{"id":1232,"date":"2013-12-23T06:35:24","date_gmt":"2013-12-23T06:35:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1232"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"die-rueckkehr-der-geschichte-in-die-natur","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/die-rueckkehr-der-geschichte-in-die-natur\/","title":{"rendered":"Die R\u00fcckkehr der Geschichte in die Natur"},"content":{"rendered":"<h3>\u00a0<a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/0061.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1234\" alt=\"006\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/0061.jpg\" width=\"742\" height=\"442\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Auf dem Inkatrail nah Machu Pichu<\/h3>\n<p>Der Local Train von Cusco nach Quillabamba ist \u00fcberf\u00fcllt wie jeden Tag. Niemand denkt im Traum daran, f\u00fcr die Gringos mit einer kaum lesbaren Platzreservierung auf den Papiertickets den Platz zu r\u00e4umen. Kinder, Meerschweinchen und H\u00fchner liegen kunterbunt auf den zahlreichen Gep\u00e4ckballen herum, und l\u00e4ngst hat sich die gesamte Abteiloberfl\u00e4che in ein un\u00fcberschaubares System von Nischen, T\u00e4lern und P\u00e4ssen verwandelt. Bergen gleich hocken die energischen Indiofrauen vor jedem Ausgang, jeder Toilette und Durchgang, und mit dem nervenstarken Phlegma, das alle Widrigkeiten des Lebens ignoriert, ordnen sie die verschiedenen Lagen ihrer Sch\u00fcrzen, unter deren unterster sie die Einnahmen des Markttages sicher nach hause bringen werden. Halb verwundert, halb melancholisch blicken die Halbw\u00fcchsigen auf die westlichen Touristen, ihre R\u00fccks\u00e4cke, ihre Kamerataschen und die frisch erworbenen Indioh\u00fcte, die sich in dieser Umgebung ausmachen wie eine unfreiwillige Selbstkarikatur. Immer neue Einheimische dr\u00e4n gen in die\u00a0\u00a0 Abteile, gro\u00dfe Ballen Coca-Bl\u00e4tter, in Packpapier gewickelte Schweine- und Rinderst\u00fccke, K\u00f6rbe voller Brennholz, Gem\u00fcse oder Textilien werden mit unbezwinglicher Beharrlichkeit von ihren kleinen Tr\u00e4gem Zentimeter um Zentimeter durch die Gep\u00e4ckh\u00fcgellandschaft bugsiert, kollidieren mit ebenso beharrlich vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden Gegenstr\u00f6mungen aus dem anderen Waggoneingang zu menschlichen Knoten, von denen man schon vor einer Stunde h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, sie seien nicht mehr enger zu sch\u00fcrzen. Aus den Tiefen dieses immer konsistenteren Mensch-Tier-\u00adGep\u00e4ckgemischs tauchen H\u00e4nde auf, von denen man sich fragen muss, zu welchen K\u00f6rpern sie geh\u00f6ren, nesteln an Gep\u00e4ck und Taschen herum und verschwinden wie Geisterh\u00e4nde , wenn man nach ihnen greifen will.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c25.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1235\" alt=\"c25\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c25.jpg\" width=\"523\" height=\"800\" \/><\/a><\/p>\n<p>In den Tr\u00e4umen vom Land der Inkas, die die meisten Rucksacktouristen von Kindheit an wie die beharrlichen Kompassnadeln einer ungestillten Sehnsucht begleiteten, gab es weder Enge noch Diebe. Sie waren gruppiert um die schattenhafte Schau versunkener St\u00e4dte, Condornester und Inkastra\u00dfen vor der Kulisse dramatisch gezackter Sechstausender, und es sind diese Bilder, die die<\/p>\n<p>Besucher auch in den Zeiten der Cholera aus der ganzen Welt nach Cusco treiben, um dort zugleich mit der Wirklichkeit jener Imaginationen ein St\u00fcck von sich selbst zu finden. Es ist der \u00fcberf\u00fcllte Indiozug von Cusco nach Quillabamba, der die Touristen dem H\u00f6hepunkt ihrer Reise entgegenf\u00fchrt: dem Inka- Trail nach Machu Pichu.