{"id":1192,"date":"2013-12-22T15:46:53","date_gmt":"2013-12-22T15:46:53","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1192"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"nur-ein-punkt-in-der-weite-des-ozeans","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/nur-ein-punkt-in-der-weite-des-ozeans\/","title":{"rendered":"Nur ein Punkt in der Weite des Ozeans"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/5-Cook-31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1194\" alt=\"5-Cook (3)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/5-Cook-31.jpg\" width=\"784\" height=\"457\" \/><\/a><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Rarotonga &#8211; Impressionen einer s\u00fcdpazifischen Insel<\/h3>\n<p>Ein hellblauer Teppich, \u00fcberw\u00f6lbt von wei\u00dfen Sch\u00f6nwetterwolken und ausgeleuchtet von der milden Sonne des s\u00fcdlichen Pazifik &#8211; das ist die Ansicht ozeanischer Unendlichkeit, die der Flugpassagier zwischen Samoa und Tahiti Stunde um Stunde aus einer H\u00f6he von achttausend Metern bestaunen kann. Alles ist blau: der Stille Ozean auf der Landkarte, das Meer unter dem Flugzeug, und sogar die Stewardessen bedienen im taubenblauen Kost\u00fcm. Von Australien, Neuseeland und Samoa aus \u00f6stlich werden die polynesischen Inseln immer kleiner, und f\u00fcr einen Moment f\u00fcrchtet man, die Maschine k\u00f6nnte in dieser Grenzenlosigkeit ihr Ziel verfehlen. Dies w\u00e4re nichts Neues: Eine von Mexiko aus gestartete spanische Expedition, die im Auftrag Philipps II. nach sagenhaften Goldimperien in der S\u00fcdsee fahnden sollte, segelte 1595 an Inseln mit bemerkenswert sch\u00f6nen Menschen vor\u00fcber und landete viel weiter westlich in Melanesien auf einer Insel ohne Gold, aber voller Menschenfresser. Captain Cook durchquerte fast zwei Jahrhunderte sp\u00e4ter den S\u00fcdpazifik auf der Suche nach der legend\u00e4ren Terra australis, landete auf einigen Atollen und hinterlie\u00df in diesem Winkel der Erde nichts als seinen Namen f\u00fcr ein paar weitverstreute Inselchen, die seit dem 19. Jahrhundert als \u201eCook Islands\u201c in die nun immer vollst\u00e4ndigeren Atlanten der Welt eingezeichnet wurden. Den gr\u00f6\u00dften und sch\u00f6nsten unter den f\u00fcnfzehn Erdflecken in der s\u00fcdlichen Mitte des Stillen Ozeans hat er wahrscheinlich wie Moses das Gelobte Land nur von ferne gesehen: Rarotonga, das Juwel der S\u00fcdsee, dem sich die Maschine nun n\u00e4hert, von dem aber noch immer nichts zu sehen ist. \u00dcberhaupt: F\u00fcnfzehn winzige Inseln, von einer launischen Natur auf einer Fl\u00e4che von fast zwei Millionen Quadratkilometer Ozean verteilt, sind eine ungerecht karge Erinnerung an den letzten gro\u00dfen Weltumsegler &#8211; etwa im Vergleich zum geschw\u00e4tzigen Amerigo Vespucci, nach dem ein ganzer Kontinent benannt wurde. Andererseits: Kann es f\u00fcr einen Seefahrer eine passendere Ehrung geben als die Patenschaft f\u00fcr ein Territorium, das zu fast 99 Prozent aus Wasser besteht?