Chatwin: Traumpfade

Chatwin ´´Traumpfade ndexBruce Chatwin hat einmal in einem Fernsehinterview über Borges behauptet, dass jede Zeile von Borges geistig anregend und erfrischend sei. Jeder Absatz von Borges, so Chatwin, zünde im Leser hundert neue Einfälle und Assoziationen, so dass er nie auf Reisen gehe ohne nicht mindestens ein Buch von ihm dabei zu haben. Viel genutzt hat es bei dem Autor nicht, auch wenn dieses Urteil dem gewaltigen Chor der Bewunderer widerspricht, die  den früh an Aids verstorbenen Literaten und Weltenbummler zum größten Reiseschriftsteller der Gegenwart erklärten.

Wahr ist, dass ich mich nur an ganz wenige Bücher erinnern kann, die ich so oft entnervt und gelangweilt weggelegt und schließlich nur zuendegelesen habe, weil mir in den weiten Australiens der Lesestoff ausging und –  ich gebe es zu – ich auch die Hoffnung nicht aufgab, dass sich das Buch zum Ende hin ein wenig kurzweiliger erweisen möge.  Fehlanzeige. Wie Brei zieht sich die ereignislose Geschichte eines Australienreisenden auf den Spuren der „Songlines“ dahin, unterbrochen nur von schwer verständlichen Reflexionen und mitunter grotesken Vergleichen von Mozartpartituren mit Liedstrukturen der Aborigineskultur.

Zwei Anliegen des Autors sind immerhin unübersehbar: seine grenzenlose Hochachtung der australischen Eingeborenenkultur und Wunsch, die eigene Belesenheit  möglichst oft durchblicken zu lassen. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn der Text etwa wie in den Reisebüchern von Paul Theroux witzig oder kurzweilig wäre, doch der Inhalt der in den Text eingestreuten und ungeordneten „Notizbücher“ treiben auch einen gutwilligen Leser zur Verzweiflung. Immerhin wird soviel deutlich, dass der  Autor eine Theorie der Nomadität vertritt, die er als den ursprünglichen Zustand der Menschheit identifiziert, mit der es allerdings bergab ging, sobald sie sesshaft wurde. Die kreuz und quer durch das Land ziehenden Aborigines erscheinen Chatwin in dieser Perspektive als die letzten Überlebenden dieses Urzustandes, und er scheint zu ernsthaft die Überzeugung zu vertreten, dass man, wenn man nur jede ihrer  zufälligen Riten analysiere und deute, gleichsam dem Wesen der ursprünglichen Menschheit vor ihrer Selbstdomestizierung näher käme. Auch auf die Frage, warum der Mensch in frühen Zeiten so weit herumgewandert sei, hat Chatwin eine Antwort, die verblüfft: er war auf der Flucht vor dem „falschen Säbelzahntiger“, einem Wesen, dessen Spuren Chatwin bei Ausgrabungen in Südafrika gefunden zu haben glaubte – womit er nicht nur den australischen Kontinent  verläßt sondern auch den letzten Rest an Realitätsbezug verliert. Ich kann es drehen und wenden wie ich will und auch auf die Gefahr hin, die Chatwingemeinde zu vergrätzen: bei dem vorliegenden weitgehend hochgelobten Werk handelt es sich bestenfalls um eine Art Stoffsammlung, aus der vielleicht etwas hätte werden können, das aber in der Form, in der es vorliegt nur als ein maßlos überschätztes Zeitgeistwerk betrachtet werden kann.  In der ebenfalls recht kritischen Biografie von Nicolas Shakespeare habe ich später gelesen, dass man der Queen Chatwins „Traumpfade“ als Lektüre auf den Nachttisch gelegt habe. Wahrscheinlich als Einschlafhilfe.

 

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