Baumann: Kailash – Tibets heiliger Berg

IMG_0924Bruno Baumann: Kailash – Tibets heiliger Berg

Kein Berg der Erde kommt an geographischer Harmonie und religiöser Bedeutung dem Kailash gleich. In seinem unmittelbaren Umkreis bündeln sich so viele Symmetrien und Einzigartigkeiten, dass die menschliche Phantasie wie selbstverständlich von Anbeginn der Zeiten an das Wirken von Göttern und Geistern voraussetzte. Der Kailash oder der „Kang Rinpotsche“, wie ihn die Tibeter nennen, ist für Hindus und Buddhisten, Jainas und Bön die irdische Entsprechung des Weltberges Meru, der nach der altindischen Schöpfunsmythologie im Zentrum des Kosmos nicht nur von sieben Ozeanen umgeben sondern auch der Ursprung der vier großen Lebensflüsse ist. Und tatsächlich entspringen im unmittelbaren Umkreis des Kailash, dem höchsten Plateau des Transhimalaya, der Indus und der Karnali, der Brahmaputra/Tsangpo und der Sutlej, vier der fünf großen Ströme Südasiens, die den Lebensraum von über einer Milliarde Menschen wie die Speichern eines gigantischen Weltenrades umfassen. Auch die Quelle des fünften und heiligsten von allen, des Ganges ist nicht weit – seine Quelle bei Gangotri wird nach der festen Überzeugung der Gläubigen über eine unterirdische Verbindung aus den Gewässern des heiligen Manansarwoar See zu Füßen des Kailash gespeist. Und über den Quellen, die von diesem zentralen Punkt des asiatischen Kontinents das Leben eines ganzen Weltteils sichern, erhebt sich der Kailash in einer Schönheit und Perfektion, die für den Gläubigen keinen Zweifel an seiner Göttlichkeit erlaubt: als buddhistische Kristallpagode, als Weltachse Jampudvidas oder als Shiwas Haus mit seinem überirdisch anmutenden Dach aus ewigem Eis. Nicht genug damit, dass die Natur inmitten einer flach anmutenden Gebirgszuges einen einen 6.675m hohen Berg hervorbrachte, der an einen gigantischen Tempel erinnert – sie hat sie ihm, ebenso wie jeder südasiatische Tempel seine heiligen Gewässer besitzt, auch noch zwei Seen zugesellt, deren Gegensätzlichkeit kaum größer sein könnte. Der Manasarowar-See und der Raksas Tal, zwei etwa gleich große und nur durch eine Hügelkette getrennte Zwillingsseen verkörpern für die Tibeter als Teil eines universalen Mandalas die gegensätzlichen Aspekte des Lebens: Männliches und Weibliches, Solares und Lunares, Geistiges und Emotionales, die Widersprüche des Lebens, die nur in der Andacht aufgehoben werden können, finden ihre geographische Entsprechung in den Gewässern zu Füßen des heiligen Berges.

Wer all das und noch viel mehr über den Heiligsen aller Berge wissen möchte, ist bei dem vorliegenden Buch gut aufgehoben. Der Weltenreisende und Abentuerer Bruno Baumann, hat alle großen Flüsse, die vom Kailash aus ihren Ausgang nehmen, bis zu ihren Quellen erwandert: zuerst den Sutlej und den Tsangpo-Brahmaputra, dann den Karnali und schließlich den Indus, der vom Kailash aus seinen paradoxen Weg nach Nordwesten nimmt, ehe er im Karakorum seine Richtung gen Süden ändert. Mit dem alljärlichen Fest der Erleuchtung Buddhas zu Füßen des Kailash und der inneren Kailash-Kora endet das kostbar aufgemachte und üppig bebilderte Buch. Beneidenswert der Mensch, der die Ressourcen für eine solche Reise besitzt. Und Hut ab vor dem Autor, dem es gelingt, eine seinem Gegenstand gegenüber angemessene Sprache zu finden.
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