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich und unvermittelt sind wir gelandet, und wer nicht am richtigen Fenster sa\u00df, hat den Blick auf die Hauptinsel der Cook Islands verpasst. Unter den Flugh\u00e4fen der Erde ist der von Rarotonga wohl auch deswegen einer der winzigsten, weil die gesamte Insel kaum gr\u00f6\u00dfer ist als etwa Chicago O&#8217;Hare oder J. F. Kennedy in New York. Mitten in einer bescheidenen Glashalle, in der die Gep\u00e4ckausgabe, die Zoll- und die Pa\u00dfkontrollen abgewickelt werden, spielt ein sehr englisch wirkender Banjospieler zur Begr\u00fc\u00dfung der wenigen Touristen auf einem kleinen Podest muntere S\u00fcdseeweisen. Mit polynesischer Freundlichkeit und britischer Akribie werden die Einreiseformalit\u00e4ten abgewickelt, tief blickt mir der wuchtige Zollinspektor in die Augen, als wolle er pr\u00fcfen, ob sich hinter meiner Erscheinung nicht etwa doch einer jener wenig gesch\u00e4tzten &#8222;Low-Budget-Touristen&#8220; verberge, auf deren nicht besonders ertragreichen und umweltbelastenden Besuch man auf den Cook Islands gerne verzichtet. Hat der Reisende diese Musterung \u00fcberstanden, geleitet ihn eine w\u00fcrdige \u00e4ltere Dame, eine Mischung zwischen polynesischer K\u00f6niginmutter und englischer Gouvernante, gleichwohl mit Blumengirlanden bekr\u00e4nzt, zum Informationsschalter und zum Taxistand.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/5-Cook-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1195\" alt=\"5-Cook (6)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/5-Cook-6.jpg\" width=\"800\" height=\"536\" \/><\/a><\/p>\n<p>Klein ist sch\u00f6n. Jeder Bundesligazahlmeister m\u00fcsste verzweifeln, wenn regelm\u00e4\u00dfig nicht mehr als die gesamte Einwohnerschaft Rarotongas als zahlende Zuschauer zu den Heimspielen erschiene, und doch sind die gut zehntausend Menschen, die auf der Insel leben, schon weit mehr als die H\u00e4lfte der Gesamteinwohnerzahl der Cook Islands. Bei solch bescheidenen Dimensionen mag sich der Besucher fragen, ob es sich bei diesem Fleckenteppich im Ozean \u00fcberhaupt um einen eigenen Staat handelt, ob er \u00fcber einen Sitz bei den Vereinten Nationen verf\u00fcgt und gar einmal Mitglied des Weltsicher-heitsrates werden k\u00f6nnte, was allerdings die Polynesier, die ihr Land mit Stolz und Freude bewohnen, nie sonderlich besch\u00e4ftigt hat. Nach ihrer Unabh\u00e4ngigkeit im Jahre 1965 sind sie einfach in der einst vom britischen Empire verf\u00fcgten Assoziierung mit Neuseeland verblieben und ganz zufrieden, W\u00e4hrungs-, Finanz- und Au\u00dfenpolitik von der Regierung in Wellington erledigen zu lassen. Den geschichtlichen Hintersinn dieses n\u00fctzlichen Arrangements versteht der Reisende allerdings erst, wenn er bei einer seiner Erkundungen die Muri-Lagune erreicht, einen Bilderbuchs\u00fcdseestrand mit kalkwei\u00dfem Sand, smaragdgr\u00fcnem Wasser und fotogenen kleinen Inselchen vor der K\u00fcste, dessen in malerischer Schr\u00e4glage dem Horizont entgegen-gereckte Palmen einst den Bewohnern Rarotongas den Weg zur Besiedelung Neuseelands gewiesen haben m\u00f6gen. Jedenfalls soll nach der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung der Inselbewohner von dieser Stelle aus &#8211; etwa in der Zeit, als die Hanse-Koggen die Ostsee befuhren &#8211; eine k\u00fchne Kanu-Truppe die fast viertausend Kilometer lange Seereise angetreten und so erfolgreich bew\u00e4ltigt haben, dass die neuseel\u00e4ndischen Maoris eigentlich als Nachfahren der Cookies zu gelten haben.