Werner: Asien für Anfänger. Streifzüge durch Singapur

Singapur 251p8LDPPg6L._SY346_Gleich vorweg: das letzte Mal war ich im alten Jahrtausend in Singapur. Ich habe also keine Ahnung, was sich dort alles verändert hat. Ein Grund mehr, sich im Vorfeld einer neuen Reise nach Singapur mit einigen Erlebnisberichten über diese erstaunliche Stadt auseinanderzusetzen. Aus dem reichlichen Angebot an Reiseimpressionen wählte ich das vorliegende Buch von Edith Werner, weil mir schon ihr Afrikabuch („Vom Kap nach Kenia“) recht gut gefallen hatte.

Zwei Zitate bilden den Hintergrund ihrer Darstellung „Singapur  is a fine City“ und „Singapur ist ein Disneyland mit Todesstrafe“. Das erste ist ihrer Ansicht nach ein sehr zutreffendes Wortspiel, den „fine“ bedeutet im englischen sowohl „schön“ wie „Strafe“. Das zweite Bonmot ist genauso wahr, es rekurriert auf die exaltierten Momente des südostasiatischen Lebens in  direkter Entgegensetzung zu den harten Strafen, die jedermann drohen, der sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln hält. Gegen beiden Kennzeichnungen hat die Autorin wenig einzuwenden, im Gegenteil: im Unterschied zu vielen Kritikern, die Singapur als repressiven Albtraum beschreiben, hat sie verstanden, dass das friedvolle Nebeneinander der Kulturen und die nach westlichen  Maßstäben extrem hohe Lebensqualität ohne die klare Vorgaben (und Durchsetzung!) von Regeln nicht zu haben ist. Dass von der Todesstrafe vor allem international operierende Drogendealer betroffen sind, nötigt ihr nur ein begrenztes Bedauern ab. Was die Autorin aber nicht daran hindert, die nach unsren Maßstäben recht rigiden Vorgaben aufzulisten: etwa den „Fenstersicherungstag“, die regelmäßigen Einsatzkommandos im Kampf gegen die Mücken und das meritokratische „kiasu“ System, das heißt die Anerkennung von Konkurrenz und Leistung als Erziehungsideale. Das macht sie rein beschreibend, ohne erhobenen Zeigefinger und überlässt es dem Leser, sich aus dem Dargestellten ein eigenes Urteil zu bilden. Kein Zweifel: Singapur ist eine Meritokratie, und damit ist die Stadt bisher extrem gut gefahren. Ihre „asiatischen Werte“, die der Staatsgründer Lee Kuan Yew dem europäischen Liberalismus entgegensetzte, funktionieren derart gut, dass Singapur zu den 15 weltweit beliebtesten Städten gehört (Zu den Wohlhabendsten gehört die Stadt ohnehin) Pragmatismus ist angesagt, wofür es in dem vorliegenden Buch viele Beispiele gibt: etwa die nach Verbrauch gestaffelten Wasserpreise, die Singapur pro Kopf einen erstaunlich geringen Wasserbrauch bescheren. Oder die staatlich kontrollierten Belegquoten für Ethnien in den Wohnblocks, um Ghettobildungen zu verhindern.  Singapur ist zwar eine der  am wenigsten regulierten Marktwirtschaften weltweit (was dem Wirtschaftswachstum förderlich ist), zugleich aber ist der Wohnungsmarkt fest in staatlicher Hand, d. h. man versteht durchaus, dass der Markt das meiste, aber eben nicht alles regeln kann.  Zugegeben, die Presse wird gelenkt, aber ist das in Deutschland anders? Diese Frage stellt die Autorin zwar nicht direkt, dem Leser aber fällt sie sofort ein, wenn er liest, dass die Journalisten  in Singapur schon bei der Abfassung ihrer Artikel den Mainstream im Auge haben. Ulf Pochart lässt grüßen. Und weiter: Kaugummikauen durfte man bis vor kurzem nur auf Krankenschein, auf Drogenhandel steht die Todesstrafe, Abfall und Verwahrlosung sind praktisch unbekannt, und 21.000 städtische Angestellte sind pausenlos damit beschäftigt, die Stadt mit Grünflächen auszustatten. Fünfzig Prozent der Stadt, in der auf einer Fläche von der Größe Hamburgs immerhin 5,6 Millionen Menschen leben,  sind Parks – selbst in vielen neuerbauten Hochhäusern ist ein Teil der Wohnfläche der etagenweisen Begrünung vorbehalten.  Der öffentliche Raum, der sich in vielen europäischen Städten inzwischen mit „no-go-areas“ durchsetzt, ist in Singapur wie ein permanenter Erlebnisraum gestaltet, in der man zu allen Jahreszeiten gerne und ausgiebig flaniert. Diese Beispiele sind nur eine Auswahl aus der ganzen Fülle von Details, die die Autorin im Rahmen ihrer Stadtbeschreibung entfaltet. Auch die klassischen Sehenswürdigkeiten, etwa das Marina Bay Sands Hotel, das bizarre Raumschiff-Casino, das Science Museum,  Mount Faber, die berühmte Seilbahn oder die  Touristeninseln Bintam und Bantam ( den  deutschen Zuschauern aus der „Traumschiff-Serie“ bekannt) werden nicht vergessen.  Am Ende schließt die Autorin ihr Buch mit der Bemerkung: „Ich habe gerne in Singapur gelebt“, und wer ihr Buch gelesen hat, kann das durchaus verstehen. Alles in allem ein interessantes und kurzweiliges Buch, wenn man einmal von dem etwas dröge geschriebenen ersten geschichtlichen Kapitel absieht.

 

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