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Ein Meer mitten in Afrika

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Ein Meer mitten in Afrika  Auf den Spuren von David Livingstone am Malawi-See

„Bis zum heutigen Tag weist Afrika keine natürlichen Häfen auf. An vielen Stellen türmen sich die Ränder des Landes hoch über den Meeresspiegel empor. Mit reißenden, aufgewühlten, zornigen Stromschnellen stürzen die Flüsse aus dem Innern herab und machen die Schiffahrt unmöglich. Wo das Land nicht so hoch aufragt, drohen lebensfeindliche Wüstenmeere, und hinter ihnen warten im Dschungel Moskitos, Tsetsefliegen und andere Parasiten.“ Was hier der südafrikanische Romancier Laurens van der Post beschreibt, macht deutlich, warum sich der „Schwarze Kontinent“ so lange den Entdeckern verwehrte, und es erklärt die Hoffnungen, die der englische Reisende David Livingstone mit der Erforschung des Sambesi verband. „Gottes Highway to Africa“ nannte er den großen Fluß des afrikanischen Südens, und auf diesem „Highway“ wollte er mit seinem Dampfschiff „Ma Robert“ einen schnellen und verläßlichen Weg in das Innere des Kontinents finden.

056    Schon nach wenigen Wochen allerdings endete die Reise an den unüberwindlichen Cabora-Bassa-Stromschnellen im heutigen Mozambique. Wieder hatte sich einer der Ströme Afrikas als nicht schiffbar erwiesen. Doch diese Enttäuschung wurde aufgewogen: Nachdem Livingstone mit seiner Expedition die „Ma Robert“ verlassen hatte und dem nördlichen Lauf des Shire-Flusses folgte, stieß er bald auf die Ufer eines Gewässers, das sich, je weiter sie ihm nach Norden folgten, zu immer erstaunlicheren Ausmaßen ausdehnte. Der Nyassa-See, fünfzigmal so groß wie der Bodensee war entdeckt. Mehr noch als über dieses Süßwassermeer im Innern Afrikas wunderte sich Livingstone freilich über die üppige Fruchtbarkeit dieser Gegend, über den Wohlstand der Menschen und über die bunten Märkte. „Das Land ist von romantischer Schönheit“, notierte er in seinem Reisetagebuch. „Berge, die sich wohl achthundert Meter über die Ebene erheben, zeigen eine gezackte Silhouette, und mit einiger Phantasie könnte man sich in einen ländlichen Distrikt Englands versetzt fühlen.“

Um so größer war der Schock, als Livingstone nur zwei Jahre nach seinem ersten Aufenthalt wieder zurückkehrte und Zeuge einer sozialen Katastrophe wurde. Seinen Spuren folgend, hatten die Sklavenhändler das Nyassaland erreicht und in kürzester Zeit Frieden und Wohlfahrt in einem gesegneten Winkel des afrikanischen Kontinents zerstört. „Wir stießen des öfteren auf Sklaven, die sterbend an einen Baum gebunden waren, andere wieder fanden wir erstochen oder erschossen in ihrem Blute liegend. Immer wieder bekommen wir die gleiche Erklärung zu hören: Der Sklavenhalter tötet die Sklaven, die die Marschgeschwindigkeit seiner Karawanen nicht halten können, und verfolgt damit einen doppelten Zweck: Die Überlebenden werden eingeschüchtert und geben danach ihre letzte Kraft her, um den Weg fortsetzen zu können“, schrieb er. Es waren diese Erlebnisse, die dazu führten, daß Livingstone von nun an den Kampf gegen den südostafrikanischen Menschenhandel zum Thema seines Lebens erhob. Die schockierenden Details, die er in seinem weltweit gelesenen Reisetagebüchern veröffentlichte, machten ihn nicht nur unter den arabischen Sklavenhändlern zum bestgehaßten weißen Mann im südlichen Afrika, sondern sie trugen schließlich auch dazu bei, daß der Sklavenhandel auf englischen Druck zuerst in der Sklavenmetropole Sansibar und später auch im Innern des Kontinents unterbunden wurde. Livingstone selbst hat diesen Sieg seiner Sache nicht mehr erlebt – er starb im Mai 1873 in den Bangweolo-Sümpfen im benachbarten Sambia.

