{"id":5341,"date":"2016-03-16T15:04:10","date_gmt":"2016-03-16T15:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=5341"},"modified":"2025-06-03T10:32:52","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:52","slug":"osteuropa-leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/osteuropa-leseprobe\/","title":{"rendered":"Osteuropa Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5343\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-08.jpg\" alt=\"1  (08)\" width=\"800\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-08.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-08-768x511.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<h3><strong>ESTLAND &#8211; oder: WAS IST OSTEUROPA?<\/strong><\/h3>\n<p>Die Umrisse Helsinkis entschwanden im Nebel, und das F\u00e4hrschiff nahm Kurs auf hohe See. Dunkel und schwarz teilte sich das Wasser der Ostsee vor dem m\u00e4chtigen Kiel, w\u00e4hrend im Schiff die Lampen angingen. Meine Reise in den Gro\u00dfen Osten hatte begonnen.\u00a0\u00a0 \u00dcberall lag Gep\u00e4ck in den G\u00e4ngen, Kinder pl\u00e4rrten, und gestresste M\u00fctter und V\u00e4ter versuchten so gut es ging, ihre Familien zusammenzuhalten. Vor der gerade erst ge\u00f6ffneten Bar dr\u00e4ngten sich die finnischen Touristen, denn so preiswert wie auf einer estnischen F\u00e4hre konnte man sich in Finnland nirgendwo volllaufen lassen.<\/p>\n<p>Bei einem Bier traf ich Stefan, einen deutschen Touristen aus Koblenz, einen blonden, gro\u00df gewachsenen Mann in sp\u00e4ten Drei\u00dfigern, der auch das Baltikum bereisen wollte. Er besa\u00df ein offenes Gesicht mit energischem Kinn, breite Schultern und kurz geschnittenes, glattes Haar, was ihm das Aussehen eines Soldaten auf Heimaturlaub gab. Was Stefan beruflich machte, war nicht zu erfahren, stattdessen plauderte er recht unverbl\u00fcmt \u00fcber das Motiv seiner baltischen Reise. Stefan\u00a0 interessierte sich nicht f\u00fcr die St\u00e4dte und Kirchen, nicht f\u00fcr Politik oder Geographie, sondern ihn interessierten die Frauen von Estland, Lettland und Litauen, die nach seinen Informationen zu den sch\u00f6nsten Europas z\u00e4hlten sollten. Daheim seien die Frauen zu schwierig, zu viel Zickenpotential, zu anspruchsvoll. Die baltische Frau dagegen, so Stefan, sei gro\u00df gewachsen, gut aussehend, belastbar und anschmiegsam, au\u00dferdem gebildet und dankbar. Das wisse er von seinem Onkel, der eine Baltin aus dem Katalog herausgesucht und schlie\u00dflich geheiratet hatte.<\/p>\n<p>Es war schon dunkel, als wir Estland erreichten. Alles war flach: die Ufer, das Meer, der Horizont, nur in der Mitte unterbrachen die Hochhaussilhouetten der Neustadt von Tallinn das eint\u00f6nige Bild. Das war die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht war, dass im Schatten dieser Hochh\u00e4user die Altstadt lag, eine in ihrer Bausubstanz vollkommen erhaltene Bilderbuchsiedlung mit Wacht\u00fcrmen, W\u00e4llen und holprigen Pflasterstra\u00dfen. Kein h\u00e4sslicher Betonneubau beeintr\u00e4chtigte den Anblick der alten Gildenh\u00e4user, keine Auspuffgase verpesteten die Luft, wir betraten ein autofreies Miniatur-Prag im Baltikum. In der Altstadt von Tallinn war die Geschichte zur Erbauung der Touristen einfach angehalten worden, gerade so, als man h\u00e4tte endlich alle Fremdherrscher aus der Stadt heraus geworfen und nur die Esten zur\u00fcckgelassen, die nun als Kellner, Platzanweiser und Fremdenf\u00fchrern den westlichen G\u00e4sten zu Diensten stehen.<\/p>\n<p>Ohne gro\u00df zu fragen, heftete sich Stefan an meine Fersen, als ich durch die Stra\u00dfen der Altstadt lief. Ich suchte das &#8222;Vana Tom&#8220; eine in allen Travellerf\u00fchrern w\u00e4rmstens empfohlene sogenannte &#8222;Low Budget Unterkunft&#8220; f\u00fcr Individualreisende. Das Hostel befand sich in der in unmittelbarer Nachbarschaft des Marktplatzes auf der ersten Etage eines unscheinbaren Hauses, in dessen zweiten Stock gerade ein Stripteaselokal er\u00f6ffnet hatte.