{"id":1206,"date":"2013-12-22T15:58:31","date_gmt":"2013-12-22T15:58:31","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1206"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"nicht-einmal-der-himmel-will-mehr-leuchten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/nicht-einmal-der-himmel-will-mehr-leuchten\/","title":{"rendered":"Nicht einmal der Himmel will mehr leuchten"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/a-1.2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1210\" alt=\"a 1.2\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/a-1.2.jpg\" width=\"800\" height=\"527\" \/><\/a><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Lima &#8211; Impressionen aus einer schrecklichen Stadt<\/h3>\n<p>Der erste Eindruck von Lima ist niederschmetternd. Als h\u00e4tte Riesenmonster in Anf\u00e4llen ohnm\u00e4chtiger Wut auf die Peripherie der Stadt eingedroschen, bietet sich ein Bild wie nach einem Bombenangriff: Krater, Tr\u00fcmmerfelder, halbeingest\u00fcrzte Wohnh\u00e4user, auf und in denen die Menschen herumkrabbeln wie die Ameisen in ihrem Bau. Der Himmel, der Putz, der von den wenigen intakten H\u00e4usern f\u00e4llt, die Gitterst\u00e4be, die alle Fenster und T\u00fcren dieser H\u00e4user umgeben: alles ist von einem gesichtslosen Grau, der Farbe des Elends.<\/p>\n<p>In Lima hat die Armut ihre sonnige T\u00fcnche verloren, jene Licht- und Palmenverkl\u00e4rung, die sogar noch das Chaos in Delhi oder Kalkutta mit einem tr\u00fcgerischen Glanz tropischer Folklore umgibt. Hier in den Vororten offenbart sich die Natur des Elends an sich: ein allgegenw\u00e4rtiger Substanzverlust, der am Nerv des Lebens zehrt und die soziale Ordnung zerfri\u00dft, ein unabl\u00e4ssiger Schwund an Lebenswertem bis unter die Grenze des Ertr\u00e4glichen. Unter dem ewig gleichen Garua-Himmel leben elf Millionen Peruaner in einem Kampf aller gegen alle, der im besten Falle zum \u00dcberleben, nicht aber zu einer wirklichen Verbesserung der Situation f\u00fchren kann. Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat es auf den Punkt gebracht: &#8222;Wenn man in Lima lebt, mu\u00df man sich entweder an das Elend oder den Schmutz gew\u00f6hnen oder verr\u00fcckt werden oder sich umbringen.&#8220;<br \/>\nVerr\u00fcckte gibt es in Lima genug. In ideologischen Wahnwelten befangen, legen sie Bomben an Bushaltestellen, an Marktst\u00e4nden und in Grundschulen und feiern die Morde als den gerechten Befreiungskampf der Arbeiter- und Bauernklassen. Selbstm\u00f6rder fallen in dieser Stadt weniger auf, da die Wahrscheinlichkeit, von fremder Hand zu sterben, hier ohnehin h\u00f6her ist als irgendwo sonst in der Welt. Die Mehrzahl aber k\u00e4mpft tats\u00e4chlich damit, sich an Schmutz, Elend und Kriminalit\u00e4t zu gew\u00f6hnen. Wachsam und konzentriert gehen die meisten \u00fcber die Stra\u00dfen, vor\u00fcber am Reiterdenkmal des Libertadors San Martin, einst befreit und doch in der allt\u00e4glichen Angst befangen, dass von jedem Mitmenschen Bedrohung ausgehen kann. Abends sind die gro\u00dfen Pl\u00e4tze weitr\u00e4umig abgesperrt, schwerbewaffnete Polizisten, manchmal sogar vermummt, mit Maschinengewehren und Gummikn\u00fcppeln patrouillieren vor dem Pr\u00e4sidentenpalast, der Hauptpost, allen \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden. Panzer bewachen die Einfallstra\u00dfen zur Plaza de Armas und zur Plaza San Martin. Wie leergefegt ist dann die Stadt. Nur noch Soldaten, Kriminelle und Touristen schleichen durch die Nacht.