{"id":1094,"date":"2013-12-22T13:26:52","date_gmt":"2013-12-22T13:26:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1094"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"zehntausend-stufen-himmelwaerts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/zehntausend-stufen-himmelwaerts\/","title":{"rendered":"Zehntausend Stufen himmelw\u00e4rts"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/033.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1097\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/033.jpg\" alt=\"033\" width=\"800\" height=\"538\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Zum Gipfel des Emei Shan in der Provinz Szechuan<\/h3>\n<p>Heilige Berge sind ein fester Bestandteil der chinesischen Kultur. Wo der Inder das reinigende Bad in einem heiligen Fluss bevorzugt, steigt der Chinese aus den Ebenen empor, erklimmt H\u00fcgel und Gipfel, um sich zu ents\u00fchnen. Um diese Berge legen sich die Mythen wie ein unsichtbares Gespinst, wundersame Geschichten von hilfreichen G\u00f6ttern und Geistern strahlen von ihnen gleichsam herab auf die platte Welt des Menschen, bis am Ende dieser Entwicklung Kl\u00f6ster und Tempel auf ihren Gipfeln entstanden.<\/p>\n<p>Der abgelegenste und h\u00f6chste dieser heiligen Berge ist der Emei Shan, der &#8222;Berg der hochgeschwungenen Augenbraue&#8220;, ein Hunderte von Quadratkilometern gro\u00dfes Massiv, auf dem die buddhistischen M\u00f6nche seit dem zweiten Jahrhundert ihre Kl\u00f6ster und Klausen am Rande der Wolken und Schluchten oder tief verborgen in den dichten W\u00e4ldern errichteten. Ein ganzer Kosmos von Lokalg\u00f6ttern und Geistern, eingewebt in das tolerante Gef\u00fcge des chinesischen Mahayana-Buddhismus, wird in den Gebetshallen des Emei Shan mit dem gleichen Geist gepriesen, der es den Chinesen so leicht macht, alles und jedes vorsorglich zu verehren. Der bevorzugte Kult aber kreist um den Buddha Samantabhadra, den die Chinesen Puxian nennen und der auf seiner Reise von Indien nach China mit seinem fliegenden Elefanten die weit \u00fcber Wolken herausragende Spitze des Emei Shan erreichte.<\/p>\n<p>Seine religi\u00f6se Bl\u00fctezeit erlebte der Emei Shan w\u00e4hrend der Ming-Dynastie im 14. und 15. Jahrhundert. L\u00e4ngst waren die alten Kl\u00f6ster aus der sp\u00e4ten Han- und der Tang-Zeit verfallen, als ein wiederbelebter Kult des Berges selbst, der nun als Gott begriffen wurde, die Kaiser aus Nanking und Peking pilgernd auf die Gipfel f\u00fchrte. \u00dcber einhundertf\u00fcnfzig Kl\u00f6ster gab es in den W\u00e4ldern und an den Abh\u00e4ngen, und der Emei Shan errang in dieser Zeit seinen Rang als einer der vier heiligen Berge des Buddhismus. Heute sind nur noch etwa zwanzig Kl\u00f6ster bewohnt, und die meisten dieser altersschwachen Anlagen, in denen sich manchmal nur ein oder zwei anachoretische Einsiedler durch eine wenig bemitleidenswerte B\u00fc\u00dferexistenz k\u00e4mpfen, befinden sich in einem bemitleidenswerten Zustand. Wie \u00fcberall in China haben auch am Emei Shan in den sechziger Jahren die Roten Garden gew\u00fctet, Kl\u00f6ster abgebrannt, die M\u00f6nche umgebracht oder vertrieben, und erst seit einem guten Jahrzehnt bem\u00fcht sich die Provinzregierung in Chengdu um eine Wiederherstellung dieses einzigartigen Pilgerweges. Allerdings sind diese Anstrengungen bisher nur den gr\u00f6\u00dften Klosteranlagen Bao Guo Si, Wannian Si oder dem Tempel des Goldenen Gipfels zugute gekommen.