Aber auch 125 Jahre nach seinem Tod ist der große Forscher im Südosten Afrikas nicht vergessen. Blantyre – nach dem Geburtsort des schottischen Missionars – nennt sich eine große Stadt, „Livingstonia“ heißt die geschichtsträchtige Missionsstation auf dem Khondowe-Plateau und Livingstonia-Hotel die edelste Unterkunft des Landes an der Senga Bay. Den schönsten Punkt des Nyassa-Sees, das Cape Maclear, hat man nur deswegen nicht nach ihm benannt, weil er selbst mit dieser Namensgebung seinen Freund, den schottischen Geographen Thomas Maclear, ehren wollte. Dafür allerdings hat das Nyassaland selbst seinen Namen und seine staatliche Organisationsform seit den Tagen David Livingstones schon des öfteren geändert. Denn die Sklavenhändler waren noch nicht gänzlich verschwunden, als die Briten erschienen und das Westufer des Sees als Zentralafrikanisches Protektorat in ihr afrikanisches Kolonialreich eingliederten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Stunde der Kolonialreiche schlug, wurde dieses Gebiet 1953 zu einem Bestandteil der Zentralafrikanischen Föderation, die die Bodenschätze des heutigen Sambia, das Kapital des damals noch weiß beherrschten Rhodesiens und die Arbeitskräfte des überbevölkerten Nyassalandes zu einem lebensfähigen Vielvölkerstaat vereinigen sollte. Doch für die Shona und Matabele, die Tonga, Bemba und Ngoni und ganz besonders für die weißen Eliten des südostafrikanischen Kunststaates hatten die Chewa vom Nyassaland noch nie etwas übriggehabt – und so dauerte es nicht lange, bis im großen Entkolonisierungsstrudel der sechziger Jahre ein neuer Staat entstand. Unter dem Namen Malawi – eine Reminiszenz an das mittelalterliche Chewa-Reich von Maravi – trat das Nyassaland 1963/64 zuerst aus der Zentralafrikanischen Föderation und kurz darauf auch aus dem Commonwealth aus. Unter der fast dreißig Jahre dauernden Diktatur des Chewa-Chiefs Hastings Kamuzu Banda blieben dem Land in der Folgezeit zwar die verhängnisvollen „sozialistischen“ Experimente Tansanias oder Sambias erspart, die Opposition aber hatte unter der Herrschaft des „Präsidenten auf Lebenszeit“ nichts zu lachen. Ehe er 1994 bei den ersten freien Wahlen sein Amt verlor, sollen Tausende seiner politischen Gegner inhaftiert, gefoltert und ermordet worden sein. Aber auch die Rucksacktouristen der siebziger und achtziger Jahre machten um Malawi einen weiten Bogen, ließ doch der Staatschef zeitweise an den Grenzstationen seines Landes allen männlichen Reisenden mit schulterlangen Haaren zwangsweise einen pflegeleichten afrikanischen Kurzhaarschnitt verpassen.

Am 26. November 1997 ist Banda – offiziell 91 Jahre alt – gestorben, und seit einigen Jahren schon haben an der Grenze zwischen Sambia und Malawi die Friseure ihren Platz geräumt. Jetzt stehen die einheimischen Chewa, Yao, Sena und Nkonde mit Pudelmützen und Anoraks in langen Schlangen vor dem Schlagbaum, und das einzige, was außer der Hautfarbe in diesem feucht-kalten Wetterwinkel an Afrika erinnert, ist das rhythmische Getrommel, mit dem die Stempel in die Papiere und Reisepässe gedrückt werden. „Welcome to Malawi – the warm Heart of Africa“ – unter dieses Schild hindurch führt die Straße in das Land und mitten hinein in die endlosen Siedlungen zwischen Mchinji und der Landeshauptstadt Lilongwe. Soweit das Auge reicht, ist jeder Quadratmeter bebaut oder landwirtschaftlich genutzt. Lehmbuden und Bretterverschläge stehen neben Müllgruben, und triste Märkte säumen wie eine unfreiwillige Zurschaustellung der öffentlichen Armut den Weg in die Hauptstadt. Auf einem Siebtel der Fläche muß das nur 118000 Quadratkilometer große Malawi die gleiche Bevölkerungszahl wie Sambia ernähren – gut zehn Millionen Menschen, eine Zahl, die sich innerhalb einer einzigen Generation verdoppeln wird.

