{"id":1229,"date":"2013-12-23T06:21:57","date_gmt":"2013-12-23T06:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1229"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"der-aequator-liegt-nicht-an-seinem-denkmal","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/der-aequator-liegt-nicht-an-seinem-denkmal\/","title":{"rendered":"Der \u00c4quator liegt nicht an seinem Denkmal"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/k05.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1230\" alt=\"k05\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/k05.jpg\" width=\"800\" height=\"532\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>In Quito und Umgebung unterwegs<\/h3>\n<div>Es gibt durchaus St\u00e4tten, die nicht eben h\u00fcbsch sind, deren Wertigkeit aber durch ein markantes Wahrzeichen gewinnt. Das What Pra Keo in Bangkok oder das India Gate am Hafen von Bombay &#8211; sie bleiben dem Reisenden im Ged\u00e4chtnis und \u00fcberdecken die Erinnerung an M\u00fcllhalden, Slumsiedlungen und Verkehrschaos. Um so merkw\u00fcrdiger erscheint es, da\u00df sich eine so reizvolle Stadt wie Quito freiwillig durch ihr Wahrzeichen auf einem der h\u00f6chsten H\u00fcgel \u00fcber der Stadt verunziert. Eine weit \u00fcber zwanzig Meter hohe, extrem unansehnliche Stahlskulptur, nach einem pejorativen Bonmot der Einheimischen die kranke Schwester des Heiligen Georg, der somit auch familienbedingt gro\u00dfe Fl\u00fcgel aus dem R\u00fccken wachsen, steht in ungelenker Haltung auf einem kl\u00e4glich dreinblickenden und lang hingestreckten Reptil. Einen Sternenkranz \u00fcber dem Haupt, an der segnenden Hand zugleich die Kette f\u00fcr den bezwungenen Drachen, mit der anderen Hand die v\u00f6llig verrutschte Toga richtend, die Fl\u00fcgel wie zum Durchstarten ausgefahren, vermittelt die Figur ein kaum \u00fcberbietbares Gef\u00fchl \u00e4sthetischer Unstimmigkeit. Die sogenannte Jungfrau mit dem Drachen, die nach der Offenbarung des Johannes, im Kapitel 12, kurz vor dem Ende der Zeiten den satanischen Drachen erlegt, ist zu einer ungef\u00fcgen apokalyptischen Karikatur verkommen, der die Besucher der Stadt aus der Entfernung zun\u00e4chst Erstaunen und aus der N\u00e4he Kopfsch\u00fctteln entgegenbringen. Optimisten freilich sprechen dieser endzeitlichen Vision einen utopischen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Stadt zu: Wenn der Einbruch der Apokalypse im Hochland von Ecuador noch etwas auf sich warten l\u00e4\u00dft, will man den Sieg der starken Jungfrau \u00fcber den Drachen als Verhei\u00dfung begreifen, als Sieg \u00fcber die Armut, die Kriminalit\u00e4t oder die Korruption, als Niederwerfung der radikalen Rechten oder der extremistischen Linken &#8211; je nach politischem Standort.