{"id":1151,"date":"2013-12-22T14:40:16","date_gmt":"2013-12-22T14:40:16","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1151"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"der-garten-der-welt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/der-garten-der-welt\/","title":{"rendered":"Der Garten der Welt"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-34.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1155\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-34.jpg\" alt=\"2 (34)\" width=\"800\" height=\"524\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Reisen durch Java und Bali<\/h3>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0Teil 1<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Shiva und Buddha im Schatten der Vulkane<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Eine Reise zum Dieng Plateau, zum Borobodur und zu der\u00a0 Tempelanlage von Prambanan<\/em><\/p>\n<p>Der Taxifahrer hie\u00df Sashan, er war ein junger Javaner mit einem sp\u00e4rlichen Oberlippenbart und grotesk d\u00fcnnen Armen. W\u00e4hrend der ganzen Fahrt gab er keinen Mucks von sich,\u00a0 kaute aber unabl\u00e4ssig Beteln\u00fcsse, deren S\u00fcd er in hohem Bogen aus dem Fenster spuckte. \u00a0Sein\u00a0 Wagen war \u00e4u\u00dferlich in vertretbarem Zustand, glich aber im Inneren einer M\u00fcllkippe, war also genau das Gegenteil eines javanischen Kampunghauses.\u00a0 Zusammen mit Sam, Manfred\u00a0 und Rike befand ich mich auf einer Tagestour zum Dieng Plateau, das gute\u00a0 einhundertzwanzig\u00a0 Kilometer nordwestlich von Yogjakarta in den Tenanggungbergen liegt. Eine lange Tagestour, deren Fahrtpreis durch\u00a0 drei geteilt wurde. Da Rike pleite war, durfte sie umsonst mitfahren.<\/p>\n<p>Kaum hatten wir Yogjakarta verlassen, empfing uns\u00a0 eine Endlosigkeit von Feldern, Palmen und sanft geschwungenen Bergen. Die Landschaft war durchsprenkelt mit kleinen D\u00f6rfern und bev\u00f6lkert von unz\u00e4hligen Menschen, die in\u00a0 den Reisfeldern standen oder \u00a0mit ihren Wasserb\u00fcffeln die Felder bearbeiteten. Der homo javanensis in <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6440\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-22-1.jpg\" alt=\"2 (22)\" width=\"800\" height=\"528\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-22-1.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2-22-1-768x507.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/>seiner flei\u00dfigsten Variante in Aktion. Und sein Freund und Lebensspender, der Boden Javas, vielleicht der fruchtbarste Boden der Welt. Dieser Boden war der Wohlt\u00e4ter der Insel, eine unendlich langsam explodierende Granate des Lebens, der die Pflanzen nur so aus sich herausschleuderte. Was wir sahen, war ein Tableau des Lebens in gr\u00fcn: giftftgr\u00fcn das feuchte Moos an den Rinden der B\u00e4ume, hellgr\u00fcn die Farne an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern und sattgr\u00fcn die Palmenbl\u00e4tter, die die Felder begrenzten. Dieser Boden existierte in einem \u00dcberma\u00df von Regen und Sonne und n\u00e4hrte sich von den Mineralien, die die javanischen Vulkane bei Ausbr\u00fcchen \u00fcber das Land verteilten. Einer der V\u00e4ter dieser Fruchtbarkeit befand sich nur 36 Kilometer von Yogjakarta entfernt: Sein Name war Merapi, er war gro\u00df und sch\u00f6n, pyramidal und brandgef\u00e4hrlich. Seit Anbeginn der menschlichen Geschichte glomm er vor sich hin, um gelegentlich wie eine Apokalypse \u00fcber das Land zu kommen. \u00a0Es hie\u00df, dass er dann Glutwolken ausspieh, fast tausend Grad hei\u00df und so schnell,\u00a0 dass es vor ihnen keine Rettung gab.