{"id":1009,"date":"2013-12-22T08:46:42","date_gmt":"2013-12-22T08:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ludwig-witzani.de\/?page_id=1009"},"modified":"2025-06-03T10:32:55","modified_gmt":"2025-06-03T10:32:55","slug":"der-ferne-vetter","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ludwig-witzani.de\/zu-den-grossen-traeumen\/backpackers-welt\/der-ferne-vetter\/","title":{"rendered":"Der ferne Vetter"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"center\">Zu Besuch im Orang-Utan-Rehabilitationszentrum <b>von Bukit Lawang auf Sumatra<\/b><\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1016\" alt=\"6 (11)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-11-900x601.jpg\" width=\"900\" height=\"601\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-11-900x601.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-11.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das erste, was man in Bukit Lawang sieht, ist der Bohorok River. Auf beiden Seiten von dichtem Dschungel umgeben, macht sein Lauf in der H\u00f6he des kleinen Ortes eine scharfe Kurve, und genau hier \u00f6ffnet sich der Vorhang vor einer ungew\u00f6hnlichen Urwaldszenerie: am steinigen Ufer des Bohorok zelebrieren die einheimischen Frauen ihren Waschtag, Hemden, Hosen, T\u00fccher und T\u00f6pfe aller Art und zuletzt der j\u00e4mmerlich kreischende Nachwuchs &#8211; alles wird unter den kr\u00e4ftigen H\u00e4nden der indonesischen Frauen von Schmutz befreit. Hinter den flachen Stromschnellen flu\u00dfaufw\u00e4rts setzen drei jugendliche Reisende, die in dicken, schwarzen Gummireifen auf dem Wasser herumschie\u00dfen, zum Finish an, vor\u00fcber an zahlreichen winzigen Bambush\u00fctten, auf deren Veranden und Fensterb\u00e4nken die G\u00e4ste aus allen Weltgegenden Pfannkuchen essen, zur Gitarre singen oder sich den Tag auf eine andere angenehme Weise vertreiben. Und ganz oben &#8211; als seien sie die wahre Krone der Sch\u00f6pfung &#8211; turnen die kleinen Makaken\u00e4ffchen durch die B\u00e4ume, kreischen und schleudern kleine \u00c4ste hinab, als \u00e4rgerten sie sich \u00fcber die Unmengen von Spiegeleiern, Mie Goreng und H\u00fchnersuppen, die die Besucher am Ufer des Bohorok verspeisen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1014\" alt=\"6 (02)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-02-900x599.jpg\" width=\"900\" height=\"599\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-02-900x599.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-02.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8222;There was no Inn or Guest-House at the Bohorok River&#8220;, schrieb Monika Bohner noch vor zwanzig Jahren bei ihrem ersten Besuch in dieser Gegend. Seitdem hat sich vieles gr\u00fcndlich ge\u00e4ndert. Das ber\u00fchmte Orang-Utan-Rehabilitationszentrum, das von Bukit Lawang in einem halbst\u00fcndigen Fu\u00dfmarsch zu erreichen und zu besichtigen ist, lockt seit Beginn der achtziger Jahre immer mehr Besucher in diesen abgelegenen Winkel Nordsumatras. Die Einheimischen haben sich durch den Bau einfacher Wismas und Guest-H\u00e4user direkt am Flu\u00df der Nachfrage sehr schnell angepa\u00dft, und die Rehabilitationsstation hat in Bukit Lawang eine Au\u00dfenstelle organisiert, in der das Permit f\u00fcr den Besuch zu erhalten ist und ein kleiner Ausstellungssaal eine Einstimmung auf den Orang-Utan bietet.