{"id":1148,"date":"2013-12-22T14:38:15","date_gmt":"2013-12-22T14:38:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1148"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"samosir-ist-der-nabel-der-welt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/samosir-ist-der-nabel-der-welt\/","title":{"rendered":"Samosir ist der Nabel der Welt"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-141.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1149\" alt=\"6 (14)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-141-900x596.jpg\" width=\"900\" height=\"596\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-141-900x596.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-141.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Die Kultur der Batak vom\u00a0Toba See auf Sumatra<\/h3>\n<div>\u00a0Als 1883 der Vulkan Krakatau zwischen Sumatra und Java ausbrach, war die Explosion noch in S\u00fcdindien und auf den philippinischen Inseln zu h\u00f6ren. Mit der Gewalt von 100 000 Hiroshima-Atombomben entluden sich die tektonischen Spannungen der Erdrinde, die gesamte 33 Quadratkilometer gro\u00dfe Insel flog buchst\u00e4blich in die Luft und versank anschlie\u00dfend im Meer. \u00dcber 36 000 Menschen fanden den Tod in den bis zu vierzig Meter hohen Flutwellen, die nach dem Vulkanausbruch \u00fcber die K\u00fcsten S\u00fcdsumatras und Westjavas hereinbrachen. Fast zwanzig Kubikkilometer Magma und Erde wurden in die Atmosph\u00e4re geschleudert, in Europa und Nordamerika wunderten sich die St\u00e4dter \u00fcber die flammenden Farben des Abendrotes in diesem Jahr. Solche Katastrophen sind es, die im geologischen Rhythmus von Jahrzehntausenden das Gesicht der Erde pr\u00e4gen, und es geh\u00f6rt zu den merkw\u00fcrdigen Geheimnissen unseres Planeten, da\u00df sich im unendlichen Ablauf der Zeiten aus der zerfetzten Erde, die nach solchen Eruptionen zur\u00fcckbleibt, Landschaftsbilder von eindringlicher Sch\u00f6nheit entwickeln.<\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-44.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1878\" alt=\"1 (44)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-44.jpg\" width=\"800\" height=\"518\" \/><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Vor etwa 75 000 Jahren zerri\u00df die vulkanische Erde im Norden der Insel Sumatra unter der Wucht einer Eruption, die die Gewalt des Krakatau-Ausbruchs noch um ein Vielfaches \u00fcbertraf. Aus dem Ulu Barat und dem Sibayak schossen mit der Kraft ungeheurer Sektkorken gl\u00fchende Magmaberge in den Himmel, und zwischen beiden Vulkanen brach der Boden ein, ein etwa eintausend Quadratkilometer gro\u00dfes St\u00fcck Land versank zwischen den beiden Vulkanen, anderthalb Kilometer tief, zerbr\u00f6selt und zerschmettert, um sich dann unter einer neuen Eruptionswelle in der Mitte dieses gigantischen Erdloches als ein neuer, kleinerer Berg zu erheben, dessen flache Buckelspitze heute als Insel Samosir aus den Gew\u00e4ssern des Toba-Sees ragt.<br \/>\nEine Stimmung zeitloser Ruhe sp\u00fcrt, wer zum erstenmal, von Brastagi kommend, an den Sipiso-Piso-Wasserf\u00e4llen die Weiten des Toba-Sees und die Insel Samosir erblickt. Nichts erinnert mehr an die unvorstellbaren Energien, die in einem zweiten Eruptionsschub vor 30 000 Jahren den neuentstandenen Berg inmitten dieses Erdschlundes wie eine Murmel herumdrehten, den Erdeinbruch zwischen den beiden Vulkanen noch einmal vergr\u00f6\u00dferten und so das topographische Relief des Toba-Sees erschufen. Der Wasserzuflu\u00df von einem Dutzend kleinerer Fl\u00fcsse und die unendliche Wiederkehr des Monsunregens f\u00fcllten den gigantischen Krater, trennten die Basis der Insel Samosir von den umgebenden Bergabh\u00e4ngen, und noch ehe die Vorfahren der Batak ihre heutige Heimat erreichten, hatte sich das imposante Bild vollendet: inmitten eines fast un\u00fcberschaubaren Binnenmeeres, umgeben von gr\u00fcn bewachsenen Bergufern, die Hunderte von Metern steil in die Tiefe st\u00fcrzen, lag die Insel Samosir zwischen erloschenen Vulkanen.