Das Nationalmuseum der Fidschi Inseln

  Das Nationalmuseum der Fidschi Inseln befand sich in der Stadt Suva auf der Insel Viti Levu. Es enthielt Tausende von Exponaten aus der  altfidschianischen Geschichte und war eine der ersten Adressen für jeden, der sich für die Geschichte der Südsee interessierte. Für den ausländischen Besucher standen Informationsmaterial in Englisch und eine kleine Leseecke zur Verfügung.  Beim Durchblättern einer Broschüre stieß ich auf ein Bild des französischen Entdeckers Dumont d´Urville, der 1827 die Fidschi Inseln besucht und kartografiert hatte. Auf ihn ging die Unterscheidung von Polynesiern und Melanesiern zurück, wobei er entdeckt hatte,  dass die polynesischen Sprachen auf weit verstreuten Inseln eine engere Verwandtschaft aufwiesen, als die melanesischen Sprachen, obwohl diese in einem begrenzteren  Raum gesprochen wurden.  Neuere Forschungen hatten  übrigens ergeben, dass Melanesier und Polynesier, trotz ihrem vergleichbar imposanten Phänotyp  genetisch nicht verwandt waren.  

  Wie alle Völker der  ozeanischen Inselwelt waren die Melanesier  aus Asien gekommen, hatten sich vom Osten des indonesischen Archipels über Papua-Neuguinea von Insel zu Insel ausgebreitet. Als erstes Volk der Menschheit haten sie sich  mit ihren Kanuten auf den offenen Ozean hinausgetraut, um schließlich spätestens im dritten Jahrtausend vor der Zeitrechnung Fidschi, das Ende der melanesischen Welt, zu erreichen.  Zu den kostbarsten Exponaten des Fidschi Museums gehörte ein rekonstruiertes  Doppelkanu als Modell jener Schiffe, mit denen diese Überseeexpeditionen unternommen worden waren.  Seine Basis bestand aus zwei mehrere Meter auseinander liegenden Kanus , auf  denen eine Plattform mit einer kleinen Unterkunft befestigt  worden war. Auf solchen Gebilden waren einzelne Clans oder Familien mit Tieren und Saatgut tausende von Kilometern über das offene Meer gesegelt, wobei man davon ausgehen musste, dass die Mehrzahl dieser Erkundungsfahrten scheiterte. Der Westpazifik war das nasse Grab unzähliger Melanesier, die am Ende doch kein Land gefunden hatten und elend verhungert und verdurstet waren. Möglich, dass die Ursprünge des Kannibalismus in Ozeanien aus Verzweiflungstaten auf derart langen Reisen entstanden waren.     

                                        

Doppelkanu mit Aufbau – Fidschi Museum/Suva

 

 

Aber auch nach der Landung der Melanesier auf Fidschi blieb der Kannibalismus ein fester Bestanteil der melanesischen Kultur, nicht unbedingt als regelmäßige Nahrungsgrundlage, aber als ein relativ oft angewandtes Überwältigungsritual, bei dem der Sieger über den Besiegten insofern triumphierte, als er ihn sich  buchstäblich einverleibte und ihn nach der Verdauung als Exkrement ausschied. Erst im Laufe des 19. Jahrhundert war es den viel gescholtenen christlichen Missionaren gelungen, dem Kannibalismus auf Fidschi den Gar auszumachen, allerdings nicht, ohne, dass der eine oder andere Missionar ihm noch selbst  zum Opfer gefallen wäre. So wurde im Fidschi-Museum der tragische Fall des protestantischen Pfarrers Thomas Baker dokumentiert, der im Jahre 1867 auf Viti Levu ermordet und verspeist worden war. Nichts war von ihm geblieben, als seine alten Stiefel, die hinter Glas zu besichtigen waren. Sinnigerweise befand sich in einer Vitrine gleich nebenan das sogenannte „Kannibalenbesteck“. Dabei handelte es sich um hölzerne, gabelartige Instrumente, mit denen man sich das Menschenfleisch zum Munde führte, weil das Berühren mit der Hand tabu war.