<\/p>\n<p>So klein die Insel Rarotonga ist, verf\u00fcgt sie doch \u00fcber einen Hauptort: Avarua, die bei solchen beschaulichen Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen zweifellos alles \u00fcberragende Metropole der gesamten Cook Islands, in der mit \u00fcber 5000 Menschen \u00fcber ein Viertel der gesamten Bev\u00f6lkerung lebt. Auf den ersten Blick mag diese Dorf-Hauptstadt vielleicht manchem Weltenbummler ein wenig zu provinziell erscheinen. Tats\u00e4chlich ist die malerische Siedlung im Schatten der wildromantisch gezackten Maungatea und Ikurangi weniger ein Kind der Exotik als des europ\u00e4ischen Geistes. Der europ\u00e4ische Geist, der in seiner spanischen und englischen Seefahrervariante zun\u00e4chst an Rarotonga vor\u00fcbersegelte, fa\u00dfte erst in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Gestalt britischer Geistlicher der London Missionary Society auf der Insel Fu\u00df. Dem wortgewaltigen Father John Williams und seinen tahitianischen Laienhelfern gelang es, die Einheimischen nachhaltig davon zu \u00fcberzeugen, dass ihre lockere Lebensf\u00fchrung dringend der puritanischen Veredelung bed\u00fcrfe, weil andernfalls schreckliche Krankheiten und H\u00f6llenqualen das bislang so ahnungslose Wohl-ergehen der Polynesier bedrohen w\u00fcrden. Die Kulturgeschichte des Westens und der S\u00fcdsee ist dabei nicht frei von Befremdlichkeiten, f\u00fcgten doch die christlichen Missionare auf allen s\u00fcdpazifischen Inseln dem Lendenschurz der polynesischen Jungfrau im Interesse der Keuschheit ein busen-verh\u00fcllendes Oberteil hinzu, g\u00e4nzlich unf\u00e4hig, sich auch nur vorzustellen, dass sie damit eine Vorform jener aufreizenden Bademode konzipierten, die in sp\u00e4teren und gottloseren Zeiten als Bikini ihren Siegeszug um die Welt antreten sollte.\u00a0\u00a0 Wer jedoch an einem der Traumstr\u00e4nde von Rarotonga sich so zeigt, riskiert einen Gef\u00e4ngnisaufenthalt wegen Erregung \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses. Jedenfalls leisteten die V\u00e4ter der London Missionary Society ganze Arbeit. Wenn sie auch den Bau einer katholischen Kathedrale gleich an der Uferstra\u00dfe von Avarua nicht verhindern konnten, bekennen sich doch heute fast drei Viertel der Cookies zur Staats- und Landeskirche der &#8222;Cook Islands Christian Church&#8220;, und jeden Sonntag str\u00f6men die Menschen im wei\u00dfen Festtagsstaat zu den Kirchenb\u00e4nken, lauschen den Worten temperamentvoller polynesischer Savonarolas, senken die K\u00f6pfe und gedenken ihrer S\u00fcnden, um nachher in einem furiosen Kirchengesang die Gnade des Herrn zu preisen. In einer so frommen Stadt sind die Stra\u00dfen nat\u00fcrlich so sauber, dass darunter schon fast wieder das exotische Ambiente leidet. Adrett und gediegen liegen die niedrigen wei\u00dfen Holzh\u00e4user hinter gepflegten G\u00e4rten, die polynesische Familie verspeist das Taro-Gericht auf der Terrasse, und sogar die freundlichen Hunde, die vor dem Eingang im Palmenschatten d\u00f6sen, lassen sich, ohne zu