<br \/>\nNicht weniger staunenswert als die tektonischen Erdkrisen, die zur Entstehung des Toba-Sees f\u00fchrten, sind die Menschen, die seine Ufer besiedelten. In einer der folgenreichsten V\u00f6lkerwanderungen der Weltgeschichte brachen vor etwa viertausend Jahren von S\u00fcdwestchina aus neusteinzeitliche St\u00e4mme nach S\u00fcden auf, durchquerten Indochina, um dann auf dem Seeweg die indonesischen und philippinischen Inseln zu erreichen. Die Torajas auf Sulawesi, die Dayak auf Borneo, die Igorot auf Luzon und die Batak auf Sumatra sind die Nachfahren dieser altmalaiischen V\u00f6lker, ihrerseits wieder von nachfolgenden jungmalaiischen St\u00e4mmen in die unzug\u00e4nglichen Bergzentren der gro\u00dfen Inseln abgedr\u00e4ngt, wo sie durch die Jahrtausende hindurch ihre uralten Mythen und Gebr\u00e4uche zu bewahren versuchten.<br \/>\nHeute haben sich die anderthalb Millionen Batak l\u00e4ngst in verschiedene St\u00e4mme aufgespalten: Karo, Mandailing, Angkola, Dairi, Pakpak leben als unterscheidbare Gruppen n\u00f6rdlich und s\u00fcdlich des Toba-Sees, und je nachdem wie nahe ihre Siedlungsgebiete an den gro\u00dfen Durchgangsstra\u00dfen zwischen Medan und Palembang liegen, sind sie alle mehr oder weniger von der Modernisierung erfa\u00dft, die seit zwei Generationen das Leben auf der gesamten Insel Sumatra ver\u00e4ndert. Die Toba-Batak, mit einer Bev\u00f6lkerungszahl von fast einer Million Menschen, haben aufgrund ihrer abgelegenen Siedlungslage an den unzug\u00e4nglichen Ufern des Sees und auf der Insel Samosir ihre religi\u00f6sen Vorstellungen und Riten noch am ehesten erhalten: einen Kosmos von guten und b\u00f6sen Geistern, eine Welt, in der der Zauberstab, das Orakelbuch und der Medizinmann das Denken und Handeln der Menschen unter dem d\u00fcnnen Firnis einer nicht besonders tiefgreifend assimilierten christlichen Hochreligion noch immer mitbestimmen.<br \/>\nEinen ersten Eindruck von der \u00e4u\u00dferen Erscheinungsform einer traditionellen Batak-Siedlung erh\u00e4lt der Reisende im Simalungun-Park, auf halbem Weg zwischen den Sipiso-Piso-Wasserf\u00e4llen und dem F\u00e4hrhafen Prapat. Unwillk\u00fcrlich h\u00e4lt man den Atem an, wenn man eine solche Siedlung betritt und \u00fcber die gesamte Anlage verteilt die prachtvollen Wohnh\u00e4user und Reisspeicher betrachtet: wie gro\u00dfe, auf Kiel gelegte Schiffe, die nach langen Seereisen eine r\u00e4tselhafte Verwandlung zum Wohnhaus durchgemacht haben, wie eine ehemalige Armada, sogar mit einem Flaggschiff &#8211; dem Holzpalast des Rajas -, so wirken die alten Batak-H\u00e4user in der Umgebung des Toba-Sees. Die wannenf\u00f6rmig aus mehreren Bambuslagen gestalteten D\u00e4cher sind ohne die Verwendung eines einzigen Nagels zu einer St\u00fctzbalkenkonstruktion befestigt. An der Stirn- und Stra\u00dfenseite wird der schr\u00e4g vorstehende Giebel, der meist noch \u00fcber einen ger\u00e4umigen Balkon verf\u00fcgt, durch einen gro\u00dfen St\u00fctzbalken ausbalanciert. Die am \u00e4u\u00dferen St\u00fctzbalken des Raja-Palastes von Simalungun angebrachten B\u00fcffelh\u00f6rner erinnern an die