Schulze: Kleine Geschichhte Indonesiens

Schulze ndexSelbst eingefleischte und fanatische Geschichtsliebhaber verzweifeln mitunter an der Vielfalt und der Komplexität der asiatischen Geschichte. Das trifft in besonderem Maße für die Geschichte Indonesiens zu, dem Hexenkessel des asiatischen Gewürzhandels, auf dem die ganze Welt jahrhundertlang ihr Süppchen kochte. Wie vollständig ein solcher Versuch scheitern kann, zeigt etwa der 18. Band der Fischer Weltgeschichte über Indochina, der für einen Laien schlichtweg unlesbar ist. Diesen Vorwurf kann man gegen das vorliegende Buch nicht erheben. Fritz Schulze gelingt es auf begrenztem Raum und auf einer hinreichend detaillierten, aber nicht zu verwirrenden Darstellungsebene die zahlreichen Entwicklungsstränge der indonesischen Geschichte in eine nachvollziehbare Gesamtgestalt zu überführen –  wenngleich, auch das sei nicht verschwiegen, die Lektüre Interesse und Konzentration auf Seiten des Lesers einfordert, die allerdings reichlich belohnt werden.

Alles begann mit dem Java Menschen, dem  Pithecanthropus javanensis, einem Link zwischen Affen und Menschen, es folgen die beiden großen malayischen Wanderungen 1 (28)und schließlich die Ankunft indischer und arabischer Händler, die das gesamte Archipel tiefgreifend prägten. Im Grund fungierte die indonesische Inselwelt und insbesondere ihr Zentrum, die große Insel Java, wie ein Gefäß, dass die Kulturimpulse aus allen Teilen Asiens aufnahm, ihnen dann aber auf kreative Weise  ein eigene Form verlieh. Aus China kamen die zivilisatorischen Errungenschaften: neue Techniken des Feldanbaus, die Bronzebearbeitung, die Keramikherstellung und neue Methoden der Vorratshaltung. Aus Indien kamen 1 (23)Buddhismus und Hinduismus nach Sumatra und Java und überformten den vorherrschenden Ahnenkult. Ihren Niederschlag fanden sie in indisierten Reichen wie Srivijaya auf Sumatra und den Imperien der Sailendra und Mahajapit auf Java. Zwei der großartigsten Bauten der Kulturgeschichte, der buddhistische Borobodur und der große Pramaban Tempel entstanden im achten Jahrhundert der Zeitrechnung in Java.  Es waren  islamische Händler aus Arabien, dem Iran und Indien, von denen die nächste Metamorphose Indonesiens ausging. Im Unterschied zu nahezu allen anderen Regionen der Erde, in denen sich der Islam mit Feuer und Schwert durchsetzte, vollzog sich die Missionierung in Java und Sumatra vorwiegend friedlich. Die Herrscher nahmen den neuen Glauben an und die Untertanen folgten ihnen, weil es ihnen ohnehin 4 (13)egal war, ob der „Chef“ ihrer lokalen Geister und Götter, die sie weiter mit Inbrunst verehrten, Shiva oder Allah hieß. Weniger friedlich ging es zu, als im frühen 16. Jahrhundert die Portugiesen erschienen. Sie zerschlugen das ostasiatische Handelsnetz, ohne in der Lage zu sein, das erstrebte Gewürzmonopol wirklich etablieren zu können. Das gelang erst ihren Nachfolgern, den Holländern, die mit einer im geschichtlichen Bewusstsein nicht wirklich rezipierten Brutalität sich Schritt für Schritt die Herrschaft über die gesamte malayische Inselwelt aneigneten.  Kein Wunder, dass viele Indonesier die Besetzung durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg zunächst als Befreiung begrüßten.  Die indonesischen  Hilfstruppen, die an der Seite der Japaner gegen die USA kämpfen sollten, bildete den Grundstock der Unabhängigkeitsarmee, die zwischen 1946-49 gegen die Holländer kämpfte (Achtung: Dialektische List der Vernunft!). In den letzten drei Kapiteln behandelt Schulze das moderne Indonesien nach dem Zweiten Weltkrieg, die staatsozialistische Ära Sukarnos, die „gelenkte Demokratie“ Suhartos und die Zeit nach 1998, in dem sich das Land nach Meinung des Autors mehreren Problemen zugleich gegenübersieht: dem Bevölkerungszuwachs, der Korruption, dem Einüben in demokratische Prozeduren und dem Aufkommen des islamischen Fundamentalismus.  Am Ende legt man das Buch nicht ohne ein gewisses Grundbrummen im Schädel aus der Hand, aber meiner Ansicht nach lohnt die Anstrengung. In der Kürze und der Prägnanz ist dem Autor die beste Einführung in die indonesische Geschichte für Laien und Kenner gleichermaßen gelungen.

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Ein Gedanke zu „Schulze: Kleine Geschichhte Indonesiens

  1. Super Rezension. Das ist ja eine Kurzfassung der indonesischen Geschichte als Buchbesprechung. Kann ich mir die Lektüre des Buches jetzt sparen?
    Oder kommt das noch was?
    schnodderjan.de

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