<\/p>\n<p>Doch von dieser Bedrohlichkeit war an diesem Tag nichts zu erkennen. Der Merapi schl\u00e4ft, hatte es in Yogjakarta gehei\u00dfen, und tats\u00e4chlich zog der Vulkan wie ein Ausbund an Friedlichkeit am Horizont vor\u00fcber. Oder war es ein anderer Vulkan? Wer wollte bei so viel Magma unter der Erde die \u00dcbersicht behalten? Oberhalb der Erde aber prangte die Frucht der unberechenbaren Erde, veredelt durch den Flei\u00df der Menschen, vor aller Augen. Auf sanft ansteigenden Bergschr\u00e4gen waren Reisterrassen angelegt worden. Ihre \u00a0schlangenartigen Lehmw\u00e4nde \u00a0glichen den Br\u00fcstungen verborgener Burgen, in ihrem Wasser verdoppelte sich der Zug der Wolken. Reisterrassen schm\u00fccken die Landschaft um den Preis unfassbarer M\u00fche, nicht nur, was ihre Anlage, sondern auch, was ihre Erhaltung betraf. Die Bew\u00e4sserung der Reisterrassen war wegen der \u00fcppigen Regenf\u00e4lle zwar kein Problem, aber die Gef\u00e4llewinkel der Terrassen mussten genau die richtige Schr\u00e4ge finden, um sowohl eine Verschlammung wie ein zu schnelles Abflie\u00dfen des Wassers zu verhindern.<\/p>\n<p>Als wir in einem indonesischen Dorf, eine kurze Rast einlegten, waren wir sofort von einer Horde Kinder umringt. Ich konnte mich kaum satt sehen an ihrer filigranen Vollkommenheit, dem Bronzeton ihrer Haut, dem blauschwarzen, dichten Haaren und ihren gro\u00dfen, neugierigen Augen. Alle waren barfu\u00df unterwegs, die meisten trugen kurze Hosen und halb zerrissene Leibchen \u00fcber ihren schmalen Oberk\u00f6rpern. Sie bettelten nicht, sie st\u00f6rten nicht, sondern <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6441 alignright\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-17-1.jpg\" alt=\"1 (17)\" width=\"230\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-17-1.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-17-1-768x500.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>starrten uns aus ihren gro\u00dfen Augen an wie Aliens aus einem anderen Universum. \u00a0Vor allem der massige Sam hatte es ihnen angetan, am liebsten h\u00e4tten sie seine helle Haut und seinen Bart ber\u00fchrt. Schlie\u00dflich wurden sie mutiger und begannen auf Sam einzubrabbeln, was Sam Gelegenheit gab, Kostproben seiner Bahasa Indonesia Kenntnisse zum Besten zu geben. \u201eSaya seorang lelaki kulit putih\u201d (Ich bin ein Wei\u00dfer) sagte er, was die Kinder zu kreischendem Lachen veranlasste. Dann machte Sam pl\u00f6tzlich \u201eBuh!\u201c und erschrocken stieben die Kinder auseinander.<\/p>\n<p>Nach der Rast f\u00fchrte die \u00a0Stra\u00dfe in stetigen Windungen langsam h\u00f6her. Endlich wurde es etwas k\u00fchler. Rike kurbelte das Seitenfenster herunter und z\u00fcndete sich eine Zigarette an. Im Grunde war sie h\u00fcbsches M\u00e4dchen, \u00a0sie besa\u00df ausdrucksstarke Augen und niedliche Pausb\u00e4ckchen, die auch die Entbehrungen einer monatelangen Indonesienreise \u00fcberstanden hatten. \u201eWas hat es eigentlich mit diesem Dieng Plateau auf sich?\u201c fragte sie.<\/p>\n<p>\u201eAuf dem Dieng Plateau befinden sich die \u00dcberreste hinduistischer Tempel mitten in einem Vulkankegel\u201c, antwortete Sam. Er sa\u00df gleich neben ihr und wirkte in seiner Massigkeit wie eine Vatergestalt. Frag mich, und ich sage dir, was du wissen willst.<\/p>\n<p>\u201eUnd wie kommen diese Hindutempel nach Java?\u201c \u00a0 \u201eIndische H\u00e4ndler und Priester erschienen vor anderthalbtausend Jahren in Java und brachten ihre Kultur mit\u201c, erwiderte Sam.\u00a0 \u201eCool\u201c, sagte Rike.<\/p>\n<p>Sashan rotze einen roten Betelklumpen in hohem Bogen aus dem Seitenfenster. Manfred bat darum kurz anzuhalten, um sich zu erleichtern. Er war blass und schweigsam, die Magenverstimmung wollte nicht weichen.<\/p>\n<p>In der kurzen Pause erkletterte ich eine Anh\u00f6he, um einen \u00dcberblick zu gewinnen. Die Gegend war nun bergiger geworden, ohne dass die l\u00fcckenlose Begr\u00fcnung abgenommen h\u00e4tte, ein l\u00fcckenlos gr\u00fcne Landschaft aus B\u00e4umen und Feldern zog sich bis zu den Bergen am Horizont. \u00a0Der Himmel hatte sich zugezogen, schwarze \u00a0Wolken lagen \u00fcber dem Temangung.