{"id":1143,"date":"2013-12-22T14:28:13","date_gmt":"2013-12-22T14:28:13","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1143"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"nur-auf-der-speisekarte-begegnen-sich-die-kulturen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/nur-auf-der-speisekarte-begegnen-sich-die-kulturen\/","title":{"rendered":"Nur auf der Speisekarte begegnen sich die Kulturen"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-5-001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1875\" alt=\"1 (5)-001\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-5-001.jpg\" width=\"506\" height=\"677\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Das malaysische Dilemma in Kuala Lumpur<\/h3>\n<p>Wo ist das h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Welt am h\u00f6chsten? Auf seinem Dach? Am obersten Punkt seines angebauten Dachaufsatzes oder sogar erst an der Spitze seiner Antenne? Diese Fragen, die eher zweitrangig erscheinen k\u00f6nnten, haben in den letzten Jahren f\u00fcr Wirbel gesorgt, denn von ihrer Beantwortung h\u00e4ngt es ab, welche Stadt von sich behaupten kann, das h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Welt zu besitzen.<\/p>\n<p>Alles war noch ganz einfach, als die Superlative aller drei Kategorien im 420 Meter hohen World Trade Center zusammenfielen. Dann aber wurde der Sears Tower in Chicago gebaut, der den New Yorker Giganten mit einer Dachh\u00f6he von 443 Metern um 23 Meter \u00fcberragte. Nun begann man pl\u00f6tzlich, die Gesamth\u00f6he des World Trade Center neu zu berechnen, und da man die Spitzen der beiden Antennen zu der bisherigen Gesamth\u00f6he addierte, blieb der Titel des h\u00f6chsten Geb\u00e4udes der Erde weiter am Hudson. Dann aber, als 1997 mit gro\u00dfem Aplomp die beiden gigantischen Petronas Towers in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur fertig gestellt wurden, schien die Rivalit\u00e4t von New York und Chicago der Vergangenheit anzugeh\u00f6ren. Mitten im asiatischen Wirtschaftsboom der neunziger Jahre sollte der knapp 452 Meter hohe Geb\u00e4udekomplex nicht nur das unbestritten h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Erde, sondern auch ein un\u00fcbersehbares Zeichen daf\u00fcr sein, dass die asiatischen Zivilisationen endg\u00fcltig aus dem Schatten des Westens herausgetreten waren &#8211; mit Malaysia gleichsam als Schrittmacher.<\/p>\n<p>Ganz ohne Trick funktionierte die Rekordjagd allerdings auch in Kuala Lumpur nicht. Da das Dach der Petronas Towers noch immer niedriger lag als das Dach des Sears Tower waren zwei 63 Meter hohe Masten aufgesetzt worden, von denen die Stadtv\u00e4ter behaupteten, es handele sich nicht um Antennen, sondern um stilisierte islamische Minarette. Nun geht es der Welt mit ihrem h\u00f6chsten Geb\u00e4ude ein wenig wie mit dem Weltmeistertitel im Schwergewichtsboxen: Es gibt drei davon.