<\/p>\n<p>Die Geschichte von der Entdeckung Machu Pichus und des K\u00f6nigsweges in diese vergessene Stadt ist fast so spannend wie der Trail selbst. Seitdem sich ein Teil der Inka-Herrscherfamilie 1536 mit ihrer treuesten Gefolgschaft vor den Spaniern in die Tiefen der Urubamba- und Vilcabamba\u00ad Kordilleren zur\u00fcckgezogen und dort einen Guerilla-Krieg gegen die katholischen Eroberer entfacht hatten, waren die Ger\u00fcchte von einer verborgenen Hauptstadt der Inkas nicht mehr verstummt. Generationen spanischer Abenteurer suchten die sagenhafte Stadt, die unter dem Namen Vilcabamba die Phantasie der Conquistadoren und Kolonisten befl\u00fcgelte. Doch alle Expeditionen schlugen fehl, und im Laufe der Zeit mutierte die Idee von Vilcabamba, \u00e4hnlich wie die Kunde von El Dorado und Cibola, in den Bereich der Legende. Dort ruhte sie \u00fcber die Jahrhunderte, bis im 19. Jhdt. in der ganzen Welt enthusiastische Amateurarch\u00e4ologen den Sagen der V\u00f6lker zur geschichtlichen Beglaubigung verhalfen: Schliemann entdeckte Mykene und Troja, Evans grub das Labyrinth von Knossos aus, und Stephens und Catherwoods Reisen durch die Dschungel Mittelamerikas f\u00fchrten zur Wiederentdeckung der Maya-Welt.<\/p>\n<p>Auch in den Kernr\u00e4umen des alten Inkareiches begannen europ\u00e4ische und amerikanische Hobbyhistoriker mit widerwilliger Duldung der peruanischen Beh\u00f6rden ihre Streifz\u00fcge auf den Spuren der &#8222;oral history\u201c. Der Franzose Wiener dringt 1875 bis zu den Ruinen von Ollantatambo im Urubamba- Tal vor, wo er von Einheimischen detaillierte Hinweise auf weitere Ruinen bei&#8220;Huaina Pichu&#8220; und &#8220;Matcho Pichu&#8220; erh\u00e4lt. Wiener selbst gelingt es unter uns\u00e4glichen M\u00fchen bis in die N\u00e4he des heutigen Machu Pichu vorzudringen, doch da sich das Urubamba- Tal hinter Ollantatambo zu einer unwegsamen Schlucht verengt und sich die \u00dcberquerung der Berge mit einem vertretbaren Aufwand als unm\u00f6glich erwies, gab er die Suche schlie\u00dflich auf.<\/p>\n<p>Schon 16 Jahre sp\u00e4ter erschien eine neue Expedition im Urubamba- Tal, doch Ihre Aufgabe bestand nicht in der arch\u00e4ologischen Forschung sondern in der Etablierung eines Maultierpfades durch die Urubamba-Schlucht, um die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der expandierenden Selva-Region um Quillabamba schneller nach Cusco bringen zu k\u00f6nnen. Es war dieser Maultierpfad, der es dem 36j\u00e4hrigen Amerikaner Hiram Bingham im Jahre 1911 em\u00f6glichte, weiter in den Urubamba-Canyon einzudringen als Wiener. Auch Bingham, eigentlich auf die Erforschung der spanischen Kolonialzeit und der Bolivar-Vita spezialisiert, suchte nach dem sagenhaften Vilcabamba in der wildromantischen Urubamba-Schlucht, fur deren Kennzeichnung ihm bemerkenswerterweise keine treffendere Parallele einfiel als die des \u201eromantischen Rheines&#8220; . Etwa in der Gegend, in der sich heute die pittoreske Eisenbahnstation Aguas Caliente befindet, erhielt Bingham von dem ortsans\u00e4ssigen Maultiertreiber Melchior Arteaga den undeutlichen Hinweis auf ausgedehnte Ruinenfelder auf einem Bergsattel gleich oberhalb des Lagers. Obwohl kaum einer der Expeditionsteilnehmer an die Glaubw\u00fcrdigkeit des im nach herein ber\u00fchmt gewordenen