Chatwin: Traumpfade

Bruce Chatwin hat einmal in einem Fernsehinterview über Borges behauptet, dass jede Zeile von Borges geistig anregend und erfrischend sei. Jeder Absatz von Borges, so Chatwin, zünde im Leser hundert neue Einfälle und Assoziationen, so dass er nie auf Reisen gehe ohne nicht mindestens ein Buch von ihm dabei zu haben. Viel genutzt hats nicht, finde ich, auch wenn dieses Urteil dem gewaltigen Chor der Adoranten widerspricht, die sich nach dem Tod Chatwins 1989 gebildet hat und nicht davor zurückschrecken, den früh an Aids verstorbenen Literaten und Weltenbummler zum größten Reiseschriftsteller der Gegenwart erklärten.

Wahr ist, dass ich mich nur an ganz wenige Bücher erinnern kann, die ich so oft entnervt und gelangweilt weggelegt habe wie „Traumpfade“. Ich habe das Buch schließlich nur zünde gelesen, weil mir in den weiten Australiens der Lesestoff ausging und die Hoffnung hegte, dass das Buch zum Ende hin ein als ein wenig besser würde. Fehlanzeige. Wie Brei zieht sich die ereignislose Geschichte eines Australienreisenden auf den Spuren der „Songlines“ dahin, unterbrochen nur von schwer verständlichen Reflexionen und mitunter grotesken Vergleichen von Mozartpartituren mit Liedstrukturen der Aborigineskultur.

 Zwei Anliegen des Autors sind unübersehbar: seine grenzenlose Hochachtung der australischen Eingeborenenkultur und Wunsch, die eigene Belesenheit zu demonstrieren.  Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn seine Text wie etwa die von Paul Theroux witzig oder kurzweilig wären, doch der zähflüssige Brei der in den Text eingestreuten „Notizbücher“ treiben auch den gutwilligsten Leser zur Verzweiflung. Immerhin wird soviel deutlich, dass der  Autor eine Theorie der Nomadität vertritt, die er als den ursprünglichen Zustand der Menschheit bezeichnet, mit der es allerdings bergab ging, als sie sesshaft wurde. Die kreuz und quer durch das Land ziehenden Aborigines erscheinen Chatwin in dieser Perspektive als die letzten Überlebenden dieses Urzustandes, und er scheint ernsthaft die Überzeugung zu vertreten, dass man, wenn man nur jede ihrer  zufälligen Riten analysiere und deute, gleichsam dem Wesen der ursprünglichen Menschheit vor ihrer Selbstdomestizierung näher kommen könne. Auf die Frage, warum der Mensch in frühen Zeiten so weit herumgewandert sei, gibt Chatwin eine total schräge Antwort: er war auf der Flucht vor dem „falschen Säbelzahntiger“, einem Wesen, dessen Spuren er bei Ausgrabungen in Südafrika gefunden zu haben glaubte – womit er nicht nur den australischen Kontinent verlässt sondern auch den letzten Rest an Realitätsbezug verliert. Ich kann es drehen und wenden wie ich will und auch auf die Gefahr hin, die Chatwingemeinde zu vergrätzen: bei dem vorliegenden weitgehend hochgelobten Werk handelt es sich um einen absoluten Schuss in den Ofen, dessen Ruhm ich mir nur dadurch erklären kann, dass von 99 Prozent der Leute die es preisen nicht wirklich gelesen wurde. Wer mehr über diese „Reiseschriftstellerei der anderthalb Wahrheiten“ erfahren möchte, dem empfehle ich die ausführliche Biografie von Nicholas Shakespeare über Bruce Chatwin.