<\/p>\n<p>Bald nach der Fertigstellung der Petronas Towers aber brach die Asien-Krise \u00fcber Malaysia herein. Der malaysische Ringgit erlebte seine schw\u00e4rzeste Stunde, die B\u00f6rsenkurse brachen ein, und wahrscheinlich haben nur die flugs eingef\u00fchrten Kontrollen des Kapitalverkehrs einen vollst\u00e4ndigen Kollaps der aufgebl\u00e4hten \u00d6konomie verhindert. Wie in ganz S\u00fcdostasien gerieten auch in Kuala Lumpur die Bauprojekte ins Stocken: Die gro\u00dfen Entw\u00fcrfe, die die Konturen der Zukunft gleichsam in die Gegenwart hineinzwingen wollten, entpuppten sich pl\u00f6tzlich nicht nur als fantastische Tr\u00e4ume, sondern als Karikaturen eines staatlichen Gigantomanismus, der dabei war, die wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen des Landes g\u00e4nzlich aus dem Auge zu verlieren. &#8222;Nun besitzen wir zwar das h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Welt&#8220;, h\u00f6hnte die Opposition, &#8222;doch unsere W\u00e4hrung ist nicht mehr frei konvertierbar.&#8220;<\/p>\n<p>Mehr noch als die Petronas Towers repr\u00e4sentiert der &#8222;Kuala Lumpur International Airport&#8220; die hoch gespannten Ambitionen des modernen Malaysia. Denn weil sich lange vor der Asien-Krise nahezu alle ma\u00dfgeblichen Auguren in Ost und West dar\u00fcber einig waren, dass das einundzwanzigste Jahrhundert ein asiatisches Jahrhundert werden w\u00fcrde, lie\u00df Premierminister Mohammed Mahatir knapp f\u00fcnfzig Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt f\u00fcr acht Milliarden Dollar einen derart \u00fcberdimensionierten Flughafen errichten, als sollte der Luftverkehr ganz S\u00fcdostasiens hier abgewickelt werden. Shopping Malls, Glasaufz\u00fcge, automatisch verkehrende Shuttlez\u00fcge zwischen den weit auseinander liegenden Terminals und ein verschwenderisch gestaltetes Angebot an Abfertigungsschaltern sollten die europ\u00e4ischen und amerikanischen Konkurrenten in den Schatten stellen. Hoch wachsen nun die k\u00fcnstlichen Palmen in den kathedralenartigen Hallen, \u00fcberall wienern ganze Regimenter von Reinigungskr\u00e4ften B\u00f6den, W\u00e4nde und Fenster, doch weil sich auch nach dem Ende der Asien-Krise das hinreichende Flugaufkommen nicht einstellen will, wirkt die Gesamtanlage auf den Besucher, als h\u00e4tte Gulliver im Land der Zwerge gebaut. Selbst die Taxifahrer, die \u00fcber einen derart weit abgelegenen und verkehrstechnisch ung\u00fcnstig angebundenen Flughafen eigentlich dankbar sein sollten, sch\u00fctteln die K\u00f6pfe \u00fcber das neueste Werk ihres ehrgeizigen Chefministers. Die Anfahrt von der Stadt bis zum Flughafen ist zwar recht lange &#8211; noch viel l\u00e4nger aber sind die Wartezeiten auf Passagiere f\u00fcr die R\u00fcckfahrt. &#8222;Was macht ein Taxifahrer in Kuala Lumpur, wenn ihn ein Tourist auffordert, eine absolut ung\u00fcnstige Tour zu \u00fcbernehmen?&#8220;, lautet deswegen eine unter den Ausl\u00e4ndern der Stadt gern erz\u00e4hlte Anekdote. Die Antwort: &#8222;Wenn der Taxifahrer ein Inder ist, erz\u00e4hlt er seinem Kunden, das Ziel sei geschlossen, abgebrannt oder die Betreiber h\u00e4tten ihren Laden dicht gemacht. Der Malaie, weniger findig, aber ehrlicher, sch\u00fcttelt traurig den Kopf, steigt in seinen Wagen und f\u00e4hrt ohne ein weiteres Wort einfach davon. Nur der chinesische Taxifahrer \u00fcbernimmt die Fuhre &#8211; allerdings ohne seine schlechte Laune \u00fcber die ung\u00fcnstige Fahrt auch nur eine Sekunde zu kaschieren.