Boyle: Wassermusik

Wassermusik

26 Auflagen hat allein die deutschsprachige Ausgabe des vorliegenden Buches erlebt, andere Werke des Autors finden nicht weniger Zuspruch. „Worlds End“, „Wenn das Schlachten vorbei ist“, „San Miguel“ und viele andere Romane verkaufen sich, dass die Theke qualmt. Maximal eingeblendete Realität, unvorhersehbarer Handlungszickzack, holzschnittartige Psychologie, Schocks, wo immer es möglich ist, Slapstick bis zur Grenze des Anachronismus – aber auch absolut interessante Plots, die in epischer Breite und erstklassig recherchiert entfaltet werden, sind die Ingredienzien von T. C. Boyles Welterfolg. In wahrscheinlich bewusstem Verzicht auf literarische Ambition hat sich T. C. Boyle auf die Fabrikation gehobener Schmöker spezialisiert, deren Ziel es ist, den Leser gut zu unterhalten und auch noch informieren. In „America“ und „Drop City“ ist ihm das auch beispielhaft gelungen. Hut ab.
Wie aber verhält es sich mit dem vorliegenden Buch „Wassermusik“, der abenteuerlichen Geschichte des schottischen Entdeckers Mungo Park, der um 1800 zweimal in das Innere Afrikas aufbrach, um den Lauf des Niger zu erforschen und der dabei den Tod fand?
Auch auf die Gefahr hin, es mir mit der gesamten T. C. Boyle Gemeinde zu verderben, finde ich das Buch enttäuschend und schwer genießbar. Ich habe nichts gegen Schmöker, wenn die Sprache, in der sie geschrieben sind, einigermaßen erträglich ist. Michael Crichton, Richard Harris oder George R.R. Martin zeigen, dass das ohne weiteres möglich ist. Die durchgängig gehetzte, gewollte drastische Ausdrucksweise in „Wassermusik“ aber liegt wie Juckreiz über dem Buch. Die permanente Schockattitüde, in der der Roman von der ersten bis zur letzten Seiten verfasst ist, mag am Anfang Interesse erwecken, auf Dauer aber wirkt sie wie ein fader, unangenehmer Beigeschmack, der umso stärkend wirkt, je weiter man liest. Überall wird gepisst, gevögelt oder ges*******, und die Szene, in der der arme Mungo mit der fetten Maurenprinzessin kopulieren muss, ist an Vulgarität kaum zu überbieten.
Alles in allem kann ich mich überhaupt nicht daran erinnern, in den letzten Jahren einen Text gelesen zu haben, der so bar jeder auch nur ansatzweise poetischen Qualität daherkam – und das bei einem so großartigen Thema wie dem der Entdeckungsreisen Mungo Parks! Mehr als fünfzig Seiten pro Tag konnte ich nicht lesen, und schließlich habe ich das Buch ganz aus der Hand gelegt. Schade! Wer sich wirklich für den Niger interessiert, dem empfehle ich das wunderbare, stilsicher geschriebene und packende Reisebuch von Michael Obert: „Regenzauber. Auf dem Niger in das Innere Afrikas“.

 

 

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