{"id":1089,"date":"2013-12-22T13:22:51","date_gmt":"2013-12-22T13:22:51","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1089"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"der-lange-weg-des-kalten-kranichs","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/der-lange-weg-des-kalten-kranichs\/","title":{"rendered":"Der lange Weg des kalten Kranichs"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image017-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1090\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image017-Kopie-900x600.jpg\" alt=\"image017 - Kopie\" width=\"900\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image017-Kopie-900x600.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image017-Kopie.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>Eine winterliche Wanderung durch das\u00a0H<b>uangshan\u00a0<\/b>Gebirge<\/h3>\n<div>\n<p><strong>S<\/strong>\u00fcdlich des Yangtse wird nicht geheizt. Das k\u00f6nnen die Chinesen halten, wie sie wollen, doch es ist bitter, wenn es auch die Touristen trifft. Das gilt umso mehr, weil man den chinesischen Vorfr\u00fchling am Yangste als reine Geschmacksfrage bezeichnen muss: zwar rei\u00dft der Himmel im Sp\u00e4twinter schon einmal hier und da ein wenig auf, doch es bleibt so bitter kalt, dass man die Hosenbeine mit einer Kordel zubinden m\u00f6chte. China vor Ostern zu bereisen, hei\u00dft die lange Unterhose sch\u00e4tzen lernen, doch leider hatte ich in meinen Rucksack keine lange Unterhose eingepackt. So galt es f\u00fcr mich, den langen Weg des kalten Kranichs zu gehen, d. h. das Reich der Mitte mit einer mittleren Tagestemperatur von nur wenigen Plusgraden am Tage und reichlich Minusgraden in den N\u00e4chten zu bereisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Zuerst war ich noch ganz guter Dinge, als ich den Zug von Nanjing nach Tunxi auf Anhieb erreichte, hatte denn nicht\u00a0 Paul Theroux in meinem \u00a0Lieblingsbuch \u00a0\u201eAbenteuer \u00a0Eisenbahn&#8220; die sch\u00f6nen \u00a0S\u00e4tze geschrieben: \u201eEisenbahnz\u00fcge sind wie unwiderstehliche, rollende Bazare . M\u00fchelos eilen sie dahin, egal wie die Landschaft beschaffen ist, durch die sie f\u00fchren. Sie heben die Stimmung, weil es so schnell geht und bereiten einem nie \u00dcbelkeit, selbst wenn man etwas getrunken hat.&#8220; Erst heute wei\u00df ich, warum der gr\u00f6\u00dfte Teil der Eisenbahnreise von Theroux durch S\u00fcdasien f\u00fchrte, gleichen doch dort die Z\u00fcge zwar lebhaften, aber mollig warmen und vom Fahrtwind gut durchl\u00fcfteten Wohnzimmern, an deren Fenstern die Palmen und Str\u00e4nde vor dem Hintergrund strahlend blauer Horizonte vor\u00fcberziehen.\u00a0 \u00a0Doch unser Bummelzug, der mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit \u00a0von etwa 20-30 km\/h durch die kalte Provinz Anhui \u00a0tr\u00f6delte, \u00a0glich, je \u00a0weiter \u00a0sich \u00a0der \u00a0kalte Tag \u00a0einem \u00a0noch \u00a0k\u00e4lteren \u00a0Abend \u00a0zuneigte,\u00a0 einem K\u00fchlschrank aus R\u00e4dern . \u00a0So viel Tee und chinesische Instant-Suppe hatte ich dem Zugpersonal noch nie \u00a0abgekauft, \u00a0doch es wollte \u00a0nichts\u00a0 nutzen: \u00a0w\u00e4hrend \u00a0drau\u00dfen \u00a0eine Landschaft \u00a0vor\u00fcberzog, \u00a0die \u00a0an deutsche \u00a0Mittelgebirgslandschaften\u00a0 \u00a0unmittelbar \u00a0nach \u00a0der \u00a0Schneeschmelze \u00a0erinnerte, \u00a0zog\u00a0\u00a0ich \u00a0im\u00a0 