<\/p>\n<p>Nachdenklich bleiben viele Besucher vor den Portr\u00e4taufnahmen junger Orang-Utans stehen. Ein Blick in das emp\u00f6rte, \u00fcberraschte, erstaunte oder erschrockene Gesicht der Tiere scheint die Tiefen der Primatenseele zu er\u00f6ffnen &#8211; zur\u00fcck in vormenschliche Zeiten. Es sind vor allem die kugelrunden dunklen Augen und eine fast schon menschlich entwickelte Augenbrauenpartie, die an traurige Kinder erinnern, w\u00e4hrend die Mundpartie der Physiognomie eine Prise \u00c4ltlichkeit, Bigotterie und Hochmut beimischt. Altklug oder vorwitzig spielt dieser Affe seine Rolle als Clown, Tolpatsch, Filou und Akrobat in einer abgelegenen Nische der Welt.<\/p>\n<p>Diese abgelegene Nische existierte f\u00fcr den Orang-Utan jahrhunderttausendelang in den undurchdringlichen Regenw\u00e4ldern Sumatras und Borneos, in denen er als sanfter Wanderer durch die Kronen der B\u00e4ume ein von nat\u00fcrlichen Feinden unbedr\u00e4ngtes Leben f\u00fchrte. Vier H\u00e4nde zum Klettern, Schwingen, Greifen und Landen gab die Sch\u00f6pfung diesem Affen, zwei an seinen langen Armen, die eine Spannweite von bis zu zweieinhalb Metern erreichen k\u00f6nnen, zwei an seinen F\u00fc\u00dfen, die mehr zum Greifen als zum Gehen taugen. Mit dreien seiner Extremit\u00e4ten \u00fcberturnt er die tiefsten Schl\u00fcnde und findet mitten im Schwung noch die Zeit, sich am R\u00fccken zu kratzen. Wenn man der Feldforschung Glauben schenken darf, wird sogar die Fortpflanzung schwingend erledigt, im Unterschied etwa zum eher wuchtigen Paarungsvollzug des Gorillas. Die Folgen solcher &#8222;Luft-Akte&#8220; kommen nach acht Monaten zur Welt &#8211; winzige, spindeld\u00fcrre, nur etwa drei Pfund schwere und kaum behaarte Gesch\u00f6pfe. Mit dem leicht beleidigt wirkenden Schn\u00fctchen, das ihnen ihr Leben lang bleiben wird, erlernen sie die Grundz\u00fcge des Kletterns auf der m\u00e4hnigen Mutter, dann den Kontakt zu Lianen, \u00c4sten und kleineren B\u00e4umen. Sogar die Bananen mu\u00df die Mutter vor ihren Augen zerquetschen, vorkauen und dem qu\u00e4kenden Nachwuchs in den Mund schieben. Im Alter von etwa vier Jahren beginnen die Jungen in Sichtweite des Muttertieres die ersten eigenst\u00e4ndigen Exkursionen. Inzwischen haben sie gelernt, die Fr\u00fcchte des Waldes zu finden und zu fressen, und im Alter von zehn Jahren beginnen sie als geschlechtsreife Jungtiere eigene Wege zu gehen. Erwachsene m\u00e4nnliche Orangs k\u00f6nnen bis zu 1,50 Meter Gr\u00f6\u00dfe und ein Gewicht von ann\u00e4hernd hundert Kilogramm erreichen, bleiben jedoch meist weit darunter und wirken im direkten Vergleich zu einem erwachsenen Menschen wie behaarte Zwerge mit viel zu langen Armen und zu kurz geratenen Beinen.<\/p>\n<p>Der Homo sapiens, der \u00fcber die Possierlichkeiten seines fernen Vetters so gerne lacht, raubt ihm seinen Lebensraum. Seit einer Generation st\u00fcrzen die bis zu sechzig Meter hohen imposanten Urwaldriesen auf Borneo und Sumatra unter dem Geheul gigantischer Kreiss\u00e4gen, werden zers\u00e4gt, verfrachtet und in hunderttausendfacher Bearbeitung umgewandelt in das Luxusinterieur der Industriegesellschaft. In den sechziger Jahren bereits h\u00e4uften sich die F\u00e4lle, in denen heimatlos gewordene Orangs sich auf der Suche nach Nahrung in der N\u00e4he der D\u00f6rfer herumtrieben. Ohne den Wald degenerierte der Waldmensch (Orang-Utan) zum hilflosen Bettler, wurde gefangen, in enge K\u00e4fige gesperrt und verkam zur traurigen Attraktion f\u00fcr Touristen. In den fr\u00fchen siebziger Jahren sank die Zahl der noch frei lebenden Population schon unter die kritische Grenze von zehntausend Exemplaren. Auf Sumatra, wo einst Hunderttausende dieser Tiere gelebt hatten, war die Zahl auf weit unter f\u00fcnftausend geschrumpft. Zwar stellten die indonesische und die malaysische Regierung die Haustierhaltung der gro\u00dfen Affen unter Strafe, doch mit der voranschreitenden Urwaldrodung und Holzverarbeitung kamen immer neue heimatlose Tiere auf den schwarzen Markt, und die Privatzoos wohlhabender Indonesier f\u00fcllten sich weiter. Vor allem die in Gefangenschaft geborenen \u00c4ffchen denaturierten in ihren K\u00e4figen zum Zerrbild ihrer Art.