<\/p>\n<p>Als wir eine Stunde sp\u00e4ter Wonosobo erreichten, begann es zu regnen. Die Stra\u00dfe wurde schlechter und rutschig, als wir nach Norden abbogen. Nach einer weiteren halben Stunde hatten wir unser Ziel erreicht: Das Dieng Plateau auf etwa zweitausend Metern Meeresh\u00f6he, eine der imposantesten Sehensw\u00fcrdigkeiten Javas \u2013 aber nur, wenn die Sonne schien. \u00a0Leider goss wie aus K\u00fcbeln, und es war praktisch nichts zu sehen. Nasser Nebel umwaberte unser Fahrzeug. Von den <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6442 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-33-526x800.jpg\" alt=\"1 (33)\" width=\"330\" height=\"502\" \/>R\u00e4ndern des riesigen Vulkankegels, in dem wir uns befanden, war \u00fcberhaupt nichts zu erkennen.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick war es erstaunlich, dass die hinduistischen Javaner im 8. und 9. Jahrhundert\u00a0 gerade hier ihre erste gro\u00dfe Tempelstadt errichtet hatten. Weitab von den landwirtschaftlichen Zentren der Insel in der N\u00e4he eines Himmels, aus dem es in Java im Laufe eines Jahres noch mehr regnen kam als in Indien. Doch es war magischer Ort, denn ein Teil des Nebels, der uns umgab, entstand durch die hei\u00dfen D\u00e4mpfe, die aus dem Kraterboden stiegen wie der Dampf aus kochenden T\u00f6pfen.<\/p>\n<p>\u201eMuss ich da raus?\u201c fragte Rike. \u00a0 Niemand antwortete.<\/p>\n<p>Als wir endlich in einer kurzen Regepause die sorgsam gekennzeichneten Wege durch den Vulkankessel liefen, passierten wir zahlreiche L\u00f6cher und Erdspalten, aus den es zischte, gurgelte und dampfte, als bef\u00e4nde sich der Schlund der H\u00f6lle direktunter uns.\u00a0 Ich \u00fcberpr\u00fcfte mit der Hand die Temperatur der B\u00f6den. Immerhin, sonderlich warm war er nicht. War das ein gutes Zeichen?<\/p>\n<p>Dann erscheinen die ersten Tempelruinen im Dunst. In der Bl\u00fctezeit des javanischen \u00a0Hinduismus sollen auf dem Dieng Plateau \u00fcber hundert\u00a0 Tempel gestanden haben. \u00a0\u00dcbrig geblieben waren gerade mal acht. Sie waren aus Stein erbaut, standen auf soliden Sockeln und besa\u00dfen ein\u00a0 stufenf\u00f6rmig-pyramidal zulaufendes Dach. Hier und da waren die halb verwitterten Reste von Steinmetzarbeiten an den Au\u00dfenw\u00e4nden zu erkennen. Ein durch den Regen der Jahrhunderte eingeweichter Shiva aus Stein blickte mich an. Keiner der Tempel machte als Bauwerk etwas Besonderes her, aber\u00a0 vor der Kulisse von Nebel, Dampf und Regenwolken wirkten sie wie Wegmarken in einer imagin\u00e4ren Hexenk\u00fcche.<\/p>\n<p>Ich erinnerte mich an Mahaballipuram im S\u00fcdosten Indiens, einen heute recht <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6448 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Dieng-vulkansicher-BodenK1024_IMG_9373-2-900x675.jpg\" alt=\"Dieng vulkansicher BodenK1024_IMG_9373-2\" width=\"362\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Dieng-vulkansicher-BodenK1024_IMG_9373-2-900x675.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Dieng-vulkansicher-BodenK1024_IMG_9373-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Dieng-vulkansicher-BodenK1024_IMG_9373-2.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px\" \/>verschlafenen Ort, von dem aus im indischen Mittelalter die Handelsflotten nach S\u00fcdosten aufgebrochen waren. <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/buecher\/bharat-darshan\/\">(vgl. Weltreisen Bd. II, S. 222) <\/a>Der\u00a0 Kailasa-Tempel am Strand von Mahaballipuram war vielleicht die Blaupause dieser viereckigen kleinen Tempel gewesen, wer wollte das wissen?