<\/div>\n<div>\nDer erste dieser W\u00fcnsche ist zweifellos noch nicht erf\u00fcllt. Von einem Besuch der Jungfrau nach Sonnenuntergang kann nur abgeraten werden, denn rund um den Panecillo-H\u00fcgel befindet sich inmitten verwahrloster Barriadas eines der unsichersten Gebiete der Stadt. Bei Tageslicht aber erschlie\u00dft sich vom H\u00fcgelplateau ein erster, orientierender Rundblick auf das Tal von Quito, ein Hunderte von Quadratkilometern gro\u00dfes Terrain mit unebener Topographie, zahlreichen Schluchten und der markanten Begrenzung durch den 4776 Meter hohen Vulkan Pichincha, in dessen unmittelbarer Umgebung der \u00c4quator verl\u00e4uft. Das demographische Wachstum der j\u00fcngsten Generationen hat zur Zersiedelung der gesamten Hochebene gef\u00fchrt. Wo fr\u00fcher die durch drei Abst\u00fcrze auf nat\u00fcrliche Weise gesch\u00fctzte Altstadt von Quito das Tal beherrschte, ist l\u00e4ngst eine gr\u00f6\u00dfere Neustadt hinzugewachsen, und beide Stadtteile werden zunehmend von den \u00e4rmlichen Behausungen zuwandernder Indios eingekreist.<br \/>\nDie ersten Spuren menschlicher Besiedlung reichen in die vorspanische Zeit zur\u00fcck. Nach den legendenartig ausgeschm\u00fcckten Aufzeichnungen Pater Juan de Velasces&#8216; sollen die K\u00f6nige von Quitu bereits seit Jahrhunderten am Pichincha geherrscht haben, als das s\u00fcdliche Inkareich am Ende des f\u00fcnfzehnten Jahrhunderts in seiner letzten Expansionsphase mit schrecklichen Gemetzeln das gesamte heutige Ecuador eroberte. Der Gro\u00dfinka Huayna Capac zeugte mit einer einheimischen Prinzessin den letzten Inka, den ungl\u00fccklichen Athahualpa, der allerdings zun\u00e4chst insofern vom Gl\u00fcck beg\u00fcnstigt schien, als er nach dem Tode seines Vaters den Halbbruder Huascar im unvermeidlichen B\u00fcrgerkrieg besiegen und den gesamten Anhang seines Halbbruders in einem weiteren denkw\u00fcrdigen Massaker ausrotten konnte. Das indianische Quitu war neben Cusco schon lange zur zweiten Hauptstadt des Inkareiches geworden, als in Gestalt des estremadurischen Konquistadoren Franzisco Pizarro der n\u00e4chste Kriegsherr 1532 die Ostk\u00fcsten des s\u00fcdamerikanischen Kontinents erreichte, von wo er in einem einzigen Siegeszug voller Mord, T\u00fccke und Verw\u00fcstung das Reich der Inka vom Stadium der h\u00f6chsten Bl\u00fcte in den Abgrund st\u00fcrzte.<br \/>\nIm Schatten dieser weltgeschichtlichen Umw\u00e4lzungen betrat mit dem Leutnant Sebastiano de Benalcazar auch der eigentliche Gr\u00fcnder des spanischen Quito eine Seitenb\u00fchne der Weltgeschichte. Ihm gelang es nicht nur, im Auftrag Pizarros weitere goldgierige Konquistadoren aus dem Norden abzuwimmeln, sondern auch die einheimischen Indianer gegen die Fremdherrschaft der Inkas so aufzuwiegeln, da\u00df er mit ihrer Hilfe die Inka-Garnisonen von Quitu einnehmen und zerst\u00f6ren konnte. Auf einer absch\u00fcssigen Ebene, die gleichwohl fast v\u00f6llig durch nat\u00fcrliche Schluchten gegen \u00fcberraschende Angriffe gesch\u00fctzt war, errichtete Benalcazar im Dezember 1534, etwa zur gleichen Zeit, in der Pizarro sein grausiges Regiment in Cusco begr\u00fcndete, das kolonialspanische Quito.<br \/>\nIm Unterschied zu den peruanischen Altert\u00fcmern ist vom vorspanischen Quitu nahezu nichts erhalten geblieben. Lediglich in der N\u00e4he des Panecillo-H\u00fcgels und im n\u00f6rdlichen Rumicucho sind k\u00fcmmerliche \u00dcberreste zu besichtigen, kniehohe Steinmauern, winzige Behausungsreste, bucklige Plattformen und holprige Treppen, authentische Zeugnisse einer wenig entwickelten Primitivkultur, die dem Inkareich erlag. An die Gr\u00fcndung des spanischen Quito erinnert die Casa Benalcazar im Norden der heutigen Altstadt. Klein