Sandsturm auf dem Satansplateau

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Eine knappe Stunde hinter Tamanrasset stießen wir am Rand der Straße auf einen Markierungsstein, der uns darüber informierte, wo wir uns befanden: immerhin schon 44 Kilometer nördlich von Tamanrasset, aber noch 645 Kilometer von In Salah entfernt – südlich nach Agadez im Niger waren es noch 940 Kilometer, nördlich  zur Oase El Golea betrug die Entfernung noch 1117 Kilometer, und nach Algier sogar 2017 Kilometer.

Nach dem heruntergekommenen Rastplatz In Ecker, der aus nichts anderem bestand als aus einer Tankstelle und einigen Bretterbuden, hielten wir uns links. Wir passierten in der  nächsten Stunde das Teffedest Gebirge zu unserer Rechten, ein unzulängliches und für alle Touristen streng gesperrtes Militärgebiet, über das die unterschiedlichsten Gerüchte kursierten. Sicher war nur, dass in diesem Gebirge die Autowracks der Sahara verrotteten und dass hier die Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Atombombenversuchen begonnen hatten.

Je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr Sandzungen versperrten die 2 (92)Straßendurchfahrt. Bald wurden die Straßendünen so hoch, dass das Überfahren nicht mehr möglich war, und wir in weitem Bogen um die Dünen herumkurven mussten. Dabei waren mitunter so weiträumige Umfahrungen notwendig, dass der Kontakt zur Straße verloren zu gehen drohte, ganz abgesehen davon, dass wir auf diese Weise nur langsam vorankamen.  Gottseidank war das Wetter klar, und wir besaßen gute Sicht.

Dann verschwanden plötzlich Zungendünen und Straßenreste, und flaches Gelände erstreckte sich bis zum Horizont. Eine der berüchtigten Wellblechpisten war erreicht, ein Untergrund, den der Reisende nach den Weichsandpartien nur in der ersten halben Stunde begeistert begrüßt, um ihn dann zu verfluchen. Denn das sogenannte „Wellblech“ bestand aus Hunderttausenden fest in den Untergrund gepressten Rillen, auf denen das Fahrzeug schon bei mittleren Geschwindigkeiten derart zu vibrieren begann, dass man fürchtete, es würde im nächsten Augenblick auseinander fliegen. Alle Vibrationen und Erschütterungen übertrugen sich in ein perfekt synchronisiertes Bewegungsstakkato, das man sich am ehesten so vorstellen konnte, als würde jeder einzelne Knochen und jede Autostange im gleichen Rhythmus durchgewalkt. Körper und Material unterlagen auf diese Weise einer  mörderischen Durchrüttelungstour, die nur intervallweise und mit großen Pausen auszuhalten war.

So verging der Tag zwischen Weichsandfeldern, Schlaglöchern und Wellblechpisten voller Ungemach, aber ohne wirkliche Panne. Vater Helmut schien mit dem Fahrzeug zu einer Mensch-Maschinen-Einheit verschmolzen zu sein und steuerte seinen Wagen ohne Murren 2 (4)und Knurren über alle Hindernisse hinweg. Hin und wieder reichte ihm seine Ehefrau Ellen einen Tee, dann und wann las Sohn Titus eine Information aus der Karte vor, nicht ohne sie anschließend eingehend zu interpretieren. Wir beide auf dem Rücksitz hielten ganz einfach die Klappe und blickten durch die staubigen Seitenfenster. Riesenhafte Felsen lagen wie weggeworfen am Wegesrand, angezüngelt von rotem Sand, als wolle er den Stein verschlingen. Felsenfragmente wie Zinnen, Türme oder Pyramiden zogen vorüber, dann sahen wir schwarzgebrannte Erdvertiefungen, in denen Blechteile in der Sonne bleichten. Aus der Nähe betrachtet, erhielten alle Dinge der Wüste eine schockierende Plastizität, nur am Horizont verschwammen die Konturen –  immer neue Luftspiegelungen tauchten vor uns ein, um sich wieder aufzulösen.

Am Nachmittag erreichten wir das Grabmal des Marabut Sidi Moulay Hassan, ein weißgekalktes Gebäude, mit einem abgestorbenen Ast neben seiner Türbe. Wie alle Saharafahrer umkreiste auch die Familie Bach mit ihrem Fahrzeug in gottergebenem Aberglauben dreimal das Grabmal, um sich den Segen des Marabuts nicht zu verscherzen. Niemand wusste im Wagen, wer dieser Marabut gewesen war, was er getan oder gesagt hatte. Vielleicht war er einfach nur an dieser Stelle mitten in der Sahara vom Hitzschlag getroffen worden, und die Fantasie der Reisenden hatte aus seiner Begräbnisstätte  ein Heiligtum gemacht.