\u00a0\u00a0\u00a0 Dieser indische Kulturtransfer seit der Mitte des ersten Jahrtausends muss ein \u00fcberwiegend friedlicher Import gewesen sein, bei dem die Neuank\u00f6mmlinge aus Mahaballipuram, Madurai oder Cochin nicht nur begehrte Waren sondern die Errungenschaften einer \u00fcberlegenen\u00a0 Kultur mitgebracht hatten. Mit ihnen waren die indischen Epen wie Ramayana und Mahabharata ebenso nach Java gelangt wie das Sanskrit, von dem zahlreiche Lehnworte in die javanische Sprache \u00fcbergegangen waren.<\/p>\n<p>Der Regen nahm zu, der Untergrund wurde matschig und Sashan dr\u00e4ngte zur R\u00fcckkehr. \u00a0Ich w\u00e4re gerne noch etwas l\u00e4nger geblieben, doch inzwischen hatte es sich wieder eingeregnet und es war nichts mehr zu sehen. Was w\u00fcrde ich mitnehmen von diesem Platz? Ein Stimmung, eine Farbe der Welt, die mit anderen Farben Asiens zu einer Erinnerung werden w\u00fcrde, ein Gef\u00fchl, das eine Zeitlang in mir nachhallen w\u00fcrde, ehe es verschwand.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt wurde die Sicht auf den absch\u00fcssigen Stra\u00dfen immer schlechter. Doch Sashan kaute unverdrossen seine Beteln\u00fcsse, rotze den Sud in den Regen und lenkte den Wagen stets schon in die richtige Richtung, ehe die Kurve \u00fcberhaupt sichtbar wurde. Allerdings fuhr er zu schnell, und mehr als einmal geriet das Taxi ins Schleudern. Der einzige Trost war, dass wir die m\u00f6glichen Abgr\u00fcnde, auf die wir zu rutschten, wenigstens nicht sehen mussten.<\/p>\n<p>Dann wieder der gleiche abrupte Wechsel wie auf der\u00a0 Hinreise. Kaum hatten wir das Bergland verlassen, verschwanden Wolken und Regen wie abgeschnitten. Eine glei\u00dfende Sonne beschien die gleiche Szenerie aus Vulkanen, Reisterrassen, Feldern und \u00a0Palmen, die wir schon auf der Hinreise gesehen hatten. Alles, in den Tropen geschah, geschah pl\u00f6tzlich: eine Infektion, ein Stimmungsumschwung, der Einbruch der Nacht und auch der Wetterwechsel.<\/p>\n<p>Es war schon dunkel, als wir das Merapi Hotel in Yogjakarta wieder erreichten. Manfred verzog sich sofort auf die Toilette. Rike verschwand in Sams Zimmer. Ich las ein wenig in der Biografie von <a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/dauthenday-sieben-meere-nahmen-mich-auf\/\">Max Dauthendey.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>So vielf\u00e4ltig wie die buddhistische lehre ist auch ihre Tempelarchitktur. In Sri Lanka gleichen die \u201eDagobas\u201c halb in der Erde versenkten wei\u00dfen Atommeilern. In Burma und Thailand, wo man sie \u201eChedis\u201c nennt,\u00a0 erinnern sie an spitz zulaufende goldene Weihnachtsb\u00e4ume. In Japan und China wirken die buddhistischen Tempel wie gro\u00dfe, bunt bemalte Riesenscheunen. Der Borodbodur, der gr\u00f6\u00dfte buddhistische Tempel der Welt, glich keiner dieser Formen. Er war ein Unikat ganz f\u00fcr sich, und es war fraglich, ob man ihn \u00fcberhaupt als Tempel ansprechen konnte.<\/p>\n<p>Schon als ich ihn das erste Mal aus der Ferne sah, frappierten mich die Form und die Gr\u00f6\u00dfe des Bauwerkes. W\u00e4re der Vergleich nicht so despektierlich, k\u00f6nnte an das\u00a0 Geb\u00e4ude mit einer riesigen fliegenden Untertasse vergleichen. \u00a0Mit seinen einhundertzwanzig Metern Seitenl\u00e4nge und einer H\u00f6he von etwa vierunddrei\u00dfig Metern\u00a0 wuchs er inmitten eines weiten, von Bergen begrenztem Tal wie eine Frucht menschlicher Imagination und Kreativit\u00e4t aus der\u00a0 Erde Javas heraus. Es hie\u00df, dass \u00a0\u00fcber 10.000 Arbeiter generationenlang an seiner Erbauung beteiligt gewesen waren. Hatten sie es freiwillig getan, als eine Art Gottesdienst wie bei den <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6443\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-28-1.jpg\" alt=\"1 (28)\" width=\"800\" height=\"531\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-28-1.