Auch die malawische Hauptstadt Lilongwe hat sich explosionsartig von einer kleinstädtischen Siedlung mit wenigen zehntausend Einwohnern zu einer Halbmillionenstadt entwickelt. Das farbige Leben afrikanischer Märkte, deren Atmosphäre Livingstone in seinen Reisetagebüchern so anschaulich zu beschreiben wußte, ist einem hektischen Treiben gewichen. Kassava, Mehl, Palmöl, Gemüse, Getreide, Kartoffeln, aber auch Plastikeimer, Gummischuhe und billige asiatische Elektronik liegen nebeneinander auf dem staubigen Boden. Dazwischen schreiten wie große Schiffe auf hoher See kräftige Chewa-Frauen gravitätisch über die Straße – überdimensionale Ballen auf den Köpfen und ein halbes Dutzend Kinder mit Krausköpfen und weißen Turnschuhen im Gefolge. Bankangestellte legen sich in ihren Mittagspausen auf die Wiesen – nicht ohne die Tageszeitung wie eine Decke unter sich auszubreiten. Auf dem Capital Hill und im Stadtzentrum aber wächst Beton in die Höhe – so langweilig und melancholisch wie in vielen afrikanischen Städten.

Die Langeweile verschwindet erst, wenn man die Hauptstadt verlassen hat. Durch weite fruchtbare Ebenen führt die Straße von Lilongwe hinunter zu den Ufern des großen Sees, dessen schier unendliches Blau schon von weitem sichtbar wird. Mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von knapp 600 Kilometern und einer Wasseroberfläche von etwa 26000 Quadratkilometern ist der Malawi-See nicht nur der drittgrößte Afrikas, sondern zudem auch eines der fischreichsten Gewässer der Erde. Mehr als dreihundert endemische Arten sind hier heimisch, darunter auch der Chambo, eine Art Wappenfisch des Landes, der zu Festtagen und Feierlichkeiten auf den Tisch kommt.

Wie ein zeitloses Kalenderbild der Tropen – mit Palmen, bewaldeten Bergrücken und sanft geschwungenen Buchen – wirkt Cape Maclear im äußersten Süden des Sees. Südafrikanische und europäische Rucksackreisende zieht es ebenso an diesen Ort wie jene, die in umgebauten Lastwagen Afrika bis nach Kenia durchfahren. Sie alle verschnaufen an den Ufern des bilharziosefreien Sees, liegen am Golden Sands Beach und wohnen am Strand von Cemba, einer ehemals weltentrückten Fischersiedlung, die sich in den letzten Jahren derart rasant dem Tourismus geöffnet hat, daß man auf den ersten Blick meinen könnte, man befände sich an der brasilianischen Kakaoküste oder in Costa Rica.

Als die ersten Missionare der Free Church von Schottland nur wenige Jahre nach dem Tode Livingstones 1875 am Cape Maclear die „Livingstonia“-Missionsstation gründeten, trafen sie noch auf ein Afrika in seiner ganzen Fülle – voller Wunder und Gefahren zugleich. Löwen und Leoparden, Flußpferde und Elefanten, Antilopen und Hyänen versammelten sich allabendlich an den Ufern wie zu einem Appell der Schöpfung. Weniger groß war der Andrang der Menschen, die sich im rechten Glauben unterweisen lassen wollten, und binnen kurzer Zeit hatten Schwarzfieber und Malaria derart viele Angehörige der Missionsstation dahingerafft, daß sie weiter nach Norden verlegt werden mußte.

Nur etwa gut einhundert Kilometer in nordwestlicher Richtung ist Cape Maclear von der Senga Bay entfernt, der zweiten touristischen Anlaufstelle am Malawi-See. Hier ist die Aussicht vielleicht noch spektakulärer als am Cape. Die zahlreichen Inseln des südlichen Sees erinnern an ägäische Szenen, die kleinen Badebuchten rund um die Bay wirken wie eine Costa Brava ohne Touristen – nur die Baobabbäume lassen keinen Zweifel zu: Wir sind in Afrika. Daß es hier in den Bergen noch Elefanten und Leoparden geben soll, gehört in den Bereich der Phantasie – sehr real aber sind die Pavianhorden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten die Camps umschleichen und sich mit beachtlicher Intelligenz und Fingerfertigkeit ihren Anteil an den Segnungen des Fremdenverkehrs auch aus gut verschlossenen Zelten zu besorgen wissen.