\u00a0\u00a0 Da nur noch ein Doppelzimmer frei war, teilten wir uns einen Raum mit zwei durchgelegenen Matratzen und einer einzigen Gl\u00fchbirne an der Decke. Ich klopfte an die W\u00e4nde und stellte fest, dass sie \u00fcberwiegend aus Sperrholz bestanden. \u201eMacht nichts\u201c, sagte Stefan, \u201eich habe ausreichende Vorr\u00e4te an Ohrst\u00f6pseln in meinem Gep\u00e4ck.\u201c<\/p>\n<p>In der Gemeinschaftsk\u00fcche, in der wir unser Abendbrot nahmen, trafen wir einen\u00a0 \u00f6sterreichischen Schauspieler, einen amerikanischen Studenten und zwei Finnen, mit denen ein munteres Geschnatter einsetzte. Verkehrssprache auf den internationalen Travellerpfaden war Englisch, auch wenn man davon oft nur sehr wenig verstand und sich manchmal nicht sicher war, ob der Gespr\u00e4chspartner nicht vielleicht doch in seiner Muttersprache zu uns sprach. So war auch an diesem Abend nur sehr wenig zu verstehen, au\u00dfer, dass es sich bei dem Gemeinschaftsk\u00fchlschrank um das letzte Relikt des Kommunismus in Estland handelte &#8211;\u00a0 einem Ger\u00e4t, in das die Guten und Flei\u00dfigen jeden Tag Eier, Butter, K\u00e4se Milch und Joghurt hineinlagerten, w\u00e4hrend die B\u00f6sen und Faulen diese G\u00fcter unbemerkt verzehrten.<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen verschwand Stefan in die Stadt. Ich las noch ein wenig in meinen Reisef\u00fchrern und lernte, dass ich mich in einem regelrechten Zwergstaat befand, der auf der Landkarte immerhin die Gr\u00f6\u00dfe der Schweiz oder der Niederlande erreicht, ansonsten aber nur 1,2 Millionen Einwohner z\u00e4hlt, von denen auch noch ein Drittel Russen sind. Wie ich weiter erfuhr, hatte die Geschichte den Esten ganz und gar nicht gut mitgespielt. Jahrhundert f\u00fcr Jahrhundert war das Land von Schweden und Russen derart maltr\u00e4tiert worden, dass die estnische Bev\u00f6lkerung, die im Mittelalter genauso gro\u00df gewesen sein soll wie die finnische, immer weiter geschrumpft war, bis sie schlie\u00dflich im 20. Jahrhundert nur noch ein F\u00fcnftel der finnischen Bev\u00f6lkerung ausmachte. Angesichts der massenhaften Einwanderung der Russen nach Estland h\u00e4tte wahrscheinlich nicht viel gefehlt, dass die Esten im Vielv\u00f6lkerstaat der alten UdSSR einfach verschwunden w\u00e4ren.\u00a0 Eine der vielen Ethnien, die in der gro\u00dfen Suppe des Ostens verloren gingen und von denen heute keiner mehr spricht. Doch manchmal h\u00e4lt die Geschichte auch ein <em>happy end<\/em> bereit: kurz vor dem demografischen Verschwinden des estnischen Volkes brach die UdSSR zusammen, Estland wurde frei und rettete sich mit letzter Kraft in die NATO und 2004 sogar in die Europ\u00e4ische Union.\u00a0\u00a0 Inzwischen wurde der L\u00e4rm aus dem Stripteaselokal \u00fcber dem Hostel immer lauter. Dumpfe B\u00e4sse wummerten durch die W\u00e4nde, spitze Schreie waren zu h\u00f6ren, trotzdem fiel mir bald das Buch aus den H\u00e4nden, und ich schlief ein.\u00a0\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5342\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-31.jpg\" alt=\"1 (31)\" width=\"800\" height=\"519\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-31.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/1-31-768x498.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ESTLAND &#8211; oder: WAS IST OSTEUROPA? Die Umrisse Helsinkis entschwanden im Nebel, und das F\u00e4hrschiff nahm Kurs auf hohe See. Dunkel und schwarz teilte sich das Wasser der Ostsee vor dem m\u00e4chtigen Kiel, w\u00e4hrend im Schiff die Lampen angingen. 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