Eseltreibers glaubte, machte sich Bingham zusammen mit dem peruanischen Polizisten Fernando Carrasco auf, um in einer beschwerlichen Kletterpartie die beschriebene Stelle selbst in Augenschein zu nehmen. Schon knapp vierhundert Meter oberhalb des Lagers, traf man auf eine Ruine, in der &#8222;gutm\u00fctige Indios&#8220; die Klettertruppe mit Wasser und der Nachricht begr\u00fc\u00dften, nur wenige Minuten Wegstrecke weiter g\u00e4be es noch mehr zu sehen. Bingham berichtet&#8220;Pl\u00f6tzlich befanden wir uns inmitten eines von Dschungel bedeckten Gewirrs aus kleinen und gro\u00dfen Mauern, den\u00a0\u00a0 Ruinen aus Bl\u00f6cken wei\u00dfen Granits errichteter Geb\u00e4ude, die mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt behauen und ohne Bindemittel wunderbar aneinandergepasst waren. Eine \u00dcberraschung folgte der anderen, bis uns klar wurde, dass wir uns inmitten von Ruinen befanden, wie sie gro\u00dfartiger kaum je in Peru gefunden worden waren. Es schien fast unglaublich, dass diese nur funf Tagesreisen von Cusco entfernte Stadt so lange unbeschrieben und so verh\u00e4ltnis m\u00e4\u00dfig unbekannt geblieben sein sollte.<\/p>\n<p>Die Entdeckung Machu Pichus machte Bingham weltber\u00fchmt, auch wenn nahezu alle seine Mutma\u00dfungen \u00fcber die Geschichte des Ortes wie seine Funktionskennzeichnungen einzelner \u00dcberreste von der sp\u00e4teren Forschung als falsch erwiesen wurden. Es gab kein Gold in Machu Pichu, und das sagenhafte Vilcabamba entdeckte man an einer anderen Stelle- \u00fcbrigens auch ohne die erwarteten Sch\u00e4tze. Die versunkene Stadt, die ihren Namen nach dem Berg Machu Pichu erhielt und die in einer solch einzigartigen Zage zwischen Himmel und Erde liegt, war weder die erste noch die letzte Hauptstadt des Inkareiches, vielleicht ein abgelegenes kultisches Zentrum aus dem 15. Jhdt, dessen Kenntnis schon w\u00e4hrend der Bl\u00fctezeit des Inkareiches verloren gegangen zu sein scheint, ein nicht mehr aufkl\u00e4rbares R\u00e4tsel, das den Reiz dieser St\u00e4tte nur noch erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Wie die tropischen Ruinen in aller Welt war aber auch Machu Pichu zun\u00e4chst nichts mehr als ein vom Dschungel v\u00f6llig \u00fcberwachsenes Gesteinsfeld, bis amerikanische Expeditionen und schlie\u00dflich immer verst\u00e4rkter auch die peruanische Administration f\u00fcr eine sorgf\u00e4ltige Freilegung des Gel\u00e4ndes sorgten. Au\u00dferdem wurde bald klar, dass ein solch imposanter Komplex, selbst wenn er nur eine relativ kurze geschichtliche Zeit bewohnt war, nicht v\u00f6llig isoliert inmitten unzug\u00e4nglicher Berge gelegen haben k\u00f6nnte. Schon im Jahre 1915 entdeckte Bingham w\u00e4hrend einer zweiten Expedition durch das Urubamba- Tal die \u00dcberreste einer alten K\u00f6nigsstra\u00dfe, die an der Einm\u00fcndung des Cusicacha in den Urubamba scheinbar von Machu Pichu weg in die Berge fuhrt. Es bedurfte nur wenig M\u00fche, um unter dem Gras- und Pflanzenbewuchs, eine jener typischen Inkastra\u00dfen zu entdecken, die dereinst auf einer Gesamtl\u00e4nge von vielen tausend Kilometern nahezu den gesamten Andenraum vom s\u00fcdlichen Kolumbien bis ins n\u00f6rdliche Chile erschlossen. Auch wenn der staunenswerte Umfang dieses Stra\u00dfennetzes der Nachwelt die verdiente Achtung abn\u00f6tigt, greift die oft gezogene Parallele zum r\u00f6mischen Stra\u00dfenbau zu hoch: die Inka-Stra\u00dfen unterlagen bei weitem nicht der Belastung der r\u00f6mischen Verkehrswege, es gen\u00fcgte deswegen oft ein nur ein bis zwei Meter breiter grob gepflasterter Pfad, der &#8211; da der Gebrauch des Rades zum Zwecke des G\u00fctertransportes im Inkareich unbekannt war &#8211; bei Steigerungen einfach in eine Treppe \u00fcberging.