und unscheinbar ist das Geb\u00e4ude, in dessen Patio anschaulich gestaltete Modelle und Karten eine Vorstellung von der spanischen Landnahme in der Neuen Welt vermitteln. Alte Pl\u00e4ne von Montevideo, Lima, Call\u00e3o, Guayaquil und Valpara\u00b4iso zeigen das st\u00e4dtebauliche Grundmuster spanischer Kolonialgr\u00fcndungen: eine schachbrettartige Anlage des Stra\u00dfennetzes, das auf die plaza major mit Kathedrale und Magistrat zugeordnet ist und der man trotz der unebenen Lage auch bei der Gr\u00fcndung Quitos folgte. Leider ist das weitere Schicksal des Stadtgr\u00fcnders in der Casa de Benalcazar nicht dokumentiert. Sebastiano de Benalcazar hielt es n\u00e4mlich nicht lange in Quito. Wie alle Konquistadoren seiner Generation folgte er dem Lockruf des Goldes und zog mit seinen Spie\u00dfgesellen auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado so lange durch das n\u00f6rdliche Kolumbien, bis er zwar kein Gold, aber zwei nicht minder erfolglose spanische Expeditionen traf und mit diesen zusammen 1538 an der Gr\u00fcndung Bogot\u00e1s teilnahm.<br \/>\nAuch den ersten Gouverneur Quitos, Gonzalo Pizarro, den sein m\u00e4chtiger Bruder von Cusco aus zum Statthalter bestimmte, lockte die Kunde von m\u00e4rchenhaften Sch\u00e4tzen, diesmal nicht nach Norden, sondern nach Osten in die dampfenden Dschungel Amazoniens, wo er weniger auf Gold als auf Anopheles-M\u00fccken, Giftschlangen und un\u00fcberwindliche Flu\u00dfl\u00e4ufe traf. Gonzalo Pizarro mu\u00dfte seine erfolglose Expedition sp\u00e4ter mit dem Leben bezahlen. Ruhm dagegen errang sein Unterf\u00fchrer Francisco de Orellana, der sich halb unfreiwillig, halb neugierig vom Haupttro\u00df getrennt hatte und mit wenigen Gef\u00e4hrten in einer 243 Tage w\u00e4hrenden Flo\u00dffahrt auf einem schier endlosen Flu\u00df 1542 den Atlantik erreichte. Zur Erinnerung an die wilden und kampfeslustigen Weiber, die immer wieder seine Fl\u00f6\u00dfe angegriffen haben sollen, gab der unfreiwillige Entdecker aus Quito dem Strom den Namen Amazonas. Im ersten Stock des Pr\u00e4sidentenpalastes von Quito kann der Besucher unserer Tage diese beachtliche Episode anhand eines Monumentalgem\u00e4ldes nachempfinden. Die linke Seite des dreigeteilten Bildes wird von einem hoffnungsfrohen Orellana in voller R\u00fcstung beherrscht, der seinen zaudernden Gef\u00e4hrten die Richtung weist. Es folgt ein geradezu kubistisch anmutender Mittelteil in grellen Farb- und Formbl\u00f6cken: sich aufb\u00e4umende Pferde, finster dreinblickende Indios mit toten Spaniern zu ihren F\u00fc\u00dfen, sich anpirschende Eingeborene und ein aufmerksamer Orellana bestimmen die Szene. Der rechte Bildteil zeigt die Expedition am Ziel: Orellana leistet auf den Knien das Dankgebet.<br \/>\nF\u00fcr Benalcazar, Gonzalo Pizarro und Orellana war das gerade gegr\u00fcndete Quito nur die Durchgangsstation zu h\u00f6heren Zielen, wirkliche Wurzeln schlug der Hispanismus im Hochland von Ecuador erst durch die Aktivit\u00e4ten der gro\u00dfen christlichen M\u00f6nchsorden. Wie in ganz Lateinamerika waren es auch hier die Franziskaner, Dominikaner, Mercedarier und Jesuiten, die in jahrhundertelanger Volkszuwendung die Indios wirklich f\u00fcr das katholische Christentum gewannen. Der