&#8220;<\/p>\n<p>Diese kleine Geschichte enth\u00e4lt \u00fcbrigens mehr Wahrheit \u00fcber Kuala Lumpur, als man auf den ersten Blick meinen m\u00f6chte. Zun\u00e4chst sind die Taxifahrer von Kuala Lumpur, ganz gleich ob Malaien, Inder oder Chinesen, nat\u00fcrlich dar\u00fcber erbost, dass sie in einer Stadt, die sich r\u00fchmt, das h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Erde zu besitzen, zu staatlich verordneten Tarifen fahren m\u00fcssen, f\u00fcr die kaum ein Rikschafahrer in Neu-Delhi in die Pedale treten w\u00fcrde. Sodann aber bringen die unterschiedlichen Antworten die landl\u00e4ufigen Stereotypen \u00fcber die drei gro\u00dfen Ethnien Kuala Lumpurs auf eine zugespitzte Pointe: Die Inder sind schlitzohrig, die Malaien gem\u00fctlich und genussfreudig und die Chinesen unfreundliche Arbeitstiere. Dass sich diese \u00fcberzeichneten Wesensz\u00fcge im Miteinander auf der malaiischen Halbinsel zum Positiven ausgleichen k\u00f6nnten, hat schon Sommerset Maugham vergebens gehofft &#8211; in der Wirklichkeit funktioniert das multikulturelle Nebeneinander in Kuala Lumpur nur auf der Speisekarte der besseren Restaurants, auf denen man eintr\u00e4chtig nebeneinander Aste Adam, Peking-Ente und Thai-Food findet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-68.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1870\" alt=\"1 (68)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-68.jpg\" width=\"800\" height=\"522\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese kulinarische und ethnische Vielfalt samt der damit verbundenen Probleme ist das Produkt einer wechselvollen, wenngleich kurzen Geschichte, die in Kuala Lumpur noch nicht einmal einhundertf\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcckreicht. Denn wie Johannesburg oder Dawson City ist auch diese Stadt ein Produkt von jenen Zuf\u00e4llen, die die Pl\u00e4tze im Nirgendwo in Hauptst\u00e4dte und Metropolen verwandeln. In diesem Fall stand eine zerlumpte Horde von Gl\u00fccksuchern und Abenteurern, die 1857 in den Mangrovens\u00fcmpfen des Sungai Klang nach Zinnvorkommen suchte, Pate. Von den 87 Expeditionsmitgliedern war nur ein einziger ein Malaie, alle anderen waren Chinesen, die als Einwanderer ins Land gekommen und fest entschlossen waren, in ihrer neuen Wahlheimat jede Chance zu Reichtum und Fortkommen zu nutzen. Und sie wurden f\u00fcndig. Nachdem man am Zusammenfluss von Sungai Klang und Sungai Gombak wegen des geringen Wasserstandes zu Fu\u00df hatte weiterziehen m\u00fcssen, wurden im Umkreis der heutigen Vorst\u00e4dte Kuala Lumpurs in nur zwei bis drei Metern Tiefe ergiebige Erzfelder entdeckt, mit deren Ausbeutung man auf der Stelle begann. So entstand an der Stelle, an der die M\u00e4nner die Boote verlassen hatten, der Ort, dessen Name nichts anderes bedeutet als &#8222;sumpfige Flussm\u00fcndung&#8220;.<\/p>\n<p>Sehr viel anders als im Klondike-Territorium oder im Umkreis von Johannesburg wird es nach der Entdeckung der Bodensch\u00e4tze auch im frisch gegr\u00fcndeten Kuala Lumpur nicht zugegangen sein &#8211; nur dass hier die chinesischen Akteure nicht als Statisten, K\u00f6che oder Eisenbahnarbeiter, sondern als Hauptdarsteller mit von der Partie waren. Der ehemalige Minenarbeiter Yah Ap Loy, genannt &#8222;Captain China&#8220;, bestimmte als eine Mischung aus Al Capone und dem &#8222;K\u00f6nig von Kalifornien&#8220; John Sutter die erste st\u00fcrmische Etappe der Stadtgeschichte. Bretterbuden und Salons, Opiumh\u00f6hlen, Bordelle, Gef\u00e4ngnisse und Lagerh\u00e4user waren Schauplatz f\u00fcr Moritaten und Bandenkriege, die erst mit dem Einzug der Briten ihr Ende finden. Diese hatten, angelockt durch die Zinnvorkommen auf der malaiischen Halbinsel, von ihren Niederlassungen in Penang und Melakka aus damit begonnen, die etwa ein Dutzend mohammedanischen Sultanate in dieser Region unter ihre Kontrolle zu bringen. 