Hinter dem Grabmal des Marabut, ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Tamanrasset und In Salah, begann die Einfahrt in die Arak Schlucht. Es handelte sich dabei um einen lang gezogenen Schlauch zweier paralleler Bergketten, zwischen den die Saharastraße eine Zeit lang nach Norden führte. Wieder hatte die Natur ein perfektes Bild geschaffen: jenseits der Straße, deren Asphalt nun wieder besser zu erkennen war, erstreckten sich links und rechts weißpudrige Felder, um am Rande steiler, schwarzer Felsabstürze zu enden. Die horizontalen Weiten, an die man sich in der Wüste so schnell gewöhnt, waren verschwunden, und von den zu beiden Seiten der Straße ungewohnt nahe  heranrückenden Bergen ging etwas Bedrohliches aus. Der Ort Arak selbst war nichts weiter als eine Ansammlung von Bretterbuden, Nomaden saßen mit ihren Kamelen unter den Bäumen und bettelten um Wasser, ein algerischer Lastkraftwagen brauste nach Süden.

Am Ausgang der Arak Schlucht bedeckten goldgelbe Dünen die Flanken der Berge. Im 2 (90)Licht der niedersinkenden Sonne tendierten ihre Farben ins Dunkelrote, ehe sie kurz vor der Dämmerung noch einmal aufglommen wie eine Glut, ehe sie wie erstarrte schwarze Wellen in der Dunkelheit verschwanden. Übergangslos war es stockdunkel geworden, als Titus den Wagen am Rande der Dünen parkte. Erst als der Mond hinter den Bergen hervorkam, ergoss sich ein fahles Licht über Berge und Dünen – die Umrisse der Wüstenakazien, die unser Lager umstanden,  schälten sich aus der Dunkelheit heraus wie 2 (91)eine Gruppe erstarrter Geister. Eine Petroleumlampe wurde entzündet, auf einem Gaskocher wurde eine Suppe gekocht, es wurde nicht viel gesprochen, und bald legten wir uns einfach neben das Auto aufs Ohr.

Am nächsten Morgen war das Wetter umgeschlagen. Schon als wir unser Lager abbauten und den Wagen packten, war die Luft schwül, auch die Sicht war schlecht, als wir die Arak Schlucht verließen. Helmut und Titus fuhren abwechselnd, jeder von ihnen so schnell er konnte, denn niemand hatte sonderliche Lust, noch vor In Salah in einen Sandsturm zu geraten. Sandzungen, Kies, Steinfelder, Wellblechpisten, Schotter, Weichsandfelder, Schlaglöcher definierten die Herausforderungen dieses Tages, und die einzig gute Nachricht war, dass der Sandsturm, der sich über der  rak Schlucht gebildet hatte, offenbar nach Osten weitergezogen war. Kurz vor In Salah hatte sich noch eine letzte Riesendüne aufgetürmt, deren Umfahrung uns eine ganze Stunde kostete, dann wurden die Umrisse der Oase endlich in der Ferne sichtbar.

Im Saharacafé war es diesmal leer, nur die Bachs und wir saßen am Tisch und aßen unser Abschiedsmahl. Wir bedankten uns mit warmen Worten bei unseren Rettern und schämten uns doch noch immer dafür, uns so bedenkenlos auf die Hilfe Fremder verlassen zu haben.  Ellen, Helmut und Titus winkten ab, sie machten aus ihrer Hilfe am Ende keine große Sache und wünschten uns für die Weiterreise mit unserem Kleinwagen alles Gute.

Unser Wagen stand unversehrt in der Baracke, doch als wir ihn wieder sahen, bekamen wir einen Schreck. Der Citroen war vollkommen verdreckt, und die Spuren der Anreise hatten sich in eine Lackierung aus Sand und Staub verwandelt. Aber was das Schlimmste war: er sprang nicht an. Erst als Wolfgang mit dem Schraubenzieher alle örtlichen Marabuts anrief und den Anlasser neu einjustierte, konnten wir starten. Wir entsandeten die Sitze, putzten die Scheiben, tankten, füllten alle Wasserkanister auf und verließen In Salah so schnell wie möglich.

Vielleicht weil wir durch die beiden letzten Reisetage mit den Bachs ein wenig mehr Erfahrung hatten, kamen wir zunächst relativ schnell voran. Über kleinere Weichsandpassagen, die mich bei der Hinreise noch geschockt hatten, peste ich nun einfach hinweg. Wir umkurvten die großen Kegelberge, erkannten diese und jene Stelle wieder und sahen schon nach einer guten Stunde, wie sich am Horizont die Umrisse des  Satansplateaus erhoben. Dort mussten wir rüber, so schnell es ging, am besten noch vor  Einbruch der Nacht, dann waren wir wieder im asphaltsicheren Norden.

Leider war das Wetter seit unserer Abreise aus In Salah wieder umgeschlagen. Der Himmel 3634_17_1hatte sich mit Schlieren bedeckt, und als wir die Straße zum Plateau hochfuhren, war die Luft stickig und schwül. Auf der Hochebene waren die Ränder des Horizontes überhaupt nicht mehr zusehen, die Weite zerfloss in eine milchige Unendlichkeit ohne Kontur, und das Schlimmste war, dass wir genau in diese Suppe hineinfahren mussten.