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c15.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1242\" alt=\"c15\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c15.jpg\" width=\"513\" height=\"559\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Bingham die alte K\u00f6nigsstra\u00dfe entlang des Cusicacha-Rivers freilegen lie\u00df, war es bis zu seiner v\u00f6lligen Wiederherstellung noch ein langer Weg. Erst eine zweite Expedition, die sogenannte Viking-Expedition unter der Leitung von Paul Fejos, drang 1941 \u00fcber den gesamten, ca. 40 km langen Pfad in das inzwischen freigelegte Machu Pichu vor. L\u00e4ngst war der direkte Zugang durch die Urubamba-Schlucht durch den Bau der Eisenbahn zwischen Cusco und Quillabamba erschlossen, und um einer zielsicher ins Auge gefassten sp\u00e4teren touristischen Nachtrage Gen\u00fcge zu tun, entstand schon 1948 in Anwesenheit des inzwischen 73j\u00e4hrigen Bingham eine 12 km lange Serpentinenstra\u00dfe von der Bahnstation im Tal bis zum Sattelberg von Machu Pichu, die sogenannte Bingham\u00ad Road, mit der man in einem Akt unverst\u00e4ndlicher Naturbarbarei einen Gro\u00dfteil der einzigartigen Bergkulisse verunzierte.<\/p>\n<p>Insgesamt bedeutete die Wiederentdeckung der Inka-Stra\u00dfe nach Machu Pichu die Freilegung eines der sch\u00f6nsten Wanderwege der Erde mit einem kaum noch \u00fcbertreffbaren Gleichklang von Natur und Geschichte. Schon vor der Einrichtung des Machu Pichu-Nationalparks im Jahre 1968 waren Weltenbummler nauf eigene Faust die ehrw\u00fcrdige Stra\u00dfe entlanggepilgert, und nachdem die Natationalparkverwaltung f\u00fcr einige Campingpl\u00e4tze und Abfallgruben und Wasserstellen Sorge tragen lie\u00df, wurde die Absolvierung des sogenannten &#8222;Inka\u00adTrails&#8220; mit dem abschie\u00dfenden Finale in der versunkenen Stadt zum H\u00f6hepunkt jeder S\u00fcdamerika-\u00adReise.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tte man dieses Erlebnis auch heute noch mit einem tiefen Einblick in die Alltagskultur der Indios koppeln wollen, gibt es tats\u00e4chlich keinen anderen anderen zum Ausgangspunkt des Inka- Trails als die Frequentierung des oben beschriebenen eindrucksstarken Nahverkehrszuges. Nach einer vierst\u00fcndigen Fahrt, w\u00e4hrend derer auch der gutwillige Tourist mehr \u00fcber das Nord-S\u00fcd\u00adGef\u00e4lle lernen kann als in jedem \u201eDrite-Welt-Workshop\u201c, stoppt der Zug am Kilometerstein 88, genau an jener Stelle, an der Bingham im Jahre 1915 den Beginn des K\u00f6nigsweges nach Machu Pichu entdeckte. Nur wenige Minuten bleiben den Rucksacktrailern, um \u00fcber Gep\u00e4ck und Menschenberge das Freie zu erreichen, dann entschwindet der Zug hinter der n\u00e4chsten Biegung der Urubamba\u00ad Schlucht. Die internationale Traveller-Gemeinde, die an der H\u00e4ngebr\u00fccke \u00fcber den Urubamba die Eintrittskarten f\u00fcr den Machu-Pichu-Nationalpark l\u00f6st, besteht aus Westeurop\u00e4ern und Nordamerikanern, und obgleich einige von ihnen interessant von ihren Nepal- und Kashmir\u00ad Erfahrungen zu erz\u00e4hlen wissen, mag doch keiner die umfangreiche Ausr\u00fcstung, die f\u00fcr den mehrt\u00e4gigen Treck erforderlich ist, selbst tragen. Um zu verhindern, dass der Natur- und Kulturgenuss unter