1895 erzwangen sie mit Waffengewalt die erste F\u00f6deration der malaiischen Kleinstaatenwelt und bestimmten das zentral gelegene Kuala Lumpur zum Verwaltungszentrum ihres neuen Protektorats. W\u00e4hrend das Hofleben der mohammedanischen Sultane weiterging, als habe sich nichts ge\u00e4ndert, kamen Inder und vor allem Chinesen zu Hunderttausenden in das Land. Bald gerieten gegen\u00fcber den h\u00e4ndels\u00fcchtigen, anstelligen und extrem arbeitswilligen Einwanderern aus dem Land der Mitte die &#8222;Bumiputra&#8220;, die S\u00f6hne der Erde, wie sich die Malaien nennen, hoffnungslos ins Hintertreffen und wurden schlie\u00dflich zu einer Minderheit auf eigenem Boden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1871\" alt=\"1 (1)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-1.jpg\" width=\"800\" height=\"534\" \/><\/a><br \/>\nWill man sich heute in Kuala Lumpur, das mit autobahn\u00e4hnlichen Hauptverkehrsstra\u00dfen, englisch anmutenden weiten Rasenfl\u00e4chen, gro\u00dfen Freizeitgehegen in der unmittelbaren N\u00e4he der Stadt und dem Gewusel der M\u00e4rkte in den Seitengassen der Chinatown, das Singapur nicht un\u00e4hnlich ist, ein Bild von der multikulturellen Vielfalt machen, beginnt man am besten am \u00e4ltesten Platz der Stadt &#8211; dort, wo die Mitglieder der ersten chinesischen Zinnexpedition landeten. Hier steht jetzt eine indische Moschee. Sie ist gewisserma\u00dfen ein Indiz daf\u00fcr, dass in einer Zeit, in der sich die \u00dcberv\u00f6lkerung des indischen Mutterlandes immer be\u00e4ngstigender bemerkbar machte, viele Menschen ihr Gl\u00fcck als Lohnarbeiter, Lastenschlepper oder Kleinh\u00e4ndler in jedem auch nur halbwegs verlockenden Winkel des britischen Weltreiches suchten. Im Unterschied zu Mauritius oder Fidschi, wo die Einwanderer schnell zur \u00f6konomisch und sozial ma\u00dfgeblichen Bev\u00f6lkerungsgruppe aufstiegen, blieben sie auf der malaiischen Halbinsel jedoch nur eine kleine Gruppe, deren Nachkommen vor allem als Textilproduzenten und Stoffh\u00e4ndler t\u00e4tig sind. Als die Masjid Jami 1909 erbaut wurde, lag sie wie ein Duplikat der Perlenmoscheen in den gro\u00dfen Mogulfestungen von Agra und Delhi noch im Gr\u00fcnen. Inzwischen ist sie von klobigen Glaspal\u00e4sten und Schnellstra\u00dfen umzingelt. Noch &#8222;indischer&#8220; allerdings wirkt der hinduistische Sri-Mahamariamman-Tempel, dessen Urspr\u00fcnge auf das Jahr 1873 zur\u00fcckgehen und der in den achtziger Jahren grundlegend renoviert wurde. Die \u00fcberbordende Skulpturenvielfalt auf dem Gopuram, die barocke Figur des Elefantengottes Ganesh und das Glockengel\u00e4ut, das der allt\u00e4glichen Puya vorausgeht, atmen den Geist des indischen S\u00fcdens, vor allem der Provinz Tamil Nadu, aus der die meisten indischen B\u00fcrger Kuala Lumpurs stammen. Wie in Trivandrum oder Rameswarn reichen die Brahmanen den Gl\u00e4ubigen das Prasada und wie in Madurai schwingt Lord Shiwa sein Tanzbein. Doch viele der j\u00fcngeren Tempelbesucher kennen die St\u00e4dte ihrer Vorfahren nur noch vom H\u00f6rensagen.