Franziskanerm\u00f6nch Jodoico Ricke, dessen steinernes Denkmal heute vor der gro\u00dfen Franziskanerkirche von Quito H\u00e4ndler, Touristen, Polizisten, Bettler und Schuhputzer mit der gleichen milden Geste der Vergebung durch den Tag geleitet, legte mit seinen Glaubensbr\u00fcdern bereits 1535 den Grundstein zum Franziskanerkloster, in dessen Mauern die Indios die Grundz\u00fcge der christlichen Lehre ebenso lernten wie elementare Maltechniken, deren Ausbreitung sp\u00e4ter zur Gr\u00fcndung der naiv-naturalistischen &#8222;Schule von Quito&#8220; f\u00fchrte. Auch heute noch ist die Klosterkirche von St. Francisco zu jedem Andachtstermin \u00fcberf\u00fcllt. Im Angesicht der prachtvollen Ausstattung verschl\u00e4gt es jedem Besucher den Atem: eine barocke Goldhalle mit gewaltigen Seiten- und Hauptbalustraden, S\u00e4ulen und Emporen lenkt den Blick zu einer weiteren Variante jenes drachent\u00f6tenden Engelsweibes aus der Johannes-Offenbarung, f\u00fcr dessen Darstellung die Quitenser eine ganz offensichtliche Vorliebe hegen und dessen vergoldetes Urbild hier als ein Werk Bernardo Legardas zu bewundern ist. Das Gold an den W\u00e4nden, der Schmutz auf dem Boden, das Ornat der Priester und die junge Mutter, die neben einem Kapelleneingang ihr Kleines stillt, der machtvolle Kirchengesang und der mit Palmen und Bougainvilleen bewachsene Kreuzgang schaffen die facettenreiche Gesamtstimmung eines sinnlichen lateinamerikanischen Katholizismus, dem es scheinbar m\u00fchelos gelingt, die Legitimation der M\u00e4chtigen und die Hoffnungen der Armen zur Deckung zu bringen.<br \/>\nAuch die Kirche des Klosters von St. Domingo schl\u00e4gt eine Br\u00fccke zwischen den Zeiten. Vor dem Portal des Gotteshauses, das ein blindes urbanes Geschick in die N\u00e4he des st\u00e4dtischen Busbahnhofes hat geraten lassen, rattert ein gnadenloser Verkehr vor\u00fcber, jeder l\u00e4ngere Aufenthalt auf diesem Platz gef\u00e4hrdet die Gesundheit von Bronchien und Lungen. Die Taschendiebe und die Rucksackschlitzer umkreisen die Touristen wie Haie die Schiffbr\u00fcchigen, die Polizei l\u00e4\u00dft sich in diesem \u00fcblen Teil der Stadt selten sehen. Tritt man aber \u00fcber die Schwelle der Kirche, wird es schlagartig ruhig: San Domenico blickt auf seine Gemeinde herab, barf\u00fc\u00dfige Bettler mit ausgefransten Hosen, w\u00fcrdige Matronas, denen der flackernde Kerzenschein die tiefen Lebensfurchen in ihren Gesichtern ausleuchtet, bitter dreinblickende Jugendliche in zerschlissenen Lederjacken, junge Familienv\u00e4ter und alte M\u00e4nner, sie alle dr\u00e4ngen sich in diese Halle der Hoffnung und suchen die N\u00e4he ihrer bevorzugten Heiligen. San Judas Tadeo, der Helfer der Verzweifelten, erf\u00e4hrt den gr\u00f6\u00dften Zustrom. Ein Wald von Kerzen brennt unter seinem Bildnis, und links und rechts des Altars ist die gesamte Wandfl\u00e4che mit blauen, roten, gelben Blechschildern verkleistert, auf denen die ehemals Verzweifelten dem heiligen Tadeo in krakeligen Schriftz\u00fcgen f\u00fcr die Errettung aus Krankheit, Hunger und Einsamkeit danken.