vorzeitiger Erschlaffung \u00fcber Geb\u00fchr leiden k\u00f6nnte, hat man schon in Cusco junge Burschen angeheuert, die in einer Personalunion von F\u00fchrer, Koch und Tr\u00e4ger f\u00fcr ein\u00a0 hinreichendes Bequemlichkeitsniveau des Trecks Verantwortlich sind. Doch auch die smarten Guys aus Cusco wissen sich vor allzu schwei\u00dftreibendem Einsatz zu sch\u00fctzen. Wie in der internationalen Weltwirtschaftsordnung, in der manche Lasten vom reichen Norden an die Eliten der Entwicklungsl\u00e4nder und von diesen an die duldsame einheimische Bev\u00f6lkerung weitergegeben werden, stehen bald kr\u00e4ftige Indios am Wegesrand, ihrerseits bereit, f\u00fcr kleines Geld so\u00a0 unglaubliche Gep\u00e4ckmengen zu schultern, dass in unseren Breitengraden jedermann den Tierschutzverein benachrichtigen w\u00fcrde, wollte jemand einem einheimischen Esel vergleichbare Lasten aufb\u00fcrden. Aber das schlechte Gewissen, das den einen oder anderen Trecker beim Anblick\u00a0 der \u00fcberlasteten Tr\u00e4ger \u00fcberkommt, verfliegt sp\u00e4testens, wenn hinter Huayilbamba der schwei\u00dftreibende Aufstieg in die Bergwelt beginnt. Mindestens drei Tage ist man unterwegs, atmet die d\u00fcnne Hochandenluft, schl\u00e4ft in eisigen N\u00e4chten in der N\u00e4he des Schnees, wandert aus einer H\u00f6he von ca. 2.000m \u00fcber drei P\u00e4sse, von denen sich zwei in einer H\u00f6he von gut 4.000m befinden, passiert, Bergseen und Inka-\u00adTerassen, sieht den tropischen Regenwald in den Tiefen, lagert an\u00a0 Wasserf\u00e4llen und in Naturtunnels und betrachtet aus der Ferne die schneebedeckten Veronika (5.750m), Pumasilla (ca 6.000m) und Salcantray (6.270m). Wie in einer perfekten Dramaturgie fuhrt der Inkapfad zu insgesamt funf Ruinenst\u00e4tten, jede noch eine Spur eindrucksvoller als die vorhergehende, immer in Richtung auf das Finale von Machu Pichu.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1243\" alt=\"c11\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c11.jpg\" width=\"758\" height=\"502\" \/><\/a><\/p>\n<p>Llactapata liegt bereits im Umkreis des Cusicacha- Tales, vom Vieh beweidet, mit vereinzelten Gem\u00e4uerresten, in denen die typischen Trapezfenster die Hand der Inkas verraten. Halbverfallene Terrassenh\u00e4nge umgeben die Ruinen, teilweise vom Unkraut bewuchert zu einem kleineren Teil aber auch noch von wenigen ans\u00e4ssigen Indios zum landwirtschaftlichen Anbau genutzt.<\/p>\n<p>Runcuracay liegt schon auf einer H\u00f6he von 3.800m und dient heute als Raststation f\u00fcr die ersch\u00f6pften Trecker, die w\u00e4hrend des zweiten Tages gerade einen 4.200m-Pa\u00df hinter sich gelassen haben und nach einem steilen und zerm\u00fcrbenden Abstieg in das Tal des Pacamayo-River der zweiten Pa\u00df in H\u00f6he von 4.000m entgegensteigen. Auch Runcuracay, ein Komplex von zwei, f\u00fcr die Inka-Architektur untypischen Rundbauten, wurde von Bingham entdeckt &#8211; wahrscheinlich handelte es sich bei dieser Anlage im eine Versorgungs- und Depotstation, Zugleich aber auch um einen ideal plazierten Beobachtungs-Posten \u00fcber das gesamte Pacamayo- Tal, das nach Norden hin einen schluchtartigen Anschlu\u00df an den Urubamba-Canyon besitzt.<\/p>\n<p>Hinter dem zweiten Pa\u00df und schon in Sichtweite des Aufstiegs zum dritten Pa\u00df in H\u00f6he von 3. 