Leseprobe: Reise zu den Rändern des Nichts

I   DIE WÜSTE RUFT

Als Rene Caillié Timbuktu erreichte oder Heinrich Barth den Weg nach Ghat entdeckte, als 1 (67)-001die französischen Fremdenlegionäre die Tuaregs bis in die Tiefen der Sahara verfolgten, sogar noch in den Zeiten des leidenschaftlichen Fliegers Saint-Exupéry regierte in der Wüste der Tod. Der Mangel an Ressourcen und die Größe des Raumes machten jeden Weg durch die endlosen Weiten von Sand und Geröll zu einem Würfelspiel mit dem Schicksal. Die eindrucksvollsten Schilderungen der Wüste sind immer Erzählungen im Schatten des Untergangs.

Vor diesem literarisch immer neu beschworenen Hintergrund des Todes ist die Sahara in unseren Tagen zu einem paradoxen Sehnsuchtsort geworden, einem Spielfeld von Abenteuer und Emotion, das für jeden das Seine bereithält: für den Einsteiger bequeme Touren auf solide verlegtem Asphalt, für Fortgeschrittene die Routen über die Sanddünen des großen Ergs und für Abenteurer Klettertouren im Hoggar oder Sandstürme auf dem Tademait Plateau. Doch ganz gleich auf welchem technischen Hintergrund sich der Reisende unserer Tage der Herausforderung der Wüste zu stellen wünscht: Distanzen und Horizonte verwirren das Raumgefühl auch im Innern eines Vierradfahrzeugs, und die ungewohnten Dimensionen einer konturlosen Weite stürzen den Reisenden schon nach  wenigen Tagen in ein Wechselbad von Allmachtgefühlen  und Verlorenheit. Wenn in der Abenddämmerung die Schatten der Kegelberge wie lange Finger nach der schmalen Straße greifen, halten sich Wonne und Schaudern lustvoll die Waage.

1 (55) Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben: der Wüstenreisende der Gegenwart – wenn er nicht herbe Fehler begeht – wandert nicht mehr wirklich am Rande des Todes entlang. Die Präsenz der Technik, vor der er eigentlich hatte fliehen wollen, bringt ihn mit Viertaktmotor und Allradantrieb bis in die hintersten Winkel der Sahara – und das mit einer Leichtigkeit, die im Rückblick mitunter Gefühle der  Scham auslöste, als gäbe es Gebiete und Ansichten, die so schnell und mühelos nicht erreicht werden sollten.

Schnell und mühelos war die Reise nicht gewesen, die im Folgenden beschrieben werden soll. Vor allem war sie in der Art, in der sie ablief, ganz und gar nicht geplant gewesen. Natürlich hatten auch wir von den großen Bildern phantasiert, die es an den großen Ergs zu sehen gäbe, aber wir hatten doch nur einmal an der Wüste „schnuppern“ wollen, hatten nur eine gute Woche die Straße der Palmen auf den hinlänglichen Straßen des Nordens abfahren wollen. Doch dann kam alles anders….

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