Hedin: Transhimalaya

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Sven Hedin: Transhimalja. Entdeckungen und Abenteuer in Tibet

Mein erster Tibet-Lehrer war Sven Hedin, dieser aufrechte,  aber politisch am Ende so unglücklich agierende Schwede, den ich mir nur  als Monument aus Wille und Muskeln auf dem Rücken eines Yak vorstellen konnte, wie er bei dreißig Grad unter Null über das vereiste Changthang Plateau den Weg zum Tsangpo suchte. Seine „Transhimalaja Trilogie“, die ich zum ersten Mal  während einer Pfadfinderwanderung  durch Schweden  las, war für mich eine Offenbarung. Nicht nur, weil  Hedins Berichte über das Tal des Tsangpo, über die Stadt des Panschen Lama oder die Quellen des Indus meinen Ahnungen vom Schneeland  Farbe und Gestalt verliehen, sondern auch, weil der Ton, in dem er von den unwirtlichen Enden der Erde erzählte,  mein jugendliches Bedürfnis nach Abenteuer und Bewährung ansprach.  Als ich am Lagerfeuer und zum Schein einer Taschenlampe von Hedins Träumen las, erschien es mir, als würde der große Reisende mich bis in den Kern meiner Seele kennen. „In der Nacht träumte ich, dass eine starke Hand mich an einen Scheideweg führte,“ heißt es in der Transhimalaja-Trilogie. “Sie zeigte auf eine Straße, und eine Stimme sagte mir, dass diese mich in das Land der Ruhe und Gastfreiheit und des Sommers führen würde, die andere aber führe zu Gefahren und Entbehrungen zwischen hohen, dunklen Gebirgen.“ 

„Gefahren und Entbehrungen zwischen hohen dunklen Gebirgen“ wollte ich auch gerne auf mich nehmen, aber vorerst musste ich mich mit der skandinavischen Natur begnügen. Wenn am Abend der schwedische Sommerregen auf unser Zelt  herniederging,  phantasierte ich mich mitten hinein  in einen Schneesturm auf dem Dach der Welt. Ich imaginierte das Lagerfeuer in unserem Pfadfinderzelt als eine Feuerstelle an einem tibetischen  Gebirgssee, und die Geräusche rings um unser Lager als verklausulierte Lockrufe vom Ende der Welt. Zugegeben, Hedins endlose Detailbeschreibungen von Flüssen, Schluchten und Bergen kamen mir auf die Dauer ein wenig eintönig vor –  auch, dass er über die Lamas oft ein wenig abfällig schrieb, wollte mir nicht gefallen. Doch wie er auf einem Boot aus Yakhaut den Tsangpo der Stadt Schigasse entgegenfuhr und dem Panschen Lama Auge in Auge gegenüberstand, prägte sich mir ebenso unauslöschlich ein  wie seine Beschreibung tibetischer Menschen, Heiligtümer und Feste.  Am meisten aber liebte ich ihn, wenn er wieder zuhause in seiner Kammer saß und von Tibet träumte und dabei Worte fand, die mir vorkamen wie der Spiegel meiner eigenen Sehnsucht. „Im Frühling des Jahres 1905 ging mir der Gedanke an eine neue Reise nach Tibet im Kopf herum.“ heißt es an einer Stelle bei Hedin. „Mein Arbeitszimmer begann mir zu eng zu werden, und wenn am Abend ringsum alles still wurde, glaubte ich im Sausen des Windes den Mahnruf zu hören: `Komm wieder zurück in die Stille der Wildnis.´ Und wenn ich morgens erwachte, horchte ich unwillkürlich, ob nicht schon draußen die Karawanenglocken läuteten. So verstrich die Zeit,  der Plan gedieh zur Reife, und bald war mein Schicksal entschieden: ich musste wieder zurück in die große Freiheit  der Wüste und hinaus auf die weiten Ebenen zwichen zwischen Tibets schneebedeckten Bergen.“ 

Auch das der große Entdecker sein Lebensziel, die heilige Stadt Lhasa, trotz aller Bemühungen am Ende doch nicht erreichte, nahm mich für ihn ein. Zum Helden gehörte die Tragik, das ahnte ich damals mehr als ich es verstand, doch umso mehr bewunderte ich seine immer erneuerten und unverdrossenen  Anläufe von der Seidenstraße aus, vom indischen  Kaschmir oder  als Schafhirte verkleidet über Westtibet das tibetische Kernland  zu erreichen. Er hat einem Gebirge seinen Namen gegeben,  den heiligen Berg Kailash als erster Europäer umrundet und den Manasarowarsee im Sturm gemeistert –  das war viel, doch der Zutritt zum Potala blieb ihm bis zu seinem Lebensende versagt.

Ich hatte das Glück, die meisten Plätze, die Hedin auf seinen Reisen durch Tibet und über die Seidenstraße besuchte, auch zu sehen – allerdings auf eine vergleichsweise so einfache und komfortable Weise, dass man sich fast dafür schämen müsste. Wer diese Reisen noch vor sich hat oder wer sich auch nur für Tibet interessiert, dem sei das vorliegnde Werk mit Nachdruck emfohlen.

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