<\/p>\n<p>Hinter Miraflores, dem vornehmsten Viertel der Stadt, jenseits der Perez Aranibar, branden die kalten Brecher des Pazifiks an die K\u00fcste. Hier liegen, soweit sie diesen Namen \u00fcberhaupt verdienen, Limas Str\u00e4nde. Sie sind in drei Kategorien eingeteilt, deren Zuordnung sich von Jahr zu Jahr verschiebt: &#8222;Una playa ordinaria&#8220; f\u00fcr die wenigsten, &#8222;pelligroso&#8220; und &#8222;muy pelligroso&#8220; f\u00fcr den Rest, wobei allerdings offenbleibt, was lebensgef\u00e4hrlicher ist &#8211; im Meer zu baden oder allein am Strand entlangzuspazieren.<\/p>\n<p>Lebensgef\u00e4hrlichen Pr\u00fcfungen setzten sich die Fischer Limas in den letzten Jahren freiwillig aus: vor laufenden Kameras verspeisten sie &#8222;Cebiche&#8220;, einen einstmals hochger\u00fchmten peruanischen Salat aus rohen Fischst\u00fccken, der in den Verdacht geraten war, der Ursprungsherd der s\u00fcdamerikanischen Cholera zu sein. Die inzwischen l\u00e4nder\u00fcbergreifende Krankheit wurde zuerst in Peru publik, und da hier zun\u00e4chst die \u00c4rmsten der Armen, eben die Konsumenten des Cebiche-Fisch-Salats, erkrankten, setzte sich schnell die Auffassung durch, dass zu den Plagen Perus nunmehr neben dem Terror, der Armut und der Kriminalit\u00e4t auch die Cholera geh\u00f6re. Ob diese Seuche aber wirklich ihren Ursprung an der peruanischen K\u00fcste hat oder, wie es die Peruaner glauben, sich aus nach S\u00fcdamerika verschifften, verrotteten asiatischen Fischbest\u00e4nden entwickelte, wird sich nicht mehr endg\u00fcltig kl\u00e4ren lassen. F\u00fcr die peruanische Fischereiindustrie, die ohnehin mit Richtungs\u00e4nderungen des n\u00e4hrstoffhaltigen Humboldtstroms und einer allgemeinen \u00dcberfischung zu k\u00e4mpfen hat, war diese Entwicklung jedenfalls eine Katastrophe.<\/p>\n<p>Was soll ein Reisender in dieser Stadt? An dem Gef\u00fchl, einem gef\u00e4hrlichen Ort seine Reize zu entrei\u00dfen, wird man sich nicht sonderlich lange erquicken k\u00f6nnen, denn diese Stadt verf\u00fcgt \u00fcber keine Reize, die einen l\u00e4ngeren Aufenthalt lohnen. Es gibt in Lima keine urbane Illusion, und auch die Tr\u00f6stungen der Kunst und Kultur entfalten keine wirkliche Kraft. Die Kirchenfassaden, \u00fcberwiegend restauriert, sind aus irgendeinem unerfindlichen Grund nahezu s\u00e4mtlich gelb angestrichen, als sei der fehlende Sonnenglanz durch die Farbe des Putzes zu ersetzen. Kanzeln und Chorgest\u00fchle und vor allem die ziselierten Holzbalkone am Torre-Taglia-Palast und am Sitz des Erzbischofs, manche Innenh\u00f6fe der kolonialspanischen Casas und die verschiedenen Museen der Stadt brauchen zwar den Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Hauptst\u00e4dten nicht zu scheuen, doch angesichts des sozialen Desasters f\u00e4llt eine rein \u00e4sthetische Betrachtung schwer. M\u00e4\u00dfig begr\u00fcnt und staubig sind die Kreuzg\u00e4nge von San Augustin und Santo Domingo, verfallene Sch\u00f6nheiten unter einem bleifarbenen Himmel. Wie die Erinnerung an eine ordentlichere Geschichte wirken die fein s\u00e4uberlich nach Knochenarten sortierten Gebeine von \u00fcber 60 000 Skeletten in den Katakomben von San Francisco. Oberhalb der Erde jedoch bleiben die Kirchen leerer als in anderen s\u00fcdamerikanischen St\u00e4dten, und fast scheint es, als versage nicht nur die Kunst, sondern auch die Religion im Angesicht der urbanen Katastrophe. &#8222;Auch wenn der Glaube noch so stark ist, es kommt der Augenblick, wo man sagt: es reicht!&#8220; l\u00e4\u00dft Mario Vargas Llosa einen seiner Protagonisten in dem Roman &#8222;Maytas Geschichte&#8220; sagen. &#8222;Gegen soviel Ungerechtigkeit kann man nicht mit dem Versprechen des ewigen Lebens angehen. Weil ich gesehen habe, dass die H\u00f6lle schon in den Stra\u00dfen Limas war.