<\/p>\n<p>Das war der Stand der Dinge, als die junge Schweizer Zoologin Monika Bohner daranging, am Bohorok River im Norden Sumatras eine Orang-Utan-Rehabilitationsstation zu gr\u00fcnden. Die \u00f6kologische Katastrophe, die \u00fcber die Tiere hereingebrochen war, war damals kaum im \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein, so da\u00df sich ihr Vorhaben bei den Unkundigen mit der Vorstellung verband, faule, gut gen\u00e4hrte Affen l\u00e4gen gem\u00fctlich in bequemen Freigehegen mit Vollpension, anstatt sich die Bananen selbst von den B\u00e4umen zu pfl\u00fccken.<\/p>\n<p>Mit finanzieller Unterst\u00fctzung der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft und z\u00f6gerlicher Zuarbeit zaghaft agierender Naturaktivisten aus der indonesischen Verwaltungsb\u00fcrokratie galt es zun\u00e4chst einmal, vor Ort nach einem geeigneten Gel\u00e4nde zu suchen. Nach einigen vergeblichen Anl\u00e4ufen glaubte Monika Bohner in der N\u00e4he der kleinen Dschungelsiedlung Bukit Lawang f\u00fcndig geworden zu sein. Einerseits bildete der Bohorok River eine nat\u00fcrliche Grenze zwischen dem undurchdringlichen Regenwald des Nordwestens und den erschlossenen und landwirtschaftlich genutzten Gebieten in der weiteren Umgebung der indonesischen Gro\u00dfstadt Medan, und andererseits w\u00fcrde die Station f\u00fcr ihre Zwecke eine zentrale Position einnehmen: relativ problemlos erreichbar f\u00fcr die Indonesier, die ihre Tiere freiwillig in der Station abliefern wollten, und in direkter Nachbarschaft eines der letzten zusammen- h\u00e4ngenden Dschungelgebiete des n\u00f6rdlichen Sumatras, in das die Affen entlassen werden konnten. Die einheimischen Verwaltungsstellen zeigten sich zun\u00e4chst keineswegs angetan von der fremdartigen Initiative, auch wenn sie sich dem h\u00f6chsten Gehei\u00df aus Djakarta nicht widersetzen mochten. Lokale W\u00fcrdentr\u00e4ger mu\u00dften umworben werden, damit Bauholz, Zement, Transportmittel und Nahrung an den Bohorok geschafft wurden, Arbeiter wurden angeheuert, Planungen erstellt und ge\u00e4ndert. Kaum war die Station im Jahre 1973 notd\u00fcrftig errichtet, wurden schon die ersten Orang-Utans abgeliefert, neurotische Tiere, schwer gezeichnet von der langen Gefangenschaft, deren Besitzer froh waren, den auf Dauer anstrengenden Bestand ihrer Privatgehege auf diese einfache Art loszuwerden. Aber Monika Bohner und ihre Mitarbeiterin Regine Frey machten sich auch selbst auf die Suche, sp\u00fcrten in den G\u00e4rten der beg\u00fcterten Schichten bei Offizieren und hohen Beamten Affen auf, die ihnen meist nach einigem guten Zureden, manchmal aber auch nur unter Verweis auf die inzwischen pr\u00e4zisierten Gesetze \u00fcberlassen wurden.