Damit vom Tourismus am See nicht nur die Affen profitieren, haben die findigen Anwohner der Senga Bay im Umkreis ihres Dorfes für alle Reisenden ein strenges Fotografierverbot erlassen. Wer seinen Aufenthalt dennoch bildlich zu dokumentieren wünscht, muß zahlen – für umgerechnet zwei Dollar pro Person gibt es eine zeitbegrenzte Fotografiererlaubnis und eine Führung über Hügel, Dorfstraßen und Strände. Das kleine Leben am Malawi-See enthüllt sich dabei als ein öffentlicher Arbeitsraum, in dem tagtäglich aufs neue die Netze geflickt, die Fische getrocknet, die Häuser ausgebessert und die Kinder versorgt werden müssen. Auch wenn immer wieder einmal ein Fischer freundlich in ein Mokkoro steigt, um zur Freude der Touristen ein wenig auf dem See herumzupaddeln, bleibt die Begegnung der Kulturen nicht ohne einen Hauch von Peinlichkeit: Männer und Frauen stehen im Schatten ihrer Hütten und kichern über die merkwürdigen Besucher, für die das Einerlei ihres Alltags Inbegriff der Exotik zu sein scheint, Kinder halten ihre Hände auf und rufen „Pen, Pen“, während die jugendlichen Führer ihre feschen Ballonmützen tief in die Stirn schieben und vor den Linsen in Pose gehen.

Die Straße zwischen der Senga Bay und dem am nördlichen See-Ende gelegenen Karonga gilt als eine der schönsten Panoramastraßen Afrikas. Sie führt zunächst durch eine kultivierte Gartenlandschaft: Erdnüsse, Sorghum, Baumwolle, Tabak, Getreide und Reis – alles, was die afrikanische Erde dem menschlichen Fleiß zu bieten hat, gedeiht zu beiden Seiten des Wegs. Zur Rechten erhebt sich die Silhouette der Viphya-Berge, hinter denen das Territorium von Sambia beginnt, und zur Linken liegt das Wasser, auf dem nach einer Bootsfahrt von fünf Stunden das Ufer von Mozambique zu erreichen ist. Die Dörfer am Wegesrand wirkten hier weniger arm als auf der Höhe von Lilongwe: Jugendliche sitzen unter den Arkaden der Bottleshops und unterhalten sich gegenseitig mit übermütigen Tänzen, Frauen waschen die Familienkleidung am Seeufer und winken den vorbeifahrenden Bussen zu. Und überall Kinder: auf den Straßen, an den Bushaltestellen, im Wasser, auf den Fensterbänken, den Fußballfeldern.

Südlich von Nhakata Bay rücken die Berge näher an das Ufer heran, Wolkengebilde verfangen sich an den dicht bewaldeten Abhängen und werfen dramatische Schatten auf die spiegelblanke Wasserfläche. Wie ein Scheinwerfer, von vagabundierenden Wolkenlücken dirigiert, wandert die Sonne über das Land und illuminiert hier ein Mattendorf, dort eine Bananenplantage oder einen Palmenhain. Dann wendet sich die Straße ins Landesinnere – immer höher hinauf geht es in Richtung Mzuzu durch ein unendliches Grün, und hinter Mzuzu, einer interessanten Stadt, deren großer Supermarkt an ein Gefängnis erinnert, noch ein Stück bergwärts, ehe kurz vor der Livingstonia-Mission Serpentinen hinunterführen und der Weg durch das Nkondeland beginnt. Die Zahl der Schlaglöcher nimmt hier zu, die Besiedlung wird wieder dicht, und baufällige Telegraphenmasten werfen lange Schatten über die Straßen. So bleibt es bis Karonga.

Diese Stadt, etwa fünfzig Kilometer südlich der tansanischen Grenze, war einmal ein Ort mit einer vielversprechenden Perspektive: die Kap-Kairo-Bahn, das Herzensanliegen des britischen Imperialismus im späten 19. Jahrhundert, sollte hier vorüberführen, doch die Bauarbeiten blieben schon lange vor der Jahrhundertwende auf den sandigen Hochebenen Sambias stecken. Statt dessen wurde Karonga zum Schauplatz des blutigen Finales der südostafrikanischen Sklavengeschichte. Denn noch lange nach dem offiziellen Verbot des Sklavenhandels in Sansibar blieb die Infrastruktur der Menschenräuber intakt, mehr noch, jene innerafrikanischen Gebiete, aus denen die arabischen Karawanen die Einheimischen verschleppten, verwandelten sich nach dem Wegfall des internationalen Umschlagplatzes in quasistaatliche Gebilde, die den Menschenraub und -handel auf eigene Faust zu organisieren versuchten. So entstand noch am Ende des 19. Jahrhunderts unter der Führung des Sklavenhändlers Mlozi ein regelrechtes Sultanat an den nördlichen Ausläufern des Sees, eine Geisel für die ortsansässigen Nkondo ebenso wie für die christlichen Missionare. Erst ein kostspieliger britischer Militäreinsatz führte 1895 zum Sturz des letzten Sklavensultans im Nyassaland herbei. In Karonga wurde er hingerichtet.

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