<\/p>\n<p>Auch die Chinesen pflegen ihre religi\u00f6sen Bindungen. Ob im schwer zug\u00e4nglichen Sze-Yah-Tempel, dessen Urspr\u00fcnge noch auf &#8222;Captain China&#8220; zur\u00fcckgehen sollen, im Khoon-Yam- oder im Chan-See-Shu-Yuen-Tempel &#8211; \u00fcberall werden die R\u00e4ucherkerzen entz\u00fcndet, die Ahnen verehrt und vor den grell bemalten G\u00f6tter- und Geisteridolen um Gl\u00fcck und Segen gebetet. Diese Gemeinsamkeit kann jedoch nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die unterschiedlichen Landsmannschaften aus Hokkien, Hainan oder Kanton oft auf das Heftigste verfeindet waren, bis sie seit den sechziger Jahren unter dem Druck der politischen Verh\u00e4ltnisse enger zusammenr\u00fcckten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-64.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1872\" alt=\"1 (64)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/1-64.jpg\" width=\"800\" height=\"539\" \/><\/a><br \/>\nS\u00fcdlich der Chinatown, gleich hinter dem Hauptbahnhof von Kuala Lumpur, wo die Z\u00fcge auf ihrem Weg von Singapur nach Bangkok halten, steht die Masjid Negara, die malaiische Nationalmoschee, die schon durch ihre Ausma\u00dfe keinerlei Zweifel daran aufkommen l\u00e4sst, dass es sich hier um das gr\u00f6\u00dfte und ma\u00dfgebliche Gotteshaus Kuala Lumpurs handelt. Wie ein gigantisches W\u00fcstenzelt w\u00f6lbt sich das achtzehnfach gefaltete Dach \u00fcber einer Halle, die zum Freitagsgebet ann\u00e4hernd zehntausend Menschen Platz bieten kann. Marmorfluchten, Teiche, kunstvoll verschachtelte Ebenen und Aussichtspunkte und ein zur\u00fcckhaltendes Dekor machen die Masjid Negara zu einem erholsamen Refugium abseits des Gro\u00dfstadtverkehrs, der nur wenige Meter entfernt auf der Jalan Raja laut vor\u00fcberbraust. Auch wenn die Zeiten, in denen die Touristen mit kurzen Hosen und blo\u00dfen Armen durch die Moschee laufen konnten, l\u00e4ngst vergangen sind, erlebt der Besucher eine tolerante Atmosph\u00e4re fern jeder fundamentalistischen Bigotterie. Freundlich werden die G\u00e4ste am Touristeneingang begr\u00fc\u00dft, kostenlos wird der passende Umhang f\u00fcr die Frauen zur Verf\u00fcgung gestellt, und bei Bedarf begleitet ein malaiischer F\u00fchrer die Besucher auf ihrem Rundgang durch das Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Nur ein Jahr nach der Fertigstellung der Masjid Negara wurde am 15. August 1957 auf dem n\u00f6rdlich gelegenen Merdeka-Platz die Flagge der britischen Kolonialmacht eingeholt. Aus Malaya, Singapur und den Dschungelgebieten Borneos wurde &#8222;Malaysia&#8220;. Auf dem gro\u00dfen Rasen, auf dem britische Cricketmannschaften gespielt hatten, trainierte nun die malaysische Nationalmannschaft, am h\u00f6chsten Fahnenmast der Welt wehte fortan die malaysische Fahne, und in die zahlreichen Kolonialbauten rund um den Merdeka Square zogen die Angeh\u00f6rigen einer neuen nachkolonialen Elite ein. Doch die Bem\u00fchungen Tunku Abdul Rahmans, des ersten Premierministers dieser fragilen F\u00f6deration, die ethnisch dreigeteilte malaiische Halbinsel, die chinesische Enklave Singapur und den britisch besetzten Teil Borneos einschlie\u00dflich Bruneis zu einem Vielv\u00f6lkerstaat zu vereinen, schlug fehl. Das \u00f6lreiche Sultanat Brunei trat der F\u00f6deration erst gar nicht bei, schon 1965 verlie\u00df Singapur, der Bevormundung aus Kuala Lumpur \u00fcberdr\u00fcssig, den neuen Staatenverband, und am 13. Mai 1969 f\u00fchrten die ungel\u00f6sten Spannungen zur sozialen Explosion. Malaien und Chinesen gingen sich in den Stra\u00dfen Kuala Lumpurs an die Gurgel,\u00a0 Mord und Totschlag regierte in den Stra\u00dfen der Hauptstadt, bis die Regierung den Notstand ausrief.