zugigen Abteilung alle Hemden und Hosen \u00fcbereinander und suchte nach den hei\u00dfen Cassetten f\u00fcr meine Walkman, damit es wenigstens in den Ohren ein wenig w\u00e4rmer wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Derweil zog die Provinz Anhui an den Fenstern vor\u00fcber wie ein einziges Megadorf, wie ein Riesenacker am Unterlauf des Yangste, dessen fette braune Erde sechzig Millionen Menschen ern\u00e4hrt. Freilaufende H\u00fchner in den Hinterh\u00f6fen, Enten und G\u00e4nse ian den Dorft\u00fcmpeln, kleine Sampans, die gerade von den Eisschollen befreit in tr\u00fcben Gew\u00e4ssern &#8211; diese un d\u00e4hnliche Impressionen kompilierten sich zu einem Bild l\u00e4ndlicher Idylle wenige Grade \u00fcber dem Gefrierpunkt. Immerhin gab es auch Rapsfelder, die das triste Grau links und rechts der Gleise mit einem Tupfer Farbe schm\u00fcckten und ganz weit entfernt erhoben sich am Horizont bereits die Berge Anhuis, dicht bewachsen und \u00fcppig wie eine Verhei\u00dfung daf\u00fcr, da\u00df diese Landschaft bl\u00fchen kann, wenn nur gelegentlich auch einmal die Sonne auf sie scheint.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image022-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1317\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image022-Kopie-900x509.jpg\" alt=\"image022 - Kopie\" width=\"900\" height=\"509\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image022-Kopie-900x509.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image022-Kopie.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aber davon konnte im weiteren Verlauf des Tages keine Rede sein. Die Dunkelheit brach \u00fcber Anhui herein, und mit dem Einschalten\u00a0 des fahlen Neonlichtes in den Waggons begann\u00a0 es zu regnen, erst zaghaft, dann immer heftiger, bis ein so m\u00e4chtiges Rauschen die Luft erf\u00fcllte als w\u00fcrden sich die Wolken des Huangshan schon abregnen, lange bevor das Ziel erreicht war. Mit vier \u00a0Stunden Versp\u00e4tung dampfte der Zug mitten in der Nacht in den kleinen Bahnhof der Provinzstadt Tunxi, und weil die Busse zum achtzig Kilometer entfernten Huangshan Gebirge erst am n\u00e4chsten Morgen starten, blieb nichts anderes \u00fcbrig, als die stockdunkle Nacht im Umfeld eines kalten chinesischen Bahnhofes zu verbringen. Das sind die Augenblicke, in denen sich die Lehren der deutschen Klassik bew\u00e4hren, denn hatte nicht H\u00f6lderlin, ohne selbst jemals in China gewesen zu sein, behauptet, in der Stunde der gr\u00f6\u00dften Not nahe das Rettende auch? Und siehe: wie von g\u00fctigen Engeln an diesen Platz gezaubert, sa\u00df eine Gruppe chinesischer Wanderarbeiter unter dem Banhofsvorbau an einem kleinen Feuerchen. Vielleicht hielten sie mich, der ich mich ihnen zugefroren und zerknautscht im Dunkel der winterlichen Nacht pr\u00e4sentierte, f\u00fcr einen heruntergekommenen Angeh\u00f6rigen einer nationalen Minderheit, der einen r\u00e4tselhaften Feuerkult befolgte, r\u00fcckte ich doch mit meinen unterk\u00fchlten Knochen so eng es nur eben ging, an das Feuer heran und hielt meine eiskalten F\u00fc\u00dfe so nah an die Flammen, dass kleine Nebelwolken meinen nassen Socken wie geheimnisvolle Opferzeichen einer fremden Religion entstr\u00f6mten .