<\/p>\n<p>Am Kloster Bao Guo Si, in der N\u00e4he eines kleinen Busbahnhofes mit Verbindungen nach Chengdu und <a title=\"Der gro\u00dfe Buddha z\u00e4hmt den Fluss\" href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/backpackers-welt\/der-grosse-buddha-zaehmt-den-fluss\/\">Leshan<\/a>, beginnt und endet der klassische Pilgerweg, eine Strecke von f\u00fcnfundvierzig Kilometern und zehntausend Stufen himmelw\u00e4rts, ein schwei\u00dftreibendes Exerzitium, das den Wanderer nicht nur bis an den Rand der physischen Ersch\u00f6pfung, sondern auch noch durch Gottes Garten in China f\u00fchrt, durch eine faszinierende Flora und Fauna bis in eine H\u00f6he von 3077 Metern, wo sich am Ende der Reise, wenn der Buddha gn\u00e4dig ist, der Emei Shan als einsamer Gott \u00fcber den Wolken zeigt und einen Blick westw\u00e4rts bis nach Tibet erlaubt.<\/p>\n<p>An diesem Morgen scheint die Sonne \u00fcber dem Kloster Bao Guo Si, ein seltener Gast \u00fcber dem roten Becken von Szechuan. Ein letzter Rest des milchigen Morgennebels taucht das Kloster und die umgebenden W\u00e4lder in ein mystisches Licht. Abseits von den Hauptgeb\u00e4uden liegt ein kleiner Teegarten, in dem die Einheimischen bei einer w\u00fcrzigen Nudelsuppe und einer Porzellanschale voll Tee beieinandersitzen und ein munteres Schw\u00e4tzchen halten. Abf\u00e4lle werden mit Str\u00e4ucherbesen zusammengekehrt, Weihrauchd\u00fcfte ziehen her\u00fcber, und \u00fcber dem Kloster Bao Guo Si erklingt eine unaufdringliche meditativ-buddhistische Gebetsmusik. In dieser Melange aus Andacht und Picknick spielen die Kinder zwischen den Tischen, alle mit kleinen Sch\u00fcrzen versehen, die j\u00fcngeren mit jenen unnachahmlichen schrittfreien Kinderhosen bekleidet, die jeden k\u00f6rperlichen Drang ohne Hindernisse erlauben, und fast alle im gelben Hemdchen, jener Farbe, die fr\u00fcher allein dem Kaiser vorbehalten war und die heute nicht von ungef\u00e4hr den &#8222;kleinen Kaisern&#8220; zuteil wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image043.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1319\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image043.jpg\" alt=\"image043\" width=\"524\" height=\"800\" \/><\/a><br \/>\nIch schlendere durch das Kloster, mustere eine Bronzepagode aus der Ming-Zeit mit Tausenden winziger Buddha-Fig\u00fcrchen und entz\u00fcnde ein R\u00e4ucherst\u00e4bchen vor dem \u00fcberlebensgro\u00dfen PorzellanBuddha von Bao Guo Si, auf da\u00df mich der Gott w\u00e4hrend meiner Wanderung vor den Affen und den b\u00f6sen Geistern beh\u00fcte. Sicherheitshalber erwerbe ich aber auch noch einen chinesischen Regenschirm am Klosterkiosk, der mir nicht nur bei der unsicheren Wetterlage zu Diensten sein soll, sondern mit dessen automatischer \u00d6ffnungsvorrichtung sich auch die aufdringlichen Affenhorden des Emei Shan vorz\u00fcglich erschrecken lassen sollen. Doch eher sind es die Affen, die an bestimmten Stellen des Pilgerweges die Wanderer erschrecken. Colin Thubron beschreibt in seinem Reisebuch &#8222;Im Garten des Drachen&#8220; eine solche Begegnung der unfreundlichen Art. &#8222;Ich schleppte mich, den Blick zu Boden gerichtet, die Treppen hinauf, als drei kr\u00e4ftige Affen aus dem Bambusschatten hervortraten. Sie lie\u00dfen sich auf den Stufen vor mir nieder und warteten, die roten Gesichter auf mich gerichtet. Ein Baby mit traurigem Gesicht klammerte sich an den Bauch der Anf\u00fchrerin. Sein K\u00f6rper war halb vom Fell verborgen. Ich versuchte sie zu umgehen. Aber sie kamen mit drohendem Husten und Quietschen auf mich zu und erleichterten mich um meine letzten Kekse.