Inthronisationen und Tauffeierlichkeiten des k\u00f6niglichen Nachwuchses. Bis zu drei offene Feuerstellen brannten gew\u00f6hnlich im Holzpalast des Rajas, eine sichere Methode, den Dachstuhl zu konservieren und s\u00e4mtliche M\u00fccken zu vertreiben. Allerdings mu\u00dfte bei der Auswahl des Baumaterials sowohl f\u00fcr den Rajapalast wir f\u00fcr die Wohnh\u00e4user und die Reisspeicher mit \u00e4u\u00dferster Sorgfalt vorgegangen werden: Der Gebrauch von Holz von B\u00e4umen mit Lianen war unter allen Umst\u00e4nden zu vermeiden, weil sich in dem Geflecht gerne die Totengeister der Batak, die Begus, schaukeln, und zu viele Begus im Haus gelten auf die Dauer als ungesund. Andererseits: Je heller das Holz klingt, desto mehr segenspendende Tondi-Energie birgt der Stamm, und mit einem solchen Material kann man sich getrost sein Dach \u00fcber dem Kopf errichten.<\/div>\n<div>\nObwohl sich die Batak auch aus Gr\u00fcnden der kulturellen Abgrenzung gegen die \u00fcberwiegend islamischen Bewohner Sumatras schlie\u00dflich offiziell zum Protestantismus der Rheinischen Missionsgesellschaft bekehrt haben, ist der Gegensatz von Tondi und Begu bis heute der Kern der traditionellen Batak-Religion geblieben. Unter Tondi verstehen die Batak jene Lebenskraft, die allen Objekten innewohnt &#8211; Menschen, Tieren, Pflanzen und sogar den unbelebten Gegenst\u00e4nden. Es ist eine Art Energie, die zwischen den Dingen fluktuieren, sich sammeln und entleeren kann. So leidet nach der Auffassung der Batak ein kranker Mensch prim\u00e4r an einem Tondi-Mangel. Einem dergestalt dahinsiechenden Menschen, den sein Tondi mehr und mehr verlie\u00df, konnte fr\u00fcher m\u00f6glicherweise der kannibalische Genu\u00df eines get\u00f6teten Feindes wieder auf die Beine verhelfen, da dessen Tondi nach der Auffassung der altbatakischen Kosmologie auf den Esser \u00fcberging. Nachdem diese Methode immerhin schon im letzten Jahrhundert aus der Mode kam, schlug die Stunde der Medizinm\u00e4nner, die nicht nur \u00fcber das Orakelbuch und den gro\u00dfen figurengeschm\u00fcckten Zauberstab, sondern auch \u00fcber beachtliche Tondi-Reserven verf\u00fcgten, von denen sie dem Kranken das eine oder andere Quentchen abgeben konnten. Tondi war allgegenw\u00e4rtig, aber auch empfindlich: der f\u00fcr die Aussaat bestimmte Reis mu\u00dfte sorgsam gelagert werden, weit entfernt von allen Totenh\u00e4usern, dunkel klingenden H\u00f6lzern oder sonstigen verwunschenen Pl\u00e4tzen, weil sonst das Tondi Schaden nahm und nur eine k\u00fcmmerliche Ernte zu erwarten war. Auch die Tondi-Traumtheorie ist von durchschlagender Pr\u00e4gnanz: Glaubte Sigmund Freud in seiner &#8222;Traumdeutung&#8220; noch daran, da\u00df sich dem kundigen Menschen im Schlaf sein Unterbewu\u00dftsein enth\u00fclle, so belehrt uns das alte Traumbuch der Batak dar\u00fcber, da\u00df im Schlaf der Seele nichts Verdr\u00e4ngtes, sondern einfach Verstorbenes erscheine, eben jene Begus, die die Tondis des Nachts besuchen und \u00e4ngstigen.<br \/>\nVerbreiteten die Begus auf diese Weise mancherlei Ungemach unter den Lebenden, hatten sie aber ihrerseits wenig zu lachen: kaum war ein Batak verstorben und hatte sich sein Tondi endg\u00fcltig verfl\u00fcchtigt, mu\u00dfte sich sein Totengeist zum Trauerwasser begeben und sich hier wie ein Immigrant im Totenreich mit den bereits ortsans\u00e4ssigen Begus auseinandersetzen. Wurden bei dem Begr\u00e4bnis auch nur minimale rituelle Fehler begangen, vers\u00e4umte etwa der Sohn die richtigen Totengebete oder gab er etwa dem Vater zu wenig Geschenke mit auf seinem Weg ins Jenseits, werde der neue Begu erst einmal von der Gemeinschaft der alten Begus verh\u00f6hnt und verpr\u00fcgelt.