knurren, den wuscheligen Sch\u00e4del kraulen. Es gibt niedliche kleine Eisl\u00e4den mit Namen wie &#8222;Mammas Shop&#8220; oder &#8222;Cpt. Cooks Ice Corner&#8220;, italienische Restaurants und ein wenig besuchtes Yankee-Caf\u00e9, in dem S\u00fcdsee-Heavy-Metal aus den Lautsprechern dr\u00f6hnt. Die einzige Bar des Ortes, &#8222;Bananas Corner&#8220;, macht meist schon vor zweiundzwanzig Uhr den Laden dicht. Die Vergn\u00fcgungen, an denen sich die G\u00e4ste in Avarua laben k\u00f6nnen, sind subtilerer Natur: Manche fahren ein wenig mit den nach philippinischem Vorbild grell bemalten Jeepneys durch den Ort, andere beobachten den gravit\u00e4tischen Spaziergang polynesischer Gro\u00dffamilien: Wuchtig wie Suomiringer schreiten Vater und Mutter \u00fcber den B\u00fcrgersteig, meist bekleidet mit einem wei\u00dfen Baumwollhemd und einem einfachen sari\u00e4hnlichen Umhang, der von der H\u00fcfte bis zu den Sandalen reicht, gefolgt von zahlreichen dunkelhaarigen Kindern, bei denen noch nichts auf die zuk\u00fcnftige Massigkeit hindeutet. Die wirkliche Attraktion Avaruas aber sind die abendlichen Tanzveranstaltungen, die auf den Cook-Islands im Unterschied zu vielen besuchteren Inseln der S\u00fcdsee noch nicht zu einer Karikatur verkommen sind. Vielleicht geh\u00f6ren sie sogar zu den wenigen altpolynesisch-sinnlichen Kulturg\u00fctern, die die christliche Rundumerneuerung des 19. Jahrhunderts unbeschadet \u00fcberstanden haben.\u00a0\u00a0 Hier sind die Menschen in der S\u00fcdsee wirklich so sch\u00f6n, wie es die Reiseberichte immer wieder beschw\u00f6ren &#8211; unglaublich gut gewachsen, M\u00e4nner wie Frauen mit Fr\u00fcchten und Gr\u00e4sern geschm\u00fcckt, mit Bewegungen voller Grazie und Anmut. Die Cookies halten sich mit Recht zugute, die besten Tanzgruppen Polynesiens hervorzubringen, und ein abendlicher Rundgang durch die Seitenstra\u00dfen Avaruas \u00f6ffnet die Augen f\u00fcr die Pflege dieser Tradition. Es gibt regelrechte Tanzschulen, in denen jung und alt jeden Abend unter freiem Himmel vor dem strengen Blick eines Maestros die komplizierten Schrittfolgen uralter Tanzkultur ein\u00fcben. Der Reisende, der ungewollt zum Zeugen einer solchen \u00dcbung wird, erlebt eine Szenerie mit einer fast bedr\u00fcckenden Idylle an der Grenze zum Kitsch, und doch ist er in solchen Momenten nicht Statist einer Traumschiffsendung, sondern Zaungast des Lebens.<\/p>\n<p>Wer immer schon geahnt hat, dass Sch\u00f6nheit und Winzigkeit auf eine besondere Weise harmonieren, wird sich best\u00e4tigt f\u00fchlen, wenn er an einem einzigen Tag bequem und mit einem Fahrrad die gesamte Insel umrundet. Vergleicht man Rarotonga mit einem Paradiesapfel, den die G\u00f6tter mitten in den Ozean legten, dann startet man in Avarua etwa genau da, wo sich der Apfelstiel befinden m\u00fcsste. Man f\u00e4hrt die Ara Metua nach Osten, passiert die einzige Zahnklinik des Staates, radelt weiter an Hotels vor\u00fcber, in deren G\u00e4rten neuseel\u00e4ndische Rentner einen friedvollen Lebensabend genie\u00dfen, und erreicht die bereits erw\u00e4hnte Muri Beach gegen\u00fcber den kleinen Inseln Motutapu, Oneroa und Koromiri. Im S\u00fcden der Insel r\u00fcckt die Stra\u00dfe bis