&#8220;<\/p>\n<p>Die M\u00e4rkte, einstmals mi\u00dfverstanden als Nistpl\u00e4tze einer zukunftsweisenden Schatten\u00f6konomie, sind heute nur noch Umschlagpl\u00e4tze der D\u00fcrftigkeit &#8211; und die gef\u00e4hrlichsten Orte f\u00fcr Touristen auch am hellichten Tage, weil sich im Umkreis dieser bescheidenen Lebendigkeit am ehesten vergessen l\u00e4\u00dft, wo man sich befindet. Mich ereilte ein glimpfliches Ungl\u00fcck im Umkreis des Wochenmarktes an der Plaza Bolivar, und es verlief in einer Schnelligkeit und Pr\u00e4zision, die an das Beuteverhalten von Raubtieren erinnerte. Ohne jeglichen \u00dcbergang sprang aus einer Passantengruppe pl\u00f6tzlich ein kleiner Peruaner an und ri\u00df mit einem einzigen geschickten Griff die Armbanduhr vom Gelenk. Einige Kumpane standen bereit, sich in den Weg zu werfen, wenn man lebensm\u00fcde genug ist, die Verfolgung aufzunehmen. Niemand in der Umgebung regte sich besonders auf, und das Kopfsch\u00fctteln der Umstehenden bezog sich wahrscheinlich mehr auf meinen Leichtsinn, eine Uhr am offenen Gelenk zu tragen, als auf den Raub als solchen.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Stadt, am Rande der Plaza de Armas, in der N\u00e4he der Kathedrale und des Pr\u00e4sidentenpalasts, steht das monumentale steinerne Denkmal des Stadtgr\u00fcnders Francisco Pizarro. \u00dcberlebensgro\u00df scheint der furchtbare Eroberer auf den Platz zu reiten, sein hartes Eroberergesicht blickt ohne Gnade geradeaus, dorthin, wo sich die Sch\u00e4tze und der Tod befinden, der Helmbusch flattert im Wind, und der rechte Arm ist angewinkelt, als wolle er jeden Augenblick ein neues Gemetzel befehlen. Alles an der gu\u00dfeisernen schwarzen Skulptur strahlt Bewegung aus, nichts kann, so scheint es, diesen Schl\u00e4chter bremsen, der nach der Ermordung des letzten Inkaherrschers im Jahre 1535 die Stadt an der K\u00fcste nur deswegen gr\u00fcndete, um seine Beute schneller sammeln und verwerten zu k\u00f6nnen. Mit dem Aufstieg Limas zur peruanischen Hauptstadt begann nach Vargas Llosa &#8222;f\u00fcr alle St\u00e4dte, V\u00f6lker und Kulturen der Anden ein irreversibler Proze\u00df des Verfalls und der Unterjochung durch dieses neue Zentrum des nationalen Lebens, das man an der unges\u00fcndesten Stelle der K\u00fcste errichtet hatte, von wo aus es in ungebrochener Kontinuit\u00e4t s\u00e4mtliche Energien des Landes an sich ziehen und f\u00fcr sich nutzbar machen sollte&#8220;.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re es falsch, die Str\u00f6me von Blut, die die spanischen Eroberer bei der Vernichtung des Inkareiches vergossen, als Menetekel und Ursprung der gegenw\u00e4rtigen Krise zu verstehen. Lima hat durchaus lange Jahrhunderte einer ruhigeren Geschichte hinter sich, allerdings immer vom Terror kolonialistischer Ausbeutung zu Lasten der Indios gepr\u00e4gt, ohne sich aber darin wesentlich von La Paz, Bogot\u00e1 oder Quito zu unterscheiden. Allerdings war Lima von Anfang an eine ungesunde Stadt f\u00fcr Ausl\u00e4nder: nur wenige Jahre nach Gr\u00fcndung der Stadt wurde bereits der Franzose Mateo Salade nur deswegen bei lebendigem Leibe verbrannt, weil er sich an einigen chemischen Experimenten versucht und dadurch das Mi\u00dftrauen der Inquisition erweckt hatte.