600m liegt die malerische Festung Sayacmarca- eindeutig auf Verteidigung berechnet, weil hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit und der Wasserversorgung die gegen\u00fcberliegende und flachere Bergseite h\u00e4tte vorgezogen werden k\u00f6nnen. Gr\u00fcn bewachsen sind die mehrst\u00f6ckigen Gem\u00e4uer von Sayacmarca, ein St\u00fcck Geschichte auf dem R\u00fcckweg in die Natur, heute nur mehr ein optisches Juwel, ein an den Felsen geschmiedeter Rest Kultur, der der Natur zur Zierde geworden ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1240\" alt=\"c13\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c13.jpg\" width=\"787\" height=\"516\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der Abendd\u00e4mmerung des zweiten Tages \u00fcberqueren die Trecker den letzten Pa\u00df und vor ihnen liegt Puyupatamarca, eine Terrassen- und Tempelanlage in dreieinhalbtausend Meter H\u00f6he. In Puyupatamarca, dessen Stufenarchitelctur fast an mittelamerikanische Sonnenpyramiden erinnert, wurden wahrscheinlich jene landwirtschaftlichen Erzeugnisse angebaut, die unter anderem auch die Versorgung der Festung Sayacamarca sicherstellten. Die von den H\u00f6hen der Berge herabflie\u00dfenden Gebirgsb\u00e4che wurden schon zu Inka-Zeiten in ummauerten Steinkabinen gesammelt, heute wie damals ist der Wasserlauf durch sinnreiche Blattkonstruktionen Du einem gut konturierten Wasser- Strahl geb\u00fcndelt. Huinay Huayna, bereits von Puyupatamarca mit dem Fernglas zu erkennen, liegt inmitten einer grandiosen Naturszenerie. Erinnern die B\u00e4der von Puyupatamarca an manche B\u00e4der in Bali und Java, stellen sich inmitten der Terrassen von Huinay Huayna Assoziationen zu den gro\u00dfartigen Reisterrassenlandschaften von Batad und Banga-an auf den Philippinen ein. Wie vor einem Reisverschluss aus ineinander verschachtelten Bergr\u00fccken, den der eisgepanzerte Veronika am Horizont vollendet, flie\u00dft tief unten im Tal der Urubamba der Selva entgegen. Am \u00f6stlichen Ende der amphitheatralisch angeordneten umfangreichen Ackerterrassen befinden sich die \u00dcberreste der kleinen Siedlung Huinay Huayna, einst eingeh\u00fcllt in eine Sph\u00e4re der Fruchtbarkeit und nun umgeben von einer zeitlosen Stille. \u00c4hnlich wie die Ruinen von Machu Pichu waren auch die \u00dcberreste von Huinay Huayna bei der Ankunft der Viking-Expedition im Jahre 1941 vollkommen von dichtem Pflanzenbewuchs bedeckt, und die Freilegungsarbeiten wurden erst lange nach der Etablierung des Nationalparks abgeschlossen. Huinay Huayna ist zweifellos bis zu diesem Punkt die beeindruckendste Inkaruine, und doch<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1244\" alt=\"c16\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c16.jpg\" width=\"798\" height=\"525\" \/><\/a><\/p>\n<p>wird der Ort doch nur nur von einer Minderheit der Trecker besucht. Die Anlage, die etwas abseits vom Inkapfad liegt, steht kurz vor dem Ende des Trecks ganz im Schatten der Ankunft in Machu Pichu, der die meisten Wanderer schon am dritten des dritten Tages entgegenfiebern. Wenige Kilometer nach Huinay Huayna f\u00fchrt der Inkapfad, der sich bereits an der Bergr\u00fcckseite des Machu Pichu (=Alter Berg) entlang windet, \u00fcber eine steile Treppe zum ehemaligen Eingangstor in den erweiterten Bezirk der verlorenen Stadt: man tritt durch das Sonnentor von Interpunkti und erkennt sofort den weltbekannten Umriss des Huayna Pichu (=Junger Berg) und dessen F\u00fc\u00dfen in der Feme die ber\u00fchmten Ruinen.