<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Am n\u00e4chsten Morgen\u00a0\u00a0\u00a0 hatte der Regen \u00a0aufgeh\u00f6rt\u00a0 und durch \u00a0riesenhafte \u00a0Pf\u00fctzen, \u00a0in denen \u00a0sich die H\u00e4ngebauchschweine \u00a0tummelten, nahm ich den planm\u00e4\u00dfigen \u00a0Bus von Tunxi nach Tangkou. \u00a0Ich sa\u00df inmitten zweier Familien \u00a0aus Hangzhou, \u00a0deren\u00a0 M\u00fctter \u00a0sich \u00fcber meine blo\u00dfe\u00a0 Erscheinung\u00a0 k\u00f6stlich am\u00fcsierten und\u00a0 \u00a0mich aus Dankbarkeit \u00a0f\u00fcr diese Unterhaltung mit Trauben und N\u00fcssen f\u00fctterten .\u00a0 \u00a0In immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden tranken die V\u00e4ter ihren Tee aus gro\u00dfen Gurkengl\u00e4sern, w\u00e4hrend die Kinder, ohne einen Blick auf die umliegende \u00a0Landschaft zu verschwenden,\u00a0\u00a0\u00a0 sich g\u00e4nzlich \u00a0ihren Game Boys ergaben. War die \u00a0zweist\u00fcndige Busfahrt unter Chinesen ein unterhaltsames Erlebnis, erwartete mich bei der Einfahrt in Tangkou, der s\u00fcdlichen Drehscheibe des Huangshan-Tourismus, \u00a0ein Kulturschock. Wie\u00a0\u00a0 ein wild zersiedelter zivilisatorischer M\u00fcllhaufen hat sich die Stadt in den letzten Jahren am Fu\u00df der Gelben Berge die H\u00e4nge hochgefressen, und w\u00e4hrend meine freundlichen Reisegef\u00e4hrten jubelnd in Tangkou ihr Hotel bezogen, fuhr ich so schnell ich konnte weiter zu den Hei\u00dfen Quellen, an denen meine Wanderung durch die Gelben Berge begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image009-Kopie-001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1315\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image009-Kopie-001-548x800.jpg\" alt=\"image009 - Kopie-001\" width=\"548\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image009-Kopie-001-548x800.jpg 548w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image009-Kopie-001-822x1200.jpg 822w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image009-Kopie-001.jpg 1097w\" sizes=\"auto, (max-width: 548px) 100vw, 548px\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich waren die gelben Berge bei meiner Ankunft nicht eigentlich gelb, sondern eher winterlich wei\u00df, doch weil alles, was in China Rang und Bedeutung besitzt, irgendwie \u201egelb&#8220; sein muss, werden die s\u00fcdlichen Berge der Provinz Anhui seit unvordenklichen Zeiten \u201eGelbe Berge&#8220;\u00a0 (Huang\u00ad Shan) genannt. \u00a0Ein mythischer Urherrscher, der sogenannte \u201eGelbe Kaiser&#8220;, der vom Gelben Meer bis an den Gelben Flu\u00df geherrscht haben soll der seinen Nachbarn vielleicht als gelbe Gefahr galt, soll dereinst die Bergen von Tangkou als \u201eGelbe Berge&#8220; bezeichnet haben .\u00a0 Solcherart von einer Gr\u00fcndergestalt der eigenen Geschichte ausgezeichnet, \u00a0preisen \u00a0die Chinesen \u00a0den \u00a0Huangshan, \u00a0\u201eden Ersten unter den Bergen Chinas&#8220;, neben dem Kaiserkanal oder der Gro\u00dfen Mauer \u00a0als eines der gr\u00f6\u00dften Wundern unter der Sonne. Dabei handelt es sich beim Huangshan, der nicht wie der Emei Shan oder der Tai Shan zu den heiligen buddhistischen oder taoistischen Bergen z\u00e4hlt sondern seinen Rang allein seinen Natursch\u00f6nheiten verdankt, nicht eigentlich um einen Berg sondern um ein Gebirge, das sich auf einer Fl\u00e4che von 154 qkm mit seinen 72 Gipfeln in einer H\u00f6he zwischen 1300 und 1860m aus den s\u00fcdlichen Ebenen der Provinz Anhui erhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Hat der Besucher die hei\u00dfen Quellen an den s\u00fcdlichen Ausl\u00e4ufern der Gelben Berge\u00a0 \u00a0erreicht,\u00a0 \u00a0stehen ihm