{"id":1212,"date":"2013-12-22T17:34:05","date_gmt":"2013-12-22T17:34:05","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1212"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"wo-der-kondor-kreist","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/wo-der-kondor-kreist\/","title":{"rendered":"Wo der Kondor kreist"},"content":{"rendered":"<h3>\u00a0<a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1214\" alt=\"b (8)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-8.jpg\" width=\"800\" height=\"540\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Eine Reise durch den Colca Canyon, die gr\u00f6\u00dfte Schlucht der Welt<\/h3>\n<p>Nach einer langen Nacht, in der die Atemnot, der Schwindel und der<br \/>\ntypische Kopfschmerz dieser H\u00f6henlagen den Reisenden plagt, erscheint endlich wie ein Auge der Sch\u00f6pfung, das sich unendlich langsam \u00f6ffnet, im Osten des topfebenen, 4600 Meter hohen Plateaus der Puna ein winziger Lichtstreifen am Horizont. Das fahle Morgenlicht illuminiert eine Szenerie wie vor der Geburt des Lebendigen: \u00f6de, tot und kahl, mit Findlingen, die seit Millionen Jahren genau an diesen Stellen zu liegen scheinen, und mit jenen gespenstischen Schatten, die wie die Fingerglieder einer Geisterhand dem vorbeiholpernden Gef\u00e4hrt die Richtung weisen. Im Nordwesten spuckt der Vulkan Sabacaya alle zwanzig Minuten riesige Aschenfont\u00e4nen in die Luft, und die dunkelgrauen Wolken, die der Andenwind sofort zerzaust, k\u00fcnden von der ungeheueren tektonischen Kraft, die hier tief im Erdinnern seit Urzeiten gespeichert ist und sich in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden gewaltsam entl\u00e4dt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-61.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1902\" alt=\"b (6)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-61.jpg\" width=\"800\" height=\"351\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von diesem urweltlichen Gesicht der Anden haben schon die Konquistadoren der zweiten Generation berichtet, die von Cusco oder Arequipa aus nach Chile und Argentinien aufbrachen und statt goldener St\u00e4dte steinerne G\u00e4rten des Todes fanden. Die meisten der grandiosen T\u00e4ler und Schluchten, die wie gr\u00fcne Kerben des Lebens das Hochplateau der Anden immer wieder durchbrechen, blieben ihnen verborgen,und wie der Colca-Canyon wurden manche T\u00e4ler erst in diesem Jahrhundert entdeckt. Hinter dem Patampa-Pa\u00df endet die Puna in einer dramatischen Zerkl\u00fcftung,und zum ersten Mal er\u00f6ffnet sich der Ausblick auf den Colca-Canyon, den angeblich tiefsten Schlund der Erde, in den nach den Aussagen peruanischer Reisef\u00fchrer der nordamerikanische Grand Canyon gleich zweimal hineinpassen soll. Es ist zweifellos ein imponierendes Panorama, das sich aus einer H\u00f6he von<br \/>\netwa 5000 Metern bietet, und doch fragt man sich, ob hier nicht die<br \/>\nFremdenverkehrswerbung ein wenig \u00fcbertrieben hat, denn eigentlich ist der<br \/>\nColca-Canyon eher ein Tal: eine knapp drei\u00dfig Kilometer lange und teilweise<br \/>\nmehrere Kilometer breite fruchtbare Einbuchtung, die sich nur nach S\u00fcdosten hin zu einer Schlucht verengt, die mit einigem guten Willen an bestimmte Perspektiven des Grand Canyons erinnern mag.