Wir waren gerade eine halbe Stunde unterwegs, da erblickten wir eine hochhaushohe Staubwolke, die sich von Osten her dem Plateau näherte. Innerhalb weniger Minuten hatte uns die Staubwolke erreicht, und unser Gesichtsfeld schrumpfte abrupt auf wenige Meter zusammen, sodass wir die Fahrtgeschwindigkeit reduzieren mussten. Wir durften aber nicht zu langsam werden, sonst drohten wir im Sand zu versinken – zu schnell durften wir aber auch nicht fahren, weil sonst die Gefahr bestand, mit voller Wucht in ein Schlagloch zu steuern und die Wagenachsen zu brechen. Wolfgang schlug vor, einfach anzuhalten, und das Ende des Sandsturms abzuwarten, doch mir erschien das zu gefährlich, denn bei diesen schlechten Wetterverhältnissen hätte uns einer der über das Plateau rasenden Schwertransporter glatt überrollen können.

Als wir weiter fuhren, wurde die Sicht noch schlechter, die Scheibenwischer knirschten bedenklich, und die Geräusche außerhalb des Fahrzeuges hörten sich an, als würde der Sturm den Lack von der Karosserie fräsen. Manchmal veränderten sich auch die Geräusche 2 (99)des Sturmes, sie verwandelten sich in ein regelrechtes Kreischen, dann wurden sie tiefer, brummiger, gerade so, als käme einer der alles niederwalzenden algerischen Schwertransporter frontal genau auf uns zu. Inzwischen waren wir längst von der Straße abgekommen und kurvten nur noch auf der Suche nach festem Untergrund über das Plateau. Wolfgang kämpfte mit der Panik, ich merkte an den lauten Flüchen, mit denen er jede Erschütterung des Wagens quittierte, die Knochen seiner Faust waren weiß, so fest hielt er das Lenkrad  umklammert. Meine Kehle war vollkommen ausgedörrt, doch merkwürdigerweise verspürte ich keinen Durst. Stattdessen waren alle meine Sinne bis zum Zerreißen gespannt, denn ich erkannte: wir reisten am Rande des Todes über kaum erkennbare Pisten, und ein Ende war überhaupt nicht abzusehen. Sandstürme können in der Sahara tagelang dauern, sie können ganze Fahrzeuge zuwehen oder den Motor ruinieren.  Sollten wir verunglücken, würden sie zuhause nur den Kopf über die beiden Idioten schütteln, die sich ohne jede Ausrüstung in die Tiefen der Wüste gewagt hatten.

Mit einem lauten Krach landete der Wagen in einem karrengroßen Schlagloch, Wolfgang fluchte erneut, gab Gas und kam nach einigem Knirschen heraus. Schon kam das nächste Bodenloch in Sicht, in ihm wären wir fast verschwunden, wenn Wolfgang nicht geistesgegenwärtig den Wagen nach rechts gerissen hätte – mitten hinein in eine Weichsandpassage, die wir langsamer werdend durchpflügten, bis wir, kurz bevor die Reifen ganz durchdrehten, wieder Wellblechuntergrund erreichten.  In dieser Situation sprang ich aus dem Wagen und lief einfach wie ein Staffettenläufer vorneweg, um Wolfgang 2 (12)a-001vor plötzlich auftauchenden Weichsandfeldern zu warnen. In Wahrheit lief ich vorneweg, weil mir in dieser Situation nichts Besseres einfiel, ich lief vorneweg, weil mir der Geruch der Angst im Wagen den Magen umdrehte, ich lief vorneweg, weil ich mich schämte, diese Tour überhaupt gewagt zu haben und weil ich mich bewegen und ungehört in den Sturm hinausschreien wollte. Vielleicht lief ich auch vorneweg, um zu verhindern, dass wir bei den schlechten Sichtverhältnissen des Sandsturmes einfach über die Ränder des Satansplateaus fahren und zerschellen würden. Während des Vorneweglaufens erkundete ich das Gelände, schlug Haken wie ein Hase – und es funktionierte. Wolfgang folgte mir mit dem Wagen und plötzlich war wieder die Straße erreicht. Ich sprang in das Auto, und Wolfgang gab Gas. Wie oft ich dieses Spiel in den nächsten Stunden wiederholte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass sich am späten Nachmittag plötzlich der Staub lichtete und die Sicht besser wurde. So plötzlich, wie er gekommen war, so plötzlich war der Sandsturm weitergezogen. Vor uns erstreckte sich die Straße als gut sichtbares Asphaltfragment bis zum Horizont. Wir waren durchgekommen.

Eine dreiviertel Stunde später hatten wir die nördlichen Ausläufer des Tademait erreicht. Wir hätten schreien können vor Erleichterung als wir abwärts fuhren und in der Ferne die Ausläufer des Grand Ergs Occitental erkannten. Kurz vor der Kreuzung, an der wir uns vor einer Woche zu unserem Ausflug in den Süden entschlossen hatten, verwandelte sich die Straße wieder in eine tadellose Fahrbahn, auf der wir Gas gaben, um noch am gleichen Tag in der Dunkelheit die Oase El Golea zu erreichen.

 

 

 

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