<\/p>\n<p>Das Inquisitionsmuseum an der Plaza Bolivar bietet heute Gelegenheit, einen Blick aus der traurigen Gegenwart in eine d\u00fcstere Vergangenheit zu werfen und jene Folterinstrumente zu studieren, mit denen die Kirchenobrigkeit die H\u00e4resie jedes Geschlechts und jeder Rasse bek\u00e4mpfte. Alexander von Humboldt, der 1802 in Lima den s\u00fcdlichsten Punkt seiner S\u00fcdamerika-Reise erreichte, beschreibt die Atmosph\u00e4re der Stadt so: &#8222;In Lima selbst konnte ich nichts \u00fcber Peru lernen. Dort besch\u00e4ftigt man sich niemals mit Dingen, welche die allgemeine Gl\u00fcckseligkeit im K\u00f6nigreich betreffen. Lima ist mehr getrennt von Peru als London, und wenn man auch in keinem Teil des spanischen Amerika durch zuviel Patriotismus s\u00fcndigt, so kenne ich doch keine andere Gegend, in der dieses Gef\u00fchl st\u00e4rker ausgel\u00f6scht ist. Kalter Egoismus beherrscht alle Menschen, und was nicht einer selbst erleidet, ber\u00fchrt keinen.&#8220;<br \/>\nWie aber konnte es von dieser scheinbar prophetischen Impression zum gegenw\u00e4rtigen Endstadium der urbanen Katastrophe kommen? Jedes einzelne der Probleme, mit denen die Bewohner Limas tagt\u00e4glich zu k\u00e4mpfen haben, besch\u00e4ftigt von Zeit zu Zeit auch die Verwaltungen anderer St\u00e4dte: \u00fcberbordende Kriminalit\u00e4t hier, politischer Terror dort, staatlicher B\u00fcrokratismus und Korruption, Armut, \u00dcberbev\u00f6lkerung und Seuchen. Dass sich alle diese Plagen aber an einem Ort der Erde versammeln, d\u00fcrfte einmalig sein. Es ist fast so, als b\u00fc\u00dfe Lima f\u00fcr die S\u00fcnden aller St\u00e4dte, und als w\u00e4re dies noch nicht genug, str\u00f6men jedes Jahr Hunderttausende aus dem Andenraum hierher.<\/p>\n<p>In der heutigen Gestalt Limas kommt die Geschichte der Stadt an ihr Ende und zugleich an ihren Anfang zur\u00fcck. Geschaffen als ein Ort besonderen Rechts, war sie immer auch ein Raum besonderer Lebens-und Begegnungsm\u00f6glichkeiten, Sammelpunkt fortschrittlichen Denkens und Startplatz unz\u00e4hliger Revolutionen. W\u00e4hrend es aber in den meisten der stark expandierenden Metropolen wie S\u00e3o Paulo, Mexiko-Stadt, Kairo oder Bombay noch immer eine wenn auch nur oberfl\u00e4chliche Differenz zwischen Zentrum und Peripherie gibt und einen Bereich leidlicher \u00dcberschaubarkeit und Sicherheit in den Stadtmitten, ist dies hier nicht mehr so. Die Peripherie der Stadt, in der das Gesetz des St\u00e4rkeren den Rhythmus des Lebens diktiert, hat inzwischen auch das alte Zentrum \u00fcbermannt.<br \/>\nEs ist beklemmend, wie genau Vargas Llosa in seinem 1984 erschienenen Roman &#8222;Maytas Geschichte&#8220; den weiteren Verlauf dieses Prozesses vorausgesehen hat: &#8222;Der Wohlstand von Miraflores und San Isodoro verf\u00e4llt und verkommt in Lince und La Victoria, lebt im Zentrum tr\u00fcgerisch wieder auf mit den schweren Massen der Banken, Kredit-genossenschaften und Versicherungsgesellschaften &#8211; zwischen denen sich jedoch der Wildwuchs promiskuitiver Elendsquartiere und uralter H\u00e4user ausbreitet, die wie ein Wunder noch nicht zusammengefallen sind -, w\u00e4hrend die Stadt dann im Bajo el Puente genannten Teil, auf der anderen Seite des Flusses, in offene Felder zerfasert, an deren R\u00e4ndern H\u00fctten und Strohmatten und Bauschutt aus dem Boden geschossen sind, Elendsviertel von Abfallhalden durchwuchert, die kilometerlang aufeinanderfolgen. In diesen Randzonen Limas herrschte fr\u00fcher vor allem Armut. Jetzt sind es auch Blut und Terror.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lima &#8211; Impressionen aus einer schrecklichen Stadt Der erste Eindruck von Lima ist niederschmetternd. Als h\u00e4tte Riesenmonster in Anf\u00e4llen ohnm\u00e4chtiger Wut auf die Peripherie der Stadt eingedroschen, bietet sich ein Bild wie nach einem Bombenangriff: Krater, Tr\u00fcmmerfelder, halbeingest\u00fcrzte Wohnh\u00e4user, auf und in denen die Menschen herumkrabbeln wie die Ameisen in ihrem Bau. 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