<\/p>\n<p>Aber ob Canyon, Schlcuht oder Tal &#8211;\u00a0eine Reise hierher lohnt sich allemal. Seitdem der peruanische Pilot Gonzalo de Reparaz im Jahre 1954 das Tal<br \/>\nzuf\u00e4llig entdeckte, erschlo\u00df sich eine vorspanische Welt mit autochthonen<br \/>\nIndios, Inka-Terrassen, hei\u00dfen Quellen und der gr\u00f6\u00dften Kondor-Kolonie der Erde, und bis heute gleicht die Fahrt durch das Colca-Tal einer Reise in den<br \/>\nGrenzbereich von Realit\u00e4t und Imagination. W\u00fcrden nicht inzwischen wei\u00dfe<br \/>\nKolonialkirchen die kleinen Plazas der wenigen Siedlungen pr\u00e4gen, f\u00e4nde man hier ein St\u00fcck S\u00fcdamerika, das so aussieht, als sei es niemals von Europ\u00e4ern ber\u00fchrt worden. Nach dem Abstieg ins Tal wechselt die Szenerie abrupt: Das fahle Grau der Hochebene weicht dem Zusammenspiel von Lehmbraun und Gr\u00fcn, den Farben des fruchtbaren Lebens, das sich in einer H\u00f6he von drei- bis viertausend Metern in einer erstaunlichen Vielfalt ausbreitet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-9-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1903\" alt=\"b (9-4)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-9-4.jpg\" width=\"771\" height=\"429\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wie \u00fcberall in den Anden basiert die landwirtschaftliche Produktivit\u00e4t auf dem traditionellen Terrassenbau, einer Kultivierungsform, die sich seit den Zeiten der Inkas von Ekuador bis Chile durchgesetzt hat und die nicht einfach nur als Antwort auf die besondere Bodenbeschaffenheit, sondern als die ingenieurwissenschaftliche L\u00f6sung bestimmter Grundprobleme der Bew\u00e4sserung verstanden werden muss.<br \/>\nZun\u00e4chst verhindert das System der durch alle Etagen flie\u00dfenden und in einen Talstrom m\u00fcndenden Rinnen-Bew\u00e4sserung jenes Elend, mit dem auf Dauer fast jeder flach betriebene Feldanbau zu k\u00e4mpfen hat: die Versalzung und Bodenerosion. Dazu aber m\u00fcssen die Terrassen mit Steinr\u00e4ndern und Treppenstufen genau in dem Neigungswinkel erbaut werden, der die richtige Wassermenge pro Ackerparzelle garantiert, eine schmale Gratwanderung zwischen Austrocknen und Verschlammen, die nur durch eine exakte Gesamtplanung des Berghanges zu bew\u00e4ltigen ist. F\u00fcr diese architektonische Gestaltung benutzten die Inkas in Ermangelung geod\u00e4tischer Instrumentarien kleine Miniaturmodelle, die Lito Marquetas. Sie wurden in jener Entfernung von den Terrassenanlagen errichtet, von der aus mit<br \/>\ndem blo\u00dfen Auge das richtige etappenweise Wachstum des Berghanges im Vergleich zum Steinmodell \u00fcberpr\u00fcft werden konnte. W\u00e4hrend die meisten dieser Lito Marquetas im peruanischen Andenraum verlorengingen oder zerst\u00f6rt wurden, kann man im Colca-Tal zwischen Chivay und Maca von der Stra\u00dfe aus die \u00dcbereinstimmung von Modell und Originalsch\u00f6pfung bewundern &#8211; steingewordene Blaupausen eines planenden Willens.