<br \/>\nEnde des sechzehnten Jahrhunderts kamen die Jesuiten bei ihrer Missionierung der Welt auch nach Quito. Die Ordenskirche &#8222;La Campania&#8220; erinnert an das Wirken der Gesellschaft Jesu, die in S\u00fcdamerika die im Laufe der Zeit etwas beh\u00e4big gewordenen Franziskaner abl\u00f6sten. Wieder befremdet das Nebeneinander dieser Sinfonie aus Gold und Silber im dunklen Innenschiff der Kirche mit der \u00c4rmlichkeit der And\u00e4chtigen, sie schleichen sich an Monstranzen und Kapellengittern vorbei und ducken sich unter einem gro\u00dfen religi\u00f6sen Lehrgem\u00e4lde von Hernando de la Cruz gleich hinter dem Kircheneingang: Luzifer im Mittelpunkt der H\u00f6lle blickt auf die b\u00fc\u00dfenden S\u00fcnder, die ihn umgeben, Geile, Eitle, T\u00e4nzer, Gourmets und Klatschm\u00e4uler werden aufgespie\u00dft, gebraten und von allerlei Gez\u00fccht geplagt. Kaum zu glauben f\u00fcr ein jesuitisches Gem\u00fct jener Tage, da\u00df die meisten der hier abgebildeten Untugenden einer sp\u00e4teren liberaleren Gesellschaft als legitime Mittel der Selbstverwirklichung gelten werden.<br \/>\n\u00dcber die Rechtgl\u00e4ubigkeit des kolonialspanischen Quitensers wachte die aufmerksame Obrigkeit, und jedweder Kontakt zur Au\u00dfenwelt bedurfte der ausdr\u00fccklichen vizek\u00f6niglichen Genehmigung aus Lima. Es war daher ein seltenes und wissenschaftsgeschichtlich bemerkenswertes Ereignis, als im Jahre 1735 eine franz\u00f6sische Forschungsexpedition unter der Leitung von Charles Marie de la Condamine im Hochland von Quito nach dem exakten Verlauf des \u00c4quators forschen durfte. Wer will es dem Grafen verdenken, da\u00df er sich mit den bescheidenen Instrumentarien seiner Zeit um einige Kilometer verrechnete und seitdem Millionen Besucher eine dicke Bodenkerbe am \u00c4quatordenkmal, etwa f\u00fcnfundzwanzig Kilometer n\u00f6rdlich von Quito, entlangschlendern und sich ganz unberechtigt an dem kuriosen Glauben laben, gleichzeitig zwischen den beiden H\u00e4lften der Erdkugel hin und her zu pendeln. Die moderne geod\u00e4tische Widerlegung der alten Messung hat jedoch der Attraktion des &#8222;klassischen&#8220; Mitad del Mundo in keiner Weise Abbruch getan, seine touristisch komplett vermarktete Umgebung mit den unvermeidlichen Andenkenl\u00e4den, Caf\u00e9s und Boutiquen dokumentiert nur, da\u00df hinsichtlich der Konsumorientierung auch zwischen einer etwas ungenau vermessenen n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen Erdhalbkugel keine wesentlichen Unterschiede mehr bestehen. Das vorwiegend einheimische Publikum, das an dieser Stelle dankbar die weltweite Bedeutung des Vaterlandes genie\u00dft, hat seine Freude am historisch-\u00f6konomischen Ambiente, wandelt gern und langsam die B\u00fcstengalerie der Expeditionsteilnehmer von 1735 entlang, um dann unterhalb einer symbolisch geteilten Erdkugel das klassische Erinnerungsfoto zu sichern. Der wirkliche \u00c4quator, der dem Land ja immerhin seinen Namen gegeben hat, wurde bei der Nachmessung im Jahre 1949 einige Kilometer weiter n\u00f6rdlich fixiert. Wenig beachtet und mit einem recht bescheidenen Globus geziert, bietet er einen weiteren Beleg f\u00fcr die Erfahrung, da\u00df die geschichtliche Tradition jederzeit gegen die naturwissenschaftliche Richtigkeit obsiegen kann.