f\u00fcr die Besteigung drei M\u00f6glichkeiten zur Auswahl: eine schwierige, eine leichte und die chinesische Alternative. \u00a0Der\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 schwierige \u00a0Weg\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 f\u00fchrt \u00a0 \u00a0\u00fcber \u00a0kilometerlang\u00a0\u00a0\u00a0 steil \u00a0ansteigende \u00a0 \u00a0Pfade \u00a0und \u00a0den Scheitelpunkt der k\u00f6rperlichen \u00a0Ersch\u00f6pfung auf den westlichen Treppen hinauf in die Wunderwelt der Kiefern \u00a0und \u00a0Felsen. \u00a0K\u00fcrzer \u00a0und weniger \u00a0steil \u00a0ist der \u00a0\u00f6stliche \u00a0Aufstieg, \u00a0der unmittelbar \u00a0hinter \u00a0dem Wolkental-Tempel neun\u00a0\u00a0\u00a0Stra\u00dfenkilometer\u00a0\u00a0\u00f6stlich\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 der\u00a0\u00a0hei\u00dfen\u00a0\u00a0\u00a0 Quellen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 beginnt,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 doch\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 am kr\u00e4ftesparendsten \u00a0ist die\u00a0 \u00a0chinesische \u00a0Alternative, \u00a0bei der die Inlandstouristen \u00a0in den Kabinen \u00a0einer Seilbahn \u00a0in \u00a0wenigen \u00a0Minuten \u00a0auf \u00a0den \u00a0Gipfel \u00a0bef\u00f6rdert \u00a0werden. \u00a0Selbstverst\u00e4ndlich \u00a0kam \u00a0zu \u00a0dieser Jahreszeit \u00a0kein \u00a0chinesischer \u00a0Tourist \u00a0auf \u00a0die \u00a0Idee, \u00a0den \u00a0Gipfel \u00a0des \u00a0Huangshan \u00a0anders \u00a0als \u00a0mit \u00a0der Zahnradbahn \u00a0zu \u00a0erreichen, \u00a0und \u00a0so \u00a0begann \u00a0der \u00a0\u00f6stliche \u00a0Aufstieg \u00a0zun\u00e4chst \u00a0auf \u00a0einsamen \u00a0Treppen, umgeben von\u00a0 \u00a0pittoresken \u00a0Fels- und Kiefernformen, \u00a0kleinen Pavillons und\u00a0 \u00a0Nebelschwaden, \u00a0die wie Geisterh\u00e4nde mal einen ganzen \u00a0Berg verdecken \u00a0um\u00a0 im n\u00e4chsten \u00a0Augenblick, \u00a0durch\u00a0 einen Windsto\u00df beiseite gefegt, den Blick auf eine bizarres\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Landschaftsszenerie freizugeben. \u00a0Doch nur einen Kilometer nach dem Beginn des Aufstieges kreuzt ein Seitenweg die Treppen, \u00fcber den \u00a0aus einem tiefer liegenden Teil \u00a0des \u00a0Tales wie \u00a0ein\u00a0 unendlicher \u00a0Schwarm \u00a0ferngesteuerter \u00a0Arbeitsameisen \u00a0pl\u00f6tzlich \u00a0ein \u00a0Dutzend chinesischer \u00a0Lasttr\u00e4ger \u00a0nach dem n\u00e4chsten \u00a0auftauchte um jeden \u00a0Wanderer, \u00a0mit unglaublichen \u00a0Lasten beladen und nur\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 mit\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Sandalen \u00a0und \u00a0leichter \u00a0Kleidung \u00a0ausgestattet, \u00a0im \u00a0Sauseschritt \u00a0zu \u00a0\u00fcberholen. Stahlbleche, Eisenstangen, \u00a0Bierk\u00e4sten, Glasw\u00e4nde und Turbinen, schier alles, was an sperrigem Ger\u00e4t\u00a0\u00a0 f\u00fcr die Hotels auf den Gipfeln ben\u00f6tigt wird, \u00a0muss auf diese beklemmende \u00a0Weise den \u00a0Berg hinauf, \u00a0bis \u00fcber den Wolken als Resultat unendlicher M\u00fchen auch nur eine einzige neue H\u00fctte entstehen kann. Angesichts des eigenen leichten \u00dcbernachtungsgep\u00e4cks fast von einem \u00a0schlechten \u00a0Gewissen \u00a0geplagt, ersteigt man selbst immer verschneitere H\u00f6hen \u00a0im Schwei\u00dfe \u00a0seines \u00a0Angesichts, \u00a0bis \u00a0man \u00a0nach \u00a0zwei \u00a0bis drei Stunden den \u201eGrat der wei\u00dfen Gans&#8220;, die Endstation der Kabelbahn, erreicht und wieder auf die fr\u00f6hlichen chinesischen \u00a0Inlandstouristen \u00a0triffi, \u00a0die \u00a0gut gelaunt \u00a0und \u00a0ausgeruht \u00a0mit \u00a0ihren \u00a0Gurkengl\u00e4sern und Game-Boys den \u00a0Kabinen \u00a0der \u00a0Kabelbahn \u00a0entsteigen. \u00a0Unmittelbar \u00a0\u00fcber \u00a0dem \u00a0\u201eGrad \u00a0der \u00a0Wei\u00dfen Gans&#8220; erreicht \u00a0man \u00a0so gleichsam \u00a0wieder \u00a0im Rudel \u00a0den \u00a0sogenannten \u00a0\u201eNun&#8211;glaube-ich-es-Gipfel&#8220; , \u00a0von dem aus die Besucher einen ersten Blick auf die atemberaubenden Felszacken und Wolkenbildungen des n\u00f6rdlichen \u00a0Huangshan-Massivs\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0werfen \u00a0und \u00a0danach tats\u00e4chlich \u00a0\u201eglauben&#8220; k\u00f6nnen, \u00a0dass der Huangshan in der Welt einzigartig ist. Leider aber war an diesem Tag au\u00dfer einer undurchdringlichen \u00a0wei\u00dfen Nebelwand \u00fcberhaupt nichts zu sehen, was aber insofern ganz gut passen wollte, da man nun die Einzigartigkeit der Bergwelt \u00a0tats\u00e4chlich \u00a0nur glauben \u00a0und \u00a0nicht \u00a0sicher wissen \u00a0konnte. \u00a0Das hinderte \u00a0aber die Mehrzahl der Besucher keineswegs, ihre Lebensfreude \u00a0an allen nur erdenklichen \u00a0Pl\u00e4tzen, gleich\u00a0 ob etwas zu sehen war oder nicht, lautstark vor sich hinzu br\u00fcllen, eine akustische Begleitmusik, die den Wanderer auf den Wegen des Huangshan zusammen mit dem Heulen des Gipfelwindes zum st\u00e4ndigen Begleiter wird . Denn f\u00fcr phantasiebegabte Gem\u00fcter gibt es \u00a0auf \u00a0den \u00a0Gipfelgraten \u00a0des \u00a0Huangshan tats\u00e4chlich reichlich Anlass zur\u00a0 Freude: hinter jeder Ecke wartet eine neue \u00dcberraschung: hier steht ein gekr\u00f6nter Hahn vor den Pforten des Paradieses, dort unternimmt ein Eichh\u00f6rnchen einen Sprung in das himmlische \u00a0Reich, \u00a0hier weist \u00a0ein Unsterblicher \u00a0einem\u00a0 eitlen \u00a0Knaben \u00a0den Weg \u00a0in \u00a0die Bescheidenheit, dort schwimmen neun \u00a0Drachen \u00a0durch ein mythisches\u00a0 \u00a0Wolkenmeer.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image014-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1311\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image014-Kopie-900x603.jpg\" alt=\"image014 - Kopie\" width=\"900\" height=\"603\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image014-Kopie-900x603.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image014-Kopie.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>An diesem Tag aber konnten weder Eichh\u00f6rnchen noch Affen, weder Unsterbliche, noch Drachen oder Tempel wirklich begeistern, denn \u00fcber die 72 Gipfel des Huangshan heulte ein derart eiskalter Wind, dass sogar den chinesischen Kettenrauchern auf den Aussichtspunkten die Zigaretten nicht mehr schmecken wollten . Blau gefroren fuhr die Mehrzahl der chinesischen Gipfelwanderer so schnell es ging mit der Kabelbahn ins Tal zur\u00fcck, w\u00e4hrend ich mich im Beihei Hotel einquartierte, in dem zwar niemand auch nur ein Wort Englisch sprach, indem es aber warme Anoraks zum Ausleihen, dicke Decken zum Zudecken und hei\u00dfes Wasser zum Baden gab. Ansonsten funktionierte nichts in diesem Hotel, weder die Heizung, noch das Fernsehen, was aber nicht weiter interessierte, weil sich jeder im Angesicht des hereinbrechenden Nachtfrostes\u00a0 \u00a0so tief wie er konnte, in die Betten verkroch .