nkes, nach dem ich sp\u00e4ter geradezu s\u00fcchtig werden sollte.<\/p>\n<p>Endlich \u00f6ffnete das Guesthouse, ein verschlafener junger Inder, der einen dicken Schal um den Kopf gebunden trug, als litte er unter Zahnschmerzen, zeigte mir den Weg in den ersten Stock. Generatoren rappelten, weil der Strom ausgefallen war, und alle Duschen waren eingefroren. Es hatte mich in eine Mischung aus Kaserne und Obdachlosenasyl verschlagen, und der Anblick meines Zimmers gab mir den Rest. Ein Hocker, ein Rost, eine d\u00fcnne Matratze, aber weder eine Decke noch ein Fenster &#8211; das war alles.<\/p>\n<p>Als ich den Innenhof von Ringos Guesthouse betrat, sa\u00dfen schon die ersten Mitglieder der internationalen Backpackergemeinde halb bekifft um einen k\u00fcmmerlichen Tisch im Hof und diskutierten \u00fcber die optimalen Bezugsquellen f\u00fcr Hasch und Marihuana. Kellner und K\u00f6che servierten kalte Nudelgerichte, eine junge Engl\u00e4nderin, der Indien ganz offensichtlich \u00fcber das Ma\u00df ihrer Kr\u00e4fte hinaus zugesetzt hatte, sa\u00df bewegungslos auf einem Stuhl, w\u00e4hrend ein badischer Elektriker, der in Stuttgart alles geschmissen hatte, offensichtlich auf Turkey war. Zappelnd wie ein Zitteraal wackelte er auf seinem Stuhl herum und quittierte jeden an ihn gerichteten Satz mit den Worten &#8222;Not for me, man, not for me&#8220;.<\/p>\n<p>Das war der Augenblick, in dem ich mir an meinem ersten Indientag die Frage stellte: War das wirklich eine so gute Idee gewesen, vor meinem Kummer an Heiligabend nach Delhi zu fliehen?\u00a0 Mir stand doch der Sinn nach malerischen W\u00fcstenst\u00e4dten, wunderbaren Str\u00e4nden und weltabgelegenen Kl\u00f6stern, kurz: nach jener Sch\u00f6nheit und Verzauberung, die meine Seele heilen sollte. Was sollte ich in diesem Moloch, der schon nach wenigen Stunden an meinen Nerven zehrte? Warum bin ich nicht gleich nach Goa gefahren, wo es doch alles so herrlich entspannt abgehen soll? Warum sa\u00df ich jetzt nicht am Ufer des Indischen Ozeans bei Shrimps und Bier und lie\u00df es mir gut gehen?<\/p>\n<p>Ich erkannte, dass ich mich \u00fcbersch\u00e4tzt hatte und beschloss, weder in diesem Guesthouse noch in dieser Stadt zu \u00fcbernachten, sondern,\u00a0 wenn m\u00f6glich, noch am gleichen Abend in den w\u00e4rmeren S\u00fcden aufzubrechen. Da ich aber nun schon mal in Delhi war, wollte ich mir aber doch mit Hilfe einer Rikscha mal schnell die Stadt ansehen<em>.<\/em><\/p>\n<p>Inzwischen wei\u00df ich nat\u00fcrlich, dass es drei Arten von Rikschafahrern in Indien gibt. Die erste und zahlreichste Gruppe ist von der abgezockten Truppe &#8211; ein Rikschafahrer dieser Sorte versteht kein Wort, f\u00e4hrt einen aber als Strafe daf\u00fcr, dass man ihn geweckt hat, bis zur \u00fcbern\u00e4chsten Ecke um dann einen unversch\u00e4mt hohen Rupienbetrag zu fordern. Die Rikschafahrer aus der zweiten Gruppe verstehen zwar auch nichts, besitzen aber Anstand und Berufsehre und fahren einen immerhin so lange um den Block, bis der vereinbarte Fahrpreis ungef\u00e4hr abgefahren ist. Der dritten Gruppe &#8211; Rikschafahrern, die das Ziel verstehen, den Weg kennen und nachher nicht das Doppelte fordern &#8211; bin ich nur sehr selten begegnet, und wenn, dann waren es echte Leistungstr\u00e4ger, die nicht nur eine Fuhre, sondern auch noch eine Vollrasur im Angebot hatten. Mein Rikschafahrer geh\u00f6rte zur zweiten Gruppe, er hatte nur genickt, kein Wort verstanden und war voll guten Willens mit mir einfach \u00fcber eine Br\u00fccke gefahren, und weil das so viele taten, sa\u00dfen wir pl\u00f6tzlich fest.\u00a0 Es wurde gedr\u00e4ngt, geschoben und geschimpft, doch es ging nur noch halbmeterweise weiter, bis ich meinen Rikschafahrer entnervt bezahlte, zu Fu\u00df wieder zur\u00fcckging und dabei die gleichen Leute noch einmal von der anderen Seite begr\u00fc\u00dfen durfte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-5294\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/5-Kolorit-48-531x800.jpg\" alt=\"5-Kolorit (48)\" width=\"323\" height=\"487\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe: Statt einer Einleitung:\u00a0Heiligabend in Delhi \u2013 oder:\u00a0Der erste Tag in Indien Liebeskummer kommt immer zur falschen Zeit, aber wenn er dich in der Weihnachtszeit ergreift, bist du hin\u00fcber. 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