Carl Hoffmann: Frauen und Kinder zuerst. Die gefährlichsten Reisen der Welt

Hoffmann - Frauen und Kinder zuerst indexEines Tages flog Carl Hoffmann mit einer kleinen Maschine über dem Kongo. Der Flug war alles andere als ein Vergnügen, doch als er unter sich sah, erblickte er Tausende Menschen, die sich mit unglaublicher Mühe über schlammige Pfade Schritt für Schritt durch den Urwald quälen mussten. Das war der Augenblick, in dem er begriff, dass es zwei Arten der Fortbewegung gab, den Tourismus, also den gepflegten und organisierten Transfer von einem Ort zum nächsten – und das eigentliche „Reisen“, worunter Hoffman die naturwüchsige Fortbewegung versteht, die Menschen von einem Ort zum anderen zwingt, weil sie hungern oder flüchten, weil sie arbeiten oder einfach nur überleben wollen. Diese Pfade dieser naturwüchsige Fortbewegung nennt Hoffmann die „Hauptschlagader des Reisens“, und an dieser Art des Reisens wollte er teilhaben. Im Rahmen einer Weltumrundung wollte Hoffmann ganz bewusst die jeweils billigste und  gefährlichste Fortbewegungsart  in den unterentwickeltesten Gebieten der Welt wählen. Er wollte mit der Fähre durch Bangladesch fahren, wo jedes Jahr Tausende Menschen ertranken, er wollte mit einer russischen Iljuschin und der gefährlichsten Fluggesellschaft der Welt nach Bogota fliegen,  mit dem Bus über glitschige Bergstraßen die Anden überqueren und in den lebensgefährlichen Vorortzügen von Bombay den Feierabendverkehr kennenlernen. Wozu das alles? Um dem wahren Reisen auf die Spur zu kommen, dem wahren Reisen, das immer nur Last und niemals Lust ist.

Gesagt getan. Mitten in einer Ehekrise bricht der getrennt lebende Vater von drei Kindern von Toronto aus auf und fliegt erst einmal mit Cubana nach Havanna, von dort mit der besagten Iljuschin nach Bogota. Von dort erreicht er drei waghalsigen Busetappen zuerst Quito; Lima und Cusco, wo er einige Tage mit seiner Tochter verbringt. Dann setzte er die Reise in einem Nevercomeback-Bus nach Malconado fort, einem boomenden Ort im Philippinen 1992 (23)Amazonasgebiet, in dem sich  Glückssucher, Verbrecher und Diamantensucher gegenseitig an die Wäsche gehen. Die Busse befinden sich in einem katastrophalen Zustand, was bei den extrem niedrigen Preisen auch gar nicht anders sein kann. Als nächstes ist Afrika an der Reihe, zuerst Kenia, wo er einen Matatu-Fahrer belgeitet, der sich mit seinem baufälligen Kollektivtaxi siebzehn Stunden am Tag durch die verstopften Straßen Nairobis s quält. Dann fährt er mit dem Zug von Bamako nach Dakar, um eben dort auf der Personenfähre  Aline Sitoe Diatta genau den westafrikanischen Küstenabschnitt zu bereisen, an dem kurz vorher 1800 Menschen bei einem Fährunglück ertrunken waren.  In Indonesien erwirbt er ein Dritte-Klasse- Ticket für 5 (07)die sechs Tage lange Fährfahrt von Jakarta über Makassar bis zu den Molukken. Was auf er auf den offenen Masssendecks, in den sanitären Anlagen und auf den Schlafgelegenheiten der  KM Siguntang in der Sundasee erlebt, führt ihn jedoch an seine Grenzen.  Für mich war dieses Kapitel von besonderem Interesse, weil ich ernsthaft überlegt hatte, vom 3. bis zum 5. August 2017 mit dem gleichen Schiff in der gleichen deckklasse von Ambon nach Westpapua zu fahren. Nach der Lektüre dieses Kapitels habe ich dann doch lieber den Garuda Flug gebucht. Und so geht es weiter, immer kurzweilig,  interessant und so hinreichend erschröcklich, das der Leser überzeugt wird: hier bleibt jemand seiner masochistischer Selbstkasteiungssreise treu. Das führt mitunter zu bizarren Aussagen wie „Es fing alles gut an. Der Bus war alt, hatte zerfetzte Armlehnen und stank nach Urin“, notierte Hoffmann in Südamerika. Oder: „Bihar ist Indiens ärmster Staat mit einer Analphabeten Rate von beinahe 50 Prozent. Banditen und Räuber, Mord und Totschlag, Suizit, Autounfälle und Korruption bestimmen den Alltag. Ich glaube, dass ein Busfahrt dorthin interessant sein könnte.“ Am Ende lässt Hoffman sogar einen befreundeten Statistiker die Wahrscheinlichkeit seines Todes auf dieser Reise berechnen. Umgerechnet auf eine einzige Reise wären das 0,001 % gewesen. Das entspricht ungefähr der Wahrscheinlichkeit, in Johannesburg oder Caracas erschlagen zu werden, wenn man drei Nächte nacheinander durch die Parks der Innenstadt läuft (dieses Beispiel stammt von mir).

Ich habe dieses Buch trotzdem mit großem Vergnügen gelesen, nicht, wegen seines Konzeptes, sondern wegen der Anschaulichkeit und Spannung, mit der Hoffmann von seinen zwölf Katastrophenreisen berichtet.  Dier psychologischen Selbsterkundungen, an denen der Autor seine Leser in den dunkelsten Stunden seiner Reisen, teilhaben lässt, mögen nicht jedermanns Sache sein. Sie vermitteln aber etwas von dem ambivalenten Gefühlschaos, das dem selbstorganisierten Reisen in die planetarischen Peripherien eigen ist: ein Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit im Wechsel mit Glücks- und Rauschzuständen und einem stetig stärker werdenden Heimwehr, bis man nicht anders kann, als umzudrehen und heimzukehren.

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