&#8220; Auf diese ber\u00fchmten Zollstationen der Emei-Affen war ich besonders gespannt, und f\u00fcr alle F\u00e4lle hatte ich mir neben dem vielf\u00e4ltig einsetzbaren Regenschirm auch noch reichlich Brot, Kekse und Bananen mitgenommen, Bananen vor allem deswegen, um zu sehen, ob die Affen in China das Bananensch\u00e4len auch wirklich beherrschen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber geschieht recht wenig. Hinter Bao Guo Si geht der Weg von einer H\u00f6he von 550 Meter erst einmal sacht voran, und schon nach wenigen Kilometern stellt sich ein f\u00fcr das Reisen in China recht seltenes Gef\u00fchl ein: Man ist allein. Allein mit dem sanften Nebel, der sich nun endg\u00fcltig aufl\u00f6st, durchschreitet der Wanderer das saftige Gr\u00fcn des chinesischen Mischwaldes und passiert schon nach kurzer Zeit die Abbiegung zum Kloster Fu Hu Si, das einst an dieser Stelle zum Schutz vor den wilden Tigern des Emei Shan gegr\u00fcndet worden war, nun aber im Zuge der touristisch motivierten Renovierungen bereits zu einer Art Massenunterkunft f\u00fcr Wochenendpilger aus Chengdu und Chongking verkommen ist. Am Weg stehen zahlreiche kleine Pavillons, ruhige Refugien des kurzen Verschnaufens, bei dem man dem Pl\u00e4tschern der B\u00e4che lauschen kann.<\/p>\n<p>Nach gut vier Stunden erreicht der Wanderer das gro\u00dfe Kloster Wannian Si, den Tempel der Zehntausend Jahre, und mit einem Schlag \u00e4ndert sich die Szenerie. Wo vorher moderate Ruhe herrschte, dr\u00e4ngeln sich vor dem m\u00e4chtigen dunkelroten Drachentor Hunderte chinesischer Besucher &#8211; weniger von der Erhabenheit des Ortes ergriffen als von dem scheinbar unb\u00e4ndigen Wunsch beseelt, sich m\u00f6glichst oft und w\u00fcrdig an diesem bedeutenden Ort fotografieren zu lassen. Ganze Familien sind in Sonderbussen auf einer im R\u00fccken des Berges gebauten Stra\u00dfe an diesem Nachmittag unterwegs, und den einheimischen Vorstellungen von Exotik folgend, vermieten findige Kleinunternehmer winzige \u00c4ffchen, die f\u00fcr Sekunden mit ver\u00e4ngstigten Gesichtern auf die Schultern kreischender Kinder und M\u00fctter klettern, um ihren Beitrag zu einem unverge\u00dflichen Erinnerungsbild zu leisten.<\/p>\n<p>Erfreulich ruhig ist es im Innern der Klosteranlage. Der Jahrmarkt bleibt drau\u00dfen, und vor der ber\u00fchmten sieben Meter hohen Bronzeskulptur des Buddha Samantabhadra knien die Pilger zum Gebet, w\u00e4hrend ein Novize einem altert\u00fcmlichen Gong geheimnisvolle Ger\u00e4usche entlockt. Seltsam fremd mutet dieser buddhistische Gott auf seinem wei\u00dfen Elefanten hier in den chinesischen Bergen an. Ganz indisch wirkt er, und auch die Tempelanlage, die die eintausend Jahre alte Skulptur des Samantabhadra-Puxian umgibt, k\u00f6nnte eher in Sarnath oder Polonnaruwa stehen als im roten Becken von Szechuan. Fast scheint es, als h\u00e4tte nur eine Laune der Kulturgeschichte die urspr\u00fcnglich g\u00f6tterlose Lehre des strengen Buddhismus zur Bereicherung des chinesischen Pantheons in das Reich der Mitte getrieben, und doch ist aus der chinesischen Volksreligion dieser 62 Tonnen schwere Monumentalkolo\u00df entstanden, vor dem &#8211; so erz\u00e4hlen die Einheimischen voll Stolz &#8211; selbst die hemmungslose Zerst\u00f6rungswut der Roten Garden in den sechziger Jahren versagt haben soll.<\/p>\n<p>Hinter dem Kloster Wannian Si beginnt der eigentliche Aufstieg. Frisch aus dem Bus gestiegen, das Foto mitsamt \u00c4ffchen im Kasten, marschieren die Familien wacker bergauf. Treppe folgt auf Treppe wie ein endloses Gleichnis irdischer Plagen, doch gottlob immer wieder unterbrochen von wohlt\u00e4tigen Dienstleistungen der verschiedensten Art, die zwar nicht recht zum Bild einer asketischen Pilgerreise passen wollen, den Weg aber erheblich komfortabler machen. Gab es zur Zeit des Ming-Kaisers Yong-Lo \u00fcber einhundertf\u00fcnfzig Kl\u00f6ster am Emei Shan, so gibt es heute mindestens die gleiche Anzahl an Erfrischungsst\u00e4nden, Nudelbuden und kleinen Imbi\u00dftischen am Rande malerischer Schluchten. Und falls der Aufstieg gar zu schwei\u00dftreibend werden sollte, sind am Fu\u00dfe jeder steilen Treppenpassage kr\u00e4ftige junge M\u00e4nner mit Bambustrageger\u00e4ten zur Stelle, in denen der m\u00fcde, aber wohlhabende Pilger einfach wie in eine H\u00e4ngematte hineingepackt und dem Gipfel entgegengetragen wird.