<\/p>\n<p>Die Erde, die in m\u00fchevoller Arbeit auf die einzelnen Terrassen zu verteilen war, wird heute noch wie zu den Zeiten Pachacutecs und Athahualpas mit einfachsten Werkzeugen bearbeitet: In die mit Grabstock und Hacke gezogenen Furchen werden im Colca-Tal wie \u00fcberall in den<br \/>\nAnden Kartoffeln, Mais, Maniok und Bohnen gepflanzt. Eine wahre Wunderfrucht ist dabei die Kartoffel, die hier, das gro\u00dfe Geschenk der Neuen an die Alte Welt, in \u00fcber zwei Dutzend Arten geerntet und deren widerstandsf\u00e4higste Sorten bis hinauf in H\u00f6hen von 5000 Metern gedeihen. Trotzdem ist das Leben au\u00dferordentlich karg. Das einzige, was es hier in \u00dcberflu\u00df gibt, ist das \u00fcberklare Licht, das unter einem glei\u00dfenden Andenhimmel die erdnahen Konturen aufzul\u00f6sen scheint: Die Augen schmerzen beim Blick auf die wei\u00dfgekalkte Kirche von Chivay, und die wenigen Menschen, die in der Mittagszeit in der N\u00e4he der Plaza von Yanque zu sehen sind, bewegen sich durch eine Galerie von schmalen<br \/>\nSchattentunneln in den engen Gassen der kleinen Ortschaften. Alle H\u00e4user sind unverputzt, mit Stroh gedeckt und gegen jegliches Licht von au\u00dfen komplett abgedichtet, K\u00fche, Schweine und Hunde liegen ermattet in der stechenden Sonne, und die kleinen Kinder, die zu dieser Stunde im Dorf umherlaufen, beginnen zu weinen, wenn sie einem Fremden begegnen. Die Indios, die man bei der Feldarbeit beobachten kann, sind klein und gedrungen. Reisenden begegnen sie freundlich, aber zur\u00fcckhaltend, vielleicht weil sie fast alle die alte Inka-Sprache Quechua sprechen und nur wenig Spanisch verstehen. Ihr pittoreskes Aussehen mit bunten<br \/>\nH\u00fcten, Ponchos, Sch\u00fcrzen und Alpaka-Pullovern kann \u00fcber die gnadenlose H\u00e4rte des Alltags nicht hinwegt\u00e4uschen. Die Intensit\u00e4t der ultravioletten<br \/>\nSonneneinstrahlung l\u00e4\u00dft die Lippen aufrei\u00dfen, und die Wangen der Erwachsenen und Kinder, die sich durch T\u00fccher, M\u00fctzen oder H\u00fcte nur unzureichend sch\u00fctzen k\u00f6nnen, sehen aus wie entz\u00fcndete Brandwunden. Vom Colca-Tal aus ist der Vulkan Sabacaya gut zu sehen. Seine fotogenen Ascheneruptionen bedeuten f\u00fcr die Bewohner des Tals ein best\u00e4ndiges Memento mori: Zwei Erdplatten schieben sich hier unter dem s\u00fcdperuanischen Andenhochland ineinander, und die Energien, die<br \/>\nsich dabei im Innern der Erde ballen, entladen sich in periodischen Beben,<br \/>\nmeist folgenlos in den unbewohnten Weiten der Puna, aber immer wieder auch vernichtend in den wenigen Inseln des Lebens, in denen der Mensch in<br \/>\njahrhundertelangem Flei\u00df von einer kargen Natur ein bescheidenes Auskommen ertrotzte.<br \/>\nIn den Mittagsstunden des 23. Juli 1991 traf das Unheil den kleinen Ort Maca,<br \/>\nganz in der N\u00e4he des Lito Marqueta. Innerhalb weniger Sekunden legte ein<br \/>\nDutzend Erdst\u00f6\u00dfe die Siedlung in Schutt und Asche, und nur weil der Gro\u00dfteil<br \/>\nder Einwohner bei der Feldarbeit war, gab es nicht mehr als vierzehn Tote. Die Decke der Grundschule st\u00fcrzte ein und begrub sieben Kinder unter sich, allein die kreidebeschriebene Tafel blieb stehen, und sie ist noch heute wie ein Mahnmal bei einem Rundgang durch die Ruinen des Dorfes zu besichtigen. In der Kirche, deren Altarraum wie ein Kartenhaus zusammenbrach, fanden drei Gl\u00e4ubige den Tod, und der Alkalde des Dorfes wurde von einem Balkon erschlagen. Die Einwohner von Maca beschlossen, ihren Heimatort f\u00fcr immer zu verlassen, und als h\u00e4tten sie mit diesem Ort des Ungl\u00fccks f\u00fcr immer gebrochen, verschlossen sie den Eingang der zerst\u00f6rten Kirche. In einer Entfernung von einem guten Kilometer haben sie in Zelten Unterschlupf gefunden und blicken tagt\u00e4glich auf die Rauchwolken des Sabacaya in der Ferne und die erhalten gebliebenen wei\u00dfen<br \/>\nKircht\u00fcrme ihres ehemaligen Dorfes.