<br \/>\nDen Kopf voll mit diesen Geschichten von Tondis und Begus, erreicht man die Steilufer des Toba-Sees auf einer sich in schwindelnder H\u00f6he dahinwindenden Stra\u00dfe mit der im Nebel halb versunkenen Insel Samosir in der Tiefe. Jede Kurve ist ein schwei\u00dftreibendes Erlebnis, jede Begegnung ein kompliziertes Rangierman\u00f6ver, aber hinter jeder Ecke bietet sich auch eine neue Perspektive auf eine immer imposantere Aussicht. Abendliche Sonnenstrahlen, von fl\u00fcchtigen Wolken geb\u00fcndelt, wandern \u00fcber das tiefschwarze Wasser und illuminieren in der N\u00e4he des tiefer gelegenen Dorfs Prapat mediterran anmutende Palmen- und Piniengalerien.<\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-18.tif.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1880\" alt=\"6 (18).tif\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-18.tif-900x509.jpg\" width=\"900\" height=\"509\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-18.tif-900x509.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-18.tif.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><br \/>\nDer Ort selbst ist l\u00e4ngst zum Opfer der beiden Stichstra\u00dfen geworden, die seit f\u00fcnfzehn Jahren den See mit dem Norden Sumatras verbinden. Sie brachten den geballten einheimischen Tourismus aus Medan, Bandah Aceh und Jakarta nach Prapat. Es entstanden die Batakhotels mit ihren geschwungenen Wellblechd\u00e4chern, die als billige Imitationen eines traditionellen Hauses das Ufer verunzieren. Auch jene \u00fcble Abart von Schleppern und Abstaubern, die sich l\u00e4ngst an allen Nahtstellen des &#8222;exotischen&#8220; Tourismus etabliert hat, steht zur Jagd bereit, kaum da\u00df der Bus am Ufer des Toba-Sees gehalten hat. Schnell sind die ersten \u00dcbernachtungen verkauft, weil heute doch ganz bestimmt keine F\u00e4hre mehr nach Samosir ablegen wird, und wer so dumm war, auf diese Finte hereinzufallen, kann auch noch ein Ticket f\u00fcr ein Boot am n\u00e4chsten Tag erwerben, das es \u00fcberhaupt nicht gibt. Besonders f\u00fcr die weiblichen Besucher sind diese Menschen eine rechte Plage, auch wenn man zugeben mu\u00df, da\u00df sie auf ihre Art wieder &#8222;ehrliche&#8220; Erscheinungen sind, denn die Raffgier steht ihnen im Gesicht geschrieben.<br \/>\nTats\u00e4chlich lag des letzte Boot nach Samosir an diesem Tag stundenlang am Kai von Prapat, und erst als die Sonne g\u00e4nzlich verschwunden war, wurde uns klar, da\u00df es nicht eher auslaufen w\u00fcrde, bis Ober- und Unterdeck ausreichend gef\u00fcllt waren. Inzwischen hatte sich der Himmel verdunkelt, die ersten Regentropfen fielen, die Wellen schlugen hoch, und mit einemmal zerri\u00df ein kilometerlanger Blitz \u00fcber dem Horizont die schwarze Nacht. Ausgerechnet in diesem kritischen Augenblick legte der vollgestopfte Holzkahn ab und steuerte auf den See hinaus, im Visier die Lichter der Insel Samosir, die nur als eine kaum sichtbare Reihe flackernder P\u00fcnktchen im Westen zu erkennen waren. Mitten auf dem See begann das Boot bedenklich zu schaukeln, die Blitze zuckten in immer k\u00fcrzeren Intervallen \u00fcber den Himmel, und der See wirkte in diesen Sekundenbruchteilen glei\u00dfender Helligkeit wie ein aufgew\u00fchltes Leichentuch. Eine amerikanische Familie begann in der stockdunklen Feuchtigkeit unter Deck zu singen, wie Kinder, die sich im Keller f\u00fcrchten. Pl\u00f6tzlich setzte der Motor aus, und das Boot geriet in bedenkliche Schr\u00e4glage. Pane na blon, der gro\u00dfe b\u00f6se Geist, ist nach dem Glauben der Batak bei diesem Wetter unterwegs, und m\u00f6glicherweise hatte er sich jetzt hier eingenistet. Doch unser Bootsmann stieg mit seinem offenbar beachtlichen Tondi in den Maschinenschlund hinab und hantierte an dem Motor so lange herum, bis er wieder zu tuckern begann. Wohlbehalten erreichten wir das Ufer.