<\/p>\n<p>Seitdem ist nichts mehr, wie es fr\u00fcher war. &#8222;Die Chinesen sind verstummt&#8220;, notierte Paul Theroux, der nur wenige Jahre nach den Ausschreitungen des Jahres 1969 im Hauptbahnhof von Kuala Lumpur den Zug nach Singapur bestieg, &#8222;und es w\u00e4re unvorstellbar gewesen, dass eine Gruppe von Chinesen sich im Salonwagen aufgehalten und wie die malaiischen Soldaten ,Roll Me over in the Clover&#8216; gesungen h\u00e4tten. Ein Malaie in der dritten Klasse war privilegierter als ein Chinese.&#8220; Die Lehren, die die politische Elite aus dem offensichtlich fehlgeschlagenen Versuch der Malaysischen F\u00f6deration zog, waren in der Tat verbl\u00fcffend. Anstatt sich um eine wirkliche Integration zu bem\u00fchen, wurde von dem heutigen Premierminister Mohammed Mahatir die Theorie des &#8222;Malaian Dilemma&#8220; entwickelt, nach der der Malaie auf Grund seiner Erziehung, seiner Umwelt und nicht zuletzt auf Grund seines noblen Charakters dem rein arbeits- und erwerbsorientierten Lebensstil des Chinesen hoffnungslos unterlegen sei. Eine so genannte &#8222;New Economic Policy&#8220; sollte deswegen das Problem durch konsequente Privilegierung der &#8222;Bumiputra&#8220;, der S\u00f6hne der Erde, l\u00f6sen. Nicht genug damit, dass Bahasa Mailaia zur einzigen Nationalsprache erkl\u00e4rt wurde &#8211; selbst bei chinesischen Familien, die schon ein ganzes Jahrhundert im Land lebten, entstanden pl\u00f6tzlich bei Einb\u00fcrgerungsbegehren un\u00fcberwindbare b\u00fcrokratische Schwierigkeiten -, sondern mehr als die H\u00e4lfte aller Angestelltenpositionen wurden \u00fcber ein rigides Quotensystem f\u00fcr malaiische Bewerber reserviert. Zudem m\u00fcssen die Mehrheitsanteile der Unternehmen auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen in der Hand von Malaien liegen, und seien es nur Strohm\u00e4nner, die f\u00fcr ihren Dienst f\u00fcrstlich entlohnt werden. So glaubt man den Weg in eine gro\u00dfartige Zukunft gefunden zu haben &#8211; sichtbar gemacht im so genannten &#8222;Golden Triangle&#8220; von Kuala Lumpur, wo sich die Entwicklungsvisionen der Zentralregierung in Glas und Beton \u00fcbersetzten. Dutzende Hochh\u00e4user, von Botschaften, Fluggesellschaften, Freizeit- und Shopping-Centers besetzt, wurden in den vergangenen Jahren mit Hilfe staatlicher Kredite errichtet, jedes f\u00fcr sich ein imponierendes Geb\u00e4ude, doch allesamt Zwerge gegen\u00fcber den m\u00e4chtigen Petronas Towers und dem immerhin 421 Meter hohen Kuala Lumpur Tower, dem vierth\u00f6chsten Fernsehturm der Erde. Von dessen Aussichtsplattform bietet sich ein verwirrendes Panorama: hier das alte koloniale Zentrum und das H\u00e4usergewirr der Chinatown, und dort die himmelstrebende Silhouette der Neuzeit. Noch sieht es so aus, als h\u00e4tte man zwei St\u00e4dte aus g\u00e4nzlich verschiedenen Epochen