auf wenige Meter an den Strand heran, und im von Palmwedeln gebrochenen jalousieartigen Licht folgt man wahrscheinlich einem der sch\u00f6nsten Fahrradwege der Erde: links die im Licht des Nachmittags scharf schraffierten Felsabh\u00e4nge des Te Kou und des Te Akuruna, rechts die menschenleeren Wei\u00dfsandstr\u00e4nde, die in das t\u00fcrkisgr\u00fcne Lagunenwasser \u00fcbergehen, und am Horizont davon abgesetzt das tiefe Blau der ozeanischen Unendlichkeit. Hinter jeder Biegung bietet die K\u00fcste neue und \u00fcberraschende Anblicke: jeder ein wenig anders, als achte die Natur darauf, sich nie zu wiederholen. Im Westen wird der Lagunenkranz ein wenig schmaler. Hier, in der Umgebung des kleinen Ortes Arorangi und schon nicht mehr allzu weit entfernt von den westlichen Ausl\u00e4ufern Avuras, stehen die meisten Hotels, aber es gibt auch ein hinter Hecken verborgenes und ein zumeist nur wenig belegtes Gef\u00e4ngnis, in dessen N\u00e4he sich auch das sogenannte &#8222;House of Parliament of the Cook Islands&#8220; befindet. Dieses Geb\u00e4ude, eine wei\u00dfe Bretterbude mit R\u00fcschengardinen an den Fenstern, in dem kein westlicher Gemeinderat amtieren<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-Tahiti-61.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1200\" alt=\"6-Tahiti (6)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-Tahiti-61.jpg\" width=\"735\" height=\"495\" \/><\/a><\/p>\n<p>w\u00fcrde, ist die Kampfarena der Democratic Party und der Cook Islands Party, die sich im politischen Tagesgesch\u00e4ft heftig befehden. Entscheidendes wird allerdings bei diesen Schauk\u00e4mpfen nicht behandelt, denn der Haushalt, die Handelsbilanz und die W\u00e4hrungsreserven, die Jahr um Jahr unter der gleichen chronischen Schwindsucht leiden, werden von der neuseel\u00e4ndischen Regierung gro\u00dfz\u00fcgig ausgeglichen. An die wirklich wichtigen Ereignisse des Lebens dagegen erinnert der Black Rock, ein einsamer Felsen inmitten der nordwestlichen Lagune, von dem aus in den fr\u00fcheren Zeiten die Seelen der verstorbenen Cookies ihre letzte Reise angetreten haben sollen. Heute treten die Bewohner Rarotongas ihre gro\u00dfen Reisen eher auf dem bereits erw\u00e4hnten benachbarten Flughafen an, aber das Inselkrankenhaus steht f\u00fcr alle F\u00e4lle in unmittelbarer Nachbarschaft des Black Rock. Hat man die Insel so problemlos umrundet, wird man auch mit der Durchquerung zu Fu\u00df nicht z\u00f6gern wollen. Westlich von Avarua beginnt der Avatiu Stream Way, der in einer halbt\u00e4gigen Wanderung \u00fcber den malerischsten Felsen Rarotongas, den auch als &#8222;Needle&#8220; bezeichneten Te Rua Manga, hinweg schnurstracks zur S\u00fcdk\u00fcste f\u00fchrt. Schon w\u00e4hrend der ersten halben Stunde der Wanderung, in der der Weg durch Hibiskusfelder, vorbei an Bougainvilleen, durch Palmenhaine und tiefgr\u00fcn gl\u00e4nzenden Mischwald f\u00fchrt, kann man gut verstehen, warum die Polynesier sich den Garten Eden, von denen ihnen die Missionare erz\u00e4hlten, nie anders vorzustellen vermochten als nach dem Bild ihrer Heimat. Mitten durch ein schattiges Tal, umgeben von hochragenden geriffelten Bergr\u00fccken, bewegt sich der Wanderer auf