<br \/>\nF\u00fcr die Batak ist die Insel Samosir der Nabel der Welt, die Basis eines imagin\u00e4ren Weltendaches, das sich wie ein Pilz aus dem Toba-See erhebt und in dem die Geister der Verstorbenen beheimatet sind. Zwar besitzen die herabh\u00e4ngenden R\u00e4nder dieses Daches nach den Vorstellungen der Batak keinen Kontakt zur diesseitigen\u00a0\u00a0Wirklichkeit, doch Regenb\u00f6gen, Donner und Blitz erlauben den Geistern den Wechsel der Welten. Und so befinden sich nicht nur etwa 150 000 Batak auf der 564 Quadratkilometer gro\u00dfen Insel, sondern zugleich auch eine ungewisse Zahl von Totengeistern, die gew\u00f6hnlich in der Nacht \u00fcber die Insel schweifen und sich mit den vagabundierenden Tondis der schlafenden Batak treffen.<br \/>\nDie meisten Touristen auf Samosir ahnen nichts von diesem n\u00e4chtlichen Treiben. Sie wohnen auf der Halbinsel Tuk-Tuk in einfachen H\u00e4usern im Batak-Stil, lassen sich den Toba-Fisch schmecken und genie\u00dfen ansonsten die atemberaubenden Aussichten \u00fcber den See. Den ganzen Tag kann man auf der Veranda sitzen und dar\u00fcber staunen, in wieviel verschiedene Stimmungen der Wechsel von Wolken, Sonne und Licht ein Panorama verkleiden kann. Am Vormittag wirkt die Uferpromenade des n\u00f6rdlichen Tomok mit der kleinen Kirche am See wie ein s\u00fcdpazifisches Postkartenmotiv, wattewei\u00df kleben freundliche Wolken auf den Bergk\u00e4mmen, werden dann dunkler im Laufe des Tages, und wie in einem gigantischen Freilufttheater ziehen sich am fr\u00fchen Nachmittag von beiden Seiten der Ufer immer dunklere Wolkenfronten \u00fcber dem See zusammen, streifen die Sonne, geben sie wieder frei, so da\u00df sie mit ihren geb\u00fcndelten Strahlen wie ein Scheinwerfer einzelne Stellen ausleuchtet.<\/div>\n<div><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1881\" alt=\"6 (16)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-16-900x495.jpg\" width=\"900\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-16-900x495.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-16.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/div>\n<div>Mal ist es nur ein Palmenwald, der pl\u00f6tzlich in einem leuchtenden Gr\u00fcn \u00fcber tiefschwarzem Wasser ergl\u00e4nzt, mal trifft der letzte Sonnenstrahl eine Front von Batak-H\u00e4usern am Ufer, da\u00df die kunstvollen Arabesken auf Veranden und Giebeln dunkelrot aufschimmern. Dann rollt der Regen heran. In nassen Nebels\u00e4ulen wandert er von Norden nach S\u00fcden, bis der letzte Zipfel des Lichts verschlungen ist. Nun verwandelt sich der See in einen norwegischen Fjord, der in die Finsternis versinkt. Am n\u00e4chsten Morgen ist keine Wolke zu sehen, und \u00fcber dem Wasser w\u00f6lbt sich ein tiefblauer Himmel.<\/div>\n<div>\u00a0\u00a0\u00a0 Seit die ersten Weltenbummler in den sp\u00e4ten sechziger Jahren begonnen haben, sich an diesem m\u00e4rchenhaften Ort bei Einheimischen einzumieten, und seit sie die Kunde vom Lago Maggiore Asiens zu Hause verbreiteten, sind immer mehr Guest-H\u00e4user direkt am Wasser entstanden, und l\u00e4ngst ist die Halbinsel Tuk-Tuk neben Goa, Hikkaduwa, Ko Samui, Yogjakarta und Candi Dasa eine der klassischen Stationen der gro\u00dfen Asienreise geworden. Inzwischen sind die ersten Luxushotels gebaut worden, pr\u00e4chtige Anlagen im Fassadenstil der Batak-H\u00e4user mit gro\u00dfen Veranden und Restaurants \u00fcber dem Wasser des Sees und der \u00fcblichen Pr\u00e4sentation sogenannter Volkst\u00e4nze w\u00e4hrend des Abendessens.