Kannibalenbesteck –  Fidschi-Museum/Suva

Kannibalenbesteck –  Fidschi-Museum/Suva

 

  Die weiteren Räume des Fidschi Museums waren weniger spektakulär. Sie dokumentierten die Geschichte der Inseln nach ihrer „Entdeckung“ durch die Europäer. Diese Geschichte verlief auf Fidschi wie auch auf den anderen ozeanischen Inseln in sechs typischen Phasen, die man vereinfacht wie folgt beschreiben kann:

  • Der Entdeckung durch die Europäer folgte in einer ersten Phase die spontane Ausbeutung durch Seefahrer und Händler, im Falle Fidschis die wilde Abholzung der Sandelholzwälder.
  • Die zweite Phase war durch den Aufbau fester Stützpunkte gekennzeichnet, im Falle Fidschis und praktisch aller anderen Inseln handelte es sich dabei um den Aufbau von christlichen Missionsstationen.
  • In der dritten Phase, wenn die unmittelbar zugänglichen Naturressourcen (z. B. Sandelholzwälder auf Fidschi, Kauri-Fichten auf Neuseeland) aufgebraucht waren, erfolgte der Import inselfremder Nutzpflanzen, z. B. Zuckerrohr auf Fidschi oder Ananas auf Oahu. Sie führte
  • zur Einwanderung asiatischer Kontraktarbeiter (z. B: Inder in Fidschi, Japaner auf Hawaii), die nach dem Auslaufen ihrer Verträge im Land blieben und die demografischen Verhältnisse revolutionierten.
  • Zur Sicherung eigener Investitionen und zur Abwehr indigener Widerstandsbewegungen wurde die Präsenz der Kolonialmächte auf den Inseln schrittweise verstärkt, bis es einer von ihnen gelang, die Inseln zu annektieren (z. B. Neuseeland 1840 und Fidschi 1872 durch Großbritannien, Tahiti und die Marquesas ab 1842 durch die Franzosen, Hawaii 1893/1900 durch die USA oder 1899 Westsamoa durch Deutschland). In der Endphase dieses „gesamtpazifischen Inselfledderns“ gerieten sich die imperialistischen Mächte mehrfach untereinander an den Rand eines Krieges. Einzig den Tonganesen gelang es, wenigstens eine nominelle Unabhängigkeit zu bewahren.
  • Nach dem zweiten Weltkrieg erhielten die pazifischen Inseln ihre politische Unabhängigkeit zurück (z. B. Fidschi 1970). Nur Frankreich behielt aus Gründen der nationalen Glorie seine Kolonien um den Preis einer endlosen und kostspieligen Subventionierung. Die Inkorporation Hawaiis als gleichberechtigtem Bundesstaat der USA bildete eine Ausnahme.

 Wie segensreich die Entkolonialisierung des pazifischen Raumes gewesen war, war umstritten. Im Falle Fidschis war sie jedenfalls keine Erfolgsgeschichte.  Als die indische Bevölkerungsmehrheit im Jahre 1987 die gesamtfidschianischen Wahlen gewann, putschte die melanesische Armee unter der Führung Generals Sitiveni Rabukas und errichtete eine Militärdiktatur, die die Diskriminierung der indischen Bevölkerungsmehrheit zum Verfassungsprinzip erhob. Parallel zu diesem Staatstreich kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die Inder, die daraufhin zu Zehntausenden das Land verließen. Im Kleinen wiederholte sich also auf Fidschi, was sich  im Großen vorher in Ostafrika abgespielt hatte: die militärische Elite der indigenen Bevölkerung deklassierte die produktive indische Bevölkerung und fügte damit dem Land schweren wirtschaftlichen Schaden zu. Die Jahrzehnte nach dem Rabuka-Putsch waren dementsprechend ein einziges Durcheinander von Staatsstreichen, Pogromen,  Enteignungsgesetzen und zeitweiliger Rückkehr zu pseudoparlamentarischen Verhältnissen. Gegenwärtig waren die offiziellen Diskriminierungen der indischen Bevölkerung wieder einmal abgeschafft worden, aber wer konnte wissen, wann der nächste Putsch ins Haus stand? Der Urheber dieser unheilvollen Entwicklung wurde übrigens niemals zur Rechenschaft gezogen. Mr. Rabuka verbrachte seinen Lebensabend im Rang eines hochgeehrten Stammeshäuptlings irgendwo auf einer fidschianischen Insel.