<br \/>\nDer n\u00e4chste bedeutende Besucher Quitos erreichte die Stadt bereits im Vorfeld tiefgreifender politischer Ver\u00e4nderungen auf dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent. Als der junge Alexander von Humboldt am 6. Januar 1802, von Ibarra kommend, in Quito einritt, z\u00e4hlte die Stadt schon 35 000 Einwohner, deren bildungsbeflissene Oberschicht den jungen deutschen Gelehrten als K\u00fcnder eines lichteren europ\u00e4ischen Geistes begr\u00fc\u00dfte. Schon lange forderten die wei\u00dfh\u00e4utigen Kreolen Quitos und Guayaquils nicht anders als die gro\u00dfen Familien in Lima, Bogot\u00e1 und Buenos Aires mehr politische und wirtschaftliche Mitbestimmung vom spanischen Mutterland. Die wohlhabenden Gastgeber des deutschen Naturforschers, die nichts dabei fanden, ihre leibeigenen Indios notfalls an die Webst\u00fchle ketten zu lassen, stie\u00dfen mit ihren Klagen \u00fcber Unfreiheit und Ungerechtigkeit bei Alexander von Humboldt auf ein offenes Ohr, w\u00e4hrend sich die junge Herzogin von Selva-Alegre \u00fcber den Gast allerdings ein wenig wundert: &#8222;Bei Tisch verweilte er nie l\u00e4nger als notwendig war, um den Damen Artigkeiten zu sagen und seinen Appetit zu stillen. Sodann aber verschwand er nach drau\u00dfen, schaute jeden Stein an und sammelte Kr\u00e4uter.&#8220; Etwas \u00c4rger gab es auch, als Humboldt im Mai 1802 im zweiten Anlauf den Pichincha bestieg und gerade in dem Augenblick, als der Forscher einen begierigen Blick in den Kraterschlund riskierte, der Vulkan insgesamt durch f\u00fcnfzehn heftige Erdst\u00f6\u00dfe ersch\u00fcttert wurde, \u00fcbrigens eine Zahl, deren Genauigkeit wir Humboldt selbst verdanken, der w\u00e4hrend der Eruptionen nicht in Panik verfiel, sondern in vorbildlicher empirischer Arbeitshaltung die Anzahl der St\u00f6\u00dfe mitz\u00e4hlte. Die abergl\u00e4ubischen Quitenser aber schrieben dieses Beben einem teuflischen Pulver zu, mit dem der &#8222;Ketzer&#8220; den friedlichen Vulkan gereizt habe, und m\u00f6glicherweise hat nur die Guardia der von Humboldt so ausf\u00fchrlich kritisierten Kolonialverwaltung den Forscher und seine allseits mi\u00dftrauisch be\u00e4ugten Instrumente vor dem Volkszorn gerettet.<br \/>\nAus dieser undurchsichtigen Melange von kreolischem Fortschrittsglauben, Gesch\u00e4ftsgeist, Mystizismus und schnell entflammbarem Volksgem\u00fct heraus erscholl schon wenige Jahre nach Humboldts Abreise in Quito wie in anderen Metropolen des spanischen Kolonialreiches der &#8222;Grito de la Independencia&#8220;, der Beginn lang anhaltender revolution\u00e4rer Wirren, in deren Verlauf schlie\u00dflich der gesamte latein<br \/>\nFortsetzung auf der folgenden Seite<br \/>\namerikanische Kontinent die Unabh\u00e4ngigkeit errang. Eine der entscheidenden Schlachten dieser jahrzehntelangen K\u00e4mpfe entschied sich 1822 am Fu\u00dfe des Pichincha: Hier schlugen die kreolischen Truppen unter der F\u00fchrung des jungen Generals Antonio de Sucre die letzten spanischen Truppen in der Umgebung von Quito, und das gesamte heutige Ecuador wurde zusammen mit Kolumbien und Venezuela dem neu entstehenden Gro\u00df-Kolumbien unter der F\u00fchrung Simon Bolivars eingegliedert.