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-28-1-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/>\u00e4gyptischen Pyramiden, oder waren sie Sklaven gewesen? Zwei Millionen Steinbl\u00f6cke waren aufget\u00fcrmt worden, ehe an den kilometerlangen Wandelg\u00e4ngen \u00fcber f\u00fcnfhundert Buddhaskulpturen \u00a0und\u00a0 tausend Skulpturen eingemei\u00dfelt wurden. Die ungeheuren Anstrengungen, die die javanische Sailendra Dynastie zur Errichtung dieses Bauwerkes mobilisieren musste, hatte m\u00f6glicherweise zu ihrem Untergang beigetragen. Nur wenige Generationen nach der Fertigstellung des Borobodur um das Jahr 800 war das Reich der Sailendra zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Geblieben war ein steinernes Riesenmandala, das seine \u00a0Besucher zu einer kilometerlangen Prozession zwischen den drei buddhistischen Welten\u00a0 einlud. In den altjavanischen Zeiten hatte der \u00a0Rundgang durch den Borobodur auf ebener Erde im \u201eKamadathu\u201c, auf der Stufe des irdischen Daseins, begonnen. Er \u00a0setzte sich fort \u00fcber die sechs Terrassen des \u201eRupadathus\u201c, der Ebene der vergeistigten Formen, und erreichte schlie\u00dflich \u201eArupadathu\u201c, die Ebene der absoluten Abstraktion auf dem flachen Dach des Borobodur. W\u00e4hrend die unterste Ebene <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6444 alignright\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-26-1.jpg\" alt=\"1 (26)\" width=\"207\" height=\"137\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-26-1.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-26-1-768x508.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/>nicht mehr zug\u00e4nglich waren, weil das Geb\u00e4ude im Laufe der Jahrhunderte eingesunken war, konnte der Besucher auf den sechs mittleren Terrassen des Rupadathus hunderte stilisierter Buddhastatuen und \u00fcber 1200 Steinmerzarbeiten betrachten.\u00a0 Ein gl\u00e4ubiger Buddhist, der diese Galerien entlangwanderte, tauchte ein in den Mythenschatz seiner Religion, identifizierte den Buddha in seinen fr\u00fchen Lebensformen, den Jakatas, \u00a0und erkannte all die D\u00e4monen, Geister\u00a0 und\u00a0 mythischen Tiere wieder, die in den heiligen Schriften beschrieben wurden.<\/p>\n<p>Oben angekommen, auf der Eben der vollst\u00e4ndigen Abstraktion, erblickten wir eine monumentale, acht Meter hohe Stupa, die ihrerseits von 72 kleineren Stupen ringf\u00f6rmig umgeben war. In diesen kleineren Stupen befanden sich wiederum steinerne Buddhas, \u00a0deren Umrisse durch die perforierten Stupenw\u00e4nde zu erkennen waren. \u00a0Kein Zweifel, die Monumentalit\u00e4t des Bauwerkes inmitten eines bl\u00fchenden Tales, die Fremdheit der Formen und die Assoziationen, die sie hervorriefen, verbanden sich zu einer Gesamterfahrung\u00a0 die alleine schon den Besuch des Tempels lohnte. Was aber war der spirituelle Hintergrund des Borobodurs? Um welchen Buddhismus handelte es sich?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6445 alignleft\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-29.jpg\" alt=\"1 (29)\" width=\"256\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-29.jpg 800w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-29-768x495.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/>\u00a0 Auf jeden Fall war der Buddhismus des Borobodur nicht der urspr\u00fcngliche Buddhismus, wie ihn der historische Buddha im sechsten und f\u00fcnften \u00a0Jahrhundert vor der Zeitrechnung in Indien gelehrt hatte. Denn dieser urspr\u00fcngliche, \u201e\u00e4ltere\u201c Buddhismus hatte nichts von einer frohen Botschaft wie sie etwa im Neuen Testament verk\u00fcndet wurde. Der urspr\u00fcngliche Buddhismus \u00a0war als eine Erl\u00f6sungslehre ohne Gott in der Welt erschienen, \u00a0als eine religi\u00f6se Praxis f\u00fcr geistliche Asketen, die den einfachen Menschen weit \u00fcberforderte. Kein Geist und kein Gott, keine Wunder und keine Gnade standen dem Gl\u00e4ubigen auf seinem endlosen Weg ins Nirwana\u00a0 zur Seite. Seine Seele war allein im Universum und es war allein ihre Kraft, die \u00fcber ihre H\u00f6herentwicklung und ihre Ann\u00e4herung an das Nirwana entschied.