<\/p>\n<p>Als H\u00f6hepunkt jeder Wanderung in den Gelben Bergen gilt das Erlebnis des Sonnenaufgangs \u00a0auf der \u201eKalten Terrasse&#8220; n\u00f6rdlich des Beihai-Hotels.\u00a0 Dick eingeschn\u00fcrt in den roten Hotel-Anorak, dass ich aussah wie ein rotes Bonbon mit Beinen, lief ich zum Aussichtspunkt, wo es wieder rein gar nichts zu sehen gab. Daf\u00fcr wurde nach dem Fr\u00fchst\u00fcck den G\u00e4sten des Beihei Hotel ein Video vorgef\u00fchrt, in dem zu den Kl\u00e4ngen chinesischer Musik gewaltige\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Wolkenmeere waberten, \u00a0aus denen sich wundersam\u00a0 geformte Gipfel in unglaublichen Winkeln erhoben. Nebelschwaden sausten senkrecht die Bergabh\u00e4nge hinauf und herunter, w\u00e4hrend oben gl\u00fcckliche Touristen bei klarem Ausblick in die Tiefe blickten. W\u00e4hrend der Video-Vorf\u00fchrung kam sogar richtig Stimmung auf, begeistert klatschten die Besucher aus Taiwan in die H\u00e4nde, ehe\u00a0 \u00a0uns ein Stromausfall in die Wirklichkeit zur\u00fcckholte .<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">So begann die Gipfelwanderung zum westlichen Abstieg an diesem Morgen ieiner Welt aus Nebel und Eis. Schwer trugen die Kiefern an dem Schnee auf ihren Zweigen, und unwillk\u00fcrlich duckte man den Kopf, wenn eine Windb\u00f6 um die Ecke heulte. Doch diese B\u00f6en, am Anfang als eine neue Plage beklagt, begannen tats\u00e4chlich die Nebelvorh\u00e4nge \u00fcber den Bergen immer mehr zu zerfetzen,\u00a0 \u00a0und je weiter wir uns auf den Gipfelwegen nach Westen bewegten, desto h\u00e4ufiger wurden die eigent\u00fcmlichen Bullaugen in der Nebellandschaft, durch die wir hier und da\u00a0 erstaunliche Einblicke in eine \u00a0m\u00e4rchenhafte Werkstatt der Natur gewinnen konnten . \u00a0\u00dcber \u00a0windige Felsengrate und enge Klammdurchg\u00e4nge, an Gebirgsseen, Pavillons \u00a0und\u00a0\u00a0\u00a0Schluchten \u00a0vor\u00fcber\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 f\u00fchrte \u00a0der \u00a0Weg\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 in \u00a0eine \u00a0sich \u00a0immer \u00a0weiter \u00a0aufhellende Gipfellandschaft\u00a0\u00a0 von\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Felsen und \u00a0Kiefern, \u00a0in deren Formen \u00a0das gutwillige Gem\u00fct Kamele, \u00a0Burgen, Pferde\u00a0 \u00a0und\u00a0 \u00a0Liebende\u00a0 \u00a0erkennen\u00a0 \u00a0mochte,\u00a0\u00a0die\u00a0 \u00a0sich\u00a0 \u00a0\u00fcber\u00a0 \u00a0Abgr\u00fcnden\u00a0\u00a0\u00a0 k\u00fcssen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kurz\u00a0 \u00a0vor\u00a0 \u00a0dem Schildkr\u00f6tengipfel\u00a0\u00a0und dem Gipfel des strahlenden Lichts \u00a0erblickt man schon von Feme den \u201eFelsen, der herbeigeflogen \u00a0kam&#8220;, einen \u00a0Gesteinsbrocken, \u00a0lOm hoch \u00a0und \u00a0600 Tonnen \u00a0schwer, \u00a0der wie eine Spielzeugfigur in unnat\u00fcrlicher \u00a0Position auf einem Bergr\u00fccken \u00a0steht. Gab man nur Acht, neben dem \u201eFelsen, der herbeigeflogen kam&#8220; nicht selbst vom Gifelwind davongeweht zu werden, enth\u00fcllte sich zu seinen F\u00fc\u00dfen Urwelt aus Bergen und Nebel, mit so skurrilen und abwechslungsreichen Formen, als sei die Natur zu eitel, eine Gestalt zweimal in die Welt zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image018-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1312\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image018-Kopie-900x606.jpg\" alt=\"image018 - Kopie\" width=\"900\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image018-Kopie-900x606.