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-9-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1904\" alt=\"b (9-2)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/b-9-2.jpg\" width=\"800\" height=\"532\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nicht weit von den Terrassen der jetzt unbehausten Macenser entfernt, verengt sich das Tal wirklich zu einer Schlucht, und von den R\u00e4ndern der Cruz-el-Condor-Aussichtsplattform fallen die steinernen W\u00e4nde schier ins Bodenlose. Vor dem \u00fcber 1200 Meter tief abst\u00fcrzenden Schlund<br \/>\nverliert auch das menschliche Auge seine Kraft zur Anschauung: Das unendliche Wei\u00dfblau des Himmels und die konturenlose Senkrechte verwirren das Gef\u00fchl f\u00fcr Entfernungen, und hilflos steht der Mensch vor Dimensionen, die seine Wahrnehmungsf\u00e4higkeit \u00fcbersteigen. Erst wenn in einer kaum noch erkennbaren Tiefe Wesen als winzige Punkte sichtbar werden, die in majest\u00e4tischem Gleitflug \u00fcber den Abgr\u00fcnden kreisen, werden die Ausma\u00dfe von Breite und Tiefe wieder fa\u00dfbar. Die Kondore der Colca-Schlucht beginnen hier ihren oft \u00fcber 100 Kilometer langen Flug, der sie weit \u00fcber das Tal und die Berge in Richtung K\u00fcste und am Abend, mit Aas ges\u00e4ttigt, wieder heimw\u00e4rts f\u00fchrt. Die gr\u00f6\u00dften Raubv\u00f6gel der Erde, deren Fl\u00fcgelspannweite fast drei Meter erreicht und die dank der starken Aufwinde in nicht mehr sichtbare H\u00f6hen entschwinden k\u00f6nnen, leben in der N\u00e4he des Cruz el Condor in einer Kolonie von etwa f\u00fcnfzig V\u00f6geln in unerreichbaren und einsamen Felsenhorsten. Nirgendwo sonst in der Welt ist es m\u00f6glich, den geheimnisvollsten aller exotischen V\u00f6gel so in der freien Natur zu beobachten. Ihr Bestand geht immer mehr zur\u00fcck. Nach Sch\u00e4tzungen liegt die gesamte s\u00fcdamerikanische Population bei nicht mehr als eintausend Exemplaren, wobei die H\u00e4lfte in Peru leben soll. Die Weltabgelegenheit des Colca-Tals und die Strapazen der Anreise haben es bislang verhindert, da\u00df in den Morgen- und Abendstunden die Kondore von einem Blitzlichtgewitter erwartet werden, und weil der Auftritt neugieriger Zweibeiner am Rande der Kondor-Schlucht noch immer Seltenheitswert hat, n\u00e4hern sich die V\u00f6gel manchmal dem Menschen, \u00fcberfliegen in elegantem Kreisen die R\u00e4nder der Schlucht, zeigen im Schr\u00e4gflug ihre wei\u00dfen Schulterfedern und die Patrizierkrause, und manchmal streift ein m\u00e4chtiger Schatten den Fremdling, ehe sich der Kondor mit seinen federgespitzten Riesenschwingen in der blauen Unendlichkeit verliert<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1906\" alt=\"image008\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image008.jpg\" width=\"546\" height=\"483\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Eine Reise durch den Colca Canyon, die gr\u00f6\u00dfte Schlucht der Welt Nach einer langen Nacht, in der die Atemnot, der Schwindel und der typische Kopfschmerz dieser H\u00f6henlagen den Reisenden plagt, erscheint endlich wie ein Auge der Sch\u00f6pfung, das sich unendlich langsam \u00f6ffnet, im Osten des topfebenen, 4600 Meter hohen Plateaus der Puna ein winziger &hellip; 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