<\/p>\n<p>Der Sage nach landete Buddha Samantabhadra auf seinem fliegenden Elefanten genau am Osthang des Emei Shan. Da er ein mildt\u00e4tiger Gott ist, hat er zuerst einmal seinen von der Flugreise recht ersch\u00f6pften Elefanten gr\u00fcndlich gebadet. Zur Erinnerung an diese Episode errichteten die M\u00f6nche 1699 den Xixiangchi-Tempel. Hier war fr\u00fcher die gr\u00f6\u00dfte der sogenannten Affen-Zollstationen. Und tats\u00e4chlich hat sich neben der n\u00e4chsten Treppe eine kleine Horde Affen postiert: Zottelig und durchgeregnet, mit spitzen Ohren, b\u00f6sartig nach vorn gest\u00fclpten Schnauzen, mit kleinen scharfen Z\u00e4hnen, die sie bedrohlich und keck fletschen. Ohne bedr\u00e4ngt zu werden, r\u00fcckte ich meine Kekse heraus, eine teigige chinesische Produktion, um die eine wilde Pr\u00fcgelei begann. In der chinesischen Mythologie gilt der Affe als phantasiebegabtes Wesen, als gescheit, t\u00fcchtig und intelligent, aber auch als launenhaft, leichtlebig und mit einem gewissen Hang zur Leidenschaft.<\/p>\n<p>Hinter dem Xixiangchi-Tempel sind es noch etwa eintausend Meter bis zum Gipfel, die Wolkengrenze ist erreicht, und man steigt wie durch einen wattierten Mischwald Stufe um Stufe dem Himmel entgegen. Links und rechts \u00f6ffnen sich tiefe Schl\u00fcnde mit tropfendem Gr\u00fcn an den R\u00e4ndern und einem wei\u00dfen Abgrund in der Mitte. Der Blick schweift manchmal, wenn der Wind den Nebel ein wenig lichtet, \u00fcber weite Wolkenfelder, unter denen das betriebsame Szechuan entschwindet. Daf\u00fcr bringt sich der K\u00f6rper immer st\u00e4rker in Erinnerung: Die endlosen Treppen ersch\u00f6pfen allerdings nicht jene, die \u00fcber die neue Stra\u00dfe von Bao Guo Si direkt bis unter den Gipfel des Berges fahren, anschlie\u00dfend mit der ebenfalls neuen Seilbahn die letzten 500 Meter zur\u00fccklegen. Ein richtiger Jahrmarkt hat sich unterhalb des Gipfels entwickelt, man kann essen, trinken, schlafen oder schon vorsorglich die R\u00fcckpassage buchen: Die Transportmittel des Emei Shan geh\u00f6ren zu den wenigen in der Welt, f\u00fcr die abw\u00e4rts das Doppelte verlangt wird wie f\u00fcr die Fahrt aufw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Trotzdem muss man den Erbauern der Seilbahn dankbar sein, denn das letzte Wegst\u00fcck ist wieder fast v\u00f6llig menschenfrei. Nun sieht man bereits die umliegenden Seitengipfel des Emei Shan wie die dunklen R\u00fccken m\u00e4chtiger Wale aus dem immer dichter werdenden Wolkenmeer auftauchen, die Baumgrenze wird erreicht. \u00dcber den letzten Abh\u00e4ngen vor dem Gipfel liegt noch der Schnee vom letzten Winter. Die Luft ist klar und k\u00fchl am Jin Ding Si, dem Tempel des Goldenen Gipfels, einer Pagodenanlage mit ineinander verschachtelten Drachend\u00e4chern, safrangelben Ziegeln, kleinen Pavillons und Aussichtsterrassen. Tibetanische Musik schallt \u00fcber den Platz, ein eigent\u00fcmliches Gemisch von S\u00fc\u00dflichkeit und Atonalit\u00e4t, die die Unwirklichkeit der Szene noch unterstreicht.<\/p>\n<p>Heute ist der Buddha gn\u00e4dig, denn ein tiefblauer Himmel liegt \u00fcber dem Emei Shan. Der Blick kann nach allen Richtungen schweifen. Weit im Westen &#8211; sind es einhundert oder zweihundert Kilometer Entfernung? &#8211; ist der Gongga Shan zu erkennen, der pyramidenartig geformte, 7500 Meter hohe Bergriese im Himalaja. Unergr\u00fcndlich erscheint das dimensionslose Wolkenmeer, und f\u00fcr einen Augenblick wird verst\u00e4ndlich, dass sich in fr\u00fcheren Jahrhunderten fanatische Gl\u00e4ubige vom Emai Shan immer dann in die Tiefe st\u00fcrzten, wenn das Spiel des sp\u00e4tnachmitt\u00e4glichen Lichts, der unterschiedliche Wassergehalt der Wolken am Berg und die Launen des Windes einen gigantischen Buddha-Umriss in die wei\u00dfe Leinwand malten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/036.