den Needle zu, und im Spiel der Wolken und des Sonnenlichts enth\u00fcllen die Berge im Laufe des Tages ihre verschiedenen Gesichter. Robert Louis Stevenson, der in seinen letzten Lebensjahren den S\u00fcdpazifik durchkreuzte und dabei den Schwanengesang des alten Ozeaniens in seinen &#8222;S\u00fcdseegeschichten&#8220; verfasste, hat dieses Spiel beschrieben: &#8222;Morgens, wenn die Sonne direkt auf die Berge f\u00e4llt, ragen sie wie eine ungeheure Wand empor, gr\u00fcn bis zu ihren Gipfeln und mit vereinzelten Wasserl\u00e4ufen, eng und schmal wie Risse im Felsen. Je weiter der Tag vorr\u00fcckt, desto schr\u00e4ger treffen sie die Sonnenstrahlen, dann tritt die Mei\u00dfelung der Kette st\u00e4rker hervor. Ungeheure Schluchten versinken im Schatten, riesige gewundene Rampen springen gegen die Sonne gezeichnet empor.&#8220;<\/p>\n<p>Am Ende eines solchen imposanten Tals aus wundersam geformten dicht bewachsenen Bergabh\u00e4ngen verliert sich der Weg im Unterholz, und eine schwei\u00dftreibende Treppe aus Naturwurzeln f\u00fchrt zum &#8222;Needle&#8220;, einer steil das gesamte Inselpanorama wie ein erhobener Zeigefinger pr\u00e4genden Bergspitze in 413 Meter H\u00f6he. Von einer Lichtung unterhalb des Gipfels, auf der eine wohlt\u00e4tige Natur zahlreiche Wurzelmulden wie nat\u00fcrliche Sitzgelegenheiten f\u00fcr ersch\u00f6pfte Wanderer entstehen lie\u00df, sieht man die Lagunen und die Brandung im Norden wie im S\u00fcden. Von hier aus erblickten die Einheimischen im Jahre 1888 das franz\u00f6sische Expeditionsschiff am Horizont, das den Auftrag hatte, die Cook Islands zusammen mit den benachbarten Gesellschaftsinseln und den Paumutus zu einem pazifischen Kolonialreich zu verbinden. Und auch die Franzosen erkannten aus der Ferne zuerst den &#8222;Needle&#8220; von Rarotonga, auf dem vorsorglich die Missionare den Union Jack als Zeichen englischer Souver\u00e4nit\u00e4t gehi\u00dft hatten. So kehrten sie wieder um. F\u00fcr sie gab es in den Weiten des Pazifik noch genug Inseln zu besetzen. Sie ahnten nicht, was ihnen da entgangen war. F\u00fcr den Besucher Rarotongas, dessen Aufenthalt sich dem Ende n\u00e4hert, ist der Blick vom Needle der perfekte Abschiedsblick: auf gr\u00fcn-blaue K\u00fcsten, auf Palmenw\u00e4lder und gepflegte H\u00e4user an den Flanken der dicht bewachsenen Inselberge. Und wenn die abendliche Sonne in Richtung Samoa versinkt, bildet ein jeder sich auf ganz unterschiedliche Weise sein abschlie\u00dfendes Bild von Rarotonga &#8211; einer Insel, g\u00e4nzlich eingebettet in eine friedvolle und sch\u00f6ne Natur, in der man sich auf eine merkw\u00fcrdige Art zu Hause f\u00fchlt, weil man sie als Sehnsucht immer schon mit sich herumgetragen hat.<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rarotonga &#8211; Impressionen einer s\u00fcdpazifischen Insel Ein hellblauer Teppich, \u00fcberw\u00f6lbt von wei\u00dfen Sch\u00f6nwetterwolken und ausgeleuchtet von der milden Sonne des s\u00fcdlichen Pazifik &#8211; das ist die Ansicht ozeanischer Unendlichkeit, die der Flugpassagier zwischen Samoa und Tahiti Stunde um Stunde aus einer H\u00f6he von achttausend Metern bestaunen kann. 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