<\/p>\n<p>Die ersten Versuche mit diesen bemitleidenswerten Lebewesen zeigten rasch, da\u00df die beiden Zoologinnen mit der Rehabilitation der eingelieferten Tiere auf einem viel elementareren Niveau zu beginnen hatten als urspr\u00fcnglich geplant. Als hochentwickelte und gef\u00fchlvolle Primaten hatten die Orang-Utans das Dasein in engen K\u00e4figen nur mit schweren psychischen Sch\u00e4den \u00fcberstanden. Vor allem die in Gefangenschaft gr\u00f6\u00dfer gewordenen jugendlichen Affen waren aus ihrer Apathie nicht mehr herauszuholen und starben, andere zeigten schwere Anpassungsst\u00f6rungen, eine untypische Aggressivit\u00e4t und absolute Kontaktarmut. Der beeindruckende Film, der in der Au\u00dfenstelle des Bohorok-Camps in Bukit Lawang jeden Mittwoch und Freitag vorgef\u00fchrt wird, zeigt ver\u00e4ngstigte \u00c4ffchen, die sich an die beiden jungen Frauen klammern, und verzweifelte Wutausbr\u00fcche winziger Orang-Utans bei den nichtigsten Anl\u00e4ssen. Um \u00fcberhaupt die Voraussetzungen f\u00fcr eine Verhaltens\u00e4nderung zu schaffen, hatten die beiden Zoologinnen den emotional ausgehungerten Tieren zun\u00e4chst einmal eine ganze Weile die Mutter zu ersetzen, was bedeutete, die kleinen \u00c4ffchen den ganzen Tag auf ihren Schultern und R\u00fccken umherzutragen, auf sich herumklettern zu lassen, mit ihnen zu spielen und vorsichtig erste Waldspazierg\u00e4nge in eine Umgebung zu unternehmen, die f\u00fcr die kleinen Orangs unbekannt und angsterregend war.<\/p>\n<p>Es ist wenig verwunderlich, da\u00df diese aufopferungsvolle T\u00e4tigkeit der beiden Zoologinnen bei den Einheimischen zun\u00e4chst allerlei Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse erzeugte. Schon bald kamen die ersten Besucher aus der n\u00e4heren und ferneren Umgebung nach Bohorok, angelockt durch die Ger\u00fcchte, &#8222;nackte Frauen aus Europa&#8220; w\u00fcrden &#8222;im Regenwald herumklettern, um den Orang-Utans beizubringen, wie Affen zu leben&#8220;. Aber mit den ersten Erfolgen der Rehabilitation, mit der R\u00fcckkehr immer mehr ehemals gefangener Orang-Utans in den Regenwald, wandelte sich auch in Indonesien die Verwunderung zun\u00e4chst in Anerkennung und schlie\u00dflich in Stolz \u00fcber die naturliebenden Institutionen des eigenen Landes. Schlie\u00dflich wurde 1980 das gesamte Regenwaldgebiet um den Gunnung Leuser zu einem gro\u00dfen Nationalpark zusammengefa\u00dft und damit ein 800000 Hektar gro\u00dfes Gebiet der menschlichen Nutzung ausdr\u00fccklich entzogen, in dem neben Elefanten, Rhinozerossen, Leoparden, Tigern und allen endemischen Vogelarten auch der Orang-Utan eine sichere Heimat erhalten hat. Im gleichen Jahr verlie\u00dfen Monika Bohner und Regine Frey die Station und \u00fcbergaben die Leitung der indonesischen Nationalparkverwaltung, die das Center nun seit dreizehn Jahren im Geist ihrer Gr\u00fcnderinnen weiterf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Jeden Morgen und jeden Nachmittag setzt sich ein mittelgro\u00dfer Besuchertro\u00df von Bukit Lawang aus in Bewegung und erreicht nach einem kurzen Marsch einen kleinen Bootssteg, von dem aus man den Bohorok \u00fcberquert und das eigentliche Camp betritt. Leider streben die meisten Besucher sofort wieder aus der Station heraus, um das F\u00fctterungsspektakel im Dschungel m\u00f6glichst hautnah zu erleben. Die Parkw\u00e4chter sind aber durchaus bereit, auch in der Station herumzuf\u00fchren und die einzelnen Etappen der Rehabilitation mit Beispielen zu zeigen und zu kommentieren.