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image018-Kopie.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00a0Vom herbeigeflogenen Felsen ist es nicht mehr weit zum h\u00f6chsten Gipfel des Huangshan, dem Lotosbl\u00fctengipfel(l860m), zu dessen F\u00fc\u00dfen der Tang-Poet Li Bai in w\u00e4rmeren Jahreszeiten seine ber\u00fchmten Gedichte schrieb. Noch ber\u00fchmter als die Gedichte aber ist die \u201eBegr\u00fc\u00dfungs-Kiefer&#8220; , der wahrscheinlich bekannteste Baum ganz Chinas, die die mit ihren weit ausgebreiteten \u00c4sten und einem vermeintlichen Alter von eintausend Jahren zum Urbaum der chinesischen Rollbilder wurde. Ob in Shiquanhee in Westtibet, ob in Shanghai oder Szechuan &#8211; \u00fcberall habe ich diese sich scheinbar mit ihren \u00c4sten h\u00f6flich verneigende Kiefer auf Kacheln, Postern oder Plakaten schon einmal gesehen, und jetzt, wo ich in Natura vor ihr stand, tat sie mir fast ein wenig leid, da\u00df sie als Original f\u00fcr immer an diesen windigen Orten zu leben hat.<\/p>\n<p>Der \u201eJade-Vorhang-Turm&#8220; , nur wenige Fu\u00dfminuten hinter der Begr\u00fc\u00dfungskiefer, geh\u00f6rt zu den zentralsten und beliebtesten Punkten des Huangshan, denn die gro\u00dfe Terrasse erlaubt in einer H\u00f6he von l668m nicht nicht einen einen Rundblick \u00fcber das s\u00fcdliche Massiv samt seinen westlichen Abh\u00e4ngen sondern im Winter auch den Erwerb einer hei\u00dfen Thermoskanne, an deren Au\u00dfenh\u00fclle man seine H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe ein wenig w\u00e4rmen kann\u00a0 \u00a0Eine 1985 neu erbaute geb\u00fchrenpflichtige Treppe f\u00fchrt auf\u00a0den 1829m hohen \u201eGipfels der himmlischen Hauptstadt&#8220; , einem der Traumziele chinesischer Hochzeitsreisender, die an warmen Sommertagen Hand in Hand die Treppen emporwandem, um an den Eisenketten der Aussichtspunkte ihre Taschent\u00fccher \u00a0wie \u00a0ein \u00a0Versprechen \u00a0daf\u00fcr \u00a0zu\u00a0 befestigen, \u00a0dss man sich auf ewig lieben wird. An diesem kalten Tag aber war ich allein auf dem \u201eGipfel der himmlischen Hauptstadt&#8220; , und keine Braut befand sich an meiner Seite, der ich h\u00e4tte ewige Treue schw\u00f6ren k\u00f6nnen. Statt dessen pfiff mir der Wind in die Hosenbeine, meine Ohren waren blaugefroren und der Himmel, gerade mal eine gute Stunde offen, begann sich schon wieder zuzuziehen. Es war ein Augenblick der intensiven Empfindung, in dem ich beschloss, dass der Weg des kalten Kranichs nun zu Ende war.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image020-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1313\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image020-Kopie-900x606.jpg\" alt=\"image020 - Kopie\" width=\"900\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image020-Kopie-900x606.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/image020-Kopie.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine winterliche Wanderung durch das\u00a0Huangshan\u00a0Gebirge S\u00fcdlich des Yangtse wird nicht geheizt. Das k\u00f6nnen die Chinesen halten, wie sie wollen, doch es ist bitter, wenn es auch die Touristen trifft. 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