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1320\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/036.jpg\" alt=\"036\" width=\"800\" height=\"505\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf dem Gipfel des Emei Shan wird das G\u00f6ttliche auch dem Ungl\u00e4ubigen deutlich: Alles Irdische bleibt unter einer wei\u00dfen Decke verh\u00fcllt, und der Berg, der wuchtig durch die Wolken in den Himmel st\u00f6\u00dft, vermittelt den Eindruck der Allm\u00e4chtigkeit. Wird in der chinesischen Volksreligion die Natur ohnehin verg\u00f6ttlicht, so erscheint dieser Berg selbst wie ein nat\u00fcrlicher Gott. Den sch\u00f6nsten Anblick kann man gleich hinter dem Jin Ding Si erleben. Hier hebt der Berg, der schon eine H\u00f6he von 3077 Metern erreicht hat, noch einmal zu einer letzten Steigerung an: Der h\u00f6chste Gipfel in einem guten Kilometer Entfernung ragt 3099 Meter auf, ein unzug\u00e4nglicher Platz und nur aus der Ferne zu bewundern.<\/p>\n<p>Im Licht der untergehenden Sonne erhielt die milchige Wolkenebene des sp\u00e4ten Nachmittages langsam immer deutlichere Konturen, wandelt sich zu einem Meer mit phantastisch geformten Eisbergen. Dann wurde es Nacht. Mit einem Mal kriecht eine erbarmungslose K\u00e4lte durch jede Kleiderritze. Deutlich unter Null f\u00e4llt die Temperatur auf dem Gipfel des Emei Shan, und als wir unser karges Nachtlager gleich neben dem Tempel beziehen, sind die Tagesausfl\u00fcgler mit der letzten Seilbahn nach Jieyin entschwunden. Nur ein einziger Raum in der Herberge ist durch einen altert\u00fcmlichen Ofen geheizt, und in seinem Umkreis verzehren wir das Abendessen aus Reis, Pilzen, Bohnen und Zwiebeln. Im ersten Stock stehen die Pilgerbetten in mehr oder weniger gro\u00dfen Holzverschl\u00e4gen, dazu gibt es einen Nachttopf, drei Decken, unter die sich der Besucher zitternd auf die Matratze legt, und eine Kanne hei\u00dfen Wassers, aus der man sich bei diesen Frosttemperaturen gerne und reichlich bedient. Am n\u00e4chsten Morgen knacken die Knochen ob der n\u00e4chtlichen K\u00e4lte, und alle G\u00e4ste schl\u00fcrfen mit Freude zwei oder drei Schalen hei\u00dfen Wassers zum Fr\u00fchst\u00fcck. Wie schnell haben sich doch die Standards der Umgebung angepa\u00dft, und zum erstenmal verstehe ich die Freude des Wang-Lung, der sich als wohlhabender Mann in Pearl S. Bucks Roman &#8222;Die gute Erde&#8220; allmorgendlich ein oder zwei Teebl\u00e4tter in das hei\u00dfe Wasser legen l\u00e4\u00dft. Und wie gut schmeckt der kalte Reis, wenn es sonst rein gar nichts gibt.<\/p>\n<p>So ges\u00e4ttigt, besuche ich den Tempel des Goldenen Gipfels zum zweitenmal. Diesmal ist nichts zu sehen, denn \u00fcber Nacht hat der \u00fcbliche chinesische Hochnebel den Gipfel des Emei Shan vollst\u00e4ndig eingeh\u00fcllt. So hatte es auch Colin Thubron am Ende seiner Emei-Besteigung erlebt: &#8222;F\u00fcr mich war der Gipfel von Einsamkeit verhangen, der Nebel h\u00fcllte ihn in einen leuchtenden Schleier, es gab weder Formen noch Farben, noch Bewegung. Das Ganze war eine blendend verwirrende Abstraktion.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Gipfel des Emei Shan in der Provinz Szechuan Heilige Berge sind ein fester Bestandteil der chinesischen Kultur. Wo der Inder das reinigende Bad in einem heiligen Fluss bevorzugt, steigt der Chinese aus den Ebenen empor, erklimmt H\u00fcgel und Gipfel, um sich zu ents\u00fchnen. 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