<\/p>\n<p>Niemals w\u00e4re der Buddhismus zur Weltreligion Asiens geworden, h\u00e4tte er sich nicht ein gutes halbes Jahrtausend nach seiner Entstehung tiefgreifend ver\u00e4ndert. Ein neuer Buddhismus entstand, der im Verlauf mehrerer gro\u00dfer buddhistischer Konzile in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung seine definitive Form erhielt. Dieser neue Buddhismus basierte auf einer Neubestimmung der erhabenen Seele. Ihre Erhabenheit zeichnete sich nicht mehr durch ihre eigene Erl\u00f6sung aus, sondern dadurch, dass sie, am Rande des Nirwana, auf ihr eigenes Verl\u00f6schen freiwillig verzichtete, um als hilfreicher und gn\u00e4diger Geist, als \u201eBodhisattwa\u201c, \u00a0die einfachen Menschen in ihrem t\u00e4tigen Leben zu unterst\u00fctzen.\u00a0 Es dauerte nicht lange bis diese &#8222;Bodhisattwas&#8220;, verstanden als gott\u00e4hnliche, mitleidende und \u00a0gnadenreiche Wesen, in gro\u00dfer Zahl den urspr\u00fcnglich v\u00f6llig gott-losen buddhistischen Kosmos bev\u00f6lkerten. Wo im \u00e4lteren Buddhismus nichts gewesen war als die Sehnsucht der m\u00fcden Seelen nach\u00a0 dem Nichts, entstanden nun Myriaden hilfreicher Geister, deren Existenz nach Darstellung und Verherrlichung in allen Bereichen der Kunst verlangte. \u00a0Diesen neuen, j\u00fcngeren\u00a0 Buddhismus, der die Erl\u00f6sung von viel mehr Menschen als fr\u00fcher verhie\u00df, bezeichnete man als\u00a0 \u201eMahayana\u201c, als das \u201egro\u00dfe Fahrzeug\u201c, im Unterschied zum \u201eHinayana\u201c, dem \u201ekleinen Fahrzeug\u201c des urspr\u00fcnglichen Buddhismus. Dass dieser neue Buddhismus Millionen guter G\u00f6tter und Geister alle \u00e4lteren Ahnenkulte frisch missionierter V\u00f6lker m\u00fchelos in sich aufnehmen konnte, verstand sich von selbst.<\/p>\n<p>Der Borobodur ist das steingewordene Mandala des javanischen Mahayana-Buddhismus. Er wurde als eine\u00a0 Prozessionsstra\u00dfe konzipiert, auf der der Gl\u00e4ubige den zahllosen Buddhas und Bodhisattwas begegnete, die ihn auf dem Weg zur Ebene der formlosen Erkenntnis begleiteten. Diese Prozessionsstra\u00dfe versinnbildlichte die schrittweise H\u00f6herentwicklung des Menschen vom Stofflichen \u00fcber das Geistige zum absoluten Nichts. Wenigstens diese allgemeine Richtung hatte der Mahayana- Buddhismus mit dem Hinayana-Buddhismus gemeinsam.<\/p>\n<p>Inzwischen war der sp\u00e4te Nachmittag angebrochen. Die Anlage wurde immer voller, und es war kaum noch m\u00f6glich, irgendeine Statue ohne vorbeigehende Touristen in Ruhe zu betrachten. Die meisten Besucher waren moslemische Javaner, sie wurden begleitet von ihren \u00a0verschleierten Frauen, die gerne vor der einen oder anderen Buddha-Panele posierten. Das mochte zun\u00e4chst \u00fcberraschen, denn streng genommen verk\u00f6rperte der Buddhismus, gleich ob in der \u00e4lteren oder der j\u00fcngeren Form, f\u00fcr einen Moslem den Inbegriff des Heidentums. Tats\u00e4chlich hatte der Islam, wo immer er in den Jahrhunderten seiner Expansion Fu\u00df gefasst hatte, den Buddhismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet. In Nordpakistan, in Bengalen und in Kaschmir war nichts von ihm geblieben, und noch vor kurzem hatten islamistische Terroristen die gro\u00dfe Buddha-Statue von Bamyan in Afghanistan in die Luft gesprengt. In Indonesien war der offizielle Umgang mit den vorislamischen \u00dcberresten ein anderer. Seitdem der Borobodur zum Anschlagsziel f\u00fcr islamistische Terroristen geworden war, hatte man milit\u00e4rische Kontrollposten rund um das Bauwerk eingerichtet, von denen aus der Besucherstrom genau beobachtet werden konnte. Die Soldaten waren h\u00f6flich. aber distanziert. Als sich Rike eine Zigarette anstecken wollte, wurde sie scharf zurechtgewiesen. War der Buddhismus auf Java auch untergegangen, schuldete man ihm doch noch Respekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p>Im Ursprung war der\u00a0 indische Tempel nichts weiter als ein fensterloser Raum gewesen. In ihm befand sich die G\u00f6tterstatue, die nur von den Brahmanen gesehen werden durfte. Die Gl\u00e4ubigen mussten drau\u00dfen bleiben. Die weitere Entwicklung f\u00fchrte zun\u00e4chst zu quadratischen Steingeb\u00e4uden, wie wir sie auf dem Dieng Plateau gesehen hatten. Im n\u00e4chsten Schritt entstand ein\u00a0 \u00fcberdachter Vorraum, in dem sich die Gl\u00e4ubigen versammeln konnten. Dann begann der eigentliche Tempelkorpus, der Raum, in dem das G\u00f6tterbildnis aufgestellt war, zu wachsen. Aus einem quadratischen Raum entwickelte sich ein sich parabelf\u00f6rmig nach oben verengender Turm, die sogenannte <em>Sikhara<\/em>. Sie repr\u00e4sentierte im Glauben der Hindus den Weltberg Meru, den Sitz der G\u00f6tter im Himalaja. Auch die Basis dieses Turms, die Cella, ver\u00e4nderte sich. Aus ihr entstand die <em>\u201eGrabhagriha<\/em>\u201c, die Kammer des Allerheiligsten, zu dem au\u00dfer den Brahmanen noch immer\u00a0 niemand Zutritt hatte. Als schlie\u00dflich Vorhalle und Sikhara auf ein Podest gestellt und zu einer baulichen Einheit zusammengefasst wurden, war die architektonische Genese abgeschlossen<a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/buecher\/bharat-darshan\/\"> (vgl. Weltreisen Bd. II. S. 139ff.)<\/a>. Es spricht f\u00fcr die Enge der kulturellen Verbindung von Indien und Java, dass dieser gerade erst im indischen Orissa vollendete Tempeltyp schon im zehnten \u00a0Jahrhundert auch in Java Platz griff \u2013 und zwar in einer geradezu monumentalen Form, die die meisten zeitgen\u00f6ssischen Tempelbauten im Mutterland in den Schatten stellte. Die Rede ist vom Prambanan, einem der gr\u00f6\u00dften Tempel der hinduistischen Welt knapp zwanzig Kilometer \u00f6stlich von Yogjakarta.<\/p>\n<p>Unwillk\u00fcrlich blieben wir stehen, als wir den Prambanan zum ersten Mal erblickten. Vor uns erstreckte sich eine riesenhafte Tempelanlage von einhundertf\u00fcnfzig Metern Seitenl\u00e4ge, auf deren Basis sich drei Sikharas, drei <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6446\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-23-1.jpg\" alt=\"1 (23)\" width=\"793\" height=\"510\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-23-1.jpg 793w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-23-1-768x494.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/>gewaltige Tempelt\u00fcrme erhoben. Die Natur, die alles um uns herum zum\u00a0 Bl\u00fchen brachte, schien ihre Vollendung in den drei steinernen Riesengew\u00e4chsen zu finden, die vor uns in den Himmel ragten. \u00dcber vier Eing\u00e4nge, die entsprechend der Himmelsrichtungen angeordnet waren, passierten wir die Ringmauern und stie\u00dfen auf die \u00dcberreste von weit \u00fcber hundert kleinen Tempelbauten, von denen man annahm,\u00a0 dass es sich um M\u00f6nchsgr\u00e4ber handelt. \u00dcber Ihnen auf einer erh\u00f6hten Terrasse erhoben sich die drei Haupttempel von Brahma, Shiva und Vishnu, von denen der mittlere, der Shivatempel, der gr\u00f6\u00dfte war. Folgte man der Schulbuchweisheit der Religionsb\u00fccher, dann repr\u00e4sentierten diese drei hinduistischen G\u00f6ttergestalten die \u00a0Dreieinigkeit, die\u00a0 Prinzipien der Sch\u00f6pfung (Brahma), der Erhaltung (Vishnu) und der Zerst\u00f6rung (Shiva). Schaute man etwas genauer hin, erkannte man im Hinduismus eine bipolare \u00a0Hochreligion mit Vishnu und Shiva als herausragenden G\u00f6tterfiguren, w\u00e4hrend Brahma eigentlich nur eine abstraktes und selbst in Indien kaum verehrtes Prinzip darstellte. In dieser Doppelreligion repr\u00e4sentierte Vishnu die etwas vornehmere G\u00f6ttergestalt, die in ihren\u00a0 unterschiedlichen Inkarnationen die Welt bereits neunmal gerettet hatte, ehe sie in der noch bevorstehenden zehnten Inkarnation die Welt f\u00fcr alle Zeiten erl\u00f6sen w\u00fcrde. Shiva, der in Indien als T\u00e4nzer, Ganj-Raucher, Zerschmetterter und Sch\u00f6pfer verehrt wird, ist demgegen\u00fcber die wildere, menschenn\u00e4here Figur, die vielleicht gerade deswegen eine noch h\u00f6here Verehrung als Vishnu genie\u00dft. Dementsprechend war auch in der Tempelanlage vom Prambanan Shiva der mit 46 Metern H\u00f6he\u00a0 gr\u00f6\u00dfte und herausragendste Tempel gewidmet.