{"id":5323,"date":"2016-03-16T14:03:07","date_gmt":"2016-03-16T14:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=5323"},"modified":"2025-06-03T10:32:52","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:52","slug":"argentinienchile-leseprobe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/argentinienchile-leseprobe\/","title":{"rendered":"Argentinien\/Chile Leseprobe"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><strong> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5324\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-03-001-900x594.jpg\" alt=\"a (03)-001\" width=\"900\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-03-001-900x594.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-03-001-768x507.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-03-001.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/strong><\/p>\n<h5><strong><em>\u00a0Habe ich denn nicht einen wunderbaren K\u00f6rper? BUENOS AIRES\u00a0<\/em><\/strong><\/h5>\n<p>Am ersten Tag in Buenos Aires stand ich unschl\u00fcssig an der Plaza de Lavalle und \u00fcberlegte, in welche Richtung ich gehen sollte. Zwei kubanische K\u00f6nigspalmen wuchsen stolz in den Himmel, und es versprach, ein warmer Tag zu werden. Ein Indiop\u00e4rchen wartete neben mir an einer Ampel, obwohl \u00fcberhaupt kein Auto zu sehen war. Sie waren klein und gedrungen, trugen T\u00fccher und Ponchos und wirkten mit ihren Indioh\u00fcten wie ein leibhaftiges Postkartenmotiv. Genau in diesem Augenblick regnete eine ganze Ladung Vogelkot auf mich herab, und im Nu war ich \u00fcber und \u00fcber mit gr\u00fcnblauem Schleim bedeckt. Als die beiden Indios mein Malheur bemerkten, machten sie Anstalten, mir mit Papiertaschent\u00fcchern auszuhelfen. \u201eAqua, Aqua\u201c rief die junge Frau und versuchte, mich zu einer abgelegenen\u00a0 Ecke des Parks zu ziehen, wo sich offenbar ein Brunnen befand. Erst als ich unter dem\u00a0 weitgeschwungenen Baum an der dunklen Ecke des Parks keinen Brunnen, sondern einen gro\u00dfen, ungeschlachten Kerl bemerkte, wurde mir klar, dass ich dabei war, Opfer eines Ueberfalls zu werden. Gottlob war ich zwei K\u00f6pfe gr\u00f6\u00dfer als der m\u00e4nnliche Indio, und als der mich weiter in die dunkle Parkecke dr\u00e4ngen wollte, nahm ich Verteidigungsstellung ein. Sofort ver\u00e4nderte sich die Situation. Die dritte Person unter dem Baum verschwand, und wie auf Kommando drehten nun auch die beiden Indios ab und rannten davon. Vielleicht hatten sie Zeugen in der N\u00e4he bemerkt,\u00a0 vielleicht hatten sie mitbekommen, dass sich all meine Wertsachen in einer fest am K\u00f6rper befindlichen Bauchtasche befanden \u2013 jedenfalls flitzten sie wie Raketen \u00fcber den Platz, um\u00a0 in einer Seitengasse zu verschwinden. Ich zog meinen Pullover aus und erkannte, dass ich keineswegs von V\u00f6geln beschmutzt worden war. So viel Kot h\u00e4tte ein ganzer Vogelschwarm nicht aus heiterem Himmel auf mich herabregnen lassen k\u00f6nnen. Es war Senf, s\u00fc\u00dflich riechender Senf, den die beiden in einem g\u00fcnstigen Augenblick auf mich abgefeuert hatten. Willkommen in Buenos Aires.<\/p>\n<p>Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das war die einzige Attacke, die ich in Buenos Aires erdulden musste, und gemessen an den Gef\u00e4hrdungen, die den Touristen in Bogota, Sao Paulo oder Caracas erwarten, war Buenos Aires eine friedliche Stadt. Aber es war eine Stadt in Lateinamerika und damit immer f\u00fcr eine Ueberraschung gut.<\/p>\n<p>Die erste Ueberraschung war die Weitl\u00e4ufigkeit der Stadt. Schon w\u00e4hrend des Anfluges auf den Internationalen Flughafen von Ezeiza hatte ich \u00fcber die Ausma\u00dfe des endloses H\u00e4usermeeres gestaunt, das sich vom Ufer des Rio de la Plata bis ins Landesinnere erstreckte. Vierzehn Millionen Menschen, mehr als jeder dritte Argentinier, lebten in dieser Riesenmetropole. Trotzdem herrschte bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt keinerlei Enge, ich sah weite Stra\u00dfen, ambitionierte Fassaden, breite B\u00fcrgersteige, doch erstaunlich wenig Menschen auf den Stra\u00dfen. Als ich ins Hotel Colon eincheckte, war ich seit drei\u00dfig Stunden unterwegs. Wohltat, dein Name ist eine warme Dusche.