Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb

Teju Cole

Reiseliteratur ist eine Gattung an der Grenze –  und zwar an der Grenze von Fiktion und Realität. Das  war eigentlich immer schon so gewesen ist, nur wurde es nie wirklich  ausgesprochen. Kein Mensch glaubt heute mehr, dass Paul Theroux all die witzigen Unterhaltungen, von denen er in seinen Reisebüchern berichtet, wirklich geführt hat. Und dass Bruce Chatwin weite Passagen seines  Patagonien-Klassikers sehr frei gestaltet hat, wurde ebenfalls längst von Leuten moniert, die dabei gewesen waren.

Aber was ist daran so dramatisch? Theroux und Chatwin benutzten die Literatur, um ihre Reisebücher lesbarer zu machen, sie würzen ihre Touren mit Witz und Handlung und gewannen der Reiseliteratur jede Menge neue Leser. Colin Thurbon war einer der ersten, der am Beginn seines Chinabuches „Der Garten des Drachen“ ausdrücklich darauf hinwies, dass seine Darstellung eine „Kompilation“ mehrerer Reisen sei – also eine dichterische Gestaltung und Umformung von Realität.

Der nigerianische Autor Teju Cole geht in dem vorliegenden Buch noch einen Schritt weiter und bezeichnet sein Portrait der  nigerianischen Stadt Lagos als „Roman“, obwohl es sich in Wahrheit um einen Reisebericht handelt. Was also nun? Roman oder Reisebuch? Und was hat der Auto überhaupt zu erzählen?

Zunächst ist Coles „Roman“-Protagonist niemand anders als der Autor selbst, ein nigerianischer Intellektueller aus gehobener Familie, der einige Jahre im Ausland gelebt hatte und nun in seine  Heimat zurückkehrt, um sie mit einem neuen Blick zu betrachten.   Noch immer herrscht die Korruption, die sich allerdings verschlimmert hat, weil mittlerweile das ganze Volk affiziert ist. Jeder muss lügen und betrügen, um über die Runden zu kommen, keine Passstation, keine Mautstation, kein Zoll, an denen man nicht Extra-Aufschläge zahlen müsste. Die Korruption sorgt dafür, dass die überall die falschen Leute in die wichtigen Positionen gelangen, ganz gleich, ob es sich dabei um Polizisten, Politiker oder Piloten handelt. So generiert Afrika mit weniger als 4 % des weltweiten Flugverkehrs über 25 % der Abstürze. Das zweite Hauptproblem, dem Cole begegnet, ist die grassierende Kriminalität, deren Detailbeschreibungen man nicht  ohne Bedrückung lesen kann. In einer Passage wird eine Gruppe Bürger von  asozialen und gewalttätigen Jugendlichen umzingelt und mit dem Ruf „Ihr seid reich, wir wollen auch reich sein“ erpresst. Ohne das es ausdrücklich gesagt würde – steckt in dieser Episode nicht auch eine Antwort darauf, wie viele der jungen Männer,  die zur Zeit zigtausendfach aus Afrika nach Europa fliehen, an die fünftausend Dollar für die Schlepper und Schleuser gekommen sind? (Achtung: Das war jetzt nicht politisch correct) . Denn auf normalem Weg  kann man in Lagos keine Reichtümer anhäufen, selbst Ärzte wie der Cole-Freund Rotini erhalten nur ein kümmerliches Gehalt. Wo Geld so knapp ist, bleibt nur Korruption, Kriminalität – oder Improvisation wie jener Diktator, der sich bei einem Staatsbesuch Königin Elisabeths II mal schnell ein Gastgeschenk aus den Beständen des Nationalmuseums besorgte

Dergleichen Episoden machen den Hauptreiz des Buches aus. Cole jedoch will mehr – er fragt nach den grundsätzlichen Ursachen für die nigerianische Misere und findet sie im Überleben magischer Mentalitäten – vor allem

(1) Der Fehler ist nicht der Fehler, sondern das Hinweisen auf den Fehler ist der Fehler.

(2) Die Angst davor, dass etwas, das man benennt, dadurch erst zur Realität wird und

(3) die Überzeugung, dass es keinen  Grund gibt, sich in Details zu verlieren.

Die Religionen bieten auch keine Lösungen sondern sind selbst Teil des Problems, da ihre Geistlichen entweder Raffzähne oder Fundamentalisten sind und weil sie ihre Gefolgsleute gegeneinander aufhetzen. Hier wirft der liberale Cole den radikalen Scharia Islam des Nordens mit den evangelikalen Christen des Südens in einen Topf, was man aber verstehen muss, denn es gibt ja „keinen  Grund, sich in Details zu verlieren“(siehe oben).

Am Ende fühlt man sich wie nach jedem guten Reisebuch unterhalten und informiert zugleich, und das in einer ansprechenden, gut lesbaren Sprache. Mit der Selbstkennzeichnung als „Roman“ hat sich der Autor allerdings keinen Gefallen getan, denn dieses Etikett fordert zu Vergleichen heraus, vor allem mit dem dritten Band der Okonkwo Trilogie von Chinua Achebe „Heimkehr in ein fremdes Land“, in dem wie bei Teju Cole ein Nigerianer aus der Fremde zurückkehrt und sein Heimatland mit kritischen Augen sieht.   Im Unterschied zum Buch von Teju Cole werden in dem „echten“ Roman „Heimkehr in ein fremdes Land“ die sozialen  Verhältnisse aber nicht nur anekdotisch und abstrakt dargestellt, sondern im Rahmen einer stimmigen Romanhandlung literarisch transparent gemacht.  Insofern kann man bei dem vorliegenden Buch natürlich nicht von einem Roman sprechen, es sei denn, man überdehne den Begriff bis ins Sinnlose. Aber als sehr persönlich und kenntnisreich geschriebenes Reisebuch ist es ohne Einschränkungen empfehlenswert. Im internationalen Literaturbetrieb wird das Buch meiner Ansicht allerdings entscheiden zu hoch platziert.

 

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