Louis Begley: Lügen in den Zeiten des Krieges

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Louis Begley: Lügen in den Zeiten des Krieges

Das vorliegende Buch, das den 58jährigen polnischstämmigen Amerikaner Louis Begley auf einen Schlag weltberühmt machte, erzählt die Geschichte des kleinen Maciek und seiner schönen Tante Tanja in der Gewalt- und Vernichtungsorgie des Zweiten Weltkrieges. Es ist ein Buch, das mich von der ersten Seite an in seinen Bann zog, auch und gerade, weil die Lebensumstände der jüdische Familie des kleinen Maciek, seines Vaters, der  früh verstorbenen Mutter und der  Großeltern und drn Kindermädchen in einer Breite und Fülle geschildert wird, vor dem das Verhängnis, das ab 1939 über die Juden hereinbricht, nur umso schrecklicher erscheint.

Geographische Bezüge sind in dem Buch nicht immer ganz leicht zu erschließen, man erkennt aber, dass sich die Handlung in der Nähe von Lwow (Lemberg) im damals noch polnischen Teil der heutigen Ukraine abspielt, eben jenes Teiles, den die Sowjets nach dem deutsch- russischen Nichtangriffspakt von 1939 sofort nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges  ihrerseits besetzen. Ab 1941, mit dem Endkampf der beiden großen europäischen Totalitarismen, aber gelangen die Deutschen auch in die Umgebung von Lwow, wo sie von der katholischen Bevölkerung mit Blumen und Huldigungen empfangen werden.  

Für die Juden jedoch beginnt nun auch in Ostpolen die Zeit der Stimgatisieung, der Ghettoisierung und schließlich der Abtransporte in die Vernichtungslager. Macieks Vater wird von der abrückenden russischen Armee mit nach Osten verschleppt, den Großvater verschlägt es nach Warschau, während der kleine Maciek, seine Tante und die nörgelige Großmuter eine Zeitlang unter dem Schutz des deutschen Soldaten Reinhart leben, der sich in die schöne Tanja verliebt hat. Als Reinhart nach einer Denunziation auffliegt, erschießt er zuerst die Großmutter, dann sich selbst, während Tanja und Maciek überstürzt nach Warschau fliehen, wo sie von Wohnung zu Wohnung hetzten, immer in der Angst von der polnischen Polizei, der Gestapo oder Erpressern gefunden zu werden.

So vergehen die Jahre unter einer notdürftig gehüteten falschen katholischen Identität. Das Kriegsglück wendet sich nur langsam, der scheinbar unwiderstehliche Vormarsch der Deutschen war vor Moskau ins Stocken geraten, die Zeit der Rückzüge beginnt, und im Sommer 1944 steht die Rote Armee schon vor Warschau, ohne jedoch in den Aufstand der regulären Polnischen Freiheitsarmee, der zeitgleich in der Stadt ausbricht, zu unterstützen. Tatenlos sehen die Russen zu, wie die Deutschen Warschau in Schutt und Asche legen und im Zuge systematischer Durchkämmung aller Stadtteile schließlich auch Maciek und Tanja erwischen. Zusammen mit Tausenden anderer Unglücklicher zieht nun ein namenloser Elendstreck durch die Stadt. Was es über diesen Zug und die Abscheulichkeiten der Deutschen und Ukrainer  ab Seite 160ff.zu lesen gibt, geht an die Grenze des Erträglichen und zum Teil  darüber hinaus. Die dabei geschilderten Einzelheiten sind so schrecklich dass man sie gar nicht zitieren kann. Tanja aber behält die Nerven und es gelingt ihr zusammen mit  Maciek der Deportation nach Auschwitz zu entkommen.

Doch niemals gibt es in dem Buch eine Phase der Ruhe und Entspannung. Auf der Flucht vor den Deutschen und ihren Helfern tauchen die beiden auf dem Land unter. Tanja wird Erntehelferin und Schnappshändlerin, wieder muss sie mit Maciek fliehen, bis eines Tages der Krieg übergangslos plötzlich zu Ende ist.

Doch die jüdische Passion ist damit noch lange nicht zu Ende, das ahnen Tanja und Maciek sofort nach ihrer Rückkehr nach Krakau. Als die Polen auch nach dem Abzug der Deutschen überall neue Pogrome ins Werk setzen,  beschließen sie,  nicht mehr zu ihrem Judentum zurückzukehren. Die Lüge, die ihnen das Leben gerettet hatte, wird zu ihrer neuen Identität. Ist das nicht sogar ein später Sieg des Antisemitismus?

Ich habe das vorliegende Buch an einem langen Wochenende in dem polnischen Dorf Zakepie  in einem durchgelesen und kann es ohne Einschränkung empfehlen. Es ist ungemein spannend geschrieben, und wer die Schilderung von Abläufen, Handlungswechseln, Personen und Schicksalen liebt, kommt voll auf seine Kosten. Die Sprache ist schnörkellos und zurückhaltend, gerade so, wie es die Sache  verlangt. Eine Moral von der Geschicht wird nicht entwickelt, und doch wird es kaum einen Leser geben, der nach der Lektüre nicht noch lange an die Szenen und Figuren dieses Buch denken muss.

 

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