<\/p>\n<p>Seit meinen Kindheitstagen war Buenos Aires f\u00fcr mich ein anderes Wort f\u00fcr die Vision eines gesteigerten, verfremdeten Lebens &#8211; mit Tangot\u00e4nzern, Viehbaronen und Gauchos, mit melancholischen Friedh\u00f6fen, pr\u00e4chtigen Avenidas und dunklen Bodegas. Soweit ich wusste, war Buenos Aires das Tor zu einem absurd gro\u00dfen Land, in dem ich mir alles etwas gr\u00f6\u00dfer vorstellte, als ich es von zuhause her kannte. Nat\u00fcrlich waren hier die Rinder dicker, die Berge h\u00f6her, die Farmen gr\u00f6\u00dfer, die Stra\u00dfen breiter, und eines Tages w\u00fcrde ich mir das alles einmal ansehen. Nun\u00a0 war es soweit, doch was ich beim ersten Blick aus meinem Hotelzimmer sah, kam mir reichlich allt\u00e4glich vor: beliebige Stra\u00dfenschluchten, H\u00e4usersilhouetten wie in jeder Wald- und Wiesenstadt, sch\u00fctteres Fr\u00fchjahrslaub in den B\u00e4umen, Spazierg\u00e4nger, die tief unter mir \u00fcber die Trottoirs schlenderten. War das wirklich die vielger\u00fchmte Welthauptstadt der Melancholie? Und dass die Fensterputzer, die auf der anderen Stra\u00dfenseite gut angeseilt im zehnten Stock das Fensterglas schrubbten, genauso aussahen wie bei uns, h\u00e4tte ich nicht gedacht.<\/p>\n<p>Auch in den Stra\u00dfencaf\u00e9s von Microcentro und Retiro sah es auf den ersten Blick nicht anders aus als in Barcelona oder Madrid. Es war ein frischer Fr\u00fchlingstag, und der Wind, der sachte durch die Stra\u00dfen zog, enthielt schon eine Ahnung der warmen Jahreszeit. Die Porte\u00f1os, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, sa\u00dfen auf kleinen Kaffeehausst\u00fchlen vor ihrem <em>Cortado<\/em>, schwatzten oder waren in ihre Zeitungen vertieft. Die Frauen in den mittleren Jahren waren sorgf\u00e4ltig frisiert, die jungen M\u00e4dchen waren ebenso verf\u00fchrerisch wie in Europa, und die jungen M\u00e4nner in den Caf\u00e9s trugen tadellos sitzende Hosen, blitzblanke Schuhe und jene modisch geschnittenen Hemden, die ihre gute Figur betonten. Auf den ersten Blick alles wie in den besseren Vierteln unserer Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 aber nur auf den ersten Blick, denn als ich mich an einen freien Tisch setzte, einen <em>Cortado<\/em> bestellte und die Stimmung auf mich wirken lie\u00df, bemerkte ich eine merkw\u00fcrdige Aura der Selbstwahrnehmung, die wie eine Membrane \u00fcber den Kaffeehausbesuchern lag. Die wohlgeformten Gesichter links und rechts von mir kamen mir vor wie Physiognomien, die gerne <em>gesehen<\/em> werden wollen. Die Menschen lie\u00dfen ihre Blicke kreisen, gerade so, als existiere ein imagin\u00e4rer Spiegel der Eitelkeit, in dem sich die G\u00e4ste unabl\u00e4ssig selbst betrachteten. Ein g\u00e4ngiger Witz \u00fcber die Porte\u00f1os fiel mir ein, der etwa folgenderma\u00dfen ging: Ein Mann fragt einen anderen Mann nach Streichh\u00f6lzern. Dieser sucht in seinen Taschen herum, findet aber nichts und sagt schlie\u00dflich: \u201eStreichh\u00f6lzer habe ich nicht, aber sind Sie doch mal ehrlich: Habe ich nicht einen wunderbaren K\u00f6rper?\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5325\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-54-900x600.jpg\" alt=\"a (54)\" width=\"900\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-54-900x600.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-54-768x512.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/a-54.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/p>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0Habe ich denn nicht einen wunderbaren K\u00f6rper? 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