<\/p>\n<p>Ebenso wie der Borobodur waren die Ringmauern und Au\u00dfenw\u00e4nde der Bauwerke mit zahllosen Skulpturen geschm\u00fcckt \u2013 man erkannte Szenen aus dem Ramayana, thronende G\u00f6tter, T\u00e4nzerinnen, Blumenmotive und immer wieder L\u00f6wenk\u00f6pfe, die den Betrachtern aus kleinen Panelen anzublicken schienen. Den drei gro\u00dfen Tempeln des Shiva, Brahma und Vishnu standen drei kleinere gegen\u00fcber, die ihren Reittieren gewidmet waren, doch nur der Tempel des Nandis, Shivas Stier, war erhalten geblieben. Rechts und links der Treppe, die zum Eingang des Shivatempels emporf\u00fchrte, befanden sich glockenf\u00f6rmige Gebilde, die buddhistischen Stupen \u00e4hnelten, ohne dass man genau wusste, ob es sich auch um solche handelte.<\/p>\n<p>Mit der Vermischung der Religionen ist es ein merkw\u00fcrdiges Ding. Meist vollzieht sich die Verdr\u00e4ngung der einen durch die andere als ein brachialer, gewaltt\u00e4tiger Prozess. So haben die Christen, als sie das muslimische Cordoba eroberten, ihre Kathedrale mitten in die Mesquita hineingebaut. Die Moslems ihrerseits haben die Kathedrale von Nikosia mit Minaretten f\u00fcr alle sichtbar eine Moschee verwandelt. In Java war der \u00dcbergang gleitend gewesen. Die unz\u00e4hligen Buddhas und Bodhisattwas des Mahayana Buddhismus und die farbenfrohe Vielfalt des hinduistischen Pantheons waren an den W\u00e4nden von Borobodus und Prambanan kaum unterscheidbar. Einen gr\u00f6\u00dferen Gegensatz zum Islam konnte man sich kaum vorstellen.<\/p>\n<p>Der\u00a0 Prambanan, benannt nach einem benachbarten Dorf, war nur wenige Jahre nach der Vollendung des Borobodur am Anfang des 10. Jahrhunderts von der hinduistischen Mataram Dynastie errichtet worden. Shivas gewaltiger Schatten lag damals \u00fcber Java, und er sollte sich als so umfassend erweisen, dass er selbst den Mahayana Buddhismus in sich aufnehmen konnte. Die hinduistischen Gegenreformation, der es im 8. und 9. Jahrhundert im indischen Mutterland gelungen war, den Mahayana-Buddhismus fast vollst\u00e4ndig in sich aufzusaugen, obsiegte auch in Java \u00fcber den Buddhismus.<\/p>\n<p>Trotzdem blieb\u00a0 dem Prambanan das Schicksal aller javanischen Tempel nicht erspart. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er \u00fcberwuchert und durch Vulkanausbr\u00fcche besch\u00e4digt. Nach dem Sieg des Islams in Java diente die verfallene Anlage zeitweise als Steinbruch. Erst im 19. Jahrhundert, als \u00fcberall in der Welt die vormodernen Tempel dem Vergessen entrissen wurden, hatte man damit begonnen, den Prambanan\u00a0 ebenso wie den Borobodur mit enormem Arbeitsaufwand wiederzustellen. Seit 1953, dem Abschluss der Renovierungsarbeiten, erhebt sich die prachtvolle Anlage wieder im alten Glanz inmitten eines zauberhaften Tales \u2013 in ihrer Harmonie von Natur und Kunst auch in dieser Hinsicht dem Borobodur vergleichbar.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-6447\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-40-523x800.jpg\" alt=\"1 (40)\" width=\"523\" height=\"800\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisen durch Java und Bali \u00a0Teil 1 Shiva und Buddha im Schatten der Vulkane Eine Reise zum Dieng Plateau, zum Borobodur und zu der\u00a0 Tempelanlage von Prambanan Der Taxifahrer hie\u00df Sashan, er war ein junger Javaner mit einem sp\u00e4rlichen Oberlippenbart und grotesk d\u00fcnnen Armen. 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