<\/p>\n<p>Jeder der knapp zweihundert Orang-Utans, die in den zwanzig Jahren seit der Gr\u00fcndung der Station eingeliefert wurden, kam zun\u00e4chst in Quarant\u00e4ne, w\u00e4hrend deren die Tiere gr\u00fcndlich veterin\u00e4rmedizinisch untersucht und versorgt wurden. Der nahe Umgang mit Menschen und ihren Krankkeitskeimen f\u00fchrt bei den meisten Affen zu Infektionen, die sich ohne vorbeugende Behandlung in der Station ausbreiten k\u00f6nnten. Schon in dieser ersten Phase des allgemeinen Hochp\u00e4ppelns wird den Tieren Laub in die ger\u00e4umigen K\u00e4fige gelegt, denn es hat sich gezeigt, da\u00df das Nestbauverhalten der Orang-Utans ein Instinkt zu sein scheint. Jedenfalls beginnen die Affen sehr schnell, mit dem Gr\u00fcnzeug zu hantieren, es im K\u00e4fig zu verteilen und sich im weichen Laub zur Ruhe zu legen.<\/p>\n<p>Die eigentlichen Schwierigkeiten der Rehabilitation aber zeigen sich erst in der n\u00e4chsten Phase, in der die jungen Affen mit dem Wald Bekanntschaft machen und ihre ersten Kletter\u00fcbungen absolvieren sollen. &#8222;Jeder Orang-Utan ist ein Individuum&#8220;, sagt Monika Bohner, und dementsprechend haben sich die Pfleger mit ganz unterschiedlichen Verhaltensst\u00f6rungen der Tiere, Widerst\u00e4nden und \u00dcberraschungen herumzuschlagen. Im Extremfall klammern sich die kleinen \u00c4ffchen mitten im Wald in panischer Angst an ihre W\u00e4rter, und es bleibt dem Pfleger dann nichts anderes \u00fcbrig, als selbst mit ihm in die B\u00e4ume zu steigen und ein wenig herumzuturnen. Manche klettern, sooft man sie in einen Baum setzt, so schnell es geht, wieder herunter und verharren ganz entsetzt am Wurzelgezweig der Dschungelriesen. Wieder andere der kleinen Orangs scheinen sich zu \u00fcbersch\u00e4tzen, setzen zu v\u00f6llig aussichtslosen Spr\u00fcngen an und segeln in hohem Bogen die B\u00e4ume herunter. Meist aber dauert es nur wenige Wochen, bis sich die Orang-Utans als begnadete Kletterer in den stationsnahen B\u00e4umen zurechtfinden. Es l\u00e4\u00dft sich sogar beobachten, wie die Lust am Wippen, Springen und Landen zunimmt.<\/p>\n<p>Tiere, die dieses Stadium der Rehabilitation erfolgreich absolviert haben, m\u00fcssen die Station verlassen. Sie werden im benachbarten Regenwald ausgesetzt und zweimal am Tag mit einer bewu\u00dft monotonen Bananendi\u00e4t versorgt. Sp\u00e4testens dann treten die Problemf\u00e4lle immer krasser in Erscheinung. Denn ein wenig in den \u00c4sten zu turnen ist das eine, sich aber gezielt und mit M\u00fche Nahrung selbst zu beschaffen etwas ganz anderes, und die meisten Tiere sind intelligent genug, schnurstracks vor die Tore der Station zur\u00fcckzukehren. Dort liegen sie dann in bemitleidenswerten Posen, Sozialf\u00e4lle des Tierreiches, die sich weigern, ihre Freiheit zu gebrauchen, strecken ihre offenen H\u00e4nde aus, wenn die W\u00e4rter vor\u00fcbergehen, und blicken tief deprimiert auf ihre nun so hartherzigen Pfleger. Diese Pfleger aber f\u00fcllen zweimal am Tage Rucks\u00e4cke und Eimer mit alten Bananen und saurer Milch und marschieren in den Wald zum F\u00fctterungsplatz, und auch der phlegmatischste Orang-Utan lernt sehr schnell, da\u00df er, wenn er weiter gef\u00fcttert werden will, zur rechten Zeit am rechten Ort im Wald zu erscheinen hat.<br \/>\nIn den Hauptbesuchsmonaten trotten bis zu f\u00fcnfzig G\u00e4ste aus Bukit Lawang hinter den Rangern in den Dschungel, um die publikumsnahe F\u00fctterung mitzuerleben. Schon nach einer knappen Viertelstunde bergauf erreicht man eine Lichtung, hinter der, abgetrennt durch einen stabilen Bretterzaun, die W\u00e4rter auf einem breiten Holzger\u00fcst ihr karges Nahrungsangebot ausbreiten. Die beiden Sorgenkinder der Station, den Pflegern gut bekannt, sind schon lange eingetroffen. Ermattet erwarten sie den ganzen Tag in der N\u00e4he der Lichtung ihre Tagesration, unf\u00e4hig, sich selbst beizeiten