<br \/>\nDer junge Antonio de Sucre, neben Bolivar und San Martin die bedeutendste Figur der lateinamerikanischen Befreiungskriege, durchma\u00df sein Leben wie ein Komet \u00fcber dem geschichtlichen Horizont der Anden. Als Mittzwanziger bereits mit den h\u00f6chsten milit\u00e4rischen Kommandos ausgestattet, wandte er sich nach dem Sieg am Pichincha nach S\u00fcden, wo die Spanier 1824 in der Entscheidungsschlacht bei Ayacucho ihr Kolonialreich endg\u00fcltig verloren. An den Aufenthalt Sucres in Quito zwischen 1826 und 1828 erinnert heute die Casa Sucre im Zentrum der Altstadt, ein luftiges, einst\u00f6ckiges Haus mit einem begr\u00fcnten Patio, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen das Lebens- und Wohngef\u00fchl der kreolischen Oberschicht vermittelt.<br \/>\nIm Empfangssaal der Casa haben die Besucher Gelegenheit, auf einem wandf\u00fcllenden \u00d6lgem\u00e4lde im Mienenspiel Bolivars und Sucres die typische kreolische Physiognomie jener Jahre zu studieren: k\u00fchn die Nase, willensstark das Kinn und hart der Ausdruck der Augen, denen f\u00fcr die anhaltende Unterprivilegierung der indianischen Urbev\u00f6lkerung der rechte Blick zu fehlen schien. Das ganze Haus, in dem der Marschall mit seiner ecuadorianischen Gemahlin Marquesa de Solenda lebte, dient der Repr\u00e4sentation und der Legendenbildung f\u00fcr eine neue Elite: Waffen hinter Glas, Schlachtpl\u00e4ne an den W\u00e4nden, Fahnen an den Decken, gepflegte Salons mit Parkettfu\u00dfb\u00f6den und Teppichen verdeutlichen, was aus einem f\u00e4higen Caudillo in unruhigen Zeiten alles werden kann.<br \/>\nNach der Ermordung Sucres im Alter von nur f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren verschwanden, wie man es sich von Reliquien gerne erz\u00e4hlt, die sterblichen \u00dcberreste des Marschalls, wurden dann aber wunderbarerweise in einer kleinen Kirche wiedergefunden und in einem prachtvollen Grab in der Kathedrale von Quito beigesetzt. Im Salon der Casa Sucre kann der Besucher dazu mehrere makabre Stilleben betrachten: Fotografien zeigen Sch\u00e4del und Knochen des gro\u00dfen Kriegers, mit T\u00fcchern und Degen drapiert, dazu ert\u00f6nt Verdis Requiem aus japanischen Lautsprechern.<br \/>\nAuf der Plaza Independencia endet der geschichtliche Rundgang durch Quito. In der Mitte des park\u00e4hnlichen Platzes k\u00fcndet die Columna de la Libertad von der endg\u00fcltigen Unabh\u00e4ngigkeit, die Ecuador durch seine Trennung von Kolumbien im Jahre 1830 erreichte. An der Basis der S\u00e4ule windet sich ein muskul\u00f6ser, aber versch\u00fcchterter L\u00f6we aus Stein, Symbol der geschlagenen spanischen Macht f\u00fcr die einen, Wahrzeichen der gescheiterten gro\u00dfkolumbianischen Ambitionen f\u00fcr die anderen. Alle wichtigen Verwaltungsgeb\u00e4ude der Stadt stehen an der Plaza Indepedencia, links die Kathedrale, die nach der p\u00fcnktlichen \u00e4quatorialen D\u00e4mmerung gegen 18.00 Uhr von einem malerischen Licht illuminiert wird, das Rathaus, der Palast des Erzbischofs und der zweist\u00f6ckige Pr\u00e4sidentenpalast, der nach der Volksmeinung deswegen so relativ flach geblieben ist, damit die Pr\u00e4sidenten im Notfall durch die Fenster im zweiten Stock genauso schnell aus dem Pr\u00e4sidentenb\u00fcro verschwinden k\u00f6nnen, wie sie vorher \u00fcber die breite Eingangstreppe hineingelangt sind.