Stasiuk: Die Welt hinter Dukla

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Stasiuk: Die Welt hinter Dukla

Wer sich die Bewertung dieses Buches in den Kritikerprotalen ansieht, erkennt auf Anhieb, dass Stasiuks Werk fuer das Publikum schwere Kost darstellt. Nicht, weil das Werk besonders schwierig oder lang waere, sondern weil der Autor am Beispiel des Karpatenortes Dukla eine Aert literaturwissenschaflticher Fingeruebung am Hochreck vorgenommen hat, die die einen geniessen, die anderen anoeden wird. Den Veraechtern Duklas, die ich durchaus verstehen kann, mus allerdings entgegengehalten werden, dass der Autor seinen Lesern gleich am Anfang reinen Wein einschenkt. „Es wird keine Geschichte geben“ heisst es schon auf den ersten Seiten des Buches, und so ist es auch.
Statt einer Geschichte bietet der Auto reine Poesie – und zwar Poesie als eine magische Aura ueber einem Abgrund an Banalitaet. „Nichts los in Dukla“ schrieb ein Rezensent, das stimmt, wenn man die reinen Ereignisse betrachtet, aber mit der Zugabe von Stasiuks meisterhaften Reflexionen, mit seiner Metaphorik und Subjektivierung verwandelt sich das kleine Karpatennest unter der Feder des Autors in einen magischen Ort, in dem sich jeder wiederfinden kann. Schon die ersten beiden Seiten, in denen der Autor das Erwachen des Ortes beschreibt, die zahlreichen Miniaturen ueber die Sonntage in Dukla, den Busbahnhof, die Maerkte, den Grossvater und die Grossmutter, die Hitze, die Kaelte, die Jahreszeiten und vieles andere mehr, erreichen mitunter eine archetypische Qualitaet, denen man ihre Herkunft aus den Niederungen des polnisch-slowakischen Grenzgebietes nicht mehr anmerkt.
Je weiter man liest, desto klarer wird: es handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um ein poetisches Konzentrat, das wie alle Konzentrate nicht in einem Rutsch konsumiert sondern langsam genossen werden will –  zwanzig Seiten pro Tag, mehr sollten es nicht sein. Mit den Seiten dieses Buches verhält es sich wie mit den polnischen Pioroggis – in Maßen egessen, sind sie lecker, aber bloß nicht zuviel davon auf einmal! Es ist uebrigens egal, wo und wie man in das Buch wiedeer einsteigt, ueberall ist Anfang und Ende zugleich, es gibt keinen Aufbau, keine Sequenz, nur den kuehnen Versuch, durch den Schorf der Alltaeglichkeit in die Grundstrukturen des Fuehlehns und Erlebens, der Zeitwahnehmung und Erinnerung vorzustossen. Allerdings bekommt man Konzentrate, auch in Intervallen genossen, irgendwann ueber, und so wird es gegen Ende des Buches etwas anstrengend. Ausserdem ist die Geige sehr hoch gestimmt, und man muesste lugen, wenn es nicht auch mal hier und da eine Stilbluete zu monieren gaebe (z.B.: „Wir spuerten ine Praesenz, aber sie hatte eine irgendwie verduennte Form“). Aber das sind seltene Ausrutscher in einem alles in allem erstaunlichen und ungemein lesenswerten Buch.

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