Ferien auf dem Lande – ein ostpolnisches Idyll

Nun sind wir schon anderthalb Wochen bei Lilias jüngerer Schwester Anja und ihrem Mann   Marian zu Gast im polnischen Osten. Anja und Marian  produzieren in einem recht gut ausgestatteten landwirtschaftlichen Betrieb Obst und jede Menge Pflanzen. Ihre Waren verkaufen sie an Laufkundschaft, auf Messen und  Märkten,  in erster Linie aber an Großhändler, die ihrerseits Anjas und Marians Beeren und Pflanzen bis nach Großbritannien exportieren.    

 Die Landschaft des polnischen Ostens  ist flach, der Himmel weit und malerisch von weißen Kumuluswolken gesäumt. Während es in Deutschland tropisch heiß ist und die Gewitter donnern, herrschen in Polen angenehme Mai Temperaturen. Nachts ist es ruhig, am Morgen krähen die Hähne,  ab und an kläfft ein Hund, das war´s.

 Während Anja und Marian und ihr Sohn Kuba,  der den Betrieb übernommen hat, den ganzen Tag auf den Beinen sind und arbeiten, lassen wir es sehr ruhig angehen. Wir liegen morgens lange im Bett, trinken einen Latte Macchiato nach dem nächsten,  schauen uns die neuen Bilder unseres Enkels Leonard (Alter: zwei Wochen) an, die uns Serjoscha und Milena aus München schicken, ehe wir gegen 10:00 Uhr auf der Terrasse frühstücken. Im weiteren Verlauf des Tages hilft Lilia ihrer Schwester Anja bei der Beerenernte oder der Hausarbeit. Ich ziehe mich in das separate Gästezimmer zurück, das uns zur Verfügung steht, und schreibe.  Zum Mittagessen und zum Abendessen werde ich heruntergerufen, abends putzte ich mir  gründlich die Zähne, dann sehen Lilia und ich Netflix-Serien bis tief in die Nacht auf dem Tablett im Bett.  Manchmal besucht uns Stephek, die  Jungkatze und tobt auf der Bettdecke herum.  Nachts, wenn ihr danach ist, kommt Luscha, der kleine Haushund, und schläft neben unserem Bett.

 Anjas und Marians Söhne Kuba(27) und Woychiech (31) haben inzwischen selbst Familien gegründet und Nachwuchs bekommen. Kubas Frau heißt Karoline, ihr gemeinsamer Sohn Ignacio (1 Jahr) ist ein hübsches, freundliches  Kind, das gerade sein erstes Milchzähnchen bekommen hat und jedermann wie ein kleines Kaninchen anlacht. Eine Woche vor unserer Ankunft hat er laufen gelernt hat und rennt nun an der Hand des Großvaters stundenlang  durch das Haus.  Zurzeit entsteht auf der anderen Seite der Straße ein eigenes Haus für den kleinen Ignacio und seine Eltern, ein richtiger kleiner Palast mit Riesenterrasse, Riesenwohnzimmer und freiem Blick auf den abendlichen Sonnenuntergang über die weite Ebene von Adamow.   Übrigens steht das Haus genau auf dem Grundstück, auf dem wir selbst auch einmal überlegt hatten, zu bauen und unseren Lebensabend zu verbringen – ein Plan den wir allerdings nicht weiter verfolgten.  

Manchmal kommt auch Kubas älterer Bruder Woychiech mit seiner Frau Evelyna zum Wochenende aus  Warschau. Ihre kleine Tochter heißt Michaelina und ist gerade sieben Monate alt Michaelina hat die gute Laune von ihrem Vater und die intelligente  Neugierde von ihrer Mutter geerbt. Sie ist ein kleiner, kompakter Buddha, der jedermann mit prüfenden Augen ansieht, ehe sie ihrem Gegenüber ein seliges Lächeln schenkt.   

 Wenn die ganze Familie zusammen ist, die Großeltern Anja und Marian, die Söhne Kuba  und Wojchiech mit ihren Ehefrauen Karolina und Evelyna, die beiden Kleinkinder Ignacio und Michaelina, die drei Tiere (Lucia der Hund, Steffi die alte Katze, Steffek die Jungkatze) und wir beide –  dann ist die Bude voll. Halt, einer fehlt noch: ich habe Tomek vergessen, den 37-jährigen leicht geistig behinderten ältesten Sohn von Maria und Anja, der in seinem Zimmer den ganzen Tag laute Musik hört und sich interessante Geschichten erzählt. Da ich selbst mich im Nebenzimmer aufhalte und auch sehr oft auf das Tablett spreche, hört sich das für die anderen, die sich in der Parterre aufhalten, so an, als sprächen wir beide im Duett.

Ich selbst fühle mich in diesem Haus ganz gut aufgehoben, oder anders gesagt: man lässt mich in Ruhe und toleriert, dass ich hinter geschlossenen Türen Irgendetwas Unbekanntes ausbrüte.  Teilnehmern am familiären Gespräch während der Mahlzeiten kann ich nur durch intensives Mienenspiel und gelegentliches grundlos-blödes Lachen, denn ich verstehe  kein Wort von dem Polnisch, das in der Runde gesprochen wird.  

Am letzten Wochenende  wurden übrigens in Polen hohe Feiertage begangen. Genau vor einhundert Jahren, am 15. und 16. August 1920 hatte die heilige Maria höchst selbst durch ihr Eingreifen dem polnischen Patrioten General Pilsudskis zum Sieg über die bösen Bolschewiken verholfen. Dieser Gedenktag an das  „Wunder an der Weichsel“ fiel mit der Himmelfahrt Mariä und dem „Tag der polnischen Armee“ auf das Glücklichste zusammen. Darüber hätte ich gern ein wenig diskutiert, doch meine geliebte Gattin Lilia, von der familiären Atmosphäre im polnischen Idiom ganz mitgerissen, hielt sich nicht lange mit  Übersetzen auf. Vielleicht dachte sie auch: der redet zuhause ohnehin zu viel, dann kann er jetzt auch mal die Klappe halten. 

Ich verstehe das und labe mich so gut ich kann  am familiären Glück, dessen Zaungast ich sein darf.  So war das immer schon gewesen und so wird es bis auf weiteres sein. Ich bin der merkwürdige deutsche Verwandte, mit dem man Nachschicht hat und dessen Marotten man toleriert.  

Eigentlich wollten wir heute, kurz vor Ende unseres Polenaufenthaltes, nach Lublin fahren, aber dieser Ausflug fiel buchstäblich ins Wasser, weil plötzlich ein Regengebiet über Polen zog. Nun ist der Regen zu Ende, und ein dunstiger Nebel zieht über das Land. Eine Ahnung des Herbstes macht sich breit, und wir rüsten uns zur Heimkehr.