eine frische Banane zu besorgen. Die meisten der frisch ausgesetzten Orang-Utans kommen nach einigen Minuten angeturnt, es raschelt im Ge\u00e4st weit oben in den Kronen der B\u00e4ume, und wie Wesen aus einer anderen Welt n\u00e4hern sie sich von allen Seiten. Schwindelig kann einem aus der Menschenperspektive werden, wenn man die Orangs in einer H\u00f6he von vierzig bis f\u00fcnfzig Metern an den armd\u00fcnnen Seitentrieben weit auseinanderstehender B\u00e4ume so lange hin und her schwingen sieht, bis sie in die Sprungweite des n\u00e4chsten Urwaldriesen gelangen. Andere landen dreister von den benachbarten B\u00e4umen, halten sich gar nicht lange mit zur\u00fcckhaltenden Geb\u00e4rden auf, sondern greifen gleich in den Rucksack, und sanft gehindert vom Ranger, wiederholen sie ihre fordernden Griffe mit unbeirrter Beharrlichkeit so lange, bis sie ihren Anteil erhalten. Auch ein wenig Milch wird verteilt, vor allem an die winzigen Orang-Babys, die sich im langen Fell ihrer M\u00fctter festklammern und sich nur f\u00fcr die Ration vorsichtig von ihr l\u00f6sen. Doch der Orang-Utan w\u00e4re nicht das dem Menschen in vieler Hinsicht so \u00e4hnliche Wesen, g\u00e4be es nicht den einen oder anderen b\u00f6sartigen, fast kriminellen Charakter am F\u00fctterungsplatz. Einer der ausgewachsenen Affen, ein m\u00e4chtiges Tier, versuchte diesen Ort zu seinem Revier zu erkl\u00e4ren. Er peinigte die lebensunt\u00fcchtigen Sozialf\u00e4lle, die sich in die B\u00e4ume oder hinter den R\u00fccken der Ranger fl\u00fcchteten, und als er nicht die ganze Bananen- und Milchration rauben konnte, weil ihn die W\u00e4rter mit Stockschl\u00e4gen vertrieben, tanzte er b\u00f6se durch die B\u00e4ume und schnitt seinen Artgenossen den Weg zur Futterstelle ab.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-07.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1015\" alt=\"6 (07)\" src=\"http:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-07-900x601.jpg\" width=\"900\" height=\"601\" srcset=\"https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-07-900x601.jpg 900w, https:\/\/ludwig-witzani.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/6-07.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><br \/>\nNach einer knappen Stunde ist die F\u00fctterung zu Ende. Einige der Affen sind \u00fcberhaupt nicht erschienen, weil sie die \u00f6de Bananendi\u00e4t nicht reizt, manche blieben nur kurz, die meisten verschwanden nach wenigen Minuten. Die Touristen packen ihre Kameras ein und trotten mit nachdenklichen Mienen zur Station zur\u00fcck, um dort in der Kantine ein wenig zu essen.<\/p>\n<p>Der letzte Akt der Orang-Utan-Rehabilitation vollzieht sich dann wieder unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit. Da die Affen nicht alle in unmittelbarer Umgebung der Station verbleiben k\u00f6nnen, werden sie zu gegebener Zeit gruppenweise eingefangen und mit Helikoptern tiefer in das Gunnung-Leuser-Reservat verfrachtet. So endet auch der Lehrfilm in der Au\u00dfenstelle von Bukit Lawang mit einem Happy-End: Die Hubschrauber landen mit ihrer kostbaren Fracht auf einer Lichtung im Regenwald, die Pfleger \u00f6ffnen die K\u00e4fige und entlassen die Tiere in die Freiheit. Sie blicken sich nicht um und entschwinden auf Nimmerwiedersehen im Dschungel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Besuch im Orang-Utan-Rehabilitationszentrum von Bukit Lawang auf Sumatra Das erste, was man in Bukit Lawang sieht, ist der Bohorok River. 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