<\/p>\n<p>Der erste Blick ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Beeindruckend, weil sich das gesamte Panorama auf einen Blick erschlie\u00dft: wie der Umriss eines geduckten Jaguars vor den Sprung ragt der Huayna Pichu vor schnurgeraden Terrassen, H\u00e4usergiebeln, Tempeln, Wohn- und Prozessionsfl\u00e4chen in den Himmel. Beklemmend, weil dem Gesamtblick von Interpunkti aus auch die Keulenschl\u00e4ge nicht verborgen bleiben, mit der der Mensch an diesem Ort die Natur traktierte, um durch eine abscheuliche Zick-Zackstra\u00dfe dem Bequemtourismus den bequemen Zugang von der Eisenbahn-Station im Tal zur heiligen Stadt zu erm\u00f6glichen. Sieben Kilometer hat man nun noch zu wandern, die Ruinen von Machu Pichu best\u00e4ndig im Blickfeld,im Zuge des N\u00e4herkommens verschwindet der Anblick der Bingham Road, und das perfekte Postkartenmotiv der Anlage, von der Wirklichkeit weit \u00fcbertroffen, pr\u00e4gt sich der Netzhaut ein. Die meisten Wanderer erreichen den engeren Bezirk der Stadt bei den gro\u00dfen Terrassen, die etwas oberhalb der eigentlichen Stadtanlage liegen, setzen sich auf einen der zahlreichen Findlinge und lassen die Einmaligkeit des Bildes auf sich wirken.\u00a0 Alles an diesem Ort erscheint notwendig, vollkommen, unkontingent: die Winkel der Geb\u00e4ude, die Gr\u00f6\u00dfe der Pl\u00e4tze, die Umrisse der Berge, die Schatten, die Wolken, die Schlucht. Die Einzelelemente der Stadt, die Akropolis von Machu Pichu, der gro\u00dfe Placa Principal, die B\u00e4der, die Sakristei, das Viertel der Handwerker, das Haus der Prinzessin verbinden sich zu einem Gesamtbild stimmiger Harmonie.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1246\" alt=\"c21\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c21.jpg\" width=\"796\" height=\"491\" \/><\/a>\u00a0Im Angesicht der Vollkommenheit aber bleibt das R\u00e4tsel dieser Stadt. Warum diese sch\u00f6nste aller Indianerst\u00e4dte in den abgelegenen Tiefen der Urubamba-Kordilleren erbaut wurde, wird man nie erfahren. Warum sie schon zu Zeiten Atahualpas und Huascars noch vor der Ankunft der Spanier vergessen war, kann man nur vermuten. Vielleicht ging einmal von Machu Pichu eine Sezession aus, ein Aufstand, nach dem die Kunde von der abtr\u00fcnnigen Stadt aus der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung verschwand, vielleicht handelte es sich nur um eine Erholungsresidenz des Gro\u00dfinkas Pachacutecs, eine Art Fatehpur Sikri auf peruanisch, aufgegeben wie dieses nach dem Tode des Herrschers, eine Kontrollstation f\u00fcr die Handelsbeziehungen zwischen Sierra und Selva, ein geheimes astronomisches oder esoterisches Zentrum?<\/p>\n<p>Wahrscheinlich sind es nicht zuletzt diese unl\u00f6sbaren R\u00e4tsel, die wie dichte Schleier den Ursprung der Stadt verh\u00fcllen, die dem Ort einen mythischen, fast au\u00dfer-geschichtlichen Charakter bewahren. Das Geheimnis umgibt die Sch\u00f6nheit der Stadt wie ein Hof, und inmitten der Stille, die gleich einer immerw\u00e4hrenden Naturandacht \u00fcber den Urubamba-Kordilleren schwebt, liegt Machu Pichu, der steingewordene Archetypus der Legende.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c03.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1247\" alt=\"c03\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/c03.jpg\" width=\"800\" height=\"531\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Auf dem Inkatrail nah Machu Pichu Der Local Train von Cusco nach Quillabamba ist \u00fcberf\u00fcllt wie jeden Tag. Niemand denkt im Traum daran, f\u00fcr die Gringos mit einer kaum lesbaren Platzreservierung auf den Papiertickets den Platz zu r\u00e4umen. 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