<br \/>\nAuch wenn die B\u00fcrgerkriege und gewaltt\u00e4tigen Regierungswechsel seit 1830 in Ecuador f\u00fcr lateinamerikanische Verh\u00e4ltnisse in einem bescheidenen Rahmen blieben, verliefen Machtergreifungen und Machtwechsel, kometenhafte Aufstiege und die \u00fcberraschende R\u00fcckkehr mancher Politiker doch immer noch erheblich lebhafter als in den westeurop\u00e4ischen Demokratien. Lateinamerikanischer Rekordhalter in diesem Metier ist Velasco Ibarra, der innerhalb von vier Jahrzehnten f\u00fcnfmal zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt (1934, 1944, 1952, 1960, 1968) und viermal gewaltsam verjagt wurde (1934, 1947, 1961, 1972) und dem es nur ein einziges Mal gelang, seine Amtszeit regul\u00e4r zum Ende zu bringen.<br \/>\nDiese Episoden spiegeln die st\u00fcrmische Entwicklung wider, die das gesamte Land seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ergriffen hat. Eine Zuwachsrate von weit \u00fcber drei Prozent j\u00e4hrlich hat die Bev\u00f6lkerungszahl Ecuadors auf \u00fcber elf Millionen Menschen hochgetrieben. Das einst \u00fcberschaubare Quito ist l\u00e4ngst zu einer Millionenstadt herangewachsen. Auch wenn das gr\u00f6\u00dfere und wirtschaftlich bedeutendere Guayaquil den Gro\u00dfteil jener urbanen H\u00e4\u00dflichkeit auf sich gezogen hat, die mit derartig st\u00fcrmischem Wachstum verbunden ist, beginnt die Beschaulichkeit des kolonialen Quito zu schwinden. Zwar bietet die Altstadt von Quito noch immer das Bild eines historischen Freilichtmuseums, in dem der Besucher zwischen Kirchen und Kl\u00f6stern, in den Casas und unter den Arkaden der zahlreichen Pl\u00e4tze der Stimmung vergangener Jahrhunderte nachsp\u00fcren kann, und auf den M\u00e4rkten rund um die Placa Independencia und vor der Kirche St. Francisco brodelt ein urspr\u00fcngliches indianisches Leben. Auf der anderen Seite aber wird der geschlossenste kolonialspanische Stadtkern, den eine s\u00fcdamerikanische Hauptstadt heute zu bieten hat, unverst\u00e4ndlicherweise tagt\u00e4glich von endlosen Blechlawinen durchpfl\u00fcgt. Ein kaum durchschaubares System von Einbahnstra\u00dfen bringt den \u00f6ffentlichen Verkehr in der Altstadt nahezu an jedem Werktag zum Erliegen. Da\u00df die Unesco die Altstadt von Quito zum kulturellen Menschheitserbe erkl\u00e4rt hat, bedeutet eben noch lange kein generelles Autoverbot f\u00fcr den Bereich zwischen dem Almeda-Park und dem Panecillo-H\u00fcgel. Nur manchmal, wenn der Pr\u00e4sident hohen Besuch erh\u00e4lt, wird die Altstadt von Quito weitr\u00e4umig f\u00fcr den Verkehr gesperrt. Dann traben Gardesoldaten auf Schimmeln den Staatskarossen voran. Die Stra\u00dfen sind frei. Die Luft ist besser. Und f\u00fcr einige Stunden wird jedem klar, wie sch\u00f6n das alte Quito ohne Autos sein k\u00f6nnte.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Quito und Umgebung unterwegs Es gibt durchaus St\u00e4tten, die nicht eben h\u00fcbsch sind, deren Wertigkeit aber durch ein markantes Wahrzeichen gewinnt. Das What Pra Keo in Bangkok oder das India Gate am Hafen von Bombay &#8211; sie bleiben dem Reisenden im Ged\u00e4chtnis und \u00fcberdecken die Erinnerung an M\u00fcllhalden, Slumsiedlungen und Verkehrschaos. 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