Greene: Das Herz aller Dinge

Green

Die Romane Graham Greenes weisen einen Vorzug auf, der sie über die meisten anderen Texte weit hinaushebt: bei ihrer Lektüre reist man nicht nur durch die Tiefen und Untiefen der menschlichen Psychologie sondern auch in den Weiten der Welt herum. Ich habe in Mexiko „Die Kraft und die Herrlichkeit“ gelesen und vor Ort die merkwürdige Gemengelage von Katholizismus und Radikalreformismus verstanden, die die mexikanische Politik und Gesellschaft prägen. Und Vietnamreisenden empfehle ich den „stillen Amerikaner“, jenes geniale Werk, das von heute aus betrachtet wie eine Prognose des amerikanischen Dramas in Vietnam wirkt.
Nun habe ich im Vorfeld einer Westafrikareise „Das Herz aller Dinge“ gelesen, angeregt durch Peter Scholl Latours „Afrikanische Totenklage“, die mit zwei literarischen Gestalten beginnt und endet: mit Conrads Major Kurtz und mit Graham Greenes Major Scobie.
Ein Mehrfaches hat mich am „Herz aller Dinge“ fasziniert. Zunächst die eindringliche Beschreibung Westafrikas, genauer gesagt, der Stadt Freetown in Sierra Leone, der Regenzeit, des Klimas, der Vegetation und der morbiden Stimmung der Tropen, die auf Dauer auch den härtesten Europäer zermürbt. Ganz unabhängig von der Handlung lohnt die Lektüre des Buches schon wegen der atmosphärischen Dichte, mit der der Schauplatz der Handlung beschrieben wird.
Im Mittelpunkt dieser Handlung steht Major Scobie, der stellvertretender Polizeikommandant der britischen Kolonie, eine grundanständige aber schwache Natur, die gerade deswegen in der Kolonialgesellschaft nicht zu Recht kommt. Scobies Frau Louise ist kreuzunglücklich, nicht in erster Linie wegen der Lebensumstände in Westafrika, sondern weil sie das Unglück in sich trägt wie ein Gebrechen. Um ihr das Verlassen der Kolonie zu ermöglichen, lässt sich Scobie mit dem betrügerischen Syrer Yussuf ein, was einen ganzen Rattenschwanz weiterer Verfehlungen nach sich zieht, in die er sich am Ende rettungslos verstrickt. Während der Abwesenheit seiner Frau beginnt Scobie eine Liason mit der jungen Helen, einer unreifen Person, die für seine Gewissensbisse und Glaubenskrisen keinerlei Antenne besitzt und nur im Hier und Jetzt lebt. Viel Mühe verwendet Greene auf die Nachzeichnung der inneren Konflikte Scobies, der nicht nur stark unter seiner Unaufrichtigkeit leidet, sondern sich auch im Hinblick auf seinen katholischen Glauben, die Beichte und das Abendmal quält. Um beiden Frauen Leid zu ersparen, auch um nicht weiter ein religiös unwahres Leben zu führen, wählt er am Ende einen raffiniert eingefädelten Freitod, obwohl gerade der Selbstmord der katholischen Lehre diametral widerspricht. Ernüchternd und belehrend erscheint dann der Fortgang der Handlung. Die beiden Frauen, um die sich der gute Major Scobie so sorgte, halten sich mit der Trauer um den Verflossenen nicht sonderlich lange auf. Louise wendet sich dem Spion Wilson zu, der ihr schon vorher den Hof gemacht hatte, und Helen gibt sich dem Nächstbesten einfach hin, denn wozu soll sie sich aufsparen?
Die Ernsthaftigkeit und Breite, mit der Graham Greene die Verfehlungen seines Protagonisten auf in einer Art Selbstthematisierung vor dessen inneren Bühne ausbreitet hat mich beeindruckt. Auch wenn Scobies Psychologie voller Mitleid, Liebe und Schuld geradezu antiquiert wirkt, erscheint mir der dabei sichtbar werdende Umriss seiner Person würdevoller und wertvoller als die Allerweltscharaktere unserer modernen Literatur, in der die Sünder bedenkenlos sündigen und gar nicht auf die Idee kommen, dass ihnen irgendjemand vergeben müsste. Scharfe Beobachtungsgabe, glänzende Formulierungen und eine sichere Handlungsführung ergänzend den psychologischen Scharfblick, mit der Greene seine Figuren seziert. Eines der vielen Beispiele dafür, dass es oft lohnender ist zu Klassikern zu greifen als zur Dutzendware moderner Bonsaigenies.

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