zu nahe aneinander ger\u00fcckt, doch niemand braucht \u00fcber prophetische Gaben zu verf\u00fcgen, um die Prognose zu wagen, dass sich der Gesamtanblick Kuala Lumpurs in zehn Jahren vollst\u00e4ndig anders darstellen wird. Sollten nicht neue Asien-Krisen dazwischenkommen, wird die st\u00e4dtebauliche Zukunft dem asiatischen Hochhauswald geh\u00f6ren, wie man ihn heute schon in Hongkong betrachten kann und wie er derzeit in den Boomtowns der chinesischen Ostk\u00fcste in den Himmel w\u00e4chst.<\/p>\n<p>So wird Kuala Lumpur durch die vom Staat forcierte Entwicklung paradoxerweise den chinesisch gepr\u00e4gten Riesenst\u00e4dten Ostasiens immer \u00e4hnlicher. Und die malaysische \u00d6konomie, deren einziges Gesetz das Wachstum ist, kann heute weniger als jemals zuvor auf den Sachverstand und die Verbindungen des chinesischen Bev\u00f6lkerungsteils verzichten. Zwar ist in den letzten zwanzig Jahren eine malaiische Mittelschicht entstanden, aber wohin man auch blickt: in die Konzerne, in die Banken, in die Handelsunternehmen oder auf die Stra\u00dfenm\u00e4rkte &#8211; die wirtschaftliche Macht, wenn auch manchmal geschickt kaschiert, ist auch nach einer ganzen Generation der wirtschaftlichen und sozialen Diskriminierung ungebrochen.<\/p>\n<p>Mutma\u00dfungen dar\u00fcber, warum sich das &#8222;malaiische Dilemma&#8220; trotz jahrzehntelanger staatlicher Privilegierung noch immer nicht hat l\u00f6sen lassen, gibt es viele. Aufschlussreicher als die meisten Abhandlungen und Studien, die man zu diesem Thema zu lesen bekommt, ist die kleine Geschichte, die der Journalist Tiziano Terzani in seinem Asienbuch &#8222;Fliegen ohne Fl\u00fcgel&#8220; erz\u00e4hlt. &#8222;Inhaber, Angestellte und Zimmerm\u00e4dchen der Herberge waren Chinesen&#8220;, berichtet er anl\u00e4sslich eines Aufenthalts in Kuala Lumpur, &#8222;nur der Mann, der als T\u00fcrsteher und Gep\u00e4cktr\u00e4ger f\u00fcr die Kunden da war, war Malaie. Kaum hatten wir ein paar Worte miteinander gesprochen, begann er auch schon von dem Problem zu reden, das Malaysia entzweit: die Rasse. ,Schau mal&#8216;, sagte er und machte ein ausladende Bewegung. ,Die Wolkenkratzer geh\u00f6ren den Chinesen, die Karren, die L\u00e4den, die Superm\u00e4rkte geh\u00f6ren den Chinesen &#8211; sag mir: Ist das Malaysia?&#8216; Vor dem Hotel hatte derweil ein Motorrad nebst Handkarren angehalten. Ein Mann nahm seinen Helm ab und machte sich an die Arbeit. Innerhalb weniger Minuten war aus dem Karren ein kleines Restaurant geworden mit zwei Gaskochern und einem h\u00fcbschen Tischchen voller appetitlicher, auf kleine Tabletts verteilte Leckereien. Schon blieben die Leute stehen und holten sich Hackfleischspie\u00dfchen, Tintenfischhappen, Leberscheiben, W\u00fcrstchen und H\u00fchnerfl\u00fcgel. Alles war sauber, verlockend und bestens organisiert. Der Mann war Chinese.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/0711.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1873\" alt=\"071\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/0711.jpg\" width=\"800\" height=\"539\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das malaysische Dilemma in Kuala Lumpur Wo ist das h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Welt am h\u00f6chsten? Auf seinem Dach? 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