<br \/>\nAber noch immer ist es recht einfach, die touristische Enklave von Tuk-Tuk zu verlassen und die Insel zu erkunden. Es gibt sogar eine K\u00fcstenstra\u00dfe, die auf einer L\u00e4nge von gut einhundert Kilometern um die gesamte Insel herumf\u00fchrt. Eine Reise entlang wild gezackter Bergr\u00fccken auf den jenseitigen Ufern des Sees, die sich in der Ferne in Wolken h\u00fcllen oder bei Pangururan ganz nahe an die Insel heranr\u00fccken, von den Schneisen herabst\u00fcrzender B\u00e4che in der Regenzeit geriffelt wie S\u00fcdseefelsen und mit dem gr\u00fcnen Lebenspelz der Tropen bewachsen, zwischen denen sich die winzigen Siedlungen der Batak im Schatten der Fels\u00fcberh\u00e4nge verlieren.<br \/>\nAm Ende oder am Beginn einer Inselumrundung erreicht man die kleine Stadt Tomok ganz in der N\u00e4he der Halbinsel Tuk-Tuk. Dies ist der geschichtlich bedeutsamste Ort Samosirs mit Megalith-Gr\u00e4bern der Sidabutar-Dynastie aus dem 18. Jahrhundert. Malerisch unter den breiten Kronen von Haiara-B\u00e4umen plaziert, bergen sie in grob behauenen Steinsarkophagen die Sch\u00e4delknochen ber\u00fchmter Rajas aus jener w\u00fcsten und vorchristlichen Zeit, in der man sich gegenseitig pausenlos die Lebensgeister austrieb, die K\u00f6pfe get\u00f6teter Sklaven unter den Fundamenten neuer H\u00e4user vergrub und die Zauberst\u00e4be der besseren Wirkung wegen mit den Innereien get\u00f6teter Kinder einrieb. Man wird es den Priestern der Rheinischen Missionsgesellschaft im 19. Jahrhundert nicht ver\u00fcbeln k\u00f6nnen, da\u00df sie in einer sehr flexiblen Auslegung der Bibel den blutigen Riten der Inselbewohner dadurch entgegenzutreten versuchten, da\u00df sie den Batak den freiwilligen Opfertod Jesu Christi als eine allgemeine und f\u00fcr alle Zeiten ausreichende Tondi-Ausgie\u00dfung erkl\u00e4rten und daher Menschenopfer und Kopfj\u00e4gerei nicht mehr n\u00f6tig seien.<br \/>\nOb dies die Batak wirklich glaubten oder nur den Geboten der holl\u00e4ndischen Kolonialmacht folgten, wird man heute nicht mehr herausfinden k\u00f6nnen. Immerhin aber sind die Kirchen in Tomok gut gef\u00fcllt, und der inbr\u00fcnstige Gesang der Gemeinde mag sowohl dem Herrn wie den Begus wohlgef\u00e4llig sein. In der wei\u00dfen Holzkirche, in der wir an diesem Morgen den Gottesdienst besuchten, lagen die Zements\u00e4cke neben dem h\u00f6lzernen Altar, die Fenster waren weit ge\u00f6ffnet und lie\u00dfen die frische Gebirgsluft in die Halle, doch der Prediger ging streng mit der Gemeinde ins Gericht, er grollte und schimpfte und sch\u00fcttelte die Faust, w\u00e4hrend die Gl\u00e4ubigen unbewegt auf ihre bunten Sonnenschirme zwischen ihren Knien blickten. In den bunten Sch\u00e4rpen und den wei\u00dfen Oberhemden bot die Batak-Gemeinde von Tomok ein ordentliches Bild, doch wie es in den Tiefen ihrer Glaubenswelt aussieht, bleibt ein Geheimnis.<br \/>\nWenige Kilometer von Tomok entfernt erreicht man in der N\u00e4he der kleinen Siedlung Ambarita das altmegalithische Siallagan. Hier wird das Ineinander der Welten auf besondere Weise deutlich: aus Naturstein behauene St\u00fchle und B\u00e4nke stehen inmitten des Dorfes und boten dereinst den Mitgliedern der Gemeinschaft die einzigartige Gelegenheit, ihre Probleme in Anwesenheit der Ahnen zu er\u00f6rtern, denn f\u00fcr diese wurden entweder manche der Natursitze freigehalten, oder eine stilisierte Ahnenfigur aus Holz oder Stein sa\u00df als symbolische Repr\u00e4sentation der Vorfahren mit in der Runde. Was hier in Siallagan vor dreihundert Jahren wirklich geschah, verschwimmt im Nebel der Mutma\u00dfungen. Glaubt man dem ortsans\u00e4ssigen Reisef\u00fchrer, dann ging es in jenen alten Tagen recht demokratisch zu: Auf den d\u00fcsteren Steinen von Siallagan traf sich die \u00f6rtliche Prominenz zum Adat, einem endlosen Palaver, bei dem so lange debattiert werden mu\u00dfte, bis eine allseits zufriedenstellende L\u00f6sung gefunden worden war.<br \/>\nDie R\u00e4tsel der Vergangenheit treten auf der Reise von Ambariata nach Simanindo zur\u00fcck hinter der idyllischen Au\u00dfenansicht des Nordteils der Insel Samosir. \u00dcber nahezu jeder Bucht und hinter jedem H\u00fcgel enth\u00fcllen sich Motive an der Grenze zwischen Sch\u00f6nheit und Kitsch: saftig gr\u00fcn sind die Wiesen, auf denen die K\u00fche grasen, die Wasserb\u00fcffel w\u00e4lzen sich auf den Feldern, tief geb\u00fcckt pflanzen die Bauern die Setzlinge in den Schlamm der Reisfelder. Entlang der gesamten Wegstrecke passiert man die traditionellen Batak-Gr\u00e4ber, eingez\u00e4unte steinerne Sockel, auf denen die verkleinerten Abbilder der typischen Batak-H\u00e4user mit ihren Satteld\u00e4chern zu sehen sind, und manchmal verr\u00e4t eine kleine eingekleidete Holzgestalt neben einem Grab, da\u00df hier ein Batak kinderlos verstorben ist und sein Begu nun in dieser Puppe hausen mu\u00df.<br \/>\nInmitten dieser grandiosen Landschaft liegt in der N\u00e4he von Simanindo das alte Batak-Dorf Huta Bolon. Sogar der alte Verteidigungswall, der fr\u00fcher jede Siedlung umgab, wurde wiederhergestellt &#8211; mitsamt seiner Eingangspforte, die nach altem Brauch gerade so breit sein durfte, da\u00df ein ausgewachsener Bulle hindurchkam, und so hoch sein mu\u00dfte, da\u00df eine Frau mit einem Korb auf dem Kopf eintreten konnte. Mit ihren kostbar geschnitzten Holzgiebeln zur Abwehr der b\u00f6sen Geister wirken die Fassaden der kompakten H\u00e4user wie ein Spalier h\u00f6lzerner Festungen. Auf stabilen Pfahlkonstruktionen sind sie \u00fcber luftigen St\u00e4llen errichtet, in denen das Vieh den Dung erzeugt, der gleich hinter dem Haus auf die Felder getragen werden kann. Im gr\u00f6\u00dften Geb\u00e4ude von Huta Bolon, dem Haus des Raja Partahi, sind Textilien, Gew\u00e4nder und Werkzeuge ausgestellt. Auch eine uralte Flinte ist zu sehen, deren Gebrauch f\u00fcr den Besitzer wahrscheinlich gef\u00e4hrlicher gewesen sein wird als f\u00fcr den Feind. Ein gro\u00dfer Banian-Baum steht in der Mitte des Dorfes, ehemals der Treffpunkt der Bewohner und der Geister, der Schauplatz der Zeremonien und T\u00e4nze.<br \/>\nBesonders gepr\u00e4gt aber wird das Dorf durch die altmalaiischen Reisspeicher, die sich \u00fcber einer Plattform auf hohen S\u00e4ulen erheben. Im freien Raum darunter vollzog sich das Leben: hier flirtete der Nachwuchs am Tage und zeugte in der Nacht, hier bot der Dorffriseur seine Dienste an und fand der wandernde M\u00e4rchenerz\u00e4hler seine Zuh\u00f6rerschaft. Heute bieten die Reisspeicher dem Besucher einen schattigen Winkel, um seinen Vorstellungen vom traditionellen Dasein der Batak in diesem Freilichtmuseum so lange nachzuh\u00e4ngen, bis die Touristenbusse